"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft (Teil 2)

Gleichschaltung der Verbände

Auch die Gleichschaltung im gesellschaftlichen Bereich vollzog sich in unterschiedlichen Abstufungen und mit ungleichmäßiger Intensität. Dazu bedurfte es mitunter brutaler Gewalt, oft aber nur noch eines sanften Drucks. Der erste Schlag galt den Gewerkschaften, deren Ausschaltung Bestandteil des Regierungsprogramms der "nationalen Erhebung" war. Wieder kamen innere Schwächen und Fehleinschätzungen auf Seiten der Opfer und die Verbindung von Propaganda und Gewalt bei den Verfolgern zusammen, um die einst mächtige Organisation der deutschen Arbeiterbewegung in kürzester Zeit zu eliminieren.

Gewerkschaften

Trotz mancher Meinungsverschiedenheiten hatte sich der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) bis zum Januar 1933 bei seinen Entscheidungen im Einklang mit der Sozialdemokratie befunden. Nach den Wahlen vom 5. März suchten aber auch die Gewerkschaftsführer "der Zeit Rechnung zu tragen". In einem Schreiben an Hitler distanzierte sich der ADGB-Vorsitzende Theodor Leipart offen von der SPD. Vergessen waren alle demokratischen und sozialistischen Glaubensbekenntnisse:Es ging nur noch um die Erfüllung der sozialen Aufgaben der Gewerkschaften, "gleichviel welcher Art das Staatsregime ist". Es war die Sorge um die Erhaltung der eigenen Organisation, die alle weiteren Schritte bestimmte. Die Gewerkschaftsführung ließ sich auf ein Gespräch mit der "Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation" (NSBO) ein, um sich von der noch immer unbedeutenden Nazi-Gewerkschaft sagen zu lassen, daß nicht genehme "marxistische" Gewerkschaftsführer zurücktreten müßten.

Leipart erklärte, die Gewerkschaften hätten ein "Recht auf den Schutz des Staates" und stellte dafür die Mitarbeit im neuen Staat in Aussicht. Der wiederum köderte die Gewerkschaftsführer mit der trügerischen Verheißung alter Träume der Arbeiterbewegung. An die Stelle der miteinander rivalisierenden Richtungsgewerkschaften sollte eine Einheitsgewerkschaft treten, und gleich nach dem Tag von Potsdam inszenierten die Nationalsozialisten eine neue massenwirksame Schau, mit der die "Volksgemeinschaft aller schaffenden Stände" gefeiert werden sollte.

Der traditionelle Tag der internationalen Arbeiterbewegung, der 1. Mai, wurde ausgerechnet vom nationalsozialistischen Regime zum gesetzlichen Feiertag erklärt, nachdem die SPD in der Weimarer Republik aus Rücksicht auf die bürgerlichen Koalitionspartner stets darauf verzichtet hatte. Am 17. April notierte Goebbels in seinem Tagebuch über eine Absprache mit Hitler: "Den 1. Mai werden wir zu einer grandiosen Demonstration deutschen Volkswillens gestalten. Am 2. Mai werden dann die Gewerkschaftshäuser besetzt. Gleichschaltung auch auf diesem Gebiet. Es wird vielleicht ein paar Tage Krach geben, aber dann gehören sie uns. Man darf hier keine Rücksicht kennen. [...] Sind die Gewerkschaften in unserer Hand, dann werden sich auch die anderen Parteien und Organisationen nicht mehr lange halten können."

Genauso sollte es kommen. Das Wechselbad von Verlockung und Drohung hätte nicht zynischer ersonnen sein können. Man hatte sich eine Doppelstrategie ausgedacht, die Verwirrung stiften und den Widerstand brechen sollte. Die ADGB-Führung meinte, bei einem solchen "Tag der nationalen Arbeit" nicht abseits stehen zu dürfen, und rief schon am 19. April zur Teilnahme auf. Goebbels rief mit pathetischen Parolen zum 1. Mai auf: "Ehret die Arbeit und achtet den Arbeiter! [...] Bekränzt eure Häuser und die Straßen der Städte und Dörfer mit frischem Grün und den Farben des Reiches [...] Deutsche aller Stände, Stämme und Berufe, reicht euch die Hände! Geschlossen marschieren wir in die neue Zeit hinein."

