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Die Besetzung der Stasi-Zentrale


30.9.2005
15. Januar 1990. Ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung. Erstmals wird die Zentrale eines Geheimdienstes von aufgebrachten Bürgern gestürmt.

KONTRASTE, 15. Januar 1990 Beitragslänge: 1´24

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR, oftmals salopp "Stasi" genannt, war eine sagenumwobene Einrichtung. Es verbreitete viele Jahre Angst und Schrecken. Viele Menschen fürchteten es, wussten aber über die konkrete Arbeit und ihre Wirkung oftmals nur wenig, weil das MfS seine Arbeit strikt konspirativ absicherte. Es war daher kein Zufall, dass im Herbst 1989 die Forderung "Stasi in die Produktion" auf fast allen Kundgebungen, Demonstrationen und Versammlungen in der DDR erhoben wurde. Dieser Slogan drückte den Wunsch aus, das MfS ersatzlos abzuschaffen. Die SED-Regierung jedoch lavierte und ließ die MfS-Führung, obwohl Minister Erich Mielke abgelöst worden war, unbeirrt weiter agieren.

Der Zorn in der Bevölkerung darüber führte ab dem 4. Dezember 1989 dazu, dass in rascher Folge Bezirks- und Kreisverwaltungen des MfS in vielen Städten und Gemeinden von beherzten Bürgerinnen und Bürgern besetzt wurden. Anschließend gebildete "Bürgerkomitees" übernahmen die MfS-Einrichtungen, setzten sie technisch außer Kraft und betrieben deren Auflösung. Vor allem verhinderten sie nun, dass die planmäßige Vernichtung von Akten weiter ging.

Das Herz und Hirn des MfS aber, die Zentrale in Ost-Berlin, arbeitete noch über die Jahreswende 1989/90 voll funktionstüchtig weiter. Erst am 12. Januar 1990 beugte sich die Regierung unter Hans Modrow endlich dem Druck der Opposition und versprach, die Auflösung des MfS nun in Angriff zu nehmen. Da die Opposition dieser Ankündigung nicht traute, organisierte das "Neue Forum" am 15. Januar 1990 vor der Zentrale eine Aktionskundgebung mit "Fantasie und ohne Gewalt", wie es im Aufruf hieß. Ziel war es, die Tore des MfS symbolisch zu vermauern und die Auflösung des MfS zu besiegeln. Diesem Aufruf folgten 100.000 Bürgerinnen und Bürger Ost-Berlins.

Öffnung des Ministeriums für Staatssicherheit



Als sich am späten Nachmittag plötzlich die Tore des MfS von innen öffneten erstürmten Tausende Demonstranten das weitläufige Gelände und nahmen es in Besitz. Es kam dabei zu Zerstörungen. Manche schienen ihren aufgestauten Ärger über die früheren Unterdrücker an Gegenständen abzureagieren. Wer genau die Öffnung der Tore veranlasste und zu welchem Zweck dies geschah, ist bis heute ungeklärt und umstritten.

Als der Runde Tisch davon erfuhr, unterbrach er seine Sitzung und delegierte mehrere Oppositionelle zur MfS-Zentrale, um die Demonstranten zu beruhigen und eventuelle Eskalationen zu verhindern. Ministerpräsident Modrow wandte sich ebenfalls an die Demonstranten und beschwor sie, gewaltfrei zu bleiben. Die Dramatik wurde noch dadurch unterstrichen, dass die Fernsehsender Sondersendungen ausstrahlten und so die Ereignisse ins ganze Land übertrugen. Die Kontraste-Redaktion produzierte einen ARD-Brennpunkt über diese Ereignisse.

Diese Fernsehbilder symbolisierten, dass die Macht des MfS und seiner Auftraggeber, der SED-PDS, endgültig und unwiderruflich gebrochen war. Darin liegt auch die historische Bedeutung des 15. Januars 1990. Erst Wochen später wurde der Gesellschaft und den internationalen Beobachtern gewahr, dass der 15. Januar 1990 auch ein Datum mit welthistorischer Bedeutung ist, denn zum ersten Mal in der Geschichte wurde die Zentrale einer großen Geheimpolizei geöffnet.



 

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