"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Deutsche Geschichten

Der Zweite Weltkrieg

Totale Niederlage

Die Unfähigkeit des Regimes zur Politik zeigte sich schließlich auch im Unvermögen, einen rechtzeitigen Waffenstillstand oder auch einen Separatfrieden abzuschließen. So blieb am Ende nur die illusionäre Hoffnung auf einen Wechsel der Bündnisse, an die sich Hitler und Goebbels in ihren Untergangsvisionen klammerten. Die Möglichkeit eines Separatfriedens hatten die Alliierten allerdings schon durch die Konferenz von Casablanca im Januar 1943 weitgehend zu unterbinden versucht, als sie mit der Formel des "unconditional surrender" (bedingungslose Kapitulation) die widersprüchliche und nur durch die gemeinsame Gegnerschaft gegen das Hitler-Regime vereinte, Koalition bis zum militärischen Sieg zusammenzuhalten versuchten. Damit war aber dem Dritten Reich fast jeder politische Ausweg aus der drohenden totalen Niederlage und bedingungslosen Kapitulation genommen und die deutsche Gesellschaft noch fester an das NS-Regime gekettet. Seit dem Sommer 1944 waren die militärische Niederlage und das Ende des NS-Regimes absehbar und mit ihm der Untergang des Deutschen Reichs. Im Sommer 1944 machten sich die Alliierten in einer "Europäischen Beratenden Kommission" daran, einen Entwurf für die politische Kapitulation Deutschlands, ein Protokoll über die Aufteilung Deutschlands in einzelne Besatzungszonen und ein Abkommen über die alliierten Kontrolleinrichtungen zu verabschieden.

Die weitere Ausgestaltung dieser Absichtserklärungen auf künftigen Konferenzen der siegreichen Mächte hing auch von der weiteren Entwicklung ab. Während Stalin alles tat, um im von der Roten Armee eroberten Polen politisch vollendete Tatsachen zu schaffen und die Rote Armee bis an die Rigaer Bucht und die Grenzen Ostpreußens vorstieß, hatte Hitlers letzter Gegenschlag, die Ardennenoffensive, den Vormarsch der amerikanisch-britischen Truppen nur kurzzeitig stoppen können. Nach schweren Kämpfen wurde Aachen am 21. Oktober 1944 als erste deutsche Großstadt erobert, der weitere Vormarsch der Alliierten in Richtung Rhein blieb vorerst stecken. Unterdessen begann am 12. Januar 1945 an der gesamten Ostfront zwischen Memel und Karpaten die sowjetische Winteroffensive, die bereits Ende des Monats bis an die Oder vorstoßen konnte. Während Hitler am 16. Januar 1945 sein Führerhauptquartier in den Bunker unter der Berliner Reichskanzlei verlegte und an alle Divisionen Durchhaltebefehle erteilte, hatte in den eisigen Wintermonaten 1944/45 schon längst eine Massenflucht der deutschen Zivilbevölkerung aus Ost- und Westpreußen, aus Pommern und Schlesien begonnen. Riesige Flüchtlingstrecks hatten sich - oft mit erheblicher Verzögerung durch die Behinderung seitens der örtlichen NS-Dienststellen - vor den rasch vorrückenden sowjetischen Truppen auf völlig verstopften Straßen nach Westen in Bewegung gesetzt oder versucht, über die Ostseehäfen Königsberg und Pillau mit der deutschen Kriegsmarine zu entkommen. Wer von der Roten Armee eingeholt und überrollt wurde, dem drohten Verschleppung, Vergewaltigung oder Tod.

Trotz des erbitterten Durchhaltewillens der deutschen Soldaten war der militärische Zusammenbruch absehbar, auch weil der Kollaps der deutschen Kriegswirtschaft drohte. Von Speer schon seit dem Spätsommer 1944 vorhergesehen und in einer Denkschrift vom 15. März 1945 bekräftigt, war er weniger Folge der anhaltenden Bombardements der Westalliierten auf die deutsche Rüstungsindustrie, als vielmehr Folge des Verlustes verschiedener Rohstoffquellen wie etwa der rumänischen Erdölquellen und der Zerstörung des Verkehrsnetzes. Eine nachhaltige Wirkung erzielten die alliierten Bomberflotten mit ihren Angriffen auf Eisenbahnknotenpunkte, Brücken und Kanäle, ab Frühjahr 1944 auch auf die Ölraffinerien und Hydrierwerke. Die Zerstörungen der übrigen Industriebetriebe, die teilweise schon ausgelagert waren, hielten sich in Grenzen oder konnten rasch wieder behoben werden. Auch die Angriffe auf deutsche Wohngebiete, die 3,37 Millionen Wohnungen und vier Fünftel aller deutschen Großstädte zerstörten und mehr als 600.000 Menschen das Leben kosteten, haben weder die Waffenproduktion noch die Moral der deutschen Bevölkerung wirklich brechen können. Nicht allein die technische und materielle Überlegenheit der Alliierten ließ die deutsche Niederlage seit 1943 unausweichlich werden, sondern auch Defizite in der Planung, Fehlentscheidungen in der Rüstungsplanung und in der operativen Führung, die auf die destruktiven Wirkungen des Führungschaos an der politischen Spitze des Reiches zurückgingen.

Die selbstzerstörerischen Kräfte, die im politischen System des "Dritten Reichs" angelegt waren, kamen in seinem Untergang deutlich zum Vorschein. Am 30. Januar 1945, als Hitler in einer Rundfunkansprache zum zwölfjährigen Jubiläum der NS-Machtübernahme wieder einmal den Durchhaltewillen angesichts der drohenden Gefahr des "asiatischen Bolschewismus" beschworen hatte, unterbreitete ihm Speer, dass nach dem bevorstehenden Verlust des Ruhrgebietes mit dem endgültigen Zusammenbruch der Wirtschaft zu rechnen sei und dass danach eine Fortsetzung des Krieges sinnlos wäre. Auch mit einer Denkschrift vom 15. März 1945 versuchte Speer Hitler davon zu überzeugen, daß er die letzten Reste der Wirtschaftsbasis für die Überlebenden erhalten müsse. Dies wollte Hitler nicht akzeptieren und ordnete am 19. März 1945 im so genannten "Nero-Befehl" die vollständige Zerstörung der deutschen Wirtschaft an. Der Rassenideologe sah keinen Grund mehr für die Erhaltung eines Volkes, das im Lebenskampf seiner Meinung nach unterlegen war. Das war auch Thema der Hasstiraden und Untergangsvisionen, die seine letzten Mitarbeiterbesprechungen im Führerbunker im April 1945 begleiteten: Das deutsche Volk habe versagt; es habe das Schicksal verdient, das es jetzt erwarte.

Auch in seinem politischen Testament, das er am 30. April 1945 in seinem Bunker in Berlin angesichts der vorrückenden Roten Armee formulierte, blieb er der Ideologe und radikale Rassenantisemit, der er immer war. Mit einer Propagandalüge verabschiedeten sich der Diktator und sein Regime von der Welt: Am 1. Mai 1945 meldete der Rundfunk "dass unser Führer Adolf Hitler heute nachmittag in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus kämpfend, für Deutschland gefallen ist". Tatsächlich hatte er sich am 30. April, gegen 15.30 Uhr mit Gift das Leben genommen. SS-Leute hatten die Leiche im Garten der Reichskanzlei zu verbrennen versucht.
Quelle: Deutsche Geschichten
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Stand April 2005.