Auf der Seepromenade Warnemünde
3. Juli 1990

10.7.2009 | Von:

Was aus mir geworden wäre

Mein Vater leitete einen landwirtschaftlichen Betrieb für Milchproduktion, von dem er stets nur als der Anlage sprach. Als Kind war ich davon überzeugt, dass darin auf verschiedene Ställe verteilt mindestens zwanzigtausend Kühe lebten, aber so viele können es nicht gewesen sein, jedenfalls war die Anlage sehr groß. Sie lag auf freiem Feld. Am Ende einer langen Betonstraße gab es ein Pförtnerhäuschen, in dem meine Oma saß, nachdem mein Vater sie von ihrer Arbeit im Braunkohlewerk befreit hatte, dahinter lag der Zwinger des kaukasischen Schäferhundes, den ich manchmal ausführte. An den Wochenenden fuhren mein Vater und ich mit dem Dienstwagen die einzelnen Ställe ab, um nach dem Rechten zu sehen. Trafen wir dabei Leute an, die Milch für ihre Tiere zu Hause klauten, hatte mein Vater eine Art sie zu befragen, die auch für den unangenehm war, der nur zuhören musste. Der Betrieb war Eigentum des Volkes, aber so führte er ihn nicht. Einmal habe ich während der Ferien im Stall gearbeitet, und überall, wo ich hinkam, wurde ich als Sohn des Chefs behandelt, was nicht hieß, dass es mir deshalb besser ging, im Gegenteil. Aber ich habe mich nicht beschwert. Ich verstand es als Test. Mein Vater hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass ich diese Anlage einmal leiten könne, wenn ich wollte. Dann wäre ich heute Herr über zwanzigtausend Kühe.

Irgendwann fand mein Vater Gefallen an der Vorstellung, zu reiten. Ich weiß nicht, wie er seinen Vorgesetzten gegenüber begründete, wofür er in einer Milchviehanlage vier Pferde brauchte, dazu einen Stall und einen Mann, der sich ausschließlich um sie kümmerte, aber von da an ritten mein Vater und ich am Wochenende häufiger aus. Es waren bockige, alte Gäule, die, solange es vom Stall wegging, nur schwer zu bewegen, und sobald es zurückging, nicht mehr zu bremsen waren. Wir mussten immer wieder neue Wege suchen, über das Feld, durch den Wald, am Rand der Dörfer entlang. Einmal kamen wir dabei an einen Fluss mit einer Brücke, von der nur die Pfeiler noch standen. Wir stiegen ab, weil wir ein paar Minuten am Ufer sitzen wollten, aber wir fanden nirgends eine Stelle, die Pferde anzubinden. Da waren überall nur Büsche, die Zweige hielten die Zügel nicht. Wir mussten wieder aufsteigen. Als mein Vater auf seinem Pferd saß, sagte er, er werde morgen hier einen Haken anbringen lassen. Da haben wir beide gelacht. Ich weiß aber nicht mehr worüber. Einerseits war es nur ein Witz, andererseits hatte er die Macht, ihn wahr werden zu lassen, und darin lag eine Versuchung.

"Ich denke, du hättest Karriere gemacht", sagt einer meiner ältesten Freunde. Er kennt mich noch aus der Schule, er hat nicht lange überlegt. "Warum?", frage ich. "Steckt das nicht in jedem?" "Dann steckt es auch in Dir." "Ich hätte aber die Menschen nicht ertragen, auf die ich da getroffen wäre." Die erste Funktion, um die ich mich bemüht habe, war die des Klassensprechers, der damals Gruppenratsvorsitzender hieß. Es muss in der sechsten oder siebten Klasse gewesen sein, es gab mehrere Bewerber, jeder Schüler schrieb den Namen seines Kandidaten auf einen Zettel, die Lehrerin sammelte sie ein und trug die Stimmen an der Tafel ab. Es war eine geheime Wahl, und ich habe gewonnen. Ich kann nicht mehr sagen, welche Befugnisse ein Gruppenratsvorsitzender hatte, was daran liegt, dass ich nie Gebrauch davon machte, ich wollte es vor allem sein. Jedes Jahr bewarb ich mich um den Posten, jedes Jahr wurde ich gewählt, außer einmal, als die Mädchen meinten, ich sei faul, und mein Gegenkandidat für jede Stimme fünfzig Pfennig zahlte, da wurde ich Agitator. Als Agitator musste ich jeden Freitag zu Beginn des Unterrichts berichten, was die Woche über in den Zeitungen gestanden hatte, und weil mir das oft erst am Abend davor einfiel und meine Mutter die Zeitungen da schon weggeworfen hatte, war ich im Jahr darauf wieder Gruppenratsvorsitzender. Ich war bei den Jungpionieren, den Thälmannpionieren und der Freien Deutschen Jugend. Ich habe immer gedacht, dass ich niemanden kannte, der nicht dort war. Aber das stimmt nicht.

Es gab dieses Mädchen, neben dem ich ein paar Jahre lang in der Schule saß. Sie kam aus demselben Dorf wie ich und verstand auch Späße, über die sonst nur Jungs lachten. Wenn ich mich beim Diktat verschrieb, borgte sie mir ihren Tintenkiller, den sie von ihren Verwandten aus dem Westen geschickt bekam. Sie ging zur Christenlehre, bewahrte kleine Jesusbilder in ihrem Schulheft auf, und wenn unsere Klasse am 1. Mai an der Tribüne vorbeizog, dann fehlte sie. Fragte die Lehrerin am nächsten Tag, warum sie nicht gekommen sei, sagte sie, ihre Eltern hätten es nicht erlaubt. Irgendwann stellte ihre Familie einen Ausreiseantrag. Als er genehmigt wurde, hatte sie achtundvierzig Stunden Zeit zu gehen. So hat sie es gesagt, als sie in der Pause kam, um sich zu verabschieden. Ihr Name war Manuela Schließauf, kein schlechter Name eigentlich, für eine, die aufbricht.

