"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

23.3.2007 | Von:
Beate Kosmala

Stille Helden

Die Helfer

In der Inlandspropaganda wurde zu den Deportationen geschwiegen; die Zeitungsleser erhielten nach dem 15. Oktober 1941 zumindest Hinweise auf das Schicksal der Juden.[28] Auch gingen die Deportationen "vor aller Augen" vor sich. Da in Teilen der Bevölkerung Bedenken spürbar wurden (Goebbels: "Humanitätsgefühl der intellektuellen und gesellschaftlichen Schichten"), brach der Propagandaminister Ende Oktober 1941 eine antisemitische Kampagne vom Zaun, die den Juden die Schuld am Krieg aufbürdete: Man werde diejenigen, die sich zu Juden freundlich verhielten, wie Juden behandeln.[29] Vielerorts machte die Gestapo ernst: Frauen, die jüdischen Bekannten Lebensmittel brachten, wurden mit der Begründung in "Schutzhaft" genommen, sie hätten "die Maßnahmen der Reichsregierung zur Ausschaltung der Juden aus der Volksgemeinschaft" sabotiert.[30]

Gehen wir von 6 000 Untergetauchten in der Vier-Millionen-Metropole Berlin aus und veranschlagen durchschnittlich sieben helfende Personen für einen Verfolgten, kann man eine Zahl von über 30 000 Helfern annehmen. Sie gehören zu dem kleinen Teil der deutschen Bevölkerung, der sich nicht in die Triade aktiver Zustimmung, Zurückhaltung und kritischer Distanz einfügten. Die Frage nach den Motiven derer, die sich über die Einschüchterungsversuche des Regimes hinwegsetzten, ist schwierig zu beantworten. Nur wenige schriftliche Selbstzeugnisse liegen vor.[31] Da ihr Durchschnittsalter zur Zeit der Hilfeleistung zwischen 40 und 50 Jahren lag, lebten 1990 nur noch wenige. Ein Glücksfall für die Forschung ist die Ehrungsinitiative "Unbesungene Helden" von 1958 bis 1966, die Innensenator Joachim Lippschitz ins Leben rief, um (West-) Berliner Bürger, die Verfolgte (in den meisten Fällen Juden) unterstützt und versteckt hatten, zu würdigen. In rund 1 500 Akten finden sich Personalien und Äußerungen von Helfern und Verfolgten, welche die Rekonstruktion von Rettungsgeschichten ermöglichen.[32] Dies gilt auch für die rund 250 einschlägigen Bundesverdienstkreuz-Akten und die Files der "Gerechten unter den Völkern" der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem.

Anders, als es sich Goebbels vorgestellt hatte, kamen die Helfer aus allen sozialen Schichten, gehörten unterschiedlichen Konfessionen und politischen Richtungen an oder waren nichtreligiös und unpolitisch. Viele verfügten weder über bedeutende finanzielle Mittel oder große Wohnungen, noch waren sie besonders gebildet oder hatten wichtige Kontakte. Die meisten waren wohl das, was man als "gewöhnliche" Deutsche bezeichnet. Nicht alle handelten uneigennützig. Einige nutzten die Notlage der Verfolgten aus, indem sie Gegenleistungen forderten, auch sexuelle. Herbert Strauss, der in Berlin "illegal" lebte: "Wer daher die Motive erforscht`, die diese Menschen dazu bewegen, uns gejagten Juden zu helfen, wird allzu leicht ein liebenswertes, aber arg vereinfachtes Bild von ihnen zeichnen (...)."[33] Drei der wichtigsten Motive sollen im Folgenden skizziert werden.

Solidarisches Handeln: Ein kleinerer, aber herausragender Teil der Helfer hegte von Anfang an keine Zweifel am verbrecherischen Charakter des Regimes. Oft konnten sie aufgrund ihrer beruflichen und sozialen Situation Hilfe leisten. Meist agierten sie in Netzwerken, die sich entweder auf frühere Zusammenhänge stützten (Kirchen, Sozialdemokraten, Kommunisten, Nationalkonservative) oder die sie neu zu knüpfen wussten.[34] Gertrud Luckner, Fürsorgerin beim Deutschen Caritasverband Freiburg, setzte sich 1940 für die aus Wien in den Distrikt Lublin Deportierten ebenso ein wie für die aus Baden nach Gurs verschleppten Juden. In ihrer Position als Beauftragte des Freiburger Erzbischofs suchte sie Kontakte zur Bekennenden Kirche, den Quäkern und zu katholischen Kreisen; sie ließ Pässe fälschen und verhalf Verfolgten zur Flucht. Zunächst setzte sie sich für katholische "Nichtarier", ab 1942 auch für untergetauchte "Glaubensjuden" ein, bis sie im März 1943 verhaftet und wegen "projüdischer Betätigung und Verbindung mit staatsfeindlichen Kreisen" ins KZ Ravensbrück eingewiesen wurde.

