Auf der Seepromenade Warnemünde
3. Juli 1990
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Zurück in die Zukunft


10.7.2009
"Die Vergangenheit existierte nicht mehr." Alexander Osang erinnert sich an seinen Werdegang nach dem Mauerfall. Nach acht Jahren in New York kam er zurück nach Berlin.

1976, Gummlin, im Atelier von Ludwig Engelhardt.Foto: Sibylle Bergemann (© Sibylle Bergemann)
Als ich fünfzehn Jahre alt war, wäre ich gern in der Zeit zurück gereist, um Karl Marx auszurichten, dass seine Ideen Wirklichkeit geworden waren. Ich hätte natürlich auch Lenin besuchen können, das wäre von Ostberlin aus, wo ich damals lebte, die unproblematischere Reise gewesen. Aber ich wollte zu Marx, was sicher damit zusammenhing, dass der wie die Rolling Stones in London lebte. London war für mich unerreichbar, Uljanowsk, Lenins Geburtsstadt, dagegen hatte ich bereits mit meiner Schulklasse besucht. Ich hatte im Lenin-Heimatmuseum an seiner winzigen Schulbank gestanden. London kannte ich nur aus Edgar-Wallace-Krimis und von den Bildern des Wembley-Stadions aus meinem Sprengel-Fußballalbum, Marx´ Lebensumstände dort waren mir vage aus dem Kinderbuch Mohr und die Raben von London bekannt, das wir im Deutschunterricht gelesen hatten. Ich dachte, es würde ihn freuen, Besuch aus einem Land zu bekommen, wo es Polikliniken für alle gab, stabile Lebensmittelpreise, eine geringe Säuglingssterblichkeit und endlich auch die Diktatur des Proletariats, von der er so geträumt hatte. Der Kommunismus war kein Gespenst mehr, das in Europa umging, er hatte einen Fuß in der Tür.

Ich hätte Marx ein Erdkundebuch aus meiner Zeit mitgebracht mit einer Weltkarte, die sich von Jahr zu Jahr roter färbte, klar, London war noch kapitalistisch, blau, und auch Trier, Marx´ Geburtsstadt, hatte es noch nicht geschafft, aber das war sicher nur eine Frage der Zeit. Kuba schwamm bereits wie ein Raubfisch in der Karibik, ein schmaler, roter Barrakuda, Asien war über den Berg, ein roter Block, ein Massiv, China, die Sowjetunion und die Mongolische Volksrepublik, die – auch das hätte Marx sicher interessiert – unter Umgehung des Kapitalismus direkt vom Feudalismus zum Sozialismus übergegangen war. Am meisten aber hätte mich gefreut, Marx auszurichten, dass es im Süden des Poliklinikenlandes eine Stadt gab, die seinen Namen trug, in meiner Heimatstadt Berlin hieß die breiteste Straße wie er. Später, als ich mich im Unterrichtsfach politische Ökonomie mit all seinen schwer zu merkenden Definitionen rumquälte, spürte ich, dass wir uns doch nicht so verstehen würden, wie ich einst gedacht hatte. Noch später erkannte ich, dass Marx wahrscheinlich keinen großen Wert auf eine sozialistische Prachtstraße seinen Namens gelegt hätte, schon gar nicht auf eine, die vorher Stalin-Allee geheißen hatte. Was Karl-Marx-Stadt anging, das einstige und heutige Chemnitz, so hätte sich Marx´ Freund Friedrich Engels garantiert über den riesigen Marx-Kopf lustig gemacht, der dort im Stadtzentrum herumstand. Das Denkmal wäre ein Running Gag im Briefwechsel der beiden geworden, ganz sicher. Kürzlich lasen Gregor Gysi und Harry Rowohlt aus Briefen vor, die sich Marx und Engels geschrieben haben. Die Klassiker, wie wir sie einst nannten, waren große Spötter, sie machten sich über alles lustig, sogar über die Arbeiter, ehrlich gesagt schien vor allem Marx die Proletarier überhaupt nicht zu schätzen, sie waren ihm zu doof. Ich möchte nicht daran denken, was sie von mir gehalten hätten, dem seltsamen Zeitreisenden. Womöglich hätte ich, wie einst Michael J. Fox im Film Zurück in die Zukunft die Vergangenheit geändert und damit die Gegenwart.

