"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

23.3.2007 | Von:
Beate Kosmala

Stille Helden

Die Verfolgten

Zeitgenössische Quellen - Tagebücher bzw. Briefe - stehen kaum zur Verfügung, da die Untergetauchten jeglichen Hinweis auf ihre Identität vermeiden mussten. Doch auch Nachkriegsberichte lassen Rückschlüsse auf die Reaktionen der Opfer zu.[5] Anna Drach, als Krankenpflegerin im Jüdischen Krankenhaus in Berlin an den Deportationsvorbereitungen beteiligt, schreibt über die frühen Transporte: "Damals glaubten noch alle an die Umsiedlung'."[6] Dies galt auch für den Anwalt Alfred Cassierer: "Wir dachten, es wird in Polen nicht so gemütlich sein, aber man wird leben können."[7] Die Tatsache, dass die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland zur Mitwirkung an den Deportationen gezwungen wurde, machte es für die jüdische Bevölkerung noch schwerer, frühzeitig einen Ausweg zu suchen.[8] Nach einigen Monaten zogen die Zurückgebliebenen Schlussfolgerungen aus dem Verschwinden ihrer Angehörigen. Lotte Themal, die sich Ende Februar 1943 in Berlin versteckte, musste feststellen, dass von ihrer im November 1941 nach Lodz deportierten Schwester seit April 1942 kein Lebenszeichen mehr kam.[9]

Im Sommer 1942 zeichnete sich für viele die Absicht der Deportation immer deutlicher ab. Ruth Abraham äußert über den Abschied von ihren Eltern: "Sie wussten, dass es ihr Ende war, sie trösteten mich und prophezeiten, das Kind, das ich unter meinem Herzen trage, wird mich vor dem Untergang retten."[10] Andere glaubten den Informationen nicht, etwa Ruth Abrahams Angehörige: "Mein Schwager (...) hatte die Illusion, dass er im KZ weiter arbeiten werde, wie er das bisher getan hatte und es so überleben werde, und meine Schwester und die Kinder mussten sich ihm fügen."[11] Selly Dyck, die am 8. Januar 1943 ihren Eltern vor der Deportation beim Packen half, berichtet: "Während sich die Gestapoleute und ihre jüdischen Begleiter zum Essen setzten, verschwand ich aus der Wohnung. Diesen Schritt hatte ich mit meiner Mutter verabredet (...). Wie uns allen dabei ums Herz war, kann man sich schwer vorstellen."[12]

1942 waren die Massenverbrechen an den Juden in Osteuropa ein "offenes Geheimnis".[13] Soldaten, die von der Ostfront Briefe schrieben oder während ihres Heimaturlaubs über ihre Erlebnisse sprachen, waren eine wichtige Quelle. Die Juden lebten nicht abgeschottet von Kontakten zur nichtjüdischen Bevölkerung.[14] "Bei dem verbotenen Besuch von Bars, Theatern usw. geschah es nun manchmal, dass man mit Soldaten oder Zivilpersonen zusammentraf, die ohne zu wissen, wen sie vor sich hatten, berichteten, dass sie bei Reisen durch besetzte Gebiete im Osten gesehen hatten, wie deportierte Juden auf teils grausame, teils raffinierte Weise ermordet worden waren", schreibt der junge Kurt Lindenberg. Er habe sich gesagt, es sei besser, im Tiergarten zu erfrieren, "als in Polen an Cholera oder Flecktyphus zu krepieren oder dort abgeschlachtet zu werden".[15] In manchen Zeitzeugenberichten wird darauf hingewiesen, dass die Verfolgten von nichtjüdischen Deutschen vor der Deportation gewarnt worden seien. Im November 1942 appellierte die Berliner Wäschereiinhaberin Emma Gumz an Ella und Inge Deutschkron, sich nicht deportieren zu lassen. Sie habe vom Nachbarssohn, einem Soldaten, erfahren, was er gesehen habe.[16]

