Auf der Seepromenade Warnemünde
3. Juli 1990

Fast ein Märchen


10.7.2009
"Wie es wohl wäre wenn ich noch dort wohnte, wo ich aufgewachsen bin?" - Vor seinem Klassentreffen begegnet Ingo Schulze zufällig seiner alten Kindergärtnerin und zeichnet ihren Werdegang in Dresden-Klotzsche nach.

1. September 1983, Berlin, illegale Demonstration an der Marienkirche zum Weltfriedenstag.Foto: Harald Hauswald (© Harald Hauswald)
Margarete Schneider habe ich vor drei Tagen wiedergesehen, in Dresden-Klotzsche auf dem alten Friedhof, als ich kurz vor dem Klassentreffen das Grab meiner Großeltern besuchte. Margarete Schneider war nicht allein, sondern in Begleitung eines jungen und eleganten Mannes mit Mandelaugen. Was ich über die beiden weiß, habe ich von meinen früheren Mitschülern und aus Telefonaten mit meiner Mutter erfahren. Es ist ein unvollständiges, ein vorläufiges Wissen. Das hoffe ich jedenfalls, denn ich würde gern mehr über Margarete Schneider erfahren.

Seit dieser Begegnung versuche ich mir vorzustellen, wie es wäre, wenn ich noch dort wohnte, wo ich aufgewachsen bin. Würde ich die Dinge anders sehen, wenn mir die Straßen, die ich zur Schule, zur Straßenbahn, zum Friedhof oder in die Dresdner Heide ging, noch genauso vertraut wären wie damals, als ich Margarete Schneider zum ersten Mal wiedersah? Lang und dünn ging sie zwischen ihren Eltern die Hauptstraße entlang. Ich kam aus der entgegengesetzten Richtung mit dem Rad aus Moritzburg und sah, wie die drei nach links abbogen, den kleinen Hügel hinauf zur Kirche.

Margarete Schneider war meine Kindergärtnerin gewesen. Fräulein Schneider, wie die damalige Anrede hieß, hatte sich – das muss 1968 oder Anfang 1969 gewesen sein – von uns Kindern verabschiedet. Sie war umgezogen, warum und wohin weiß ich nicht. Bedauert habe ich das damals nicht. Selten, fast nie hatte sie gelächelt oder gar gelacht, und wenn, dann entstanden in ihrem Schafsgesicht – die Nasenpartie war unverhältnismäßig gestreckt – viele Falten. Außerdem hatte sie harte Hände, knöchern und kräftig würde ich heute sagen. Jedenfalls tat es immer weh, wenn sie mich anfasste und in eine andere Reihe zog. Auf Fräulein Schneider folgte Fräulein Böhme, und Fräulein Böhme liebten wir alle.

