Auf der Seepromenade Warnemünde
3. Juli 1990

OSTZEIT - The Director´s Cut


10.7.2009
In der DDR sind Bildzeugnisse für das Hier und Jetzt entstanden. Nun - 20 Jahre nach dem Fall der Mauer - spiegeln sie eine vergangene Welt wieder und breiten das Leben zahlreicher Menschen zur Besichtigung aus.

1. Mai 1987, Berlin, Alexanderplatz.Foto: Harald Hauswald (© Harald Hauswald)
Liebe Sibylle, liebe Ute, lieber Harald, lieber Werner, und auch lieber Maurice, wenn ich, nach reiflicher Überlegung, Euch statt des erwarteten Artikels einen Brief schreibe, so geschieht das aus einem hoffentlich nachvollziehbaren Grund: Ich will nicht so tun, als ob ich zu Euren Bildern die Distanz aufzubringen vermag, die ein Kritiker braucht, damit seine Einschätzung überhaupt ernst genommen wird. Ich war ja damals so eine Art Wahlverwandter der fotografischen Familie, also viel zu nahe dran an Euch und Euren Mühen und Wegen, mit der Wirklichkeit fertig zu werden, als dass ich Eure Arbeiten heute kühl einordnen oder bewerten könnte. Noch dazu unter dem Vorsatz historischer Rückbesinnung, denn das meint so ein Buchtitel doch wohl: OSTZEIT. Szenen einer vergangenen Welt, Geschichten von unbekanntem Leben in einem exotischen Land. Euer Leben, unser Leben ausgebreitet zur Besichtigung. Eine Indiskretion, die mir umso unbehaglicher wird, je länger der fragliche Lebensabschnitt zurückliegt. Je weniger ich ihn gegen Missdeutung und Vorurteile in Schutz nehmen kann.

Wie geht Ihr damit um? Oder gehört das zum normalen Schicksal jedes Bildermachers? Womöglich ist es ja die Einlösung des damals gegebenen Versprechens, der eigenen Zeit ins Gesicht zu blicken, ehrlich, unbestechlich. Zeuge dieser einen unentrinnbaren Gegenwart sein, so war doch der Ehrgeiz. Und nun liegt das alles vor uns: Dokumente, mit großer Sorgfalt zusammengetragen. Aber hatten wir mit Nachwelt gerechnet? Soweit ich mich entsinne, haben wir uns damals, in der DDR, um Nachwelt keine großen Gedanken gemacht. Bildzeugnisse wurden für das Hier und Jetzt gebraucht, möglichst zum sofortigen Gebrauch. Fingerzeige auf zumeist unbequeme Wahrheiten, Absagen an die Übermacht der Wunschwirklichkeiten, die in den offiziellen Bilderwelten herrschte. Beobachten statt Behaupten: Schon damit legte man sich in der gelenkten Öffentlichkeit quer. Wenn ich ein entscheidendes Charakteristikum für die Fotografie in der DDR benennen sollte, würde ich immer zuerst darauf verweisen: auf diesen ganz eigenartigen, moralischen Ehrgeiz beim Bildermachen. Weil man sich auf das Interesse eines Publikums verlassen konnte, das nach Abbildern ungeschminkter Wirklichkeit regelrecht hungerte. Eine immens produktive Wechselbeziehung! Fehlt es Euch heute nicht manchmal, so erwartungsvoll in die Pflicht, dafür aber auch ernst genommen zu werden? Was anderenorts längst als naiv und gutgläubig galt – unter uns trug die aufklärerische Hoffnung, dieses schwärmerische Vertrauen in die Bilder noch lange. Allen Traktaten kritischer Philosophen zum Trotz sollte Fotografie zeigen, was ist. Angehaltene Zeit.