Harald Poelchau, Gefängnispfarrer in Berlin-Tegel, gehört als Mitglied des Kreisauer Kreises zu den herausragenden Gestalten des deutschen Widerstands. Lange Zeit kaum bekannt war sein Einsatz zur Rettung von Juden. Auch Poelchau schuf sich ein Netz von Helfern.[35] Er stand mit der Dahlemer Bekenntnisgemeinde in Verbindung und arbeitete mit der Widerstandsgruppe "Onkel Emil" um Ruth Andreas Friedrich zusammen, deren Mitglieder aus ethisch-humanitären Motiven Verfolgte unterstützten. Poelchaus Verbindungen reichten weit über Berlin hinaus.[36] Weniger bekannt ist Elisabeth Abegg mit ihrem Helfernetz, das Verstecke in Berlin, Brandenburg, Ostpreußen und im Elsass vermittelte. Auch sie war sozial engagiert und rettete zahlreiche Untergetauchte, ohne dass die Hilfe entdeckt wurde. Ihr Netz bestand aus NS-Gegnern verschiedener konfessioneller und politischer Orientierung. Die 1933 zwangspensionierte Studienrätin stand der Sozialdemokratie und der Frauenbewegung nahe und trat 1940 den Quäkern bei.[37] Eine Studie rekonstruiert die Struktur des Berliner Retternetzes um Helene Jacobs und den "Nichtarier" Franz Kaufmann mit vier Helferbündnissen, die in der Bekennenden Kirche verwurzelt waren.[38] Eine Verbindung von politischem Widerstand gegen das Regime und Hilfe für Juden stellt die aus Juden und Nichtjuden bestehende Gemeinschaft für Frieden und Aufbau in Berlin und in Luckenwalde dar. Der als Jude Verfolgte Werner Scharff und der "arische" Justizangestellte Hans Winkler mobilisierten Ressourcen für die Unterbringung von Juden und verteilten Flugblätter. Zur Gruppe gehörten NSDAP-Mitglieder, Kommunisten, Soldaten und Unpolitische.[39]

Hilfsangebote in bestimmten Situationen: Personen, die vor und nach ihren Hilfeleistungen nie öffentlich in Erscheinung traten, ergriffen in einer bestimmten Situation die Initiative. Der Berliner Herrenschneider Richard Gustke gehörte dazu. Der jüdische Zwangsarbeiter Fritz Pagel kannte ihn aus der Vorkriegszeit und beschreibt ihn als Nazi-Gegner, der sich durch ausländische Rundfunksendungen über den Kriegsverlauf informierte. Gustke bot Pagel Ende 1942 an, die vierköpfige Familie in seinem Wochenendhaus in Brandenburg unterzubringen. Im Januar 1943 kam der Familienvater auf das Angebot zurück. Nach einem halben Jahr wurden Nachbarn auf die unbekannten Bewohner aufmerksam. Die Polizei verlangte von Gustke, die Arbeitsbücher seines "Mieters" und dessen 18-jährigen Sohnes vorzulegen. Die Untergetauchten mussten fliehen, wurden bei einer Straßenkontrolle aufgegriffen und deportiert. Nur Fritz Pagel überlebte Auschwitz.

Maria Nickel, Ehefrau eines Lkw-Fahrers und Mutter von zwei kleinen Kindern, gehört zu den zahlreichen "einfachen" Berlinerinnen, die Leben retteten. Im November 1942 beobachtete die katholische Hausfrau in ihrer Nachbarschaft jüdische Zwangsarbeiterinnen auf dem Weg zur Fabrik in Kreuzberg und beschloss, einer von ihnen, einer schwangeren Frau, zu helfen. Im Januar 1943 ließ sie für Ruth Abraham einen Postausweis auf ihren Namen ausstellen und überließ Walter Abraham den Führerschein ihres Mannes. Mit diesen Ausweisen tauchten die Abrahams nach der Geburt ihrer Tochter unter. Bei einer Polizeikontrolle wurden die Dokumente eingezogen, die Abrahams konnten jedoch entkommen. Die Gestapo drohte Nickel, ihr die Kinder wegzunehmen und sie in ein Arbeitserziehungslager einzuweisen, wenn man ihr "Judenbegünstigung" nachweisen könne. Die Frau ließ sich nicht beirren und unterstützte die Verfolgten weiter.[40]