Abgesehen von der Überraschung, dass meine ehemalige Kindergärtnerin in die Kirche ging, erlebte ich an jenem Sonntagvormittag zum ersten Mal, wie es ist, wenn jemand, den man acht oder neun Jahre nicht gesehen hat, plötzlich wieder auftaucht. Mich erfüllte die Begegnung mit einem neuen Bewusstsein von Vergangenheit und verlieh mir damit ein Gefühl von Souveränität. Dafür erschien mir Margarete Schneider bereits bei unserem ersten Wiedersehen als alt. Obwohl ich ihr nur kurz zunickte – mein Gruß war ohne Antwort geblieben –, erinnere ich mich genau an die Mischung aus Mitleid und Schrecken, mit der ich auf sie herabblickte. Jedes Mal, wenn ich Margarete Schneider in den folgenden Jahren mit einer Kindergartengruppe in die Heide gehen oder von dort kommen sah, glaubte ich deutlich zu spüren, dass diese Frau ohne Freude und Glück lebte, wenn auch in einer riesigen alten Villa, deren großer Garten an die Dresdner Heide grenzte. Sonntags ging sie mit ihren Eltern in die Kirche, zu Weihnachten saß sie ganz vorn, dem Pfarrer auf der Kanzel am nächsten, und sang laut: "Es ist ein Ros entsprungen". Am Schluss reichte sie den Kollektebeutel durch die Reihen, der an einer Stange angebracht war, als wollte man mit ihm auch Äpfel aus Baumkronen pflücken. Während meiner Zeit bei der Armee und beim Studium sah ich Margarete Schneider nicht mehr. Ich kam selten nach Hause. Zu Weihnachten gingen wir lieber spazieren als in die Kirche. Das lag auch an unseren Gästen, ausländische Kollegen meiner Mutter, die sonst in ihrem Wohnheim gesessen hätten; einmal waren zwei junge Ärzte aus Benin bei uns, die ein perfektes Sächsisch sprachen, sich sehr für Krebsoperationen und überhaupt nicht für Geburtshilfe interessierten; ein anderes Mal hatten wir einen Syrer zu Besuch, der sich nach seiner Rückkehr gemeinsam mit einem Freund oder Kollegen eine zweite Frau zulegen wollte. Ho aus Vietnam muss 1985 oder 1986 bei uns gewesen sein. Meine Schwester, die in der Gemäldegalerie Führungen machte (ich weiß nicht mehr, ob das noch vor oder während ihres Ausreiseantrags war), hatte Ho erklärt, wie es sich mit Bacchus und Zeus verhielt, wie mit Jesus und dem Zinsgroschen.

Nach Weihnachten traf ich Ho noch mehrmals wieder. In den kurzen Semesterferien im Februar hatte ich versucht, für ihn ein 26er-Tourenrad aufzutreiben, was sich als nicht ganz einfach erwies. Dank der Fürsprache einer früheren Klassenkameradin war ich schließlich in Weixdorf bei Dresden fündig geworden, nahe der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 7. Als Ho das Rad im Laden vorgeführt wurde, schüttelte er nur den Kopf, war zu keiner Erklärung zu bewegen und verließ schließlich lächelnd das Geschäft.

Ich habe gestern meine Mutter angerufen und gefragt, ob sie sich erinnern könnte, wie sich Ho und Margarete Schneider kennengelernt haben. "Wahrscheinlich war sie meine Patientin", sagte sie, "und ich habe sie nach der Nähmaschine gefragt". Margarete Schneider besaß, wie damals noch allgemein üblich, eine mechanische Nähmaschine, die sie nicht mehr brauchte und Ho schenkte. Ho war überglücklich. Jetzt könne er endlich zu Hause heiraten! Denn seine zukünftige Frau würde dank der Nähmaschine mitverdienen.

Nach unserem letzten Treffen begleitete ich Ho zur Straßenbahn. In diesen zehn oder fünfzehn Minuten erzählte er vom Krieg. In Erinnerung geblieben ist mir eine fragmentarische Episode. Seine Einheit erhielt eine Sonderration, danach wurde ihnen befohlen, mit einer Mine zu einem Schiff zu schwimmen. Ich weiß nicht, ob ich das richtig wiedergebe; schon lange habe ich nicht mehr an ihn gedacht. Er sprach atemlos und lachte oft auf, bevor er eine neue Geschichte begann.

Als es schließlich herauskam – Margarete Schneider hatte auf ihrem sonntäglichen Weg zur Kirche besonders blass ausgesehen, mit schwarzen Ringen unter den Augen und noch schafsmäßiger als sonst, nur ihr Bauch war riesig groß und fast spitz gewesen –, gestand meine Schwester, dass Ho auch sie gefragt habe, ob sie mit ihm schlafen wolle. Lange habe sie versucht, ihm zu erklären, dass ihre Ablehnung nichts mit seiner Körpergröße zu tun habe. Nicht das sei der Grund. Er habe ihr aber nicht geglaubt. Margarete Schneider brachte einen Jungen zur Welt, Sebastian Ho Schneider.

