RAF Fahndungsplakat

20.8.2007 | Von:
Prof. Dr. Christopher Daase

Die dritte Generation der RAF
(1982-1998)

Strategie: Europäisierung

Obwohl der Internationalismus seit Beginn der 1970er Jahre zur Programmatik der RAF gehört, setzte erst die dritte Generation diesen Anspruch – zumindest ansatzweise – in eine praktische Strategie um. Beweise dafür sind die gemeinsamen Erklärungen und Aktionen der RAF mit französischen und italienischen Terrorgruppen.

Höhepunkt der Kooperation zwischen RAF und Action Directe: der Sprengstoffanschlag auf die Rhein-Main-Airbase im Jahr 1985.Höhepunkt der Kooperation zwischen RAF und Action Directe: der Sprengstoffanschlag auf die Rhein-Main-Airbase im Jahr 1985. (© AP)
Ihre Anschläge richteten sich dabei zunächst vorrangig gegen Ziele der NATO, weil sie in den Augen der RAF den "Kern imperialistischer Macht" darstellte: "Zentrales Projekt in der aktuellen Phase imperialistischer Strategie ist der Versuch, die westeuropäischen Staaten zur homogenen Struktur zusammenzuschweißen, zum harten Block, der vollkommen in den Kern imperialistischer Macht – NATO, als der fortgeschrittensten imperialistischen Herrschaftsstruktur, integriert ist."

Anfang der 1980er Jahre fanden verstärkte Versuche der RAF statt, mit europäischen Terrorgruppen (wieder) ins Gespräch zu kommen und Kooperationsverbindungen einzugehen. Am einfachsten gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der Action Directe, insbesondere mit ihrem internationalistischen Flügel, der sich vom nationalistischen 1982 abgespalten hatte. So fielen in die frühen 1980er Jahre eine Reihe gemeinsamer Aktionen, so die Anschläge auf eine Firma in Düsseldorf und die Bundeswehrschule in Bad Ems, für die in Paris handschriftliche Bekennerschreiben auf Deutsch und Französisch gefunden wurden. Auch bei den Mordanschlägen auf General René Audran im Januar 1985 und Ernst Zimmermann einen Monat später arbeiteten RAF und AD eng zusammen. Den Höhepunkt der Kooperation bildete jedoch der Sprengstoffanschlag auf die Rhein-Main- Airbase, der gemeinsam geplant und durchgeführt wurde. Dabei starben drei Menschen, 26 wurden zum Teil schwer verletzt.

Die Kooperation zwischen RAF und AD ging damit über die bislang praktizierte, überwiegend latente Kooperation mit anderen Gruppen deutlich hinaus. Sie erstreckte sich auf die gemeinsame Nutzung von Waffen, Sprengstoff und anderen Ressourcen; die gemeinsame Planung und Durchführung von Aktionen und die Entwicklung einer gemeinsamen Programmatik. Allerdings sah die RAF die Zusammenarbeit auch kritisch. In einem Interview vom September 1985 in der Flugschrift "Zusammen kämpfen" wurde sie zitiert: "In vielen Flugblättern reden Genossen vom 'Zusammenschluss RAF – Action Directe'. Das vermittelt so was wie 'organisatorischlogistisch' – was es nicht gibt. Genausowenig wie es ein europäisch-draufgesetztes Zentralkommando gibt, das irgendwelche Direktiven und Aktionslinien beschließt." Offenbar war die RAF bemüht, bei aller Beschwörung einer "westeuropäischen Front" ihre Autonomie nicht zu gefährden. Hier deuteten sich durchaus vergleichbare Kooperationsprobleme zwischen den europäischen Terrororganisationen an, wie sie auch in der offiziellen europäischen Integrationspolitik anzutreffen waren, die man exemplarisch an den Schwierigkeiten verdeutlichen könnte, die europäische Terrorismusbekämpfung zu vergemeinschaften.

Die Ursachen für das Stocken der deutsch-französischen Terrorismuskooperation ist vermutlich in Führungsstreitigkeiten zu suchen. Das Gleiche gilt für die versuchte Wiederannäherung zwischen RAF und BR. Schon in den 1970er Jahre waren Kontakte aufgenommen, bald aber wieder abgebrochen worden, nachdem die ideologischen und strategischen Unterschiede deutlich geworden waren. Mit dem Front-Konzept konnten die Italiener wenig anfangen, und so scheiterte eine engere Zusammenarbeit an "unüberbrückbaren ideologischen Differenzen". In einem Spiegel-Interview ging der BR-Aktivist Valerio Morucci sogar so weit, die Brigate Rosse und die RAF als "feindliche Konkurrenten" zu bezeichnen.

Eine ähnliche Einstellung setzte sich schließlich auch bei den belgischen Kommunistischen Zellen (CCC = Cellules Communistes Combattantes, Anm. d. Red.) durch, nachdem es Mitte der 1980er Jahre eine sporadische Kooperation gegeben hatte. Zum endgültigen Bruch kam es, wie bei den anderen auch, aber erst mit der Gewaltverzichtserklärung der RAF im Januar 1992. Aus den belgischen Gefängnissen meldete sich das Gefangenenkollektiv der CCC mit den Worten: "In einer bestimmten Weise hat uns dieser Schluß nicht überrascht. Seit langer Zeit verstehen wir nicht mehr, aus welchen historischen, politischen und strategischen Anschauungen und Analysen die RAF ihre kämpfende Vitalität schöpfen konnte." Im Grunde, so folgerte die CCC, sei die 30-jährige Geschichte der RAF die Geschichte einer politischen Abweichung.

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Aufsatzes "Die RAF und der internationale Terrorismus" von Christopher Daase. Erschienen in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburger Edition HIS Verlag, Hamburg 2007.


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