"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Pfeil rechts

Literatur und Presse


17.3.2008
Vertreibung, Exil und Ausbürgerung: Zu keiner anderen Zeit in der deutschen Geschichte war die Literatur in einem solchen Maße politischen Repressionen ausgesetzt wie zwischen 1933 und 1945.

Schwarz-Weiß-Foto: Mitglieder der Hitlerjugend (HJ) verbrennen in Salzburg am 30. April 1938 Bücher, die als jüdisch oder marxistisch verurteilt worden sind. Die größten nationalsozialistischen Bücherverbrennungen im Reich geschahen bereits 1933 und wurden maßgeblich von Mitgliedern des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) organisiert.Mitglieder der Hitlerjugend (HJ) verbrennen in Salzburg am 30. April 1938 Bücher, die als jüdisch oder marxistisch verurteilt worden sind. (© AP)

Vertreibung, Exil und Ausbürgerung: Zu keiner anderen Zeit in der deutschen Geschichte war die Literatur in einem solchen Maße politischen Repressionen ausgesetzt wie zwischen 1933 und 1945. Bezieht man politische, soziale und kulturelle Entwicklungen mit ein, lassen sich in dieser Zeit drei Richtungen in der deutschen Nationalliteratur ausmachen:
  • die antifaschistische- und Exilliteratur
  • die Literatur der "Inneren Emigration"
  • die faschistische und profaschistische Literatur
Doch sind auch hier die Übergänge fließend, standen doch die Schriftsteller in- und außerhalb Deutschlands unter dem Druck brutalster Maßnahmen des NS-Regimes. Auf der Grundlage von Ausnahmegesetzen wie dem so genannten "Ermächtigungsgesetz" vom 23. / 24.03.1933, schufen die Naziführer formalrechtliche Möglichkeiten, um Schriftsteller, die im Exil weiterhin im antifaschistischen Sinne wirkten, mit Ausbürgerungen und Einziehung ihres – erreichbaren – Eigentums (Gesetz vom 14.07.1933) in ihrer Existenz zu bedrohen bzw. in ihrem Wirken einzuschränken. Exilanten, deren die Nazis habhaft wurden, wurden nach NS-"Rechtsprechung" abgeurteilt, nicht wenige starben in den Konzentrationslagern.Werke jener Dichter, die von den NS-Machthabern für ihre Ziele missbraucht wurden, wobei die Schriftsteller, wie Ernst Jünger [1], sich dem System verweigerten bzw. entsprechend ihren Möglichkeiten Widerstand leisteten, aber auch Schriften "angepasster" Dichter, deren Werkaussage nicht der NS-Ideologie und -Weltanschauung entsprachen, werden deshalb in der angehangenen Aufstellung unter "sonstige Literatur" geführt.

Massenaufmärsche, protzig gestaltete, vorgeblich "kultisch" und historisch ausgeführte Umzüge, Thingspiele, "Sonnwendfeiern", "Große Kunstausstellungen", Theateraufführungen, Kinofilme und der massenhafte Druck von Büchern: Die Einseitigkeit künstlerischer Gestaltung im "Dritten Reich" zeigte sich in vielen Erscheinungen. Kultur und Literatur fanden nur dann die Akzeptanz des Systems, wenn sie der Verbreitung und Realisierung der Ideologie und Weltanschauung der NSDAP nutzten. Kunst und Kultur sollten erhaben und heroisch sein, "im nordischen und germanischen Streben, Suchen und Kämpfen" sollte "eine dem deutschen Volk gemäße Kunst" geschaffen werden [2]. Adolf Wagner, späterer bayerischer Gauleiter formulierte gar: "Die Kunst hat die Aufgabe, den Ausdruck des aus Blut und Boden geformten Gesichts der Seele darzustellen."[3] Und Joseph Goebbels deklarierte die Erfüllung der NS-Forderungen gar zur Voraussetzung für die Existenz der deutschen Kunst: "Die deutsche Kunst der nächsten Jahrzehnte wird heroisch, wird stählern romantisch, wird sentimentalitätslos, sachlich, wird national mit großem Pathos, sie wird gemeinsam verpflichtend und bindend sein oder sie wird nicht sein."[4]

Diese von den NS-Führern politisch gewollte Ausrichtung der Kunst, die Ablehnung und Bekämpfung dem nicht entsprechender anderer künstlerischer Stilrichtungen als "Entartete-" bzw. "Verfallskunst"[5], verbunden mit der Ersetzung des "Einzelindividuums" durch die "Volksgemeinschaft", mit der Maßgabe, das Volk in den "Mittelpunkt der öffentlichen, privaten, geistigen und politischen Betätigung" zu stellen [6], machten es – verbunden mit mangelnder Begabung – den NS-Schriftstellern schwer, historische Prozesse und Schicksale literarisch zu verarbeiten.[7] Die NS-Führer erhofften sich – vielfach vergeblich – hier Besserung von einer kommenden, jungen Generation von NS-Dichtern.[8]

