"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

13.4.2005 | Von:
Ulrich Pfeil

"Nicht alle Deutschen haben ein Herz aus Stein"

Gab es überhaupt deutsche Widerstandskämpfer? Jahrzehnte taten sich die Menschen in Frankreich mit dieser Vorstellung schwer. Zu sehr definierten sie sich selbst über die eigene Résistance. Erst heute finden beide Länder zu einer Geschichte eines gemeinsamen Widerstands.

Adolf Hitler posiert am 23. Juni 1940, einen Tag nach der formellen Kapitulation Frankreichs, in Paris vor dem Eiffelturm. Neben ihm: Albert Speer, Reichsminister für Bewaffnung und Munition und Hitlers Chefarchitekt, links, und Arno Breker, Professor für Bildende Kunst in Berlin und Hitlers Lieblings-Bildhauer.Adolf Hitler posiert am 23. Juni 1940, einen Tag nach der formellen Kapitulation Frankreichs, mit Albert Speer und Arno Breker vor dem Eiffelturm. (© AP)

Einleitung

Joseph Rovan, der 1933 nach Frankreich emigriert und nach seiner Festnahme durch die Gestapo im Juli 1944 ins KZ Dachau deportiert worden war, bevor er zu den entscheidenden Akteuren der westdeutsch-französischen Annäherung nach 1945 gehörte, berichtet rückblickend, wie er im Maquis, der französischen Partisanenbewegung, jungen Widerständlern erklärte, dass es sich beim Kampf gegen den Nationalsozialismus nicht um einen klassischen nationalen Krieg, sondern um einen internationalen Bürgerkrieg handele.[1] 60 Jahre später, im Januar 2004, verlieh die ehemalige französische Europaministerin Noëlle Lenoir dem letzten lebenden Verschwörer des 20. Juli 1944, Philipp Freiherr von Boeselager, das Kreuz der Ehrenlegion und ehrte damit nicht nur eine Person, sondern auch jene Vertreter des "anderen" Deutschlands, die dafür gesorgt hatten, "dass Licht und Hoffnung und Menschlichkeit auch in den dunkelsten Augenblicken nie ganz abhanden gekommen sind"[2]. Beide Ereignisse deuten auf ein Verständnis von Widerstand gegen Unrecht hin, dem ein universeller bzw. transnationaler Anspruch zugrunde liegt. Was damals und heute eine Selbstverständlichkeit war bzw. ist, verlor nach 1945 schnell an Geltung und musste erst mühsam und bisweilen über schmerzhafte Lernprozesse wieder erarbeitet werden. Diese verschlungenen, mit mentalen Barrieren und politischen Hindernissen verstellten Wege, auf denen sich Deutsche und Franzosen die Geschichte von Widerstand und Résistance als Teil eines gemeinsamen Selbstverständnisses aneigneten, gilt es in diesem Beitrag nachzuzeichnen.

Konkurrierende Versionen der Vergangenheit bestimmten in Frankreich wie in Deutschland nach 1945 die Erinnerungslandschaften und erschwerten eine von Konvergenz und Kooperation geprägte Interpretation des deutschen Widerstandes. Diese Feststellung legt eine vergleichende Herangehensweise nahe, um die Bedeutung von nationalen Traditionsbeständen bei gesellschaftlichen Aneignungsprozessen von Historie durch die verfremdende Linse eines Vergleichsfalls erfassen zu können. Die Vorstellung von einer unabhängigen "nationalen" Entwicklung erscheint jedoch fraglich,[3] so dass auch in diesem Beitrag ein Schwerpunkt auf die sich kreuzenden historisch-politischen Identitätsdiskussionen und diskursiven Verflechtungen zwischen Deutschland und Frankreich gelegt werden soll. Die Beschäftigung mit Widerstand und Emigration, der in diesem Beitrag aus Platzgründen nicht ausreichend Rechnung getragen werden kann,[4] bietet damit nicht nur einen Einblick in die Konjunkturen der deutsch-französischen Annäherung, sondern darüber hinaus die Möglichkeit, Geschichte als konstruktive Störung in bilateralen Versöhnungsprozessen zu erfahren.

Fußnoten

1.
Vgl. Joseph Rovan, Des Allemands contre Hitler, in: L'Histoire, 171 (1993), S. 22 - 25.
2.
Zit. nach: Gerd Kröncke, Merci für den Major. Frankreich ehrt den letzten lebenden Offizier des 20. Juli, in: Süddeutsche Zeitung vom 31.1.2004; Redetext: Frankreich ehrt den deutschen Widerstand. Rede der Europaministerin Noëlle Lenoir, 28.1.2004, in: Dokumente, 60 (2004) 1, S. 105.
3.
Vgl. Christoph Conrad/Sebastian Conrad (Hrsg.), Die Nation schreiben. Geschichtswissenschaft im internationalen Vergleich, Göttingen 2002, S. 17.
4.
Vgl. zu den Anfängen der Beschäftigung mit dem deutschen Exil in Frankreich: Ulrich Pfeil, Die "anderen" deutsch-französischen Beziehungen. Die DDR und Frankreich 1949 - 1990, Köln 2004, S. 228ff.