"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

23.3.2007 | Von:
Beate Kosmala

Stille Helden

Die Gedenkstätte "Stille Helden"

Durch den Aufbau der Gedenkstätte "Stille Helden" in der Rosenthaler Straße in Berlin entsteht in enger räumlicher und inhaltlicher Nähe zum Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt ein Gedächtnisort für die jahrzehntelang sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung als auch in der Widerstandsgeschichte kaum beachteten Helfer[43] wie für die Verfolgten. Dies geschieht im Auftrag des Bundesbeauftragen für Kultur und Medien und wird gefördert mit Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE). Ziel der Dauerausstellung ist es, die Hilfe für Juden in der NS-Zeit möglichst in allen Ausprägungen darzustellen, auch mit ihren problematischen Seiten. Natürlich gibt es wichtige Parallelen zwischen den Hilfeleistungen für Juden und denen für andere verfolgte Gruppen, doch hat die Hilfe für Juden paradigmatischen Charakter: Sie standen in der NS-Ideologie auf der untersten Stufe der "Rassenhierarchie", und seit 1939, verstärkt seit 1941, wurden sie als die Schuldigen am Krieg und als Feinde des deutschen Volkes par excellence gebrandmarkt.

Die Bezeichnung "Stille Helden" entspricht dem Wunsch ehemaliger Verfolgter, die dank mutiger Helfer die "Illegalität" überstanden haben. Inzwischen wird dieser Ausdruck in der Literatur und den Medien verwendet, löst aber auch Abwehr aus, oft gerade bei den so bezeichneten Helfern, die sich nicht als Helden stilisiert sehen wollen. Auf jeden Fall fordert diese Bezeichnung zur Diskussion heraus.

Von der Gedenkstätte könnte man erwarten, insbesondere jugendlichen Besuchern Identifikationsmöglichkeiten oder gar Vorbilder anbieten zu können, doch in einer direkten Übertragung wird dies nicht funktionieren. Die Geschichten der Verfolgten und ihrer Helfer können aber wichtige Erkenntnisse zur NS-Diktatur vermitteln: Die Helfer, eine kleine Minderheit, die ihr Handeln meist nicht als Widerstand, sondern als selbstverständlich und "normal" definierten, widerlegen die Entschuldigung vieler Deutscher nach dem Krieg, gegen den Terror habe man nichts tun können. Ihre Geschichten zeigen, dass es Handlungsalternativen gab, die zwar riskant waren, aber nicht von vornherein todesbereiten Widerstand verlangten. Es gilt, die Handlungsmöglichkeiten und Zwangslagen von Helfern und Verfolgten in der Diktatur auszuloten.

Die Auseinandersetzung mit dem Handeln der Helfer, das immer wieder als Zivilcourage charakterisiert wird, wirft Fragen auf: Werden die Hilfeleistungen für Juden in der NS-Zeit mit der Bezeichnung "zivilcouragiertes Handeln", das eher ein Element demokratischer Alltagspraxis ist, hinreichend erfasst? Solche Überlegungen können zum Überdenken des eigenen Handelns im sozialen und politischen Alltag der Gegenwart und zu Solidarität und Zivilcourage in der Demokratie ermutigen.
Text aus: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 14-15/2007)

Fußnoten

43.
Vgl. Peter Steinbach, "Unbesungene Helden", in: Günther B. Ginzel (Hrsg.), Mut zur Menschlichkeit, Köln-Bonn 1993, S. 183 - 203.