Bereits in den ersten Veröffentlichungen des 1929 gegründeten NS-"Kampfbundes für deutsche Kultur" (KfdK), dessen "Führer" der NS-Ideologe Alfred Rosenberg war, sind die "völkischen" und rassischen Ideen klar formuliert, nach denen der "Aufbau eines neuen deutschen Kulturlebens" und "Schutz unserer Kulturgüter vor dem Kulturbolschewismus mit allen seinen gefährlichen Zersetzungserscheinungen"[9] gefordert wird. Auch das Auftreten der SA als "Ordner- und Schutzdienst" bei KfdK-Veranstaltungen [10], mehr noch, die massiven, aggressiven und diffamierenden Ausfälle gegen Künstler und Schriftsteller in den Zeitungen des KfdK ließen keinen Zweifel daran, dass die Nationalsozialisten auch Kunst und Kultur besetzen und beherrschen wollten. Die "Mitteilungen des Kampfbundes für deutsche Kultur" (1929-1931) und "Deutsche Kulturwacht Reichsorgan des Kampfbundes für deutsche Kultur" (ab 1932) [11] ließen schon vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler Schlimmes für Kunst und Künstler erahnen. Hinzu kamen Erfahrungen aus den Jahren 1930 / 1931, als in Thüringen Wilhelm Frick Innen- und Volksbildungsminister war und durch seine rigorose Personalpolitik gegenüber den NS verhassten Künstlern und Wissenschaftlern auffiel (Fricks Erlass "Wider die Negerkultur - für deutsches Volkstum", seine "Säuberung" der Kunstsammlungen des Weimarer Schloßmuseums, mit der Begründung, wie er es formulierte, damit etwas tun zu wollen gegen die Darstellung des "ostischen oder sonst minderrassigen Untermenschentums" in der Kunst [12]). Triumphierend drohten NS-Schriftsteller wie Will Vesper mit "Vollstreckung" und Abrechnung: "Um die Seele des Volkes geht es uns und um nichts anderes, und Hundsfötte wären wir, wenn wir jetzt, da die Brunnenvergifter in der Klemme sitzen, uns weichmachen und unseren gerechten Kampf bagatellisieren ließen."[13]


1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Pfeil rechts
Alles auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Vgl. Helmut Kaiser "Mythos Rausch und Reaktion. Der Weg Gottfried Benns und Ernst Jüngers", Aufbauverlag Berlin, 1962, S. 186ff.
2.
Hans Schemm, bayerischer Kultusminister, im "Völkischen Beobachter", Ausgabe A, Süddeutsche Ausgabe, vom 15.10.1933, S. 1.
3.
zitiert nach ebenda.
4.
"Völkischer Beobachter. Norddeutsche Ausgabe", Zweites Beiblatt/130. Ausgabe, 10.5.1933.
5.
Vgl. dazu Rede Hitlers am 19.7.1937 zur Eröffnung des "Hauses der deutschen Kunst" in München, so zitiert in "Große Geschichte des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegs. Der Staat Adolf Hitlers", Naturalist Verlag, München/Köln 1989, S. 108ff.
6.
Vgl. Goebbels "Der neue Geist im Rundfunk", in "Völkischer Beobachter. Norddeutsche Ausgabe", 28.3.1933.
7.
Vgl. dazu u. a. Notizen von Goebbels in seinen Tagebüchern, in: "Die Tagebücher des Joseph Goebbels”, herausgegeben von Elke Fröhlich, K. G. Saur München, 1998 - 2006, hier Bd. 3/I, S. 146, 172, 328, 361.
8.
Vgl. dazu u. a. Goebbels in seinen Tagebüchern Bd. 3/I, S. 230, 299, Bd. 3/II, S. 62; Dr. Rainer Schlösser "Das neue Antlitz der Dichterakademie", in "Völkischer Beobachter. Norddeutsche Ausgabe", Zweites Beiblatt, vom 9.5.1933.
9.
Vgl. dazu u. a. Dieter Fricke, "Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945). In vier Bänden", VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1985, Bd. 3, S. 169ff. und Jürgen Gimmel, "Die politische Organisation kulturellen Ressentiments. Der "Kampfbund für deutsche Kultur" und das bildungsbürgerliche Unbehagen an der Moderne", LIT Verlag Münster - Hamburg - London, 2001, S. 19ff.
10.
S. dazu auch: Gimmel, Jürgen, a. a. O., S. 52.
11.
Vgl. Fricke, Dieter, a. a. O., S. 169ff. und Gimmel, Jürgen, a. a. O., S. 26ff.
12.
S. Fricke, Dieter, a. a. O., Gimmel, Jürgen, a. a. O., S. 47ff.
13.
Will Vesper: "Gemeinschaft der geistig Schaffenden?", in: "Völkischer Beobachter. Norddeutsche Ausgabe", Zweites Beiblatt, vom 26./27.3.1933.