"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft (Teil 2)

Durchdringung der gesamten Gesellschaft

Nicht nur das Tempo und die verwirrende Doppelstrategie der Machteroberung und Gleichschaltung, sondern auch die Reichweite dieses Vorganges lähmten jede Gegenwehr. Die Gleichschaltungswelle reichte bis hinunter in die Gemeinden und ihr Vereinsleben. Überall in Rathäusern und Amtsstuben, in Hörsälen und Gerichtsverhandlungen, in Warenhäusern und Banken erschienen im Frühjahr 1933 SA-Leute; überall zwangen "Kommissare" mit fadenscheiniger Berechtigung, die Organisationen und Institutionen sich von "Demokraten und Juden" personell zu "säubern" und sich Nationalsozialisten zu unterstellen. Das reichte bis hin zu Kleintierzüchtervereinen und der Deutschen Stenografenschaft, bis zu Jugendverbänden und kulturellen Einrichtungen. Meist waren es Aktionen lokaler Aktivisten, die für sich selbst nun einen Platz an der "Futterkrippe" suchten. Ihr Aktivismus wurde von der Parteiführung hingenommen bzw. unterstützt, weil er einerseits in die Machteroberungs- und Einschüchterungsstrategie paßte, andererseits Unterführer der Parteiaktivisten die Möglichkeit politischer Betätigung gab.

Das Jahr 1933 bedeutete auch für alle Frauen eine einschneidende Zäsur, da sie von nun an systematisch aus der Berufs- und Arbeitswelt herausgedrängt und entsprechend dem Frauenbild der Nationalsozialisten auf eine Rolle als Hausfrau und Mutter festgelegt wurden. Bei den zahlreichen unmittelbar nach der Machtergreifung erlassenen frauenpolitischen Gesetzen handelte es sich keineswegs nur um wirtschafts- und familienpolitische Maßnahmen. Dies wird auch aus einem Brief der Berliner Schriftstellerin und Ministerialrätin Gertrud Bäumer deutlich, die 1933 ihrer Ämter enthoben wurde. Darin schreibt sie: "Daß sich die ganzen Entlassungen in unserer Reihe der höheren Beamtinnen gegen die Frauen als solche richten, ist mir gestern bei uns im Ministerium noch einmal bestätigt worden, Frick hat gegenüber den Ambitionen anderer Frauen mit schöner Offenheit gesagt: ,Was haben die Damen in den Ministerien verloren?' Dabei müssen sie zu meiner Genugtuung für meine Arbeit zwei Männer einberufen, einmal weil keiner alle die biete beherrscht, und dann, weil sie auch keiner arbeitsmäßig bewältigt."

Zur erfolgreichen Eroberung der Macht gehörte auch die Durchsetzung des Totalitätsanspruches bzw. der Anpassungsbereitschaft im kulturellen Bereich. Auch hier wirkte die Anziehungskraft des Nationalsozialismus, die sich weniger auf eine ideologisch-kulturelle Attraktivität als auf die Erwartung derer stützte, die zur Mitarbeit im neuen Staat bereit waren. Sie erwarteten, daß ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen auf Statusverbesserung oder auf die Erfüllung bestimmter, bislang nicht realisierter Vorstellungen durch den Nationalsozialismus erfüllt würden. Zusammen mit dem Druck von Parteiaktivisten führte diese Einstellung zu einer raschen Gleichschaltung der kulturellen Organisationen. Wie in der politischen Spähre so suchte auch im geistigen Bereich die bürgerliche, nationale Intelligenz die Nähe zur neuen Macht und tat alles zu deren pseudointellektuellen Überhöhung.

Universitäten

An den Universitäten wurden plötzlich Linien der Kontinuität von Friedrich dem Großen zu Hitler, von der Reformation zum Nationalsozialismus gefunden. Sicherlich waren Opportunismus und Karriereerwartungen dabei im Spiele. Aber es waren auch ein Hochgefühl nationalen Aufbruchs und der scheinbare Schwung der nationalen Revolution, die Erfüllung von Träumen jugendbewegten und nationalrevolutionären Aufbruchs, die bei nicht wenigen Schriftstellern, Wissenschaftlern und Künstlern das Bedürfnis weckten, nicht abseits zu stehen und sich einzureihen in den "Strom der neuen Zeit".

Es waren viele Illusionen im Spiel, die in der weit verbreiteten Erwartungs- und Zustimmungshaltung zum Ausdruck kamen. Einige wenige Intellektuelle erkannten dies früher oder später und versuchten, einen Trennstrich zu ziehen. Einstweilen hatten sie aber eine nützliche Funktion ausgeübt. Die Praktiker der Macht hatten sich ohnehin kaum um die kulturphilosophischen Überlegungen gekümmert, die von den intellektuellen Mitläufern angestellt worden waren. Die neuen Überläufer hatten dem Regime in der Anfangsphase vor allem einen Gewinn an Prestige und Reputation gebracht. Andererseits kam für nicht wenige von ihnen nach der Säuberung der Akademien und Redaktionsstuben, der Universitäten und Rundfunkhäuser die Chance, die Lücken zu schließen.

Viele derer, die gerufen wurden, stellen sich dem neuen Staat zur Verfügung. Der bedeutende Philosoph und der bekannteste Staatsrechtler schlugen sich auf die Seite des Nationalsozialismus: Martin Heidegger und Carl Schmitt. Anfang Mai bekannten sich einige hundert Hochschullehrer aller Fächer öffentlich zur Regierung Hitler. Ehrgeizige Zweitrangige suchten die Plätze der Ausgestoßenen einzunehmen, so die Schriftsteller Kolbenheyer, Johst, Grimm, Beumelburg und Vesper. Zu Bestsellerautoren oder vielgespielten Theaterautoren sollten sie freilich nie werden.