Gleichzeitig wurde in aller Stille ein "geheimes Aktionskomitee zum Schutze der deutschen Arbeit" unter Leitung des Stabsleiters der Politischen Organisation der NSDAP, Robert Ley, und des NSBO-Mannes Reinhold Muchow gebildet, um den entscheidenden Schlag für den 2. Mai vorzubereiten. "Träger der Aktion soll die NSBO sein. SA bzw. SS ist zur Besetzung der Gewerkschaftshäuser und der Inschutzhaftnahme der in Frage kommenden Persönlichkeiten einzusetzen. [...] Die Übernahme der Freien Gewerkschaften muß in einer Form vor sich gehen, daß dem Arbeiter und Angestellten das Gefühl gegeben wird, daß sich diese Aktion nicht gegen ihn, sondern gegen ein überaltertes und mit den Interessen der deutschen Nation nicht übereinstimmendes System richtet." Das zielte darauf, die organisierte Arbeitschaft aus dem Zusammenhalt und Schutz ihrer Verbände herauszulösen, um leichter über sie verfügen zu können. Denn die im März 1933 angelaufenen Betriebsrätewahlen hatten der NSBO zwar eine Stimmenzunahme, aber keine Mehrheit gebrht, so daß eine Machtübernahme von innen in der Arbeiterbewegung nicht zu erreichen war.

Am 1. Mai marschierte die Arbeiterschaft dann tatsächlich in einer Reihe mit denen, die ihnen zuvor feindlich gegenübergestanden hatten. Auf einer Massenkundgebung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin sprach Hitler von der "Volksgemeinschaft", zu der der "nationale Staat" erziehen werde, und von der "Erhebung" des Volkes über "Klassen, Stände und Einzelinteressen". Dies und das Versprechen, zu einer "Veredelung des Begriffs der Arbeit" zu kommen, sprach Gefühle und Erwartungen an, die viele teilten, ohne Nationalsozialisten zu sein.

Die andere nicht minder charakteristische Seite der nationalsozialistischen Sozialpolitik zeigte sich am folgenden Tag bei den Partei- und SA-Aktionen gegen den ADGB. Alles verlief überfallartig: Gewerkschaftshäuser, Büros, Banken und Redaktionen der freien Gewerkschaften wurden besetzt, das gesamte Vermögen beschlagnahmt und eine Reihe führender Gewerkschafter in "Schutzhaft" genommen, darunter auch der ADGB-Vorsitzende Leipart. Die Masse der Gewerkschaftsangestellten erhielt das Angebot, unter der Leitung von NSBO-Kommissaren weiterzuarbeiten. Die Machtdemonstration des 2. Mai brachte auch den übrigen Gewerkschaften das organisatorische Ende. In den folgenden Tagen unterstellen sich die liberalen "Hirsch-Dunkerschen Gewerkschaften" und der mitgliederstarke "Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband" dem Aktionskomitee des Robert Ley, der sich damit unversehens an der Spitze einer NS-Großorganisation befand, freilich noch in einer Konkurrenzsituation mit der NSBO, die sich zunächst die illusionäre Hoffnungachte, der Sieger des 2. Mai 1933 zu sein.

Quellentext

"Wir kämpfen für die Verfassung und die Kommunisten dagegen"

Otto Wels erklärt, er habe die Sitzung mit Vertretern der Gewerkschaften einberufen, um zu besprechen, welche letzten Abwehrmaßnahmen eventuell zu treffen wären. Aus den Betrieben kämen immerzu Anfragen, zu welchem Zeitpunkt die Arbeit niedergelegt werden sollte. Die Genossen seien beruhigt worden, die Diskussion in den Betrieben über die Einheitsfront [mit der KPD] sei aber sehr stark. Verhaftungen und Zeitungsverbote mehrten sich, und es bestände die Gefahr, daß aus irgendeinem besonderen Anlaß der Stein ins Rollen käme. Ein gewisser Anstoß dazu sei die Schlägerei und Verhaftung in Lübeck mit Genosse Leber (Julius Leber, MdR [1924-1933], Anm. d. Red.) gewesen, die unter der Arbeiterschaft eine große Erregung ausgelöst habe. Dazu käme die Auflösung des [preußischen] Landtags durch Notverordnung und andere reaktionäre Maßnahmen, die so aufpeitschend wirken könnten, daß die Arbeiter nicht mehr zu halten seien. Wir wüßten uns gewiß fern von jeder Nervosität und Überstürzung, aber wir müßten uns auch einig werden, was gegebenenfalls zu tun wäre. Wenn ein Generalstreik käme, wäre ja an Wahlen nicht zu denken. Wenn die Lawine ins Rollen komme, müßten wir doch versuchen, sie in unsere Bahnen zu leiten. […]

