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RAF Fahndungsplakat

20.8.2007 | Von:
Prof. Dr. Christopher Daase

Die zweite Generation der RAF (1975-1981)

Strategie: Personalisierung und Internationalisierung

Baader selbst hatte die Devise ausgegeben, dass die Gefangenenbefreiung oberstes Ziel der RAF sei. In einem heimlichen Brief aus dem Gefängnis forderte er, dass "alle Kräfte auf diesen Job zu konzentrieren" seien. Zu diesem Zweck musste der Druck auf die deutschen Behörden drastisch erhöht und der Konflikt eskaliert werden. Die RAF wählte dafür eine doppelte Strategie: einerseits die Personalisierung ihrer Angriffe, andererseits die Internationalisierung. Die Mordanschläge auf Buback und Ponto folgten einem Kalkül, das sich schon beim Anschlag auf den BGH-Richter Buddenberg im Mai 1972 angedeutet hatte, nämlich durch gezielte Morde von Funktionsträgern des deutschen Staates politische Zugeständnisse zu erzwingen. Dabei mischten sich allerdings auch Rachegedanken in die Aktionen, wenn es z. B. in der Erklärung vom 7. April 1977 heißt: "Am 7. 4. 77 hat das Kommando Ulrike Meinhof Generalbundesanwalt Siegfried Buback hingerichtet. Buback war direkt verantwortlich für die Ermordung von Holger Meins, Siegfried Hausner und Ulrike Meinhof."

Spiegel-Titel vom 17. Oktober 1977: die RAF gab die letzten Einflussmöglichkeiten auf die Geschehnisse aus der Hand. Foto: Spiegel-Verlag / Haus der GeschichteSpiegel-Titel vom 17. Oktober 1977: die RAF gab die letzten Einflussmöglich-
keiten auf die Geschehnisse aus der Hand. (© Spiegel-Verlag / Haus der Geschichte) (© Spiegel-Verlag / Haus der Geschichte)
Die zweite Eskalationsstrategie bestand in der Internationalisierung der Anschläge. Am 2. Februar 1975 forderte die RAF die Gefangenen der RAF auf, ihren dritten Hungerstreik abzubrechen: "Versteht das als Befehl. [...] Wir nehmen Euch diese Waffe, weil der Kampf um die Gefangenen – aus dem Kräfteverhältnis, das an ihm begriffen worden ist – jetzt nur unsere Sache sein kann, mit unseren Waffen entschieden wird."

Knapp drei Monate später wurde die Deutsche Botschaft in Stockholm besetzt und die Freilassung von 26 Gefangenen aus deutschen Gefängnissen gefordert. Die Gruppe um Siegfried Hausner hatte zuvor auch die bundesdeutschen Botschaften in Bern, Wien und Den Haag ausgespäht. Mit der Wahl eines deutschen Ziels im Ausland wollte sie den strengen Polizeikontrollen in Deutschland entgehen und eine so große Publizität erreichen, dass – ähnlich wie bei der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz durch die Bewegung 2. Juni – die Bundesregierung zur Freilassung der Gefangenen gezwungen sein würde. Dass die Aktion schließlich scheiterte und neben den beiden kaltblütig erschossenen Geiseln auch zwei RAF-Mitglieder den Tod fanden, ließ die RAF zunächst auf weitere internationale Aktionen verzichten. Stattdessen fasste sie während eines Trainingsaufenthalts im Südjemen 1976 den strategischen Doppelbeschluss, die internationale Zusammenarbeit mit Befreiungsbewegungen zu intensivieren und gleichzeitig Kommandos zur Befreiung der Gefangenen in Deutschland zu bilden.

Die Unvereinbarkeit dieser Strategien wurde bei der nächsten Aktion, der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer, deutlich. Schon bald nach der Entführung wurde klar, dass die Bundesregierung beabsichtigte, Zeit zu gewinnen, um das Versteck der Entführer ausfindig zu machen. Die RAF war dadurch gezwungen, mit ihrem Opfer in das europäische Ausland auszuweichen. Schleyer wurde von der RAF zunächst in Den Haag, später in Brüssel festgehalten, bevor er ermordet und von der Polizei am 19. Oktober 1977 in Mülhausen/Frankreich gefunden wurde. Parallel dazu reiste ein Teil der RAF nach Bagdad, um die Möglichkeiten eines politischen Asyls für die RAF-Mitglieder zu sondieren, die freigepresst werden sollten.