Das neu bearbeitete Gedenkbuch enthält die Namen aller Deportierten, informiert aber nicht über untergetauchte Juden.[17] Die bei der Arbeit am Berliner Gedenkbuch[18] entstandene Datenbank enthält Angaben zu rund 3 500 jüdischen Personen, die "illegal" gelebt haben, auch solchen, die schließlich doch verhaftet und deportiert wurden. Bis zu 12 000 als Juden Verfolgte tauchten im Deutschen Reich unter,[19] davon bis zu 7 000 in Berlin. Wie viele in der "Illegalität" überlebten, ist allenfalls für die Reichshauptstadt annähernd feststellbar. Die Liste der Alliierten über in Berlin registrierte Juden vom August 1945 enthält die Namen von 1 314 Personen.[20] Durch die Bearbeitung neuer Aktenbestände wird die Zahl von mehr als 1 500 Berliner Untergetauchten nach oben korrigiert werden können.[21]

Zwischen der zunehmenden Gewissheit der Betroffenen über die geplante Ermordung und der allmählich steigenden Zahl derer, die in den Untergrund flüchteten, besteht ein deutlicher Zusammenhang. Von rund 1 000 registrierten Fällen, in denen der genaue Zeitpunkt des Untertauchens bekannt ist, flüchteten 52 Prozent erst 1943 in den Untergrund, die meisten im Zusammenhang mit der so genannten Fabrik-Aktion.[22] Trotz dieser reichsweiten Großrazzia auf jüdische Zwangsarbeiter und ihre Angehörigen am 27. Februar 1943 konnten in Berlin mindestens 4 000 Zwangsarbeiter untertauchen, weil sie zufällig dem Arbeitsplatz fern geblieben waren, in letzter Sekunde hatten flüchten können oder gewarnt worden waren: Die Razzia war den Firmen vorher bekannt gewesen. Anfang März wurden fast 8 000 Berliner Juden nach Auschwitz deportiert, etwa zwei Drittel der Opfer der Fabrik-Aktion.[23] Geht man von 73 000 Juden aus, die vor Beginn der Deportationen noch in Berlin lebten, und nimmt einen Mittelwert von 6 000 Untergetauchten an, haben etwa acht Prozent versucht, sich durch die Flucht zu entziehen. Nur etwa ein Viertel von ihnen hat die Befreiung erlebt. Eine unbekannte Zahl kam durch die Bombardierungen ums Leben, andere fielen Straßenkontrollen zum Opfer oder wurden verraten. Eine besondere Gefahr waren die etwa 30 jüdischen Fahnder ("Greifer"), die von der Gestapo angesetzt wurden, "Illegale" aufzuspüren.[24]

Schlussfolgerungen aus eigenen Beobachtungen aus dem nichtjüdischen Umfeld zu ziehen, war fast nur Berliner Juden möglich. In anderen Großstädten war die Deportation der "Volljuden" im Herbst 1942 nahezu abgeschlossen.[25] Allerdings waren 1944 und 1945 auch zahlreiche jüdische Partner und Kinder aus "Mischehen" von Deportation bedroht und verbargen sich bei "arischen" Verwandten oder anderen Helfern.[26] Die Unterstützung von Nichtjuden war unabdingbar.[27]