Leipart teilt mit, daß auch er mit Einheitsfrontvorschlägen bedacht worden sei, und zwar von Leuten wie Käthe Kollwitz und Einstein. Auch habe man von ihm verlangt, er müßte eine Deutsche Arbeiterpartei gründen. Er führe das hier nur als Kuriosum an.

Der ADGB habe mit den Christlichen und Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften gesprochen. Besonders die Christlichen seien sehr scharf in Abwehrstellung.

Er aber müßte doch die Frage aufwerfen, welches Ziel wir bei einem Generalstreik stellen könnten. Die Arbeiter, die jetzt noch in Stellung seien, würden doch jedenfalls befürchten, ihren letzten Arbeitsplatz zu verlieren. Die Begeisterung würde also wahrscheinlich nicht sehr stark für einen Generalstreik sein. Wahrscheinlich würden sie unseren Parolen folgen. Dann müsse aber auch bedacht werden, daß die Nazis mit ihrer SA sehr stark seien, die bei einem Streik die Betriebe besetzen würden. Wenn wir als Ziel nur erklären könnten: Wir rufen zum Generalstreik auf, um wieder verfassungsmäßige Zustände zu schaffen, würde das wohl als Parole nicht ausreichend sein, und er frage sich, ob wir andere Parolen hätten.

Und wenn selbst die kommunistischen Arbeiter mitmachten, so sei in der Bewegung doch immer eine gewisse Spaltung, denn wir kämpften für die Verfassung und die Kommunisten dagegen. […] Er käme […] zu dem Ergebnis, daß wir doch noch zuwarten müßten, bis ein offener Verfassungsbruch vorliege.

Stampfer: […] Er sei nicht so ganz gegen einen befristeten Generalstreik von etwa einem Tage […] Aber das sei nur möglich, wenn vorher eine Verständigung mit der KPD stattfände. Dabei müßte ihnen ganz klipp und klar gesagt werden, daß unser Ziel nicht die Errichtung eines Sowjetdeutschlands wäre. Vogel verweist darauf, daß die Leitung der deutschen Kommunistischen Partei ja nicht nur in der Zentrale liege, sondern in Moskau. Wenn bei der nächsten Präsidentenwahl Hindenburg nicht mehr kandidiert, die Kommunisten wieder mit ihren 6 Millionen Stimmen für einen Sonderkandidaten stimmten, so sei mit Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, daß Hitler gewählt werde. Sie scheinen nicht so viel Überlegung zu haben, daß sie sich sagen, daß es auch ihnen dann an Kopf und Kragen gehe.

Graßmann meint, wenn wir Stampfers Ausführungen folgen wollten, wäre es schon am besten, wir würden abdanken. Aus einer Unterredung mit den Kommunisten käme sicher nichts heraus. […]

Hilferding bedauert, daß Stampfer sich immer wieder mit der Idee beschäftige, wir müßten mit den Kommunisten reden. Eine Besprechung habe doch überhaupt nur mit der Leitung einen Zweck, unter keinen Umständen dürfte der Gedanke einer gemeinsamen Kampfleitung aufkommen. Wenn sich die Situation verschärfe und die Beunruhigung wachse, müßten wir die Führung in der Hand behalten. Es wäre doch nicht damit zu rechnen, daß ein Generalstreik einen so friedlichen Verlauf nehme wie der beim Kapp-Putsch. Es müßte doch schon in den ersten Stunden mit dem Bürgerkrieg gerechnet werden.

Schlimme bemerkt, daß die Stimmung in den Betrieben für einen Generalstreik nicht sehr stark sei. Auch die Beamten hätten wir nicht mehr völlig auf unserer Seite. Jetzt müßte zunächst Stimmung für Wahlen gemacht werden. [...]

Otto Wels, Vorsitzender der SPD; Theodor Leipart, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes; Friedrich Stampfer, SPD-Vorstand, Chefredakteur des "Vorwärts"; Hans Vogel, Vorsitzender der SPD (1939-1945); Rudolf Hilferding, Reichsfinanzminister in der Weimarer Republik; Hermann Schlimme, ADGB-Bundesvorstand.

