Dossierbild Kontraste

Kontraste - Auf den Spuren einer Diktatur

30.9.2005
Kontraste ist das politische Magazin vom Rundfunk Berlin-Brandenburg ausgestrahlt im Ersten Deutschen Fernsehen. Seit Mitte der 80er standen deutsch-deutsche Themen im Mittelpunkt der Beiträge.

In der DDR gab es niemals freie Medien. Was, wie und worüber öffentlich berichtet und diskutiert werden durfte, entschied die SED-Führung. Allerdings konnte sie nicht verhindern, dass die westlichen Funkmedien in der DDR zu empfangen waren. Sie versuchte zwar viele Jahre, diese mit Störsendern zu beeinträchtigen, aber das waren letztlich vergebliche Versuche.

Die westdeutschen Radio- und Fernsehsender dienten der DDR-Bevölkerung als Informations- und Unterhaltungskanäle. In den 1950er und 1960er Jahren gab es zahlreiche Programme, die eigens für ein DDR-Publikum produziert wurden. Das gab es zwar auch noch in den 1970er und 1980er Jahren, nahm aber deutlich ab. Die überragende Bedeutung westlicher Medien für die DDR-Bevölkerung hingegen blieb bis zum Ende erhalten.

Seit 1968 berichtet "Kontraste" über die Entwicklungen in der DDRSeit 1968 berichtet "Kontraste" über die Entwicklungen in der DDR
Besonders Unterhaltungssendungen für Jugendliche und politische Magazinsendungen versuchten, auch die Bedürfnisse im Osten zu stillen. Von den politischen Magazinen zählte die am 18. Januar 1968 erstmals vom Sender Freies Berlin (heute Rundfunk Berlin-Brandenburg) in der ARD ausgestrahlte Sendung Kontraste zu den wichtigsten. Hatte sich das Magazin bei der Berichterstattung in den ersten Jahren auf die Entwicklung des Ostblocks konzentriert, so standen seit etwa 1986 deutsch-deutsche Themen im Mittelpunkt der Beiträge.

Das besondere Problem bestand bis zum Fall der Mauer darin, dass die Arbeitsbedingungen für westliche Journalisten in der DDR sehr restriktiv ausgelegt wurden. Akkreditierte Korrespondenten konnten sich nicht frei bewegen, mussten jeden Aufenthalt außerhalb Ost-Berlins beantragen und durften nur offiziell genehmigte Interviews führen. Deshalb war es notwendig, informell an Material aus der DDR heranzukommen. Da es dort aber kaum entsprechende Aufnahmetechnik gab, musste auch diese zunächst in die DDR gebracht und dann vertrauenswürdigen Fotografen und Kameraleuten übergeben werden.

Konnte zeitweise nur unter Pseudonym arbeiten: Kontraste-Redakteur Roland JahnKonnte zeitweise nur unter Pseudonym arbeiten: Kontraste-Redakteur Roland Jahn (© Nikola Kuzmanic)
Diese gefährliche Aufgabe konnten wiederum nur Personen organisieren, die sowohl das Vertrauen von Oppositionellen im Osten besaßen und zugleich die Markt- und Mediengesetze im Westen beherrschten. Mit dem aus der DDR zwangsausgebürgerten Roland Jahn, der 1983 in Knebelketten aus der DDR regelrecht herausgeworfen wurde, gab es eine solche Person. Im Gegensatz zu anderen Oppositionellen, die in den Westen kamen, um die DDR vollends hinter sich zu lassen, machte es sich Jahn mit einigen anderen zur Aufgabe, die Opposition in der DDR zu unterstützen, zu stärken und sie und ihre Ziele im Westen bekannt zu machen. Ein Anliegen bestand darin, der Opposition eine Stimme zu geben, die im Westen und im Osten gehört wurde. Das gelang, wie nicht zuletzt diese Dokumentation belegt, auf eindrucksvolle Weise.

