Auf der Seepromenade Warnemünde
3. Juli 1990
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10.7.2009 | Von:
Marcus Jauer

Was aus mir geworden wäre

Als die Mauer fiel, war Marcus Jauer 15 Jahre alt und gerade auf dem Weg in die Tanzstunde. Später führte ihn sein Weg zum Studium nach München.
1989, Berlin, am Fernsehturm, Pfingsttreffen der FDJ.Foto: Harald Hauswald (© Harald Hauswald)
Am Abend, an dem die Mauer fiel, hatte ich Tanzstunde. Wir standen vor dem Haus der Pioniere, die Jungs bei den Jungs, die Mädchen bei den Mädchen, und warteten. Im Sommer war Dirty Dancing im Kino gelaufen. Ein junger, wilder Tanzlehrer aus schlechter Gesellschaft trifft ein braves Mädchen aus besserem Hause. Er zeigt ihr, wie man tanzt und alles, was damit zusammenhängt, und am Ende ist er ein bisschen weniger wild und sie ein bisschen weniger brav. Der Film war bei unseren Mädchen sehr gut angekommen, und so hatten sie unseren Tanzlehrer überredet, uns neben Foxtrott und Walzer auch Mambo beizubringen. Er war ein älterer Herr, der sich die Haare quer über die Stirn kämmte, aber er hatte Geduld. Ich trug an diesem Abend ein grell buntes Hemd, das mir zu Hause noch passend erschienen war, für das mir aber jetzt, wo wir auf der Straße standen, langsam der Mut abhanden kam. Ich weiß noch, wie ich unter meinem Anorak zu schwitzen begann. Dann kam Atze und sagte, die Mauer sei offen.

Er hieß eigentlich Thomas, aber er achtete darauf, dass jeder ihn Atze nannte. Er hatte sich den Spitznamen wie eine Eigenschaft zugelegt. Der schräge Atze. Manchmal fing er mitten im Unterricht an zu singen, und wenn ihn die Lehrerin ermahnte, sang er weiter. "Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder." Als ich ihn vor zehn Jahren zum letzten Mal gesprochen habe, erzählte er, dass er fort wolle aus der kleinen Stadt, in der unsere Schule stand. Aber solange er sich um den Schäferhund kümmern müsse, den sein Vater ihm hinterlassen habe, ginge das nicht. Er kam nicht mehr weg. Dabei war er als Erster losgefahren. Er kam damals mit seinem Moped auf uns zu, riss sich den Helm vom Kopf. Es sei wahr, sagte er, er habe es eben im Fernsehen gehört. Die Mauer sei auf. Er wollte sofort los, und wir sollten mit. Aber wir zögerten. Wir standen um das Moped herum und überlegten, wie weit es überhaupt ist in den Westen und was man dann macht, wenn man dort ist. Ich musste denken, wie sauer das Mädchen, mit dem ich tanzte, jedes Mal war, wenn ich nur die Schritte für den Mambo nicht beherrschte. Wenn ich jetzt in den Westen gefahren wäre, ich hätte gar nicht wiederkommen müssen. Also ist Atze allein aufgebrochen an diesem Abend, mit seinem Moped, so weit er kam, auf der Autobahn. Alle anderen sind zur Tanzstunde gegangen. Dirty Dancing im Pionierhaus. Das war mein Mauerfall.

Ich war damals fünfzehn Jahre alt. Ich bin heute fünfunddreißig. Inzwischen lebe ich länger ohne Mauer als mit. Ich habe in München studiert, ich arbeite bei einer westdeutschen Zeitung, ich kann mir aussuchen, worüber ich schreibe. Meine besten Freunde kommen aus dem Westen, meine liebsten Bücher, die Musik, die ich höre, die Filme, die ich sehe. Den schönsten Sonnenaufgang meines Lebens habe ich in Nepal erlebt. Es war vier Uhr morgens, alles um mich war in ein blaues Grau gehüllt. Ich stand vor einer Hütte und schaute auf einen achttausend Meter hohen Berg, an dessen Spitze sich ein hellroter Streif zeigte. Er kam von der Sonne, die hinter meinem Rücken aufging. Wie Lava floss ihr Licht den Hang hinunter. Ich weiß natürlich, dass ohne diesen Sonnenaufgang eben ein anderer der schönste meines Lebens gewesen wäre. Ich bin aber froh, dass es dieser war. Im Herbst ist es zwanzig Jahre her, dass das Land, in dem ich geboren wurde, sich aufzulösen begann. Manchmal denke ich, dass alles, was mit ihm zu tun hatte, längst aus meinem Leben verschwunden sein müsste. Aber dann sehe ich Bilder, Bilder wie jene aus diesem Band, und ich merke, dass es nicht so ist. Dann ist mir das Land wieder so nah, als würde es noch existieren. Ich kann mich darin sehen. Ich frage mich, was ich gemacht hätte, wenn die Mauer nicht gefallen wäre. Was wäre aus mir geworden?