Nach dem Fall der Mauer, schon bei den ersten Kommunalwahlen im Mai 1990, wurde Margarete Schneider als Kandidatin der CDU ins Stadtparlament von Dresden gewählt. Sie wurde zum Liebling der Wahlkampfstrategen, die froh waren über jede und jeden, die nicht schon vor 1989 in der CDU gewesen waren. Margarete Schneider besuchte Schulungen und entdeckte ihr Talent für Reden, obwohl diese immer ein bisschen wie Predigten klangen. Aber man glaubte Margarete Schneider. All das Bittere, das sie erfahren habe, könne sie glaubhaft vermitteln, hieß es in einem Zeitungsbericht, an den sich meine ehemaligen Klassenkameraden noch erinnern konnten. Margarete Schneider sprach von der allgegenwärtigen Bevormundung, von der Unterdrückung der Christen und von den grauenvollen Direktiven, denen Erzieher und Lehrer in DDR-Kindergärten und -schulen unterworfen waren. Auf den Wahlplakaten lächelte sie, wobei nur zwei kleine Fältchen links und rechts der Mundwinkel entstanden. Sie wurde die Stellvertreterin des Stadtrats, der auch für Bildung und Erziehung zuständig war.

Am meisten überraschte die Klotzscher – man wusste ja sonst alles –, dass nicht nur die schneidersche Villa den Schneiders gehörte, sondern ebenfalls ein halbes Dutzend der schönsten Häuser am Waldrand. Der Großvater hatte in den Dreißigerjahren verschiedene Patente angemeldet, durch die er reich geworden war. Ihr Vater hatte zwei Häuser noch 1990 gut verkauft, die anderen nobel hergerichtet und außerdem bei Zwangsversteigerungen eine glückliche Hand bewiesen. Plötzlich war Margarete Schneider Westmarkmillionärin. Doch weder wurde sie bei einem Mann schwach, noch versäumte sie einen Gottesdienst. Sie ging mit Sebastian Ho, der, wenn er nicht sogar in einem dunklen Anzug steckte, zumindest ein weißes Hemd trug, zwischen ihren Eltern zur Kirche. Jetzt, so meine Mitschüler, da alle die Schneiders kannten, mussten sie fortwährend Grüße erwidern. Vor zwei Jahren übernahm Sebastian Ho, jener junge Mann mit Mandelaugen, dem ich vor drei Tagen an Margarete Schneiders Seite begegnet bin, die Immobilienfirma Schneider & Schneider mit über zehn Angestellten.

Als Margarete und Sebastian Ho mir durch die alte Friedhofspforte entgegenkamen, wusste ich noch nichts von dem Geldsegen. Sie waren einfach nur gut anzusehen. Um ehrlich zu sein: Mir erschienen sie regelrecht hoheitsvoll. Sebastian Ho ist genauso groß wie seine Mutter, die sich bei ihm untergehakt hatte. Die Zeit hat das Schafsmäßige ihres Gesichts gemildert, ja vielleicht fände jemand, der sie nicht von früher her kennt, diese Bezeichnung völlig unangebracht. Ich war stehen geblieben, um Mutter und Sohn auf dem schmalen Weg vorbei zu lassen. Für einen Augenblick dachte ich, dass sie, dass ausgerechnet Margaret Schneider es geschafft hat, der Zeit eine andere Richtung zu geben, sie umzukehren. Sie grüßte zurück, ohne mich zu erkennen. Auch Sebastian Ho nickte mir zu. Ich war mir unsicher, ob ich sie ansprechen und nach Ho fragen sollte. Von Ho wussten meine Klassenkameraden nichts, sie erwähnten nicht mal, dass Margarete Schneider jetzt Abgeordnete des Landtags ist. Sie waren nur befremdet davon, dass ich mich für niemanden so sehr interessierte wie für Margarete Schneider.



 

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