Kontraste-Redakteur Peter WensierskiKontraste-Redakteur Peter Wensierski (© KONTRASTE, Rundfunk Berlin-Brandenburg)
Roland Jahn hatte Glück, dass er in dem westdeutschen Journalisten Peter Wensierski einen Kollegen und Freund fand, der einer der besten Kenner der DDR und Redakteur beim Fernsehmagazin Kontraste war. Die Kombination des Westdeutschen Wensierski und des Ostdeutschen Jahn bescherte Kontraste eine Vielzahl von Beiträgen, die nicht nur den Untergang der DDR dokumentierten, sondern selbst zum Zerfall der Herrschaft beitrugen. Denn durch die offene und realistische Berichterstattung provozierten sie Debatten und förderten letztlich Engagement gegen die Diktatur. Roland Jahn war für das MfS, wie es damals hieß, einer der "Hauptfeinde" der DDR.

Diese besondere Situation brachte es mit sich, dass Roland Jahn bis zum Fall der Mauer bei Kontraste ohne Namensnennung arbeitete oder nur unter einem Pseudonym in Erscheinung trat. Seine Tarnung hieß, wie manchem Beitrag auf der ersten DVD zu entnehmen ist, "Jan Falkenberg". Das Pseudonym galt nicht nur seinem eigenen Schutz, sondern vor allem dem seiner ostdeutschen Gewährsleute. Damit sollte das Risiko der strafrechtlichen Verfolgung wegen "staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme" gemindert werden. Wenn in den Filmen zuweilen Material mehrfach vorkommt, so liegt es daran, dass aufsehenerregende Aufnahmen etwa von Demonstrationen, Festnahmen oder Grenzdurchbrüchen extrem selten waren. Außerdem erregten diese brisanten Bilder in Ost und West große Aufmerksamkeit.

Filmten heimlich für Kontraste: Siegbert Schefke und Aram RadomskiFilmten heimlich für Kontraste: Siegbert Schefke und Aram Radomski (© KONTRASTE, Rundfunk Berlin-Brandenburg)
Im Fall von Kontraste handelte es sich oft um exklusives Material, das heimlich aufgenommen worden war. Da, wie erwähnt, die Arbeitsbedingungen in der DDR für westliche Journalisten sehr schlecht waren, organisierte Roland Jahn zum Beispiel Videokameras, mit denen dann in der DDR etwa die Oppositionellen Siegbert Schefke und Aram Radomski geheime und verbotene Aufnahmen machten. Diese wurden kurze Zeit später im Westfernsehen ausgestrahlt. So entstanden dann auch später die berühmten Aufnahmen von den Massendemonstrationen im Oktober 1989 in Leipzig, Aufnahmen, die um die Welt gingen und zugleich die Revolution in der DDR entscheidend beflügelten.

Allen Kontraste-Beiträgen ist das Credo zu entnehmen, informieren zu wollen. In den Beiträgen vor dem Mauerfall 1989 auf der DVD "Aufbruch im Osten" ging es darum, der Opposition in der DDR, ja der Gesellschaft eine Stimme zu geben. Denn die SED verhinderte, dass die ungeschminkte Wahrheit und das Wollen der Menschen in der DDR öffentlich artikuliert werden konnten. Nach dem Mauerfall veränderten sich die Arbeitsbedingungen in der DDR für Journalisten so, dass nun alle Seiten zu Wort kommen konnten. Kontraste mit Jahn und Wensierski, das war der große Vorteil, musste sich nicht wie andere Formate auf die neue Situation umstellen. Sie konnten nahtlos weiter berichten, den Prozess der deutschen Einheit kritisch begleiten und wichtige Anstöße zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte geben. Wie die Beiträge auf den DVDs "Wendezeiten" und "Alles schon vergessen" zeigen, spürte Kontraste beständig Verfehlungen und Versäumnisse in der deutsch-deutschen Geschichte auf.

Diese Kontinuität zeichnet Kontraste bis zur Gegenwart aus. Kein anderes Magazin berichtete derart kontinuierlich über die Diktatur und die Auseinandersetzung mit ihr. Insofern belegt diese DVD-Dokumentation, dass kritischer Journalismus engagiert und leidenschaftlich sein kann, ohne dass dabei journalistische und zeitgeschichtliche Maßstäbe verloren gehen. Diese Edition offeriert die vielen Facetten, die in Deutschland die Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur bis heute prägen. Für genügend Stoff zur Diskussion ist gesorgt.



 

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