"Das ist nicht so schwierig", sagt einer meiner Freunde. Er kommt aus dem Westen, da fallen ihm manche Sachen leichter. "Entweder, du warst dabei, oder du warst nicht dabei." "Wo bei?" "Bei der Stasi." "Es gab in diesem Land aber mehr als zwei Berufe", sage ich. "Das weiß ich auch", sagt er. Die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, liegt im Süden von Leipzig. Sie ist ganz flach, es gibt keine Berge oder Hügel, und an manchen Ecken stellt sich dem Blick bis zum Horizont nichts entgegen. Das liegt daran, dass alles, was es dort gegeben hat, Häuser, Bäume, Landschaft, in einer riesigen Grube verschwunden ist. Die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, war Braunkohleland. Hinter dem Dorf, in dem meine Familie wohnte, gab es einen Tagebau, vor dem uns nur eine Straße noch schützte. Der Wald davor war schon abgeholzt, und nachts, wenn es still wurde, konnten wir das Quietschen der Baggerketten hören. Der See, in dem wir im Sommer badeten, war an sieben Stellen von rauchenden Schloten umgeben, Kraftwerke, Brikettfabriken, eine Schwelerei, und wenn im Winter Schnee fiel, färbte der Ruß ihn bald grau. Ich weiß noch, wie wir in der Schule einmal einen Aufsatz geschrieben haben, über das Jahr 2000, wenn die Kohle aus der Erde geholt sein würde. Wir sollten uns vorstellen, wie schön es dann alles sei, die Gruben zu Seen geflutet, Strände, Häfen, Promenaden, Radwege entlang der Ufer, neuer Wald. Im Grunde ist es genau so gekommen. Nur eben anders. Jedes Jahr vor den großen Ferien gab es eine Stunde, in der unsere Klassenleiterin fragte, was wir werden wollen. Sie ging das Alphabet durch, jeder sagte einen Beruf, und sie notierte ihn in einem Buch. Wusste einer nicht, was er werden wollte, notierte sie das auch. Alle Wünsche wurden später auf dem Elternabend verlesen, wobei die Lehrerin gleich darauf hinwies, dass unsere Volkswirtschaft so viele Automechaniker und Kindergärtnerinnen nicht gebrauchen könne und dass einige Jungs auf jeden Fall darüber nachdenken sollten, in die Armee zu gehen und einige Mädchen in die Brikettfabriken. Es war wie mit jeder Wahl in diesem Land, am Ende musste das Ergebnis stimmen.

Beim ersten Mal gab ich an, dass ich Koch werden wolle, was auf dem Elternabend zu Gelächter führte. Um Koch zu sein, brauchte es aber kein Abitur. In jedem Jahrgang wurden nur zwei oder drei Schüler zur Oberschule zugelassen, und offenbar gingen andere davon aus, dass ich darunter sein würde. Beim nächsten Mal gab ich Zootechniker an, da war es das gleiche. Ich mochte Tiere und dachte, ich käme so einmal an etwas Exotisches heran, und auch wenn mein Vater meinte, dass man als Zootechniker Elefanten nur den Dreck nachräumt, es wäre Elefantendreck gewesen. Das letzte Mal, dass wir gefragt wurden, bevor dann keiner mehr fragte, wollte ich tropische Landwirtschaft studieren. Die Lehrerin hatte von so einem Studium noch nie gehört. Aber ich wusste, dass es in Leipzig angeboten wurde und dass man damit später zum Beispiel nach Angola oder Mosambik kam, Länder, die als irgendwie sozialistisch galten. Ein Berufswunsch wie ein Ausreiseantrag. Ich frage mich, wie ich darauf gekommen bin. Ich wollte doch gar nicht weg.

