DDR-Demonstration, Ministerium für Staatssicherheit Stasi, Überwachungsmonitore

7.10.2016 | Von:
Dr. Axel Janowitz

Vom historischen Ort zum Lernort

Die ehemalige Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg

Will Schülerarbeit erfolgreich sein, müssen historisches und politisches Lernen Hand in Hand gehen. Dies ist Ziel in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. Sie versteht sich nicht nur als Gedenk-, sondern auch als Denkort.

Ruschestraße, NormannenstraßeZu Beginn des Bürgertags am 15. Januar 2014 vor dem Stasimuseum in der Ruschestraße, dem Haus, in dem einst Stasi-Chef Erich Mielke regierte. In Bildmitte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn. Rechts am Rand Autor Axel Janowitz. (© Holger Kulick)

Die Auseinandersetzung mit den Stasi-Akten und dem Lerngegenstand Stasi kann hier – im wahrsten Sinn des Wortes – verortet werden. Für den historischen Ort der früheren Stasi-Zentrale in Berlin Lichtenberg hat das Bildungsteam der Stasi-Unterlagen-Behörde ein vielfältiges, modulares Angebot entwickelt, das archivpädagogische und museumspädagogische Vermittlungsformen mit Zugängen entdeckenden Lernens verbindet. Welchen historischen Aspekten der DDR-Geschichte und welchen aufarbeitungspolitischen Besonderheiten kann hier nachgespürt werden? Welche immer wieder neuen Fragen von Schülerinnen und Schülern an die Geschichte können hier besonders gut aufgegriffen werden? Im Folgenden sollen einige Aspekte des historischen Orts, des Orts der Aufarbeitung und des Lernorts Stasi-Zentrale aufgezeigt werden.

Historische Strukturen

Die Stasi-Zentrale als Ort der Repression von 1950 - 1989

Als am 8. Februar 1950 das Ministerium für Staatssicherheit gegründet wurde, hatte es seinen Sitz im Gebäude des ehemaligen Finanzamtes in der Berlin-Lichtenberger Normannenstraße. Rasch dehnte sich die Stasi-Zentrale räumlich aus, bis sie 1989 einen Gebäudekomplex von rund 48 Büro- und Funktionsgebäuden umfasste. Neben den bis zu 13-stöckigen Bürogebäuden fanden sich hier unter anderem eine eigene Poliklinik und ein Dienstleistungs- und Versorgungsgebäude. Zentrales Repräsentationsgebäude auf diesem Gelände war seit 1961/62 "Haus 1", der Dienstsitz von Stasi-Minister Erich Mielke. Trotz der finanziellen Krise der DDR wurde die Stasi-Zentrale auch in den 1980er Jahren weiter ausgebaut, noch 1984 wurde ein neues Archivgebäude in Betrieb genommen.

Das Gelände war Arbeitsplatz für ca. 8.000 Stasi-Mitarbeiter. Von hier aus steuerte die Stasi im Auftrag der SED, als deren Schild und Schwert sie sich begriff, Überwachung und Repression im ganzen Land. Von der Normannenstraße in Berlin aus gingen Weisungen und Aufträge an die 15 Stasi-Bezirksverwaltungen, 209 Kreisdienststellen und sieben Objektdienststellen in der ganzen DDR, von hier aus wurde die Auslandsspionage organisiert und hier liefen die geheimen Informationen aus allen Dienststellen mit ihren zuletzt rund 91.000 Hauptamtlichen Mitarbeitern zusammen.

Ein doppelter Ereignisort

Die Stasi-Zentrale als Symbol für die Überwindung des Repressionsapparats

Am 15. Januar 1990 erzwangen Demonstranten den Zugang zum Gelände der Stasi-Zentrale. Sie setzten damit einen entscheidenden und besonders symbolträchtigen Schlusspunkt unter einen Prozess, der am 4.12.1989 in Erfurt begonnen hatte. Zunächst hier, dann in rascher Folge in allen Bezirksstädten der DDR, besetzten Bürgerinnen und Bürger die Dienststellen der Stasi. Sie stoppten so die von der Stasi begonnene Vernichtung der Stasi-Unterlagen und brachen das Wissensmonopol der Geheimpolizei.

