"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft (Teil 2)

Festigung der Macht

Zugleich war damit nach innen gegen die eigene Bewegung die Macht endgültig gesichert, der einzige potentielle Gegner ausgeschaltet. Das geschah gerade noch rechtzeitig, um bereit zu sein für ein Ereignis, das die Machtfrage innerhalb des Regimes noch einmal stellen sollte und eine symbolische politische Bedeutung von großem Gewicht besaß. Am 2. August 1934 starb, wie seit einiger Zeit erwartet, Reichspräsident von Hindenburg. Bereits am Vortage war im Kabinett eine Vorlage verabschiedet worden, nach der Hitler die Nachfolge antreten würde. Das Amt des Reichspräsidenten sollte aufgelöst und mit dem des Reichskanzlers zu der einzigartigen Stellung eines "Führers und Reichskanzlers" vereinigt werden. Daß damit auch gegen das Ermächtigungsgesetz verstoßen wurde, nahm niemand mehr wahr. Überraschend war einzig die Erklärung Blombergs im Kabinett, "daß er beabsichtige, unmittelbar nach dem Ableben des Herrn Reichspräsidenten die Soldaten der Wehrmacht auf den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler zu vereidigen".

In einem "Akt opportunistischen Übereifers" (Fest) hatten sich die Reichswehrführer Werner von Blomberg und Walter von Reichenau ohne Not und ohne gesetzliche Grundlage eine Eidesformel ausgedacht, die die Reichswehr nicht mehr auf die Verfassung, sondern auf eine Einzelperson ganz im Sinne einer monarchischen Eidesformel verpflichtete. Daß mit dieser Verpflichtung zu "unbedingtem Gehorsam" die Soldaten der Wehrmacht einmal in größte Gewissenskonflikte gestürzt werden könnten, haben die beiden Generäle sich in ihrer politischen Unfähigkeit und unpolitischen Überheblichkeit vermutlich nicht vorstellen können. Sie wollten Hitler damit wohl noch fester an sich binden, verstrickten tatsächlich aber die militärische Elite tief in das Unrechtsregime. Damit hatte die Reichswehrführung ihre Unabhängigkeit selbst verspielt und die Gleichschaltung der Wehrmacht mit der nationalsozialistischen Weltanschauungspolitik vorangetrieben.

In der Geschichte des NS-Regimes bedeuteten die Ereignisse vom Juni und August 1934 die dritte Stufe der nationalsozialistischen Machtergreifung, den Übergang von der "kommissarischen zur souveränen Diktatur" (Fraenkel). Wieder hatte eine Verschränkung von Krisensituation, von historischen Zufällen und partikularen Machtinteressen im Regime verbunden mit dem Willen zur Machtbehauptung zu einer Radikalisierung in der Herrschaftspraxis geführt, ohne daß dies von einem ausgeklügelten Plan bestimmt war.
Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 251) - Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft (Teil 2)