Fritz, hätte Marx seinem Freund geschrieben, ich hatte einen äußerst beunruhigenden Gast heute. Er trug verwaschene, blaue, nun ja, Arbeitskleidung, auf die er sehr stolz zu sein schien, und behauptete, aus der Zukunft zu kommen. Er brachte Geschichtsbücher aus einem sozialistischen Schulbuchverlag, die mich frösteln ließen. Das Land, aus dem er kam, heiße Deutsche Demokratische Republik, sagte er, sie haben dort Straßen nach uns benannt. Es gibt eine Stadt, die meinen Namen trägt, und, alter Freund, ein Soldatenregiment Friedrich Engels, hah! Insgesamt klingt es nicht so, als sei dies ein Land, in dem wir beide uns wohlfühlen würden, Bruder. Ich glaube, diese bescheuerten Proletarier haben uns gründlich missverstanden. Der Vorsitzende des Landes, der Generalsekretär einer Sozialistischen Einheitspartei, war früher Dachdecker. Ein Dachdecker, Friedrich. Die Bruderländer dieses unheimlichen deutschen Staates sind die Polen, die Rumänen, die Russen, die Koreaner, die Albaner, ein karibisches Inselvolk und die Mongolen. Die Mongolen, Fritz! Die Hunnen kommen! Eine Horde Wilder reitet mit unseren Köpfen auf der Fahne durch die Welt. Wenn der Junge im blauen Drillich recht hatte, müssen wir neu nachdenken.

Besorgt, Charles. Womöglich hätte Marx nie wieder schreiben können oder nur noch Limericks, vielleicht hätte er sich jetzt mehr um seine vielen Kinder gekümmert und alles wäre ganz anders gekommen, aber wahrscheinlich ist es nicht. Selbst wenn Marx aufgegeben hätte, hätte irgendjemand anderes die Fahne aufgenommen, um im Bild zu bleiben. Der Traum von einer gerechten Welt ist zu verführerisch. Sie hätten nur einen anderen Namen finden müssen für die Stalin-Allee. Ich jedenfalls träumte in den späten Achtzigerjahren eher von Orts- als von Zeitreisen, ich träumte von U-Bahnen, die sich mit mir als Gast versehentlich in den Westen verfuhren, und manchmal saß ich auf dem S-Bahnhof Plänterwald, sah hinüber auf die weißen Hochhäuser der Neuen Heimat, die von mir – vor allem im Sommer, wenn man die Mauer nicht sah – nur durch das Grün einer großen Kleingartensiedlung getrennt waren, und träumte mich dort hin. Das kann ich mir heute auch kaum noch vorstellen: der Traum von einer Westberliner Sozialwohnung. Im Sommer 1988 stellte ich mir vor, dass ich durch irgendwelche verzwickten Umstände für mehrere Stunden mit Bruce Springsteen in einem Ostberliner Fahrstuhl stecken blieb. Springsteen und ich, wir freundeten uns an, der Boss lud mich ein, ihn auf seiner Welttournee zu begleiten. Ein Wunsch, den ihm die DDR-Funktionäre schlecht ausschlagen konnten, außerdem wäre ich ja zurückgekommen. Die Rückkehr stand immer am Ende meiner Fluchtträume. Die heldenhafte Heimkehr in das graue, arme Land, mit der niemand gerechnet hatte. Ich reiste mit der E Street Band durch die wilde Welt, aber irgendwann stand ich wieder mit staubigen Schuhen in Berlin-Karlshorst, wo ich damals wohnte. Ich hatte eine Bürgschaft geleistet und löste sie ein wie Friedrich Schillers Held Damon.