Reaktives Handeln: Ein Großteil der Hilfeleistungen kam zustande, weil zum Untertauchen entschlossene Juden nichtjüdische Bekannte, ehemalige Patienten, Kunden, Kollegen oder sogar Unbekannte direkt um Hilfe baten. Alice Löwenthal: "Tagelang bat ich abwechselnd bei verschiedenen christlichen Freunden um eine Unterkunft wenigstens für eine Nacht. Ich habe sie bei Menschen gefunden, an deren Hilfsbereitschaft ich früher nie gedacht hatte. Ich habe aber auch Ablehnung jeder nur kleinsten Hilfe erfahren bei Menschen, die sich früher in guten Zeiten als meine besten Freunde bezeichnet hatten."[41] Wanda Feuerherm, eine Näherin aus Berlin-Lichtenberg, gehört zu denen, die eine solche Bitte nicht abschlug. Als sie Ende 1942 von Erna Segal, der Frau eines ihr bekannten jüdischen Pelzhändlers, gebeten wurde, die 18-jährige Tochter zu verstecken, willigte sie ein.[42] An diesem Beispiel lassen sich zentrale Aspekte der Hilfe zeigen: Helferin und Verfolgte kannten sich schon vor dem Krieg; die Initiative ging von den Verfolgten aus; Feuerherm gehört zu den zahlreichen Frauen, die Juden versteckten, während der Ehemann als Soldat an der Front war. Weit mehr als die Hälfte der bekannt gewordenen Hilfeleistenden waren Frauen.

Die Untersuchung missglückter Hilfeleistungen vermittelt den Eindruck, dass das Risiko kaum kalkulierbar war: Einweisung in ein Konzentrationslager (in einigen Fällen mit Todesfolge), Gefängnis- und Zuchthausstrafen, relativ kurze Haft im Gestapo-Gefängnis, Verwarnungen und Einschüchterungen oder auch nur geringfügige Geldbußen. Zuweilen geschah es, dass untergetauchte Juden aus der Wohnung ihrer Helfer heraus verhaftet wurden, ohne dass die Helfer belangt wurden.

Fußnoten

28.
Vgl. P. Longerich (Anm. 13), S. 182ff.
29.
Vgl. ebd., S. 193.
30.
Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 518, Nr. 6713. Vgl. Beate Kosmala, Missglückte Hilfe und ihre Folgen, in: dies./C. Schoppmann (Anm. 1), S. 205 - 222.
31.
Vgl. Ruth-Andreas Friedrich, Der Schattenmann, Frankfurt/M. 1947; Harald Poelchau, Die Ordnung der Bedrängten, Berlin 1963; Maria Gräfin von Maltzan, Schlage die Trommel und fürchte dich nicht, Frankfurt/M.-Berlin 1988.
32.
Vgl. Dennis Riffel, Unbesungene Helden. Die Ehrungsinitiative des Berliner Senats 1958 bis 1966, Berlin 2007.
33.
Herbert A. Strauss, Über dem Abgrund. Eine jüdische Jugend in Deutschland 1918 - 1943, Berlin 1999, S. 294.
34.
Die Gruppen werden ausführlicher dargestellt in: Beate Kosmala, Zivilcourage in extremer Situation. Retterinnen und Retter von Juden im "Dritten Reich", in: Zivilcourage lernen, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2004, S. 106 - 116.
35.
Vgl. Beate Kosmala, Zuflucht in Potsdam bei Christen der Bekennenden Kirche, in: W. Benz (Anm. 1), S. 113 - 130.
36.
Vgl. Klaus Harpprecht/Harald Poelchau, Ein Leben im Widerstand, Reinbek 2004; Henriette Schuppener, "Nichts war umsonst" - Harald Poelchau und der deutsche Widerstand, hrsg. von Joachim Scholtyseck und Fritz Delp, Berlin 2006.
37.
Vgl. Martina Voigt, Grüße von "Ferdinand". Elisabeth Abeggs vielfältiger Einsatz für Verfolgte, in: Beate Kosmala/Claudia Schoppmann (Hrsg.) für den Förderverein Blindes Vertrauen e.V. des Museums Blindenwerkstatt Otto Weidt, Sie blieben unsichtbar. Zeugnisse aus den Jahren 1941 bis 1945, Berlin 2006, S. 104 - 116.
38.
Vgl. Katrin Rudolph, Hilfe beim Sprung ins Nichts, Berlin 2005.
39.
Vgl. Barbara Schieb, Die Gemeinschaft Frieden und Aufbau, in: Johannes Tuchel (Hrsg.), Der vergessene Widerstand, Göttingen 2005, S. 97 - 113.
40.
Sokolow, Ruth und Maria; Landesarchiv Berlin, Akte Unbesungene Helden, Nr. 599.
41.
YVA 02/622, S.4.
42.
Yad Vashem Jerusalem, Department of the Righteous Among the Nations, ger 3782.