Während Menschen die Stasi in den Regionen entmachtet und die Akten unter bürgerschaftliche Kontrolle gebracht hatten, wurde in der Zentrale weiter an Zukunftsplänen für die Geheimpolizei gearbeitet. Auch lief die Vernichtung von Akten dort weiterhin auf Hochtouren. Parallel verlaufende Aktivitäten regionaler Bürgerkomitees und ein Demonstrationsaufruf des Neuen Forums für den 15. Januar 1990 verbanden sich mit einer generellen Empörung darüber, dass die Modrow-Regierung offenkundig kein Interesse daran hatte, die Weiterarbeit der Stasi in Berlin wirksam zu stoppen. Am Abend des 15. Januar war dann der Druck auf die Stasi-Zentrale so groß, dass die Tore geöffnet werden mussten und Demonstranten auf das Gelände und in einzelne Gebäude, vor allem den Versorgungs- und Dienstleistungstrakt, stürmten. Erst mit der Besetzung der Zentrale war die gesamte frühere Stasi unter bürgerschaftlicher Kontrolle und damit die Aktenvernichtung durch die Stasi gestoppt.

Die Stasi-Zentrale als Ort zivilgesellschaftlichen Engagements in der Demokratie

Im September 1990 war die Stasi-Zentrale erneut Schauplatz politischer Auseinandersetzungen. Als sich abzeichnete, dass die Stasi-Unterlagen im Zuge der deutschen Einheit in das Bundesarchiv mit den für Archive geltenden Sperrfristen übergeben werden sollten, besetzten Bürgerrechtler am 4. September 1990 die Stasi-Zentrale. Mit einem Hungerstreik und durch Mobilisierung der Öffentlichkeit erzwangen sie eine spezielle Reglung im Einigungsvertrag. Ein Sonderbeauftragter sollte die Grundlagen dafür erarbeiten, die Stasi-Unterlagen ohne Sperrfristen zugänglich zu machen. Dazu war eine spezielle gesetzliche Regelung nötig, die zugleich den Aktenzugang ermöglichte und den Persönlichkeitsschutz der von Stasi-Ausspähung und Repression betroffenen Menschen sicherte. 1991 verabschiedete der Bundestag das Stasi-Unterlagen-Gesetz, der Sonderbeauftragte wurde zum Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU).

Die Stasi-Zentrale wurde also 1990 zweimal zum historischen Ereignis- und Entscheidungsort. Beide Male ging es darum, die Stasi-Akten für die Öffentlichkeit zu sichern und das Wissensmonopol der Stasi zu brechen. Die beiden Formen zivilgesellschaftlichen Agierens unterscheiden sich aber hinsichtlich der Handlungskontexte fundamental. Am 15. Januar 1990 wurde in einer revolutionären Umgestaltungsphase das Macht- und Repressionsinstrument der SED gegen deren Willen endgültig entmachtet, ein großer Teil der Akten wurden vor der weiteren Vernichtung gerettet. Im September 1990 behaupteten dagegen in einem demokratischen Staat Bürger in einem demonstrativen Akt die rechtliche Errungenschaft des unmittelbaren Zugangs zu diesen Unterlagen.

Geschichte in der Gegenwart

Die Stasi-Zentrale als Ort der Aufarbeitung und der Erinnerungskultur

Bald nach der Besetzung der Stasi-Zentrale im Januar 1990 entwickelten sich hier zwei Aufarbeitungsstränge: ein bürgerschaftlicher, der sich auf "Haus 1", den früheren Dienstsitz Erich Mielkes mit seiner Büroetage, konzentriert und ein staatlicher, der sich auf das frühere Stasi-Archiv konzentriert.

Für den bürgerschaftlichen Weg steht vor allem der Verein "AStAK" (Antistalinistische Aktion e.V.). Er hatte sich 1990 mit dem Ziel der Musealisierung von "Haus 1" konstituiert. Durch bürgerschaftliches Engagement wurde das Gebäude zu einer Forschungs- und Gedenkstätte entwickelt. Seit 2015 wird hier im Stasi-Museum die Dauerausstellung "DDR-Staatssicherheit in der SED-Diktatur" gezeigt. Sie wurde gemeinsam von ASTAK und BStU erarbeitet.

In der Nachbarschaft begann – ebenfalls bereits 1990 – die Sicherung und Erschließung der Stasi-Akten im früheren Zentralarchiv der Stasi. Mit der Verabschiedung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes wurde das Stasi-Archiv zum Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, eine staatliche Archiv- und Aufarbeitungsinstitution. Der historische Akten-Bestand der Zentrale verblieb am historischen Archivstandort. Am 2. Januar 1992 nahmen hier erstmals Betroffene Einblick in ihre Akten. Seither dienen die Akten, die bis dahin für den Machterhalt einer Diktatur angelegt und gegen Menschen eingesetzt worden waren, der Aufdeckung der Stasi-Machenschaften und der Erforschung von Herrschaftsstrukturen einer Diktatur.