Kurz, nachdem ich geboren wurde, hatten meine Eltern in einer Kleinstadt eine Plattenbauwohnung bekommen. Das Viertel war gerade fertig geworden, und hinter unserem Haus gab es lange noch eine Baugrube, an der wir uns nach dem Kindergarten trafen und mit Dreck bewarfen. Später zogen wir ein paar Orte weiter auf den Bauernhof meiner Großeltern, dessen Scheune wir zu einem Haus ausbauten. An den Wochenenden schachteten, siebten oder räumten wir oder wir fuhren die Baustoffversorgungen der Gegend auf der Suche nach Zement ab. Kamen die Maurer, griffen sie zuerst nach dem Bier, nahmen eine Flasche und drehten sie auf den Kopf. Oft schlossen die Kronkorken nicht richtig, dann war das Bier schlecht, gelbe Flocken stiegen auf, und wir mussten noch mal los. Die Wasserhähne und Türgriffe in unserem Haus stammten aus dem Westen, wo wir Verwandte haben, die ein Weingut betreiben. Jeden Sommer durfte meine Oma dort ein paar Wochen arbeiteten, wenn wir sie danach vom Bahnhof abholten, hatte sie so viele Taschen dabei, dass sie ein ganzes Abteil für sich allein brauchte. Ich habe immer gewusst, dass fünfzig Jahre vergehen müssen, bevor ich sehen darf, wovon sie erzählte. Aber ich erinnere mich an kein Bedauern, das länger anhielt, als ein Westkaugummi schmeckte.
Mein Vater leitete einen landwirtschaftlichen Betrieb für Milchproduktion, von dem er stets nur als der Anlage sprach. Als Kind war ich davon überzeugt, dass darin auf verschiedene Ställe verteilt mindestens zwanzigtausend Kühe lebten, aber so viele können es nicht gewesen sein, jedenfalls war die Anlage sehr groß. Sie lag auf freiem Feld. Am Ende einer langen Betonstraße gab es ein Pförtnerhäuschen, in dem meine Oma saß, nachdem mein Vater sie von ihrer Arbeit im Braunkohlewerk befreit hatte, dahinter lag der Zwinger des kaukasischen Schäferhundes, den ich manchmal ausführte. An den Wochenenden fuhren mein Vater und ich mit dem Dienstwagen die einzelnen Ställe ab, um nach dem Rechten zu sehen. Trafen wir dabei Leute an, die Milch für ihre Tiere zu Hause klauten, hatte mein Vater eine Art sie zu befragen, die auch für den unangenehm war, der nur zuhören musste. Der Betrieb war Eigentum des Volkes, aber so führte er ihn nicht. Einmal habe ich während der Ferien im Stall gearbeitet, und überall, wo ich hinkam, wurde ich als Sohn des Chefs behandelt, was nicht hieß, dass es mir deshalb besser ging, im Gegenteil. Aber ich habe mich nicht beschwert. Ich verstand es als Test. Mein Vater hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass ich diese Anlage einmal leiten könne, wenn ich wollte. Dann wäre ich heute Herr über zwanzigtausend Kühe.

Irgendwann fand mein Vater Gefallen an der Vorstellung, zu reiten. Ich weiß nicht, wie er seinen Vorgesetzten gegenüber begründete, wofür er in einer Milchviehanlage vier Pferde brauchte, dazu einen Stall und einen Mann, der sich ausschließlich um sie kümmerte, aber von da an ritten mein Vater und ich am Wochenende häufiger aus. Es waren bockige, alte Gäule, die, solange es vom Stall wegging, nur schwer zu bewegen, und sobald es zurückging, nicht mehr zu bremsen waren. Wir mussten immer wieder neue Wege suchen, über das Feld, durch den Wald, am Rand der Dörfer entlang. Einmal kamen wir dabei an einen Fluss mit einer Brücke, von der nur die Pfeiler noch standen. Wir stiegen ab, weil wir ein paar Minuten am Ufer sitzen wollten, aber wir fanden nirgends eine Stelle, die Pferde anzubinden. Da waren überall nur Büsche, die Zweige hielten die Zügel nicht. Wir mussten wieder aufsteigen. Als mein Vater auf seinem Pferd saß, sagte er, er werde morgen hier einen Haken anbringen lassen. Da haben wir beide gelacht. Ich weiß aber nicht mehr worüber. Einerseits war es nur ein Witz, andererseits hatte er die Macht, ihn wahr werden zu lassen, und darin lag eine Versuchung.

