"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Deutsche Geschichten

Der Zweite Weltkrieg

Krieg gegen Frankreich

Hitler wollte sich die militärische Initiative nicht aus der Hand nehmen lassen und scheute darum auch nicht davor zurück, die Souveränität neutraler und nicht kriegführender Länder zu missachten. So befahl er den Überfall auf die beiden neutralen Länder Dänemark und Norwegen am 9. April 1940, nachdem ihn der Oberbefehlshaber der Marine Erich Raeder von der Gefahr überzeugt hatte, dass Norwegen in englische Hand fallen könne. Am 1. März 1940 hatte Hitler die Weisung "Weserübung" erlassen, welche die Besetzung Dänemarks und Norwegens vorsah. Kurz darauf hatte er sich dafür entschieden, mit dieser Operation noch vor dem Westfeldzug zu beginnen. Mit dem handstreichartigen Überfall auf die nordischen Nachbarstaaten sollten der Zugang zu den schwedischen Erzlagern und eine günstige Operationsbasis gegen England gesichert werden. Noch während die deutschen Truppen in einer kombinierten Operation aller drei Wehrmachtsteile in Norwegen landeten, wobei die Marine erhebliche Verluste erlitt, begann am 10. Mai die Offensive im Westen. Dabei wurde die Souveränität der beiden neutralen Staaten Belgien und Niederlande ohne Rücksicht auf das Völkerrecht verletzt. Der rasche militärische Triumph ließ die anfänglichen Bedenken der Militärs, die auf die mangelnde rüstungstechnische und logistische Vorbereitung verwiesen, schwinden. Die mehrmalige Verschiebung des Angriffs hatte den Erfolg sogar noch begünstigt. Neben der verbesserten militärischen Ausstattung hatte der Angreifer seinen Operationsplan in der Zwischenzeit verändert.

Der so genannte Sichelschnittplan, der im Zusammenspiel zwischen Hitler, Generalleutnant Erich von Manstein und einer eher zögerlichen Heeresführung Ende Februar 1940 verabredet worden war, schuf die entscheidende Voraussetzung für den raschen Erfolg. Der Plan sah den massierten Einsatz von Panzer- und motorisierten Verbänden der Heeresgruppe A über die Ardennen vor, die bislang als ein natürliches Hindernis für den Einsatz solcher motorisierter Verbände gegolten hatten. Gleichzeitig sollte die Heeresgruppe B Belgien und die Niederlande besetzen, um damit die Nordseeküste zu erreichen und die Hauptmasse der gegnerischen Verbände zwischen den beiden Heeresgruppen zu zerreiben. Die Heeresgruppe C hatte lediglich den Auftrag, feindliche Kräfte an der Maginotlinie im Süden zu binden, ohne vorerst den Angriff auf dieses Herzstück der französischen Sicherheitspolitik vorzunehmen. Die militärische Stärke der Westmächte und der deutschen Wehrmacht war insgesamt als gleichwertig einzuschätzen, so dass neben der größeren Erfahrung vor allem der riskante und taktisch geschickte Angriffsplan den Ausschlag für den raschen Erfolg der Wehrmacht gab. In der ersten Phase vom 10. Mai bis zum Ende des Monats waren hauptsächlich das Ausnutzen der Überraschung des Gegners und das unerwartete Tempo des Vormarsches ausschlaggebend. In der zweiten Phase, beginnend am 5. Juni 1940, kam zu der gegnerischen Verwirrung durch den deutschen Operationsplan die innere Schwäche Frankreichs hinzu, das sich von den Folgen der Weltwirtschaftskrise noch nicht erholt hatte.

Innenpolitisch war das Land zudem durch eine tiefe ideologische Polarisierung zwischen den Anhängern der sich antifaschistisch verstehenden Linken und einer bürgerlich-nationalen Rechten geschwächt, die auf die Wucht der nationalsozialistischen Herausforderung mit Defätismus und Konzessionsbereitschaft reagierte.