Aus dem Protokoll einer Sitzung des SPD-Parteivorstandes mit Vertretern des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) am 5. Februar 1933, in: Josef und Ruth Becker (Hg.), Hitlers Machtergreifung 1933. Dokumente vom Machtantritt Hitlers, München 1983, S. 49 ff.

Mittelständische Organisationen

Hoffnungen auf einen Machtzuwachs hatte sich der "Nationalsozialistische Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand" gemacht, der die Gunst des Frühjahrs 1933 nutzte, um die traditionellen mittelständischen Ressentiments und Aktionen gegen Warenhäuser, Filialgeschäfte, Konsumgenossenschaften und Kapitalgesellschaften neu zu beleben. Seit der zweiten Märzwoche organisierte der Kampfbund überall im Lande Boykottaktionen gegen die jüdische Konkurrenz und alle Großbetriebsformen, die Handwerk und Einzelhandel schon lange ein Dorn im Auge waren.

Diese Bewegung mündete in die staatlich sanktionierte Boykottaktion vom 1. April gegen jüdische Geschäfte ein. Vor allem war sie der Hebel, um die mittelständischen Interessenverbände in die Hand zu bekommen. Verbandsvorsitzende wurden zum Rücktritt gezwungen, jüdische Vorstandsmitglieder ausgeschlossen und durch kommissarisch eingesetzte Angehörige des Kampfbundes ersetzt. Das geschah im Einzelhandel ebenso wie in den Verbänden und Innungen des Handwerks. Auch in viele Industrie- und Handelskammern konnte der Kampfbund eindringen, bis schließlich sein Führer Adrian von Renteln mit seinem Stellvertreter Paul Hilland die Position des Präsidenten bzw. des Geschäftsführers des Deutschen Industrie- und Handelstages erobern konnten.

Untergang der Agrarverbände

Am schnellsten fielen die Agrarverbände in nationalsozialistische Hand: In einigen von ihnen hatte die NSDAP schon seit 1929/30 Fuß gefaßt. Dies nutzte Walter Darré, der Vorsitzende des nationalsozialistischen Agrarpolitischen Apparates, im März 1933 ebenso wie die verbreitete Tendenz zur Vereinheitlichung des landwirtschaftlichen Verbandswesens, zu deren Verfechter sich nun die Nationalsozialisten wieder einmal machten.

Gab es Widerstände, wie im Falle der "Christlichen Bauernvereine", deren Präsident Andreas Hermes sich einer Vereinigung widersetzte, so griff man zum Mittel der Verhaftung und des Vorwurfs der angeblichen Veruntreuung. Schließlich konnte Darré alle Bauernvereine und den Reichslandbund vereinigen, und sich am 4. April 1933 "bitten" lassen, den Vorsitz der "Reichsführergemeinschaft" der landwirtschaftlichen Verbände zu übernehmen.

Erheblich mehr Druck mußte er aufwenden, um sich auch des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens zu bemächtigen. Am 20. April 1933 konnte er auch in diesem Bereich Vollzug melden, und auch die dritte Säule des landwirtschaftlichen Berufsstandes, die Kammern, fielen bald. Damit waren alle landwirtschaftlichen Berufsvertretungen in der Hand Darrés, der sich am 29. Mai mit dem Titel des "Reichsbauernführers" schmücken konnte. Als er nach dem Rücktritt Hugenbergs am 29. Juni 1933 auch noch das Amt des Landwirtschaftsministers übernahm, besaß er die Lenkung über den gesamten staatlichen, verbandspolitischen und parteipolitischen Agrarbereich. Eine Machtfülle, die nur Goebbels im Bereich der Kulturpolitik erreichen konnte.

Wirtschaftsverbände

Weniger dramatisch und weniger einschneidend verlief die Gleichschaltung der Industrie. Die Einflußnahme in diesem wichtigen gesellschaftlichen Bereich geschah ebenfalls im Zusammenwirken von Parteimaßnahmen von außen und dem Durchsetzungswillen von Hitler-Anhängern innerhalb des Verbandes. Der Schwerindustrielle Fritz Thyssen, der bislang nicht im Präsidium des "Reichsverbandes der Deutschen Industrie" (RDI) vertreten war, sah mit der Machtübernahme Hitlers auch die Chance der eigenen Einflußmehrung. Auf einer Sitzung des RDI am 23. März stellte er ganz unverhohlen die Machtfrage und forderte die Mitarbeit des Verbandes im neuen Staat sowie einen personellen Wechsel in der Verbandsführung.