Beim Durchblättern Eurer hier für OSTZEIT ausgewählten Serien bin ich immer wieder überrascht, wie viele "Klassiker" in dieser Sammlung stecken, Aufnahmen, die sich tief in mein Bildgedächtnis eingegraben haben (und ich bin sicher – nicht nur in meines). Die Wiederbegegnung mit Sibylles leise sarkastischen Marx-Engels-Figuren, mit Werners fidelen Bauern aus Berka oder mit Utes melancholischen Zirkuskindern hat schon was vom Kramen in der Kiste mit den Familienfotos. Soll man sich wirklich gegen dieses wohlige Gefühl wehren? Mit diesen Bildern hat eine ganze fotografierende Generation in der DDR gelebt, hat sie bewundert und eigene Werke mit ihnen verglichen. Ausstellungen, in denen solche Ikonen ans Licht der Öffentlichkeit kamen, wurden als Feste gefeiert, denn ja, das hat es mal gegeben: spontane Freude am Erfolg des anderen.

Und noch mehr erstaunt mich die Vertrautheit mit Haralds damals als "dissidentisch" geschmähten Fotografien. Denen blieb sogar die allmählich tolerantere Öffentlichkeit der Galerien und Kunstkataloge lange versperrt, und trotzdem bestimmen sie heute unser fotografisches Zeitbild nachhaltig mit. Sind mir die entspannten Leute vom Hirschhof-Fest, der wilde Gitarrero in der Gethsemane-Kirche oder die "Fahnenkämpfer" vom Alex im Regensturm wirklich erst auf dem Umweg über das im Westen erschienene Ostberlin-Buch begegnet? Ich hätte schwören mögen, sie waren schon immer "dabei". Wenn hier von Generationserfahrung die Rede ist, sollten wir nicht vergessen, dass uns die ganz harten und dogmatischen Kulturkämpfe schon erspart geblieben sind. Oder sollte es nur am wachsenden zeitlichen Abstand liegen, der angeblich jede Erinnerung verklärt? Natürlich wurde auch damals der Lebensunterhalt mit Brotarbeit verdient, aber umso rätselhafter will mir heute jene Freiheit erscheinen, die uns (nun ja, im Künstlerverband) erlaubte, unentwegt über Fotos um nichts als der Fotografie willen zu diskutieren. Welch ein Luxus war damals zum Standard Eures beruflichen Selbstverständnisses geworden – der Selbstauftrag als Gegenentwurf zum schnöden Job im Mediengeschäft! Ohne diese selbst gewählten, ambitionierten und gelegentlich sogar stipendienfinanzierten Bildrecherchen gäbe es heute wohl wirklich kaum mehr Auskünfte vom Alltag (und nicht zu vergessen: von der Arbeitswelt!) jener inzwischen weithin spurenlos entsorgten Gesellschaft. "Die DDR ist ein einziger riesengroßer Auftrag gewesen." Dieser Satz aus unserem jüngsten Küchengespräch umschreibt mir ganz lapidar Eure Motivation, zugleich weist er den Bildern ihre Funktion zu und verleiht ihnen Gewicht: Zeugnisse zu sein eines unablässigen Reibens an den Verhältnissen, ohne sich gänzlich von ihnen loszusagen. Für das Geheimnis dieser merkwürdigen Unerschütterlichkeit fällt mir nur ein reichlich antiquierter Begriff ein: Zuwendung. Wem das als Unterstellung zu waghalsig klingt, der folge einfach Euren Kameras an die Gesichter heran, dichter und dichter, ohne Scheu vor Blickkontakt: solche Offenheit, so viel blankes Vertrauen! Und gerade bei den Grenzfällen wird die Probe spannend: Utes defilierende Werktätige unter der Mai-Tribüne oder Haralds martialisch postierte "Blauhemden" erregen ja alles andere als Sympathie. In diesen Bildern hält man sie aus.