"Ich denke, du hättest Karriere gemacht", sagt einer meiner ältesten Freunde. Er kennt mich noch aus der Schule, er hat nicht lange überlegt. "Warum?", frage ich. "Steckt das nicht in jedem?" "Dann steckt es auch in Dir." "Ich hätte aber die Menschen nicht ertragen, auf die ich da getroffen wäre." Die erste Funktion, um die ich mich bemüht habe, war die des Klassensprechers, der damals Gruppenratsvorsitzender hieß. Es muss in der sechsten oder siebten Klasse gewesen sein, es gab mehrere Bewerber, jeder Schüler schrieb den Namen seines Kandidaten auf einen Zettel, die Lehrerin sammelte sie ein und trug die Stimmen an der Tafel ab. Es war eine geheime Wahl, und ich habe gewonnen. Ich kann nicht mehr sagen, welche Befugnisse ein Gruppenratsvorsitzender hatte, was daran liegt, dass ich nie Gebrauch davon machte, ich wollte es vor allem sein. Jedes Jahr bewarb ich mich um den Posten, jedes Jahr wurde ich gewählt, außer einmal, als die Mädchen meinten, ich sei faul, und mein Gegenkandidat für jede Stimme fünfzig Pfennig zahlte, da wurde ich Agitator. Als Agitator musste ich jeden Freitag zu Beginn des Unterrichts berichten, was die Woche über in den Zeitungen gestanden hatte, und weil mir das oft erst am Abend davor einfiel und meine Mutter die Zeitungen da schon weggeworfen hatte, war ich im Jahr darauf wieder Gruppenratsvorsitzender. Ich war bei den Jungpionieren, den Thälmannpionieren und der Freien Deutschen Jugend. Ich habe immer gedacht, dass ich niemanden kannte, der nicht dort war. Aber das stimmt nicht.

Es gab dieses Mädchen, neben dem ich ein paar Jahre lang in der Schule saß. Sie kam aus demselben Dorf wie ich und verstand auch Späße, über die sonst nur Jungs lachten. Wenn ich mich beim Diktat verschrieb, borgte sie mir ihren Tintenkiller, den sie von ihren Verwandten aus dem Westen geschickt bekam. Sie ging zur Christenlehre, bewahrte kleine Jesusbilder in ihrem Schulheft auf, und wenn unsere Klasse am 1. Mai an der Tribüne vorbeizog, dann fehlte sie. Fragte die Lehrerin am nächsten Tag, warum sie nicht gekommen sei, sagte sie, ihre Eltern hätten es nicht erlaubt. Irgendwann stellte ihre Familie einen Ausreiseantrag. Als er genehmigt wurde, hatte sie achtundvierzig Stunden Zeit zu gehen. So hat sie es gesagt, als sie in der Pause kam, um sich zu verabschieden. Ihr Name war Manuela Schließauf, kein schlechter Name eigentlich, für eine, die aufbricht.

Als sie ein Jahr später auf Besuch zurückkam und sich in der Schule alle um sie drängten, ihre Schuhe bewunderten, ihre Frisur, ihre Klamotten, habe ich nicht mit ihr gesprochen, weil ich mich nicht klein machen wollte vor jemandem aus dem Westen. Als im Herbst vor zwanzig Jahren die ersten Leute in Leipzig auf die Straße gingen, habe ich im Staatsbürgerkundeunterricht noch den Führungsanspruch der Partei verteidigt, weil ich glaubte, dass es jemanden geben muss, der auf den Sozialismus aufpasst. Und als wir nach dem Mauerfall zum ersten Mal zu den Verwandten in den Westen fuhren, habe ich sie gefragt, ob sie sich jetzt freuen, weil sie uns besiegt haben. Ich kann gar nicht sagen, wie ich zum Bürger dieses Staates geworden war. Mir gefiel das Kämpferische der Arbeiterlieder, der Zug der Massen bei den Demonstrationen, mir gefiel die Vorstellung, dass es eine Aufgabe gibt, die uns alle verbindet. Es wäre leicht gewesen, mich für etwas zu gewinnen, in dem ich mich verloren hätte. Kann sein, dass ich ihn nicht gemocht hätte, den Menschen, der aus mir geworden wäre. Er hätte mich aber auch nicht gemocht.

