"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

23.12.2011 | Von:
Reinhard Sturm

Kampf um die Republik 1919 - 1923

Deutsch-russisches Abkommen

Vom 10. April bis zum 19. Mai 1922 fand in Genua eine Weltwirtschaftskonferenz unter Beteiligung Deutschlands statt. Die USA und die Türkei blieben ihr fern, unter anderem, weil das bolschewistische Russland eingeladen war. Während die Konferenz ergebnislos endete, sorgten Deutschland und Russland für eine Überraschung. Am 16. April schlossen ihre Delegationen in Rapallo einen Vertrag über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen, den gegenseitigen Verzicht auf die Erstattung von Kriegsschäden und Kriegskosten, den deutschen Verzicht auf Entschädigungen für sozialisiertes Eigentum in Russland und die Errichtung von Handelsbeziehungen nach dem Grundsatz der "Meistbegünstigung" (das heißt, die Vertragspartner wollten sich gegenseitig die vorteilhaftesten Handelsbedingungen einräumen, die sie bereits anderen Staaten gewährten). Deutschland und die Sowjetunion überwanden in Rapallo ihre außenpolitische Isolation und erweiterten – ungeachtet ihrer ideologischen Gegensätze – ihre wirtschaftlichen Beziehungen. Sogar auf militärischem Gebiet kam es zu einer begrenzten (geheim gehaltenen) Zusammenarbeit: Beim Aufbau ihrer Rüstungsindustrie und bei der Entwicklung moderner schwerer Waffen (Panzer, Flugzeuge, Artillerie) konnte die Sowjetunion die Hilfe deutscher Experten in Anspruch nehmen. Im Gegenzug fuhren Reichswehroffiziere nach Russland zur Ausbildung an diesen Waffen, die Deutschland aufgrund des Versailler Vertrages weder besitzen noch herstellen durfte. Die Reichsregierung versprach sich von der Verständigung mit Moskau auch eine Stärkung ihrer Verhandlungsposition gegenüber den Westmächten. Doch "Rapallo" verhärtete eher die Fronten, denn es stellte sich die Frage, ob das Abkommen eine allgemeine deutsche Option für den Osten und gegen den Westen bedeutete – und womöglich eine Gefährdung Polens. Tatsächlich löste Rapallo in der deutschen Rechten zum Teil abenteuerliche Spekulationen aus. General von Seeckt zielte in einer geheimen Denkschrift vom 11. September 1922 bereits auf die Wiederherstellung Deutschlands und Russlands "in den Grenzen von 1914", was eine neuerliche Aufteilung Polens bedeutet hätte. Mit Polen werde zugleich auch die "stärkste Säule des Versailler Vertrages" fallen: die "Vormachtstellung Frankreichs".

Ruhrbesetzung

"Nun geht das Krisenjahr zu Ende. Die inneren und äußeren Gefahren waren so groß, dass sie Deutschlands ganze Zukunft bedrohten", schrieb der britische Botschafter in Berlin, Viscount d'Abernon, am 31. Dezember 1923 in sein Tagebuch. Tatsächlich wurde die Republik in jenem Jahr heftiger denn je von einer ganzen Serie schwerer wirtschaftlicher und politischer Krisen geschüttelt. Wegen der akuten wirtschaftlichen und finanziellen Probleme des Reiches (Verbrauch der Gold- und Devisenvorräte für die Reparationen, Staatsverschuldung, Währungsverfall) verzichteten die Alliierten im August 1922 vorläufig auf Geldleistungen. Zum Ausgleich verlangten sie eine Erhöhung der Sachlieferungen, unter anderem von Holz (Telegrafenstangen) und Kohle. Als das Reich die Holz- und Kohlelieferungen bis Ende 1922 nicht erfüllen konnte, stellte die alliierte Reparationskommission mehrheitlich einen Verstoß gegen den Versailler Vertrag fest. Am 10. Januar wurde der Reichsregierung eine französisch-belgisch-italienische Ingenieurkommission angekündigt, die unter dem Schutz der dazu "erforderlichen Truppen" die Kohleproduktion kontrollieren werde. Tags darauf begann der Einmarsch von fünf französischen Divisionen und einer belgischen Division in Essen und Gelsenkirchen. Die Besetzung wurde über Bochum und Dortmund nach Osten ausgedehnt; die Invasionstruppen erreichten im Laufe des Jahres eine Stärke von 100.000 Mann. Ganz Deutschland wurde von einer nationalen Protestwelle erfasst. Sämtliche Reparationslieferungen wurden eingestellt und die Beamten angewiesen, jede Zusammenarbeit mit den Besatzern zu vermeiden. Reichspräsident Ebert rief am 13. Fe-bruar die Bevölkerung zum "passiven Widerstand" auf. Die Invasionstruppen überwachten den Abtransport von Holz und Kohle, fanden aber bald kein mitarbeitsbereites Personal mehr. Daraufhin legten sie Zechen und Fabriken still, beschlagnahmten öffentliche Kassen und Firmenkassen und wiesen 180.000 Personen aus der Region aus. Von den Besatzern verursachte Gewaltakte und Unfälle forderten bis August 1924 137 Tote und 603 Verletzte. Der volkswirtschaftliche Gesamtschaden der Ruhrbesetzung belief sich auf 3,5 bis vier Milliarden GM. Entgegen den Appellen der Reichsregierung entwickelte sich auch ein aktiver Widerstand rechtsradikaler Sabotagetrupps. Diese sprengten einige Kanalbrücken und Gleise, um den Abtransport von Reparationsgütern zu verhindern; sie überfielen französische und belgische Posten und töteten mindestens acht Kollaborateure. Zur Märtyrerfigur des gesamten Widerstandes gegen die Ruhrbesetzung wurde der 29-jährige Albert Leo Schlageter, ehemaliger Freikorpssoldat, Mitglied der NSDAP und anderer deutschvölkischer Verbände. Nach mehreren Sabotageakten verurteilte ihn ein französisches Militärgericht zum Tode; trotz landesweiter und internationaler Proteste wurde er am 26. Mai 1923 hingerichtet.