Bei dieser Reise konnte sich die RAF auf Kontakte beziehen, die sie bereits im August und September 1976 mit der PFLP-SC* im Südjemen geknüpft hatte. Schon damals hatte Wadi Haddad die gemeinsame Planung von Aktionen und eine weitgehende Integration der RAF in die PFLP-SC vorgeschlagen. Vielleicht schwebte ihm eine ähnlich intensive Kooperation wie zwischen PFLP und der JRA vor. Aber die RAF hatte auf ihrer Autonomie bestanden und das Ziel der Gefangenenbefreiung in Deutschland betont. Nun kehrte die RAF zur PFLP zurück und musste die kritische Situation, in der sie sich durch die Hinhaltetaktik der Bundesregierung befand, eingestehen.

In dieser Situation der Schwäche machte Haddad der RAF den Vorschlag, durch eine eigene Aktion die Schleyer-Entführung zu unterstützen. Eine Besetzung der Deutschen Botschaft in Kuwait lehnte die RAF nach ihren schlechten Erfahrungen von Stockholm ab. Aber der Idee einer Flugzeugentführung stimmte sie zu. Wieder zielte die RAF darauf, durch die Eskalation der Gewalt und die räumliche Entgrenzung des Terrorismus den Druck auf die politischen Entscheidungsträger zu erhöhen, um die Befreiung der Gefangenen von Stammheim doch noch zu erzwingen. Die Flugzeugentführung wurde von RAF und PFLP-SC gemeinsam geplant, jedoch von vier jungen Palästinensern, zwei Frauen und zwei Männern, allein durchgeführt.

Das Scheitern dieser Aktion symbolisiert zugleich das Scheitern der Kooperation zwischen der RAF und dem palästinensischen Widerstand. Die Eskalation der Gewalt, die die RAF betrieb, um die Gefangenen von Stammheim zu befreien, hatte sie zu einer Internationalisierung des Terrorismus gezwungen, die bis zur Selbstaufgabe reichte. Mit dem Einverständnis zur Entführung der "Landshut" gab die RAF die letzten Einflussmöglichkeiten auf die Geschehnisse aus der Hand. Dabei brach sie – und das ist eine interessante Pointe – den Konsens über die Anwendung von Gewalt der ersten RAF-Generation. Zwar zeigten sich die Häftlinge von Stammheim bereit, sich befreien und ausfliegen zu lassen, doch stellte Andreas Baader in einem Gespräch mit Alfred Klaus vom BKA klar, dass die Flugzeugentführung nicht von den Gefangenen ausging und die RAF diese Form des Terrorismus stets abgelehnt habe.

Dies deckt sich mit einer Erklärung zu einem Bombenanschlag im Hamburger Hauptbahnhof, von dem sich die RAF im September 1975 mit folgenden Worten distanziert hatte: "Die Sprache dieser Explosion ist die Sprache der Reaktion. [...] Die politisch-militärische Aktion der Stadtguerilla richtet sich nie gegen das Volk. [...] In der Offensive gegen den Staat kann Terrorismus keine Waffe der Stadtguerilla sein." Die zweite Generation hatte diesen Konsens der ersten im Grunde aber schon mit der Botschaftsbesetzung von Stockholm verlassen. Die Idee der Stadtguerilla war endgültig der Logik des Terrorismus gewichen.

*Die Abkürzung PFLC steht für die Terrororganisation "Volksfront für die Befreiung Palästinas". Das Kürzel SC weist auf die Unterorganisation "Spezialkommando" hin, die für die Planung und Durchführung von Terroranschlägen verantwortlich ist. (Anm. der Red.)

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Aufsatzes "Die RAF und der internationale Terrorismus" von Christopher Daase. Erschienen in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburger Edition HIS Verlag, Hamburg 2007.


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