Über die Freude an wunderbaren Einzelbildern hinaus ermöglicht diese OSTZEIT-Kollektion noch einen ganz besonderen Blick auf Eure Arbeit, vielleicht sogar mehr noch, auf Euren Begriff von Fotografie: Eigentlich ging es doch immer um Geschichten (geht es bis heute?), und hier werden sie endlich einmal in gebotener Ausführlichkeit erzählt. Sozusagen im Director´s Cut: Die Fußballfans. Clärchens zwielichtiges Ballhaus. Das kaum noch zu bändigende Porträtwerk Zusammen leben. Es mussten ja gar nicht die selbst auferlegten Langzeitprojekte sein; schon aus einer normalen Reportage oder Modeserie nahmen selbst gutwillige Redaktionen bestenfalls herausragende Stücke (und wenn man Glück hatte, waren die wirklich besten dabei). Natürlich, so etwas gehört zum Schicksal professioneller Bildlieferanten, damals wie heute. Doch wem dann nicht irgendwann seine große Retrospektive vergönnt wird (oder die dicke Werkmonografie), der bleibt als Erzähler unerkannt. Dabei zeigt doch der Chronist gerade in den Geschichten seine Kunst, seine Hartnäckigkeit, sein Zuhausesein im Thema. Vertrauen und Nähe zum Gegenüber.

Der Selbstauftrag brachte nicht nur Themen, Typen und Zustände ans Licht, von denen die offiziellen Medien die Finger ließen. Vor allem machte er frei im Denken wie im Hinsehen. Und weil man seine Ergebnisse eigentlich nur vor sich selbst zu vertreten hatte, schärfte er das Bewusstsein für fotografische Qualität. "Das Urteil eines Auftraggebers ist wichtig, aber entscheidend ist das Urteil der Kollegen." Noch so ein Satz, der jener luxuriösen Arbeitsweise entstammen muss und schon fast zwangsläufig das Projekt einer "Agentur der Fotografen" nahelegte, sobald sich die allgemein ökonomischen Verhältnisse (und mit ihnen die verdammt praktischen Arbeitsbedingungen) veränderten. Wo Konkurrenz oder gar Auftragsneid in der Szene umgehen, erstarren Gespräche schnell zur Förmlichkeit. Die Agentur also nicht nur als Vehikel ökonomischen Überlebens, sondern zur Wahrung von Kollegialität – um gemeinsam Qualitäten zu suchen und zu fördern. Wie man weiß, hat sich OSTKREUZ zu einem ziemlich erfolgreichen Unternehmen gemausert; verträgt sich Erfolg mit dem Ideal kollektiver Produktivität?

Wohl doch, wenn ich mir daraufhin die Bilder von Maurice ansehe, die, wenn ich es richtig verstehe, nur zum Teil den Part des "zeitgeschichtlichen Kommentars von außen" übernehmen. Sie dokumentieren den Bruch, das Ende jener Geschichte, von der bis hierher die Rede war, und zugleich begegnen sie – mitten im medialen Overkill der sich überstürzenden Ereignisse – den Akteuren dieses historischen Abgesangs noch einmal mit der gleichen Aufmerksamkeit wie in den vier Jahrzehnten zuvor. Der Sprung von einer gemächlichen und reflektorischen in eine rasante und innovationssüchtige Kultur findet gerade erst statt, doch der erste, der die Nähe zu OSTKREUZ sucht, fühlt sich ausgerechnet ihrer präzisen, weil geduldigen Erzählweise verbunden. Mit solcher Anerkennung, nehme ich an, ließ es sich gut starten in die neue Zeit.

Zwei Jahrzehnte sind seit dem Ende der OSTZEIT vergangen, und schon stochert die erste Nachwendegeneration nur noch ratlos im Nebel. Von immer schrilleren Legenden fasziniert beginnen heimatkundliche Leistungskurse auf einmal die DDR zu entdecken. Was da mitunter alles recherchiert und so hemdsärmelig wie kenntnisfrei interpretiert wird, weckt bei uns immer noch Anwesenden manchmal schon Zweifel an der eigenen Biografie. Und wieder muss ich erleben, dass im offiziellen Weltbild für meine reale Erfahrung kein Platz ist; schon wieder bin ich auf der Suche nach der leisen Beobachtung, die sich von den lauten Behauptungen nicht irremachen lässt. Und ich denke auch, so vom Grundsatz her freundlich wird sich Gegenrede nicht wieder formulieren lassen. Womit OSTZEIT dann endgültig prähistorisch werden dürfte. Ästhetische Botschaften in einem bald schon vergessenen Dialekt. In schönen Büchern mit Staunen zu betrachten. So wirft jede Zeit ihre eigene Flaschenpost ins Meer.



 

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