Dann fiel die Mauer, und das Traumland öffnete sich. Ich betrat es über die Oberbaumbrücke und war enttäuscht. Ich hatte irgendetwas Wildes und Weites erwartet, etwas wie New York wahrscheinlich, und kam in eine kleine, geputzte Welt mit verkehrsberuhigten Zonen und staubfreien Verkehrsschildern. Ich fragte meine Verwandten und Freunde, die bereits vor dem Mauerfall in den Westen reisen durften, was sie eigentlich meinten, damals, als sie mir nach ihrer Rückkehr sagten: Das kannst Du Dir nicht vorstellen! Sie sagten, dass sie die Auslagen in den Fleischereien und das Angebot der Bäckereien meinten, zwanzig Sorten Schinken und Pfannkuchen mit vier, fünf verschiedenen Füllungen, aber ich war Mitte zwanzig, als die Mauer fiel, ich interessierte mich nicht für Schinken. Die Qualität der Unterschiede bemerkte ich später, als ich selbst Westler war und in den Osten reiste, das erste Mal wahrscheinlich auf einer Skireise in die Hohe Tatra 1991 oder 1992. Ich sah die verklebten Verkehrsschilder, das giftige Licht der Peitschenmasten, das funzlige in den Fenstern, die leeren Bürgersteige, die Dunkelheit und den Staub, die schmucklosen Gläser in den Kneipen, das schaumlose Bier, die verschlagenen Kellner, die Menschen, die geduldig auf Busse, die kamen oder nicht kamen, warteten, ich sah die Welt mit den Augen eines Westlers, und das war schön und traurig zugleich. Zum ersten Mal verspürte ich den Wunsch in den Osten zurückzureisen, als Gast aus der Gegenwart, mit meinem heutigen Wissen, meinen heutigen Einkünften, meinen Jeans, Discmen und Amerikaerfahrungen.

Ich hätte die Dinge gern nebeneinander gehalten, verglichen, und sicher wollte ich auch angeben. Vor mir selbst, mit mir selbst. Der Wunsch ist mit den Jahren immer stärker geworden. Ich fuhr mit dem schwarzen Honda CRX, den ich 1992 einer Kollegin aus Dortmund abgekauft hatte, durch Ostberlin und stellte mir vor, wie ich als Junge der Achtzigerjahre auf dem Beifahrersitz Platz genommen habe und die sanften orangefarbenen Zahlen auf dem Display des CD-Players bewundere. Ich erklärte mir, wie er funktioniert. Mein altes Ost-Ich klappte die Plasteschachteln der CDs auf und zu und bestaunte den Drehzahlmesser, das Tachometer, das bis zu 240 Stundenkilometer reichte, die 5-Gangschaltung und die elektrischen Fensterheber.

"Coca-Cola-Werbung?", fragte ich mich überrascht, als wir nachts durch die Leipziger Straße rollten. "Genau", sagte ich, so lässig wie möglich. "Und jetzt fahren wir in den Westen." An der Kaufhallenkasse habe ich manchmal die Waren in meinem Korb bestaunt, bunte Packungen, Schachteln, Flaschen und Päckchen. Ich packte den Inhalt mehrerer Westpakete achtlos in zwei Tüten, mein Wochenendeinkauf, ein einstiger Traum. Noch heute rieche ich an Waschmittelpackungen und frisch geöffneten Kaffeedosen, um den Duft zurückzuholen, der mich umhüllte, wenn ich in der Weihnachtszeit mit meinem verblichenen Paketzettel in die Post ging, um das Westpäckchen abzuholen. Meine kleine Schwester neben mir, es waren die erregendsten Besorgungsgänge unseres Lebens, Ausflüge zur Paketausgabe, wo es nach Seife, Kaffee, Schokolade, Kakao und Weichspüler duftete, die Zeitschriften rochen anders und auch die Bücher, wenn man sie auseinanderbrach und seine Nase hineinsteckte. Es funktioniert heute nicht mehr, weil sich der Geruch nur vor meinem Alltag entfaltete, heute riecht Seife wie Seife, alles riecht wie Westen. Eine untergegangene Geruchswelt wie der Duft der alten Orangenschalen, die meine Großmutter in ihrem Wäscheschrank auslegte.



 

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