Hyperinflation

Die durch Zinszahlung und Schuldentilgung bereits angespannte Haushaltslage des Reiches wurde durch die Produktions- und Steuerausfälle im Ruhrgebiet und durch die Unterstützung der Ausgesperrten und Ausgewiesenen dramatisch verschärft. Diese Kostenlawine versuchte die Regierung mit immer höheren Krediten der Reichsbank und durch immer häufigere Betätigung der Notenpresse zu bewältigen. Aus der bereits galoppierenden Inflation wurde im Juni 1923 eine Hyperinflation. Das Giralgeld und das umlaufende Bargeld wuchsen je auf rund 500 Trillionen Mark an. Gemeinden und Großbetriebe gaben zusätzlich "Notgeld" in Höhe von 200 Trillionen Mark aus. Reichsbanknoten mit astronomischen Nennwerten zeugten vom Kaufkraftverfall der deutschen Währung; der Dollar-Kurs stieg steil an. Die Flucht in den Dollar, in Sachwerte und Immobilien beschleunigte sich. Den Preissteigerungen in immer kürzeren Abständen hinkten die Löhne hinterher. Schließlich traten Naturalien (beispielsweise Lebensmittel, Zigaretten, Kohle) als Zahlungsmittel an die Stelle des Bargeldes. Als der Einzelhandel seine Waren zu horten begann, kam es zu Hungerdemonstrationen und Plünderungen. Im Berliner Scheunenviertel, wo viele eingewanderte "Ostjuden" lebten, führte das Gerücht, die Brotversorgung werde von Juden manipuliert, am 5./6. November zu antisemitischen Ausschreitungen. Gewinner der Inflation waren die Schuldner – vor allem viele Bauern, die sich von ihren Schulden aus der Vorkriegszeit befreiten, und der Staat, der seine Kriegsanleihen bei den Bürgern ablöste. Ferner profitierten Mieter und Pächter, besonders aber Exportunternehmer, die bei sinkenden Kosten für ihre Produkte im Ausland harte Dollars erhielten. Dem devisenstarken Großunternehmer und DVP-Reichstagsabgeordneten Hugo Stinnes war es schon 1920 bis 1922 gelungen, mit kreditfinanzierten Eigentumsanteilen an mehr als 1600 Betrieben die "Siemens-Rheinelbe-Schuckert-Union" zu gründen (nach seinem Tod 1924 löste sie sich wieder auf). Sein Geschäftspartner Friedrich Flick, ebenfalls DVP-Mitglied, erwarb durch geschickte Börsenspekulationen Industrieanteile im Werte von 100 Millionen GM. Verlierer waren die Gläubiger, die für "gutes" verliehenes Geld jetzt wertloses zurückerhielten, ebenso die Bezieher fester Geldeinkommen (Arbeitnehmer, Rentner, Vermieter, Verpächter), mit denen man immer weniger kaufen konnte, und die Besitzer von Sparguthaben. Viele Menschen waren sowohl Gewinner als auch Verlierer – was überwog, zeigte erst ihre persönliche Bilanz.