Als sie ein Jahr später auf Besuch zurückkam und sich in der Schule alle um sie drängten, ihre Schuhe bewunderten, ihre Frisur, ihre Klamotten, habe ich nicht mit ihr gesprochen, weil ich mich nicht klein machen wollte vor jemandem aus dem Westen. Als im Herbst vor zwanzig Jahren die ersten Leute in Leipzig auf die Straße gingen, habe ich im Staatsbürgerkundeunterricht noch den Führungsanspruch der Partei verteidigt, weil ich glaubte, dass es jemanden geben muss, der auf den Sozialismus aufpasst. Und als wir nach dem Mauerfall zum ersten Mal zu den Verwandten in den Westen fuhren, habe ich sie gefragt, ob sie sich jetzt freuen, weil sie uns besiegt haben. Ich kann gar nicht sagen, wie ich zum Bürger dieses Staates geworden war. Mir gefiel das Kämpferische der Arbeiterlieder, der Zug der Massen bei den Demonstrationen, mir gefiel die Vorstellung, dass es eine Aufgabe gibt, die uns alle verbindet. Es wäre leicht gewesen, mich für etwas zu gewinnen, in dem ich mich verloren hätte. Kann sein, dass ich ihn nicht gemocht hätte, den Menschen, der aus mir geworden wäre. Er hätte mich aber auch nicht gemocht.

Ich wohne heute allein in einer Wohnung, die fast doppelt so groß ist wie die Plattenbauwohnung, in der ich anfangs mit meinen Eltern und meinem Bruder wohnte. Es gibt in meinem Leben keine Aufgabe, die mich über meine Arbeit hinaus mit anderen verbindet. Ich habe für nichts Verantwortung außer für mich selbst. Ich habe noch nicht einmal ein Haustier. Als mich letztens jemand fragte, was ich eigentlich für die Gesellschaft tue, habe ich gesagt, ich sei in der gesetzlichen Krankenkasse. Es war ein Witz, aber es war auch die Wahrheit. "Ich denke, du wärst Tierarzt geworden", sagt meine Mutter, die noch immer auf unserem Bauernhof lebt, dessen Garten sie jeden Sommer in eine blühende Landschaft verwandelt, "vielleicht hättest du es sogar in den Zoo geschafft." "Ich meine nicht nur den Beruf." "Ich denke, du hättest mit fünfundzwanzig geheiratet, du hättest jetzt Kinder, und wir hätten dir den Stall zu einem Haus ausgebaut." "Aber wäre ich glücklich gewesen?" "Wenn du es gewollt hättest, ja." Es gibt eine Erinnerung an ein Gespräch mit meinem Vater, darüber, was aus mir werden soll. Was es auch sei, sagt er, es wäre gut, wenn ich dafür mit achtzehn in die Partei ginge. Ich konnte nicht erkennen, ob er es richtig fand oder nur hilfreich, und es störte mich, dass eine Sache, die als freiwillig galt, es auf einmal doch nicht war. Aber davon abgesehen, könnte ich nicht sagen, warum ich heute nicht in der Partei wäre. Ich weiß noch, wie mein Vater manchmal abends von der Parteiversammlung nach Hause kam. Er trug das Lied noch auf den Lippen, das die alten Männer zum Abschied gesungen hatten. "Die Partei, die Partei, die hat immer recht." Er konnte sie sehr gut nachahmen, diese Männer. Er spürte, dass sie einen Sohn in ihm sahen. Er glaubte, er könne mit ihnen spielen, ich habe geglaubt, dass er mit ihnen spielt. Er hat sich geirrt, und als er das nach der Wende sah, ist er darüber sehr erschrocken. Aber auch das holt man nicht mehr zurück.

Und noch etwas. Eine Szene, die ich vergessen hatte. Sie fiel mir erst jetzt wieder ein. Es muss in der achten oder neunten Klasse gewesen sein, als mitten in der Stunde die Tür aufging. Unser Direktor trat ins Zimmer und mit ihm ein anderer Mann. Sie holten einen Jungen aus dem Unterricht, später noch einen und dann noch einen. Mein Freund Wito war der letzte. Er arbeitet heute für eine Segelschule auf Mallorca. Wir kennen einander seit dem Kindergarten. Von dort stammt auch das früheste Bild, das ich von ihm habe. Darauf schleift er die verhasste neue Strickjacke, die seine Eltern ihm gekauft hatten, auf der Straße hinter sich her, von einer Pfütze zur anderen. Ich habe ihn nie eingeschüchtert erlebt, aber als er in die Klasse zurückkam, konnte ich sehen, dass er geweint hatte. In der Pause ging ich zu ihm. Er sagte nur, dass der Mann vom Wehrkreiskommando gewesen sei und ihn in die Armee zwingen wolle, Offizier, zehn Jahre. Ich wusste nicht viel von der Armee, nur was mein Vater erzählt hatte, davon was die Alten dort mit den Neuen machten. Er erzählte es lustig, aber das war es nicht. Ich stand da neben meinem Freund, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Irgendetwas hatte mich verschont. Irgendetwas wartete auf mich.

Im Herbst vor zwanzig Jahre ist die Mauer gefallen. Ich kann nicht sagen, was aus mir geworden wäre. Ich weiß nur, ich wäre heute fünfunddreißig Jahre alt. Ich bin heute fünfunddreißig Jahre alt.


Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
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