Am 1. April 1933 wurde die Geschäftsstelle des RDI von einem SA-Trupp besetzt, was der nationalsozialistischen Fraktion im RDI nicht ungelegen kam. Das ganze endete damit, daß Otto Wagener, Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung der NSDAP unter Androhung von Gewalt den Rücktritt des Geschäftsführers des RDI, Geheimrat Ludwig Kastl, erzwang und auch das Ausscheiden von Paul Silverberg, der als stellvertretender Verbandsvorsitzender sich seit 1932 für ein Bündnis der Industrie mit der NSDAP eingesetzt hatte. Ihm wurde nun seine jüdische Herkunft zum Vorwurf gemacht. Die verbliebene Geschäftsführung gab das geforderte "Gelöbnis unbedingter Gefolgschaftstreue". Thyssen wußte sich die Rückendeckung der Reichsregierung gegen jede voreilige Sonderaktion zu sichern. Am 29. Mai fand eine Besprechung Hitlers mit führenden Industriellen und Bankiers statt, zu deren Ergebnissen auch ein Erlaß Hitlers gehörte, mit dem die Welle von SA-Terror gegen angebliche korrupte Wirtschaftsführer gestoppt wurde.

Der Reichsverband, der sich am 22. Mai formell aufgelöst hatte, verwandelte sich, auch um die Kontrolle der NS-Kommissare loszuwerden, in eine autoritär geführte Zentralorganisation der Industrie. Das Führerprinzip wurde eingeführt, der RDI mit der Vereinigung deutscher Arbeitgeberverbände zum "Reichsstand der deutschen Industrie" unter Führung von Gustav Krupp von Bohlen und Halbach verschmolzen. Nach außen schien die Kontinuität gewahrt und der Gleichschaltungsvorgang glich zunächst eher dem Auswechseln eines Türschildes. Man nahm den staatlichen Eingriff in die traditionelle Verbandsautonomie hin und auch die Ausschaltung von rassisch und politisch mißliebigen Mitgliedern. Nur der konservative Schwerindustrielle Emil Kirdorf, ein früher Anhänger Hitlers, prangerte diese Vorgänge öffentlich als "Dolchstoß" an.

Entscheidend aber war, daß der neue Staat sich mit seinen wirtschaftspolitischen Ordnungsmodellen scheinbar in Übereinstimmung mit den antigewerkschaftlichen Interessen der Unternehmer befand. Auch mit ihren offen proklamierten Rüstungsabsichten stieß die nationalsozialistische Führung auf eine Gemeinsamkeit der Interessen. Besiegelt wurde die neue Kooperation auf Gegenseitigkeit mit der "Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft", die Krupp zusammen mit dem unermüdlichen ehemaligen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht am 1. Juni gründete. Diese Aktion, die der NSDAP aus weiten Kreisen der deutschen Wirtschaft Spenden einbrachte, bedeutete zugleich für den einzelnen Spender eine gewisse Erleichterung, weil dadurch eine einheitliche Regelung des "Spendensolls" festgelegt wurde und die zuvor nicht immer "freiwilligen" Spendenaktionen von Partei und SA eingedämmt wurden. Mit der Einsetzung eines Beratungsgremiums von Staat und Industrie, dem "Generalrat der deutschen Wirtschaft", schien die Regierung zudem d Erwartungen der Schwerindustrie auf eine gezielte Einflußnahme zu entsprechen. Es waren ihr wirtschaftliches Potential und ihre Unentbehrlichkeit bei den Aufrüstungsplänen, die der Industrie hinter der Fassade der Gleichschaltung ein Eigengewicht gaben und ihr eine Art Teilhabe am Staat Hitlers sicherten. Nur das Militär konnte sich eine ähnliche Stellung bewahren. Beide aber, die Industriellen wie die Generäle, sollten durch dieses Bündnis immer mehr in die Abhängigkeit vom Regime geraten, die schließlich auch zur Komplizenschaft wurde.