Französische Kapitulation

Noch auswegloser wurde die Situation Frankreichs durch das Zerbrechen der britisch-französischen militärischen Kooperation. Die Briten versuchten, ihr Expeditionskorps (zusammen mit etwa 100.000 französischen Soldaten, die in Dünkirchen ebenfalls eingekesselt waren) über den Kanal zu retten, was ihnen in einer improvisierten Aktion unter Zurücklassen der schweren Waffen und Dank des Anhaltens des deutschen Vormarsches auch gelang. Im französischen Kabinett, das nach Bordeaux geflüchtet war, begann darauf- hin eine Auseinandersetzung zwischen denen, die einen Waffenstillstand befürworteten - an ihrer Spitze die Generäle Philippe Pétain und Maxime Weygand - und jenen, die den Krieg gestützt auf den französischen Kolonialbesitz und auf ein Bündnis mit England weiterführen wollten.

Auch Churchill, der am 10. Mai die britische Regierung übernommen hatte, versuchte Frankreich im Krieg zu halten und schlug eine britisch-französische Union vor. Doch Pétain und Weygand setzten sich durch. Am 17. Juni kündigte Marschall Pétain ein französisches Waffenstillstandsersuchen an. Die politisch-moralische Krise der Dritten Französischen Republik hatte den Boden bereitet für den Zusammenbruch eines politischen Systems, das noch den Ersten Weltkrieg siegreich überstanden hatte. Doch sein zunehmender Verfall und schließlich sein Immobilismus schien für die Anhänger der Diktatur in Frankreich so wie im übrigen Europa Beweis für den Niedergang der parlamentarischen Demokratie zu sein. Der Krieg gegen Frankreich war in der deutschen Wahrnehmung eine politische Demonstration und ein Sieg über ein historisches Trauma. Der Zusammenbruch Frankreichs führte Hitler auf den Höhepunkt seiner Macht. In nur sechs Wochen hatte er mit der Wehrmacht erreicht, woran die kaiserliche Armee im Ersten Weltkrieg in vier blutigen Jahren gescheitert war, nämlich den Sieg über den angeblichen "Erbfeind" Frankreich. Im Wald von Compiègne, wo die Deutschen 1918 um Waffenstillstand hatten bitten müssen, sollte die "nationale Schmach" ausgelöscht werden. Die Waffenstillstandsbedingungen, die den Franzosen nun in jenem Salonwagen auferlegt wurden, in dem umgekehrt Marschall Foch am 11. November 1918 der deutschen Delegation die Waffenstillstandsbedingungen mitgeteilt hatte, waren aus politischen Erwägungen relativ maßvoll. Frankreich behielt seine Flotte und sein Kolonialreich.

Das Land wurde in eine besetzte Zone im Norden bzw. im Westen und in eine unbesetzte Zone im Süden aufgeteilt. Frankreich sollte gleichsam die "Ehre" belassen werden, um es politisch besser unter Kontrolle halten zu können. Andererseits sollte Frankreich nicht mehr in der Lage sein, einen militärischen Widerstand zu organisieren. Die Besatzungsgewalt unterstand einem deutschen Militärbefehlshaber. Der Rumpfstaat im Süden behielt eine eigene Verwaltung und geringe Streitkräfte. Sitz der neuen autoritären Regierung unter Marschall Pétain, die von der französischen politischen Rechten unterstützt wurde, war der Badeort Vichy. Sein Name wurde in Frankreich bald zum Inbegriff für eine spezifische Form der Kollaboration, die vor allem wegen des Zusammenwirkens der französischen Gendarmerie mit der Gestapo und dem SD bei der Judenverfolgung die kollektive französische Erinnerung belasten sollte. Elsaß und Lothringen wurden wie Luxemburg dem Reichsgebiet einverleibt und nationalsozialistische Gauleitern aus dem Reich unterstellt. Die Niederlande unterstanden einem Reichskommissar, der ebenfalls eine von NS-Dienststellen getragene Zivilverwaltung errichtete. Belgien hingegen wurde dem deutschen Militärbefehlshaber unterstellt. Damit zeichnete sich eine verwirrende Vielfalt unterschiedlicher Formen der Besatzungsverwaltung ab, um deren Zuständigkeiten militärische Dienststellen, Parteifunktionäre und ihre Apparate sowie Reichsministerien untereinander wetteiferten und so die polykratischen Herrschaftsformen des Dritten Reichs auf die besetzten und annektierten Gebiete übertrugen.