Ich wohne heute allein in einer Wohnung, die fast doppelt so groß ist wie die Plattenbauwohnung, in der ich anfangs mit meinen Eltern und meinem Bruder wohnte. Es gibt in meinem Leben keine Aufgabe, die mich über meine Arbeit hinaus mit anderen verbindet. Ich habe für nichts Verantwortung außer für mich selbst. Ich habe noch nicht einmal ein Haustier. Als mich letztens jemand fragte, was ich eigentlich für die Gesellschaft tue, habe ich gesagt, ich sei in der gesetzlichen Krankenkasse. Es war ein Witz, aber es war auch die Wahrheit. "Ich denke, du wärst Tierarzt geworden", sagt meine Mutter, die noch immer auf unserem Bauernhof lebt, dessen Garten sie jeden Sommer in eine blühende Landschaft verwandelt, "vielleicht hättest du es sogar in den Zoo geschafft." "Ich meine nicht nur den Beruf." "Ich denke, du hättest mit fünfundzwanzig geheiratet, du hättest jetzt Kinder, und wir hätten dir den Stall zu einem Haus ausgebaut." "Aber wäre ich glücklich gewesen?" "Wenn du es gewollt hättest, ja." Es gibt eine Erinnerung an ein Gespräch mit meinem Vater, darüber, was aus mir werden soll. Was es auch sei, sagt er, es wäre gut, wenn ich dafür mit achtzehn in die Partei ginge. Ich konnte nicht erkennen, ob er es richtig fand oder nur hilfreich, und es störte mich, dass eine Sache, die als freiwillig galt, es auf einmal doch nicht war. Aber davon abgesehen, könnte ich nicht sagen, warum ich heute nicht in der Partei wäre. Ich weiß noch, wie mein Vater manchmal abends von der Parteiversammlung nach Hause kam. Er trug das Lied noch auf den Lippen, das die alten Männer zum Abschied gesungen hatten. "Die Partei, die Partei, die hat immer recht." Er konnte sie sehr gut nachahmen, diese Männer. Er spürte, dass sie einen Sohn in ihm sahen. Er glaubte, er könne mit ihnen spielen, ich habe geglaubt, dass er mit ihnen spielt. Er hat sich geirrt, und als er das nach der Wende sah, ist er darüber sehr erschrocken. Aber auch das holt man nicht mehr zurück.

Und noch etwas. Eine Szene, die ich vergessen hatte. Sie fiel mir erst jetzt wieder ein. Es muss in der achten oder neunten Klasse gewesen sein, als mitten in der Stunde die Tür aufging. Unser Direktor trat ins Zimmer und mit ihm ein anderer Mann. Sie holten einen Jungen aus dem Unterricht, später noch einen und dann noch einen. Mein Freund Wito war der letzte. Er arbeitet heute für eine Segelschule auf Mallorca. Wir kennen einander seit dem Kindergarten. Von dort stammt auch das früheste Bild, das ich von ihm habe. Darauf schleift er die verhasste neue Strickjacke, die seine Eltern ihm gekauft hatten, auf der Straße hinter sich her, von einer Pfütze zur anderen. Ich habe ihn nie eingeschüchtert erlebt, aber als er in die Klasse zurückkam, konnte ich sehen, dass er geweint hatte. In der Pause ging ich zu ihm. Er sagte nur, dass der Mann vom Wehrkreiskommando gewesen sei und ihn in die Armee zwingen wolle, Offizier, zehn Jahre. Ich wusste nicht viel von der Armee, nur was mein Vater erzählt hatte, davon was die Alten dort mit den Neuen machten. Er erzählte es lustig, aber das war es nicht. Ich stand da neben meinem Freund, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Irgendetwas hatte mich verschont. Irgendetwas wartete auf mich.

Im Herbst vor zwanzig Jahre ist die Mauer gefallen. Ich kann nicht sagen, was aus mir geworden wäre. Ich weiß nur, ich wäre heute fünfunddreißig Jahre alt. Ich bin heute fünfunddreißig Jahre alt.
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