Fußnoten

5.
Vgl. Beate Kosmala, Zwischen Ahnen und Wissen. Die Flucht vor der Deportation (1941 - 1945), in: B.Kundrus/B. Meyer (Anm. 2), S. 135 - 159. Die Zeitzeugenberichte stammen aus der Wiener Library, der Sammlung von Dr. Ball-Kaduri und dem Archiv des Leo Baeck Instituts (LBI) New York; Signaturen nach Yad Vashem Archives (YVA), Jerusalem.
6.
YVA 02/417, S. 1.
7.
YVA 01/198, S. 1.
8.
Vgl. Beate Meyer, Das unausweichliche Dilemma: Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, die Deportationen und die untergetauchten Juden, in: B.Kosmala/C. Schoppmann (Anm. 1), S. 273 - 298.
9.
YVA 02/346, S. 2.
10.
LBI New York, M.E. 564, S. 6. Siehe auch: Reha und Al Sokolow, Ruth und Maria. Eine Freundschaft auf Leben und Tod, Berlin 2006.
11.
LBI New York, M.E. 564, S. 8.
12.
YVA 02/754, S. 5.
13.
Frank Bajohr/Dieter Pohl, Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten, München 2006; vgl. auch Peter Longerich, "Davon haben wir nichts gewusst!" Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933 - 1945, München 2006.
14.
Vgl. Marion Kaplan, Der Mut zum Überleben. Jüdische Frauen und ihre Familien in Nazideutschland, Berlin 2003, S. 207.
15.
YVA 02/33, S. 5.
16.
Vgl. Inge Deutschkron, Ich trug den gelben Stern, München 2001(18), S. 193f.
17.
Vgl. Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 - 1945, Bde. I-IV, hrsg. vom Bundesarchiv, Koblenz 2006.
18.
Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, FU Berlin 1995.
19.
Bei Wolfgang Benz, Überleben im Untergrund 1943 - 1945, in: ders. (Hrsg.), Die Juden in Deutschland1933 - 1945, München 1988(2), S. 660: "annähernd 10.000"; Konrad Kwiet/Helmut Eschwege, Selbstbehauptung und Widerstand. Deutsche Juden im Kampf um die Existenz und Menschenwürde 1933 - 1945, Hamburg 1984, S. 150, nennen 10 000 bis 12 000 (inkl. besetzte Gebiete); Gerald Reitlinger, Die Endlösung, Berlin 1961(4), S. 180 nennt für Berlin (Mitte 1943) etwa 9 000 Untergetauchte.
20.
Vgl. Verzeichnis der nach der Befreiung durch die Alliierten in Berlin registrierten Juden, August 1945, in: Jüdische Gemeinde zu Berlin (Bibliothek). Das Mitgliederverzeichnis der Jüdischen Gemeinde vom Juli 1947 bestätigt diese Größenordnung in etwa mit der Zahl 1 379.
21.
Die systematische Erhebung der OdF-Akten im Landesarchiv Berlin und im Archiv des Centrums Judaicum Berlin; Bestände in der Behörde der BStU über Juden in der DDR.
22.
Vgl. Claudia Schoppmann, Die "Fabrikaktion" in Berlin: Hilfe für untergetauchte Juden als Form humanitären Widerstands, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, (2005) 2, S. 138 - 148, hier S. 141f.
23.
Vgl. Wolf Gruner, Widerstand in der Rosenstraße. Die Fabrik-Aktion und die Verfolgung der "Mischehen" 1943, Frankfurt/M. 2005.
24.
Zum "jüdischen Fahndungsdienst" vgl. Doris Tausenfreund, Erzwungener Verrat. Jüdische "Greifer" im Dienst der Gestapo 1943 - 1945, Berlin 2006.
25.
Dies gilt für Frankfurt/M., Hamburg und München. Beate Meyer weist für Hamburg nach, dass nur wenig mehr als 50 Verfolgte, die überwiegend nach den Luftangriffen im Sommer 1943 flüchteten, unter falscher Identität überlebten: "A conto Zukunft". Hilfe und Rettung für untergetauchte Hamburger Juden, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, 88 (2002), S. 205 - 233. In Frankfurt/M. konnten bis zu 20 als "Volljuden" klassifizierte Personen ermittelt werden, die vor der Deportation flüchteten. Vgl. dazu Monica Kingreen, Verfolgung und Rettung in Frankfurt am Main und der Rhein-Main-Region, in: B. Kosmala/C. Schoppmann (Anm. 1), S. 167 - 190.
26.
Vgl. Wolfram Wette (Hrsg.), Stille Helden. Judenretter im Dreiländereck während des Zweiten Weltkriegs, Freiburg 2005.
27.
Vgl. Wolfgang Benz, Juden im Untergrund und ihre Helfer, in: ders. (Anm. 1), S. 11 - 48.