Geschichte wird hier also von unterschiedlichen Trägern präsentiert und bewahrt, gesellschaftliche und individuelle Aufarbeitung ermöglicht. Für die Weiterentwicklung des Geländes sind weitere Komponenten in Vorbereitung. Im Juni 2016 wurde eine davon, die Open-Air-Ausstellung "Revolution und Mauerfall" der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. im Innenhof der Normannenstraße eröffnet. Weitere Aspekte des Ortes, neue Darstellungs- und Deutungsangebote werden zur Auseinandersetzung einladen.

Geschichte entdecken

Die Stasi-Zentrale weniger als Gedenk-, sondern als Denk- und Lernort

Seit 2012 hat das Bildungsteam des BStU seine Arbeits- und Projekträume im "Haus 1". Dort hat es Projekttags-Module erarbeitet und angeboten, die mit starkem Ortsbezug und mit Bezug auf die Stasi-Unterlagen das Entdecken und Erforschen von historischen Strukturen und Prozessen auf dem Gelände der früheren Stasi-Zentrale ermöglichen. Die Machtmechanismen und Wirkungsweisen einer Diktatur werden am Beispiel ihres Repressionsapparats exemplarisch erschließbar.

Die Lernarrangements des Bildungsteams sind darauf ausgerichtet, der Vielschichtigkeit des Ortes gerecht zu werden. Fragestellungen der Lernenden werden aufgegriffen und mit verschiedenen Projekttagmodulen die für eine historische Einordnung erforderlichen Kenntnisse vermittelt. Bei den Projektangeboten zum Stasi-Unterlagen-Archiv und den Unterlagen (z.B. mit den "Quellen für die Schule"), den museumspädagogischen Arbeitsmaterialien zur und in der Ausstellung oder auf dem Gelände ("Educaching-Projekt") wird auf eigene Wege der Erkenntnisgewinnung durch wissenschaftsgestützte Formen der Erarbeitung und des entdeckenden Lernens gesetzt. Für die Entwicklung fachbezogener Kompetenzen wie Methodenkompetenz, Deutungs- und Analysekompetenz sowie Urteils- und Orientierungskompetenz ist der Lernort besonders gut geeignet. Historische Quellen, historische Gebäude und Geschichtsdarstellungen unterschiedlicher Akteure der Aufarbeitung in Ausstellungen und Gedenktafeln lassen sich an einem Ort nutzen. Am Ende der modular aufgebauten Projekttage des Bildungsteams steht in der Regel eine Ergebnispräsentation, mit der die Lernenden aufgefordert sind, ihre Erkenntnisse in eine narrative Form zu bringen.

Alle Ausstellungsangebote thematisieren die Auswirkungen der Stasi-Tätigkeit für den Einzelnen und für den Alltag in der SED-Diktatur. Und ein Besuch des Stasi-Unterlagen-Archivs veranschaulicht anhand der großen Menge an Archivalien die Überwachungsdimension und Sammeltätigkeit der Stasi. Ein Archiv aber besteht aus Millionen von Einzelbeispielen. Der Blick in die Akten verdeutlicht die Methoden der Stasi. Ohne Analyse, ohne Quellenkritik, sind die Stasi-Akten nicht einzuordnen. Erst im Wissen um den historischen und ideologischen Kontext, in dem sie verfasst wurden, im Herausarbeiten von den Zielen und dem Feindbild der Verfasser lässt sich seriös mit diesen perspektivisch gebundenen Quellen arbeiten. Der Lernort Stasi-Zentrale muss daher am früheren Ort der Täter stärker als Denk-Ort denn als Gedenk-Ort ausgerichtet sein. Spätestens bei der Interpretation der Akten, bei der Diskussion darüber aber erkennen Schülerinnen und Schüler, welche Konsequenzen die an diesem Ort getroffenen und in den Akten dokumentierten Entscheidungen für unzählige Betroffene hatten. Die Analyse von Stasi-Strukturen, Methoden und Kontexten, das Hinterfragen von Feindbildern und Perspektiven der Stasi sind ein wichtiger Schritt für die Empathie mit den davon betroffenen Menschen.

Trotz dieses Potenzials lassen die Stasi-Unterlagen natürlich perspektivische und inhaltliche Leerstellen: Sie bilden das Selbstverständnis und die tatsächlichen Motive von Menschen, die in der DDR aus politischer Überzeugung und aus Freiheitswillen agierten oder die aufgrund ihrer politischen Überzeugungen oder ihres nicht konformen Verhaltens ins Visier der Stasi gerieten, kaum ab. Hier werden Perspektivwechsel oder -erweiterungen nötig: Zeitzeugengespräche, Angebote von Oppositionsarchiven (in Berlin z. B. der Robert-Havemann-Gesellschaft) oder Besuche von Gedenkstätten, die an das Leid der Opfer erinnern (in Berlin z.B. der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen).