Entlassungen und Berufsverbote

Die Säuberungen der Akademien, Universitäten und Bibliotheken wurde von Alfred Rosenbergs "Kampfbund für deutsche Kultur" betrieben. An den Universitäten wirkungsvoll unterstützt vom "Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund", der als erster die "Machtergreifung" seit 1931 in den Studentenvertretungen einiger Universitäten praktiziert hatte. In einem ersten Schritt wurden bis zum 13. April prominente Staatsrechtler, Nationalökonomen, Soziologen und Historiker beurlaubt und entlassen. Rechtliche Basis für die Säuberungen war das am 7. April 1933 verabschiedete "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums". Es verfügte die Entlassung von jüdischen und politisch mißliebigen Beamten. Bis zum Beginn des Sommersemesters sollte die Aktion abgeschlossen sein, um "Unruhen zum Semesterbeginn" zu vermeiden. Tatsächlich gehörte aber die ständige Verunsicherung zum Herrschaftsprinzip. Sie sollte nicht abreißen.

Auf Druck des nationalsozialistischen preußischen Kulturministers Bernhard Rust mußte der sozialkritische Schriftsteller Heinrich Mann schon am 16. Februar seinen Vorsitz als Präsident der Preußischen Akademie der Künste zur Verfügung stellen. Im März wurden die Mitglieder der Akademie zu einer unbedingten Loyalitätserklärung oder zum Rücktritt aufgefordert. Daraufhin schieden freiwillig aus: Thomas Mann, Alfred Döblin, Ricarda Huch; ausgeschlossen wurden Franz Werfel, Leonhard Frank, Georg Kaiser, Fritz von Unruh, Jakob Wassermann und viele andere.

Bücherverbrennungen

Ab April wurden schwarze Listen der Autoren veröffentlicht, die aus dem Geistesleben des neuen Deutschland ausgeschlossen werden sollten. Die Listen waren lang und reichten von politischen Autoren wie August Bebel, Eduard Bernstein, Hugo Preuß und Walter Rathenau über Wissenschaftler wie Albert Einstein und Sigmund Freud zu Dichtern wie Berthold Brecht, Alfred Döblin, Stefan Zweig, Carl von Ossietzky, Erich Maria Remarque, Arthur Schnitzler und Kurt Tucholsky. Der Katalog wurde auch auf Autoren vergangener Jahrhunderte ausgeweitet und erfaßte Karl Marx wie Heinrich Heine. Bald prangten die Listen an sogenannten "Schandpfahlen" vor deutschen Universitäten.

Schwarz-Weiß-Foto: Studierende des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) bei einer Bücherverbrennung. Inspiriert durch den Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, verbrennen die Studenten am Abend des 10. Mai 1933 "undeutsche" Bücher. Die Verbrennung von Büchern oppositioneller und jüdischer Autoren, die als "entartet" verurteilt wurden, verbreitete sich in deutschen Städten im Jahr 1933.Studierende des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) verbrennen Bücher oppositioneller und jüdischer Autoren. (© AP)
Schließlich holte der NS-Studentenbund zur "Aktion wider den undeutschen Geist" aus. Am 10. Mai 1933 wurden überall auf den Plätzen der Haupt- und Universitätsstädte Bücher und Zeitschriften auf Scheiterhaufen verbrannt, umrahmt von studentischen Fackelzügen, karnevalesken Zugaben zur Verspottung der gebrandmarkten Literaten und von Feuersprüchen einiger Professoren. Joseph Goebbels hielt bei der Berliner Bücherverbrennung die abschließende Rede und verkündete: "Hier sinkt die geistige Grundlage der Novemberrepublik zu Boden." Dann zitierte er Ulrich von Hutten: "Oh, Jahrhundert, oh Wissenschaft, es ist eine Lust zu leben." Tatsächlich eröffnete er damit eine Epoche, von der eines der Opfer dieser Aktion, Heinrich Heine, geschrieben hatte: "Wo man Bücher verbrennt, dort verbrennt man am Ende auch Menschen."

Noch schneller hatte Goebbels die "Sanierung des deutschen Kulturlebens", von der Hitler in der Rede zur Einbringung des Ermächtigungsgesetzes am 23. März gesprochen hatte, im Presse- und Rundfunkwesen erreicht. Die Gleichschaltung des halbstaatlichen Rundfunks ließ sich mit einem Federstrich durchsetzen. Im Bereich des privatwirtschaftlichen Pressewesens bedurfte es der bekannten Kombination von wirtschaftlichem Druck, vorübergehendem Verbot und der erzwungenen Entlassung einzelner liberaler Journalisten. Hinzu kamen die materiellen Krisen, in denen nicht wenige Zeitungen steckten. Auch dadurch wurde die Presselandschaft verändert, nachdem die den demokratischen Parteien nahestehenden Parteien schon längst verschwunden waren. Schließlich kam das Verfahren der indirekten Zensur durch das Schriftleitergesetz, das die Redakteure dem Weisungsrecht der Verleger weitgehend entzog und dafür dem Staat unterstellte. Abgeschlossen wurde dieser Kontrollmechanismus durch den Zwang zur korporativen Mitgliedschaft im Verband der Reichsschrifttumskammer, die den Spielraum noch einmal drastisch verringerte. Denn nur wer Mitglied in der Kammer war, durfte sich publizistisch betätigen.