"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.
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Stille Helden


23.3.2007
Auch während der Zeit des Nationalsozialismus gab es Handlungsalternativen. Sie waren zwar riskant, verlangten aber nicht von vornherein todesbereiten Widerstand. Welche Möglichkeiten hatten Helfer und Verfolgte der NS-Dikatur?

Die Gedenkstätte "Stille Helden" in Berlin. In den Vitrinen werden Menschen gezeigt, die Juden während der Verfolgung im Nationalsozialismus geholfen haben.Die Gedenkstätte "Stille Helden" in Berlin. In den Vitrinen werden Menschen gezeigt, die Juden während der Verfolgung im Nationalsozialismus geholfen haben. (© AP)

Einleitung



Erst in den vergangenen Jahren ist das öffentliche Interesse an Lebensgeschichten von Menschen gewachsen, die während der nationalsozialistischen Diktatur verfolgten Juden halfen. Auch die wissenschaftliche Erforschung dieses Themas begann spät: Zwischen 1997 und 2002 gab es am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin ein Forschungsprojekt zur "Rettung von Juden im nationalsozialistischen Deutschland 1933 - 1945".[1] Kurz darauf setzte um den Freiburger Militärhistoriker Wolfram Wette die Erforschung einzelner Rettungsaktionen von Wehrmachtsangehörigen und anderen Deutschen in den besetzten Ländern ein.

Die Frage nach der Rettung ist untrennbar mit der Dimension der Vernichtung verbunden. Um das Phänomen von Hilfe und Rettung in seiner historischen Bedeutung rekonstruieren zu können, bedurfte es der Holocaustforschung, die erst in den 1980er Jahren zu einer historischen Teildisziplin wurde. Erst die Forschung der vergangenen Jahre vermittelt ein vollständigeres Bild von den Deportationen aus Deutschland,[2] eine deutlichere Vorstellung von der Wahrnehmung der Deportationen in der deutschen Bevölkerung und ihren Reaktionen, vom Wissen über den Genozid. Diese Bereiche der NS- und Holocaustforschung stehen in engem Zusammenhang mit der Frage, ob und wie sich die Gruppe der Helfer von der Bevölkerungsmehrheit unterschied und was die spezifische Qualität ihres Handelns ausmacht.

Die Forschung über die Rettung von Juden kann sich nicht auf das Verhalten der deutschen Bevölkerung bzw. der Gruppe der Helfer beschränken, sondern muss die Deutung des Geschehens durch die Betroffenen einbeziehen. Die 164 000 als Juden Verfolgten, die Anfang Oktober 1941 noch in Deutschland lebten, waren eine isolierte und statistisch gesehen verarmte und überalterte Gruppe; ein großer Teil stand im Zwangsarbeitseinsatz.[3] Als am 15. Oktober 1941 die "Evakuierungen" begannen, waren deren tödliche Folgen für die Betroffenen nicht absehbar. Dass sich viele schon im Herbst und Winter 1941 verzweifelt bemühten, der Deportation zu entkommen, zeigen zahlreiche Versuche, über bezahlte "Mittler" die Zurückstellung von der "Evakuierung" zu erreichen.[4] Im Folgenden wird die Darstellung der Hilfeleistungen für Juden auf den Zeitraum vom Oktober 1941 bis 1945 fokussiert.


Fußnoten

1.
Die Forschung des TU-Projektes bezog sich auf das Gebiet des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937. Es entstand eine Datenbank mit 3 000 Datensätzen von Helfern bzw. 2 600 von Verfolgten. Vgl. Wolfgang Benz (Hrsg.), Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer, München 2003; Beate Kosmala/Claudia Schoppmann, Überleben im Untergrund. Hilfe für Juden in Deutschland 1941 - 1945, Berlin 2002. Seit 2005 wird diese Datenbank an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand auf der Basis neuer Aktenbestände ergänzt. Dort wird eine ständige Ausstellung für die zentrale Gedenkstätte "Stille Helden" vorbereitet; die Eröffnung ist für 2008 geplant. Künftig werden auch Rettungsaktionen von Deutschen in den besetzten Ländern einbezogen. Vgl. Wolfram Wette (Hrsg.), Retter in Uniform, Frankfurt/M. 2002; ders. (Hrsg.), Zivilcourage. Empörte, Helfer und Retter aus Wehrmacht, Polizei und SS, Frankfurt/M. 2004.
2.
Vgl. Alfred Gottwald/Diana Schulle, Die "Judendeportationen" aus dem Deutschen Reich 1941 - 1945, Wiesbaden 2005; Wolf Gruner, Von der Kollektivausweisung zur Deportation der Juden aus Deutschland (1938 - 1939), in: Birthe Kundrus/Beate Meyer, Die Deportation der Juden aus Deutschland. Pläne-Praxis-Reaktionen 1938 - 1945, Göttingen 2004, S. 21 - 62.
3.
Vgl. Wolf Gruner, Der geschlossene Arbeitseinsatz deutscher Juden, Berlin 1997.
4.
Vgl. Susanne Willems, Der entsiedelte Jude. Albert Speers Wohnungsmarktpolitik für den Berliner Hauptstadtbau, Berlin 2002, S. 327 - 355.