Quellentext

Der Mittelstand erlebt die Inflation

Aus den Erinnerungen des Schriftstellers Rudolf Pörtner (geb. 1912)

Ich will nicht verschweigen, dass wir zunächst Nutznießer der fürchterlichen Geldvernichtung waren. Das Ehepaar Pörtner hatte sich 1922 kurzfristig entschlossen, ein im Entstehen begriffenes Haus in der Melberger Kronprinzenstraße, auf der Westseite von Bad Oeynhausen, zu kaufen. Kostenpunkt: 800000 Mark. Als wir am 1. April 1923 einzogen, war das ein Betrag, der selbst sensible Gemüter nicht mehr zu beunruhigen vermochte. Ein Griff in die Westentasche genügte, alle Verbindlichkeiten einschließlich der hypothekarischen Eintragungen aus der Welt zu schaffen.
Leider war das Haus erst halb fertig, als wir es übernahmen: halb fertig, miserabel gebaut, aus Altmaterialien zusammengeschustert. Inzwischen arbeiteten die Handwerker nur noch gegen Naturalien. Damit konnten wir natürlich nicht dienen, und dasGeld, das Vater ausbezahlt bekam, zuletzt zweimal täglich, reichte gerade für das nackte Leben. Noch im hohen Alter hat er häufig von dem defekten Ofenrohr in der Küche (also unserem Lebensraum) erzählt, aus dessen Löchern und Ritzen ein bronchien- und schleimhautfeindlicher Rauch quoll, ohne dass wir die Möglichkeit gehabt hätten, dem Übelstand abzuhelfen. Es gab ja keine Ofenknie und wenn, dann nicht für die lächerlichen Milliardenscheine, die acht Tage nach Erscheinen nicht einmal mehr das Papier wert waren, aus dem sie bestanden.
Was die Ablösung der homöopathisch ausgedünnten Währung durch die Rentenmark im November 1923 bedeutete, lässt sich heute nicht mehr ermessen. Es war, als wenn ein Ertrinkender, in einer Springflut von Papiergeld fast schon versunken, plötzlich Boden unter den Füßen verspürt hätte. Als mein Vater mit dem ersten wertbeständigen Zahlungsmittel heimkehrte, traten wir wie zur Besichtigung einer säkularen Kostbarkeit an, und es verschlug uns fast den Atem, als wir die erste Rentenmark zunächst beäugen, dann sogar wie eine wundertätige Reliquie in die Hand nehmen durften.
Die Stöße übrig gebliebenen Inflationsgeldes haben wir dann genutzt, die getünchten Wände unserer wenig einladenden Toilettenanlage zu tapezieren, unseren Lokus, mit Verlaub zu sagen, in ein Billionenkabinett zu verwandeln. Die Hauptattraktion war eine aus Millionenscheinen montierte Zahl mit sechsunddreißig Nullen, die in Worten auszudrücken uns nie gelungen ist. Wir hätten schon einen Astronomen zurate ziehen müssen.

Rudolf Pörtner (Hg.), Alltag in der Weimarer Republik. Erinnerungen an eine unruhige Zeit, Econ, Düsseldorf 1990, S. 360 f.

Aus den Erinnerungen des Buchautors Curt Riess (geb. 1902)
[...] Diejenigen aber, die alles verloren, waren in der großen Mehrheit. Was uns persönlich anging – mein Vater begriff erst, woran er war, als er feststellen musste, dass die Rechnung für 3,20 Meter Tuch, aus dem ein Anzug gemacht werden konnte, höher war als die Rechnung, die er einem Kunden für den Anzug ausstellen konnte. Von diesem Tag an fertigte er nur noch Anzüge gegen Dollar an. So blieb ihm sein Geschäft erhalten. Aber nicht jeder deutsche Kaufmann reagierte so schnell. Viele gingen zugrunde.
Und wie stand es um die so genannten kleinen Leute, die Gehaltsempfänger? Sie mussten am Ende des Monats feststellen, dass sie sich für den Lohn, den sie erhielten, so gut wie nichts mehr kaufen konnten. Um diesem Desaster abzuhelfen, wurde es zur Regel, dass Angestellte und Arbeiter nicht mehr monatlich bezahlt wurden, sondern wöchentlich, dann jeden dritten Tag, schließlich täglich. Dann sausten sie mit Erlaubnis der Geschäftsleitung oder auch der Betriebsleitung in die nahen Geschäfte und kauften ein. Und die Geschäftsinhaber brachten das eingenommene Geld so schnell wie möglich auf die Bank und kauften dafür, wenn irgend möglich, fremde Währungen, vor allem Dollar, Pfund oder Schweizer Franken.
Ich erinnere mich noch, wie grotesk die Zustände wurden, weil ich sie am eigenen Leib zu spüren bekam. Ich war krank geworden, und ich sollte zur Erholung in den "Weißen Hirsch", den damals noch feudalen Kurort oberhalb von Dresden. Mein Vater hatte mir für vierzehn Tage vierzehn Dollar mitgegeben, in Scheinen, die man in Mark umwechseln konnte. Er hatte mir eingeschärft, jeden Tag zu warten, bis der jeweils neue Dollarkurs verkündet wurde. Das war so um 15 Uhr.
Um 15 Uhr wechselte ich also einen Dollar und bekam dafür die entsprechende Marksumme und konnte die tägliche Pensionsrechnung bezahlen, auch die Straßenbahn nach Dresden, eine Karte für die Oper oder das Schauspielhaus und die Fahrt zurück. Und das alles für einen Dollar, wenn ich überhaupt den ganzen Dollar, will sagen die Unsummen an Mark, innerhalb von 24 Stunden ausgeben konnte.
[...] Natürlich erhöhte auch die Pension ihre Tagesrechnungen, die elektrische Straßenbahn ihre Gebühren, natürlich musste man auch für einen Platz im Opernhaus im Laufe von zwei Wochen mehr und mehr zahlen. Aber so schnell konnten die Behörden mit ihren Preisen gar nicht nachziehen, wie die Mark stürzte.
Freilich, ich war in einer bevorzugten Position. Wer konnte schon von Dollarscheinen leben?