Historische und politische Bildung im Wechselspiel

Die Stasi-Zentrale als Diskursort über Geschichte und Gegenwart

Mit seiner Repressionsgeschichte, der Rolle in der Friedlichen Revolution und der Nutzung für unterschiedliche Formen des Erinnerns, der Geschichtsdarstellung und der Aufarbeitung erfüllt der Ort wesentliche Kriterien, die der Geschichtsdidaktiker Christian Kuchler (Historische Orte im Geschichtsunterricht, 2012) für das Geschichtslernen von historischen Orten fordert:
  • Hier lassen sich historisch bedeutsame Strukturen nachweisen,
  • hier haben sich geschichtliche Ereignisse abgespielt,
  • hier wurden im Verlauf der Geschichte Abweichungen und Veränderungen vorgenommen und
  • hier wird früher Geschehenes heute präsentiert oder gedeutet.
Die Beschäftigung mit den historischen Gebäuden, der Blick in das Stasi-Unterlagen-Archiv und die Akten, die Arbeit mit den Ausstellungen und ein Besuch des Büros von Stasi-Minister Mielke machen die Bedeutung dieses Orts für das Funktionieren der SED-Diktatur begreifbar. Erst vor diesem Hintergrund ist die Bedeutung der Stasi-Zentrale im Prozess der Überwindung der Diktatur zu verstehen, lässt sich das Ringen um den Zugang zu den Akten einordnen. Die Bedeutung der Aktenöffnung für die persönliche und gesellschaftliche Aufarbeitung der Diktatur wird am historischen Ort der Stasi und ihrer Akten anschaulich. Dieser Einblick in eine weitgehend offengelegte Geheimpolizei fordert zu einer gegenwartskritischen Reflexion darüber heraus, was die gegenwärtigen und zu erwartender Aufgaben der Geheimdienste in der Demokratie sind, wie sie arbeiten, kontrolliert und rechtlich gebunden werden. Historisches und politisches Lernen gehen so Hand in Hand.

Aus dieser Erfahrung heraus entwickelt die Stasi-Unterlagen-Behörde seit rund 15 Jahren Unterrichtsmaterialien und bietet adressatengerechte Lehrerfortbildungen und Schülerprojekttage an. Grundlage der Bildungsangebote sind die Stasi-Unterlagen und die im Stasi-Unterlagen-Gesetz verankerte Aufgabe, die Öffentlichkeit über Struktur, Methoden und Wirkungsweise des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) zu informieren. Dazu gehört auch die Vermittlung des für das Verständnis und die Einordnung dieser besonderen Quellen notwendigen historischen, methodischen und geschichtskulturellen Kontextwissens.

Mit den erarbeiteten Materialien und Unterrichtsvorschlägen, z. B. didaktisch aufbereiteten Quellen oder Themenmappen, einem Unterrichtsfilm oder einer an Lehrplaninhalten orientierten Poster-Ausstellung, lassen sich an Schulen einzelne Unterrichtsstunden, Projekttage oder sogar ganze Projektwochen gestalten (www.bstu.bund.de/bildung Hinweis auf Info-Kasten). Eine Erfahrung aus der Arbeit mit inzwischen mehreren Schülergenerationen ist dabei: Fast immer leiten Schülerinnen und Schüler aus der Beschäftigung mit der Stasi gegenwartskritische Fragen ab. Sie beziehen den historischen Lerngegenstand auf Gegenwartsphänomene aus dem Bereich der Geheimdienste oder allgemein auf die Themen Überwachung, Kontrolle und Verrat. Historisches und politisches Lernen liegen für sie beim Thema Stasi dicht beieinander.

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Angebote der Stasi-Unterlagen-Behörde für die Bildungsarbeit

Eine Übersicht über die Bildungsangebote am Lernort Stasi-Zentrale bietet eine Broschüre des BStU; "Die Stasi-Zentrale – ein Lernort. Module für Projekttage", Berlin 2015.

Arbeitsmaterialien und Vorschläge für den Unterricht bündelt der Link www.bstu.bund.de/bildung Die Adresse für Nachfragen: Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen (BStU)
Bildungsteam
Ruschestraße 103
10365 Berlin

Postanschrift:
BStU, 10106 Berlin

Tel.: +49 (0)30 2324-8937
Mail: bildung@bstu.bund.de
Info: www.bstu.bund.de/bildung

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