Curt Riess, "Weltbühne Berlin" in: Rudolf Pörtner (Hg.), Alltag in der Weimarer Republik. Erinnerungen an eine unruhige Zeit, Econ, Düsseldorf 1990, S. 34 f.

Währungsreform

Die seit November 1922 amtierende DVP-Zentrum-DDP-Regierung unter dem parteilosen Reichskanzler Wilhelm Cuno musste erkennen, dass der Kampf gegen die Ruhrbesetzung in den wirtschaftlichen Ruin führte; am 12. August 1923 trat sie zurück. Gustav Stresemann (DVP) bildete ein Kabinett der "Großen Koalition" (SPD – DDP – Z – DVP), verkündete am 26. September das Ende des passiven Widerstandes und leitete eine Währungsreform ein. Die am 15. November übergangsweise eingeführte "Rentenmark" (1 Rentenmark = 1 Billion Papiermark [das heißt Inflationsgeld] bei 4,2 Rentenmark für den Dollar) wurde rasch als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel akzeptiert. Auch schuf sie die Voraussetzung für konstruktive Reparationsverhandlungen, die zum Dawes-Plan führten. Am 30. August 1924 erfolgte die Ablösung der Rentenmark durch die goldgedeckte, voll konvertierbare "Reichsmark".

Rechtsdiktatur in Bayern

Für einen politischen Schlag gegen die Weimarer Republik sorgte die rechtskonservative bayerische Staatsregierung unter Ministerpräsident Eugen Ritter von Knilling. Um in Bayern eine Diktatur zu errichten, berief sie sich am 26. September 1923 – ohne nachvollziehbare Voraussetzungen – auf Artikel 48 Abs. 4 WV, der auch einer Landesregierung Notstandsmaßnahmen erlaubte. Sie verhängte den Ausnahmezustand über Bayern, ernannte den Regierungspräsidenten von Oberbayern und früheren Ministerpräsidenten Gustav Ritter von Kahr zum "besonderen Generalstaatskommissar" und übertrug ihm die vollziehende Gewalt. Auf diesen offenkundigen Hochverrat reagierte Reichspräsident Ebert mit der Verhängung des Ausnahmezustandes über ganz Deutschland. Er übertrug die vollziehende Gewalt auf Reichswehrminister Geßler; de facto lag sie beim Chef der Heeresleitung, General von Seeckt. Der mit diktatorischen Vollmachten ausgestattete Kahr bildete mit dem bayerischen Wehrkreiskommandeur, General Otto von Lossow, und dem Chef der bayerischen Landespolizei, Oberst Hans von Seißer, eine Art "Triumvirat" (Drei-Männer-Bündnis). In den folgenden Wochen wurde in Bayern unter anderem das Republikschutzgesetz außer Kraft gesetzt, linke Organisationen und Zeitungen verboten und mehrere hundert jüdische Familien, die vor Jahrzehnten aus Osteuropa eingewandert waren ("Ostjuden"), aus Bayern ausgewiesen. Das Triumvirat zielte auf eine reichsweite Diktatur mit Hilfe eines "Marsches auf Berlin" (nach dem Vorbild des "Marsches auf Rom" der italienischen Faschisten unter Benito Mussolini am 28. Oktober 1922); es hoffte dabei auf die Unterstützung des Chefs der Heeresleitung. Seeckt hegte zwar Sympathien für die neuen Münchner Machthaber und verhinderte eine Reichsexekution gegen das Land Bayern, getreu seiner Devise, Reichswehr schieße nicht auf Reichswehr. Mehr aber unternahm er nicht, sondern hielt sich geschickt im Hintergrund.