Dossierkopf Geheimsache Ghettofilm

8.5.2013 | Von:
Anja Horstmann

Das Filmfragment "Ghetto" – erzwungene Realität und vorgeformte Bilder

Was sagt die filmwissenschaftliche Forschung zu dem Filmfragment "Ghetto"?

Die Filmaufnahmen aus dem Warschauer Ghetto schaffen ein "typisches", aber auch ungewöhnliches Abbild des abgeriegelten Stadtviertels. "Typisch" in dem Sinne, dass die Aufnahmen mit ihrer Bildsprache an zuvor publizierte, auf stereotype Vor- und Darstellungen des europäischen Judentums reduzierte Bildberichte und Filmbeiträge anknüpfen. Auffällig ist eine Reduktion der Filmbilder auf wenige, durch die nationalsozialistische Propaganda geprägte Motive über "den Juden" und eine daraus entstehende Endindividualisierung der gefilmten Personen. In den Aufnahmen erfolgt eine sich wiederholende Konzentration auf ausgewählte Ausschnitte des Lebens im abgeschlossenen Stadtteil. Die bevorzugten Motive sind Menschen auf den Straßen des Ghettos und beim Handel mit Lebensmitteln und Kleidung. Im überlieferten Filmfragment sind folgende Sequenzen aneinandergefügt: Überblick über die Straßen und Plätze, private Räumlichkeiten, Bettler auf den Bürgersteigen, Einblicke in die Arrestanstalt, Bestattung in einem Massengrab und verschiedene Formen des religiösen Lebens. Der Fokus liegt dabei auf der Darstellung der räumlichen Enge des Ghettos, die sich in den von Menschen überfüllten Straßen und Plätzen manifestiert. Einen weiteren Schwerpunkt der Aufnahmen bildet die Thematisierung von Hunger und Krankheiten. Vermehrt wurden Aufnahmen von bettelnden und kranken Menschen gedreht, daneben eine längere Sequenz in der Desinfektionsanstalt, um die Auswirkungen des im Ghetto grassierenden Fleckfiebers zu demonstrieren.

Das ungewöhnliche an den Warschauer Filmaufnahmen von 1942 ist die Konzeption der Produktion als längerer, in sich geschlossener Film mit einer narrativen Leitlinie. Die Aufnahmen sind auf einem konsequenten Prinzip des Kontrastes aufgebaut, anhand dessen scheinbar stark auseinanderfallende Besitz- und Lebensverhältnisse im Ghetto aufgezeigt werden sollen. Der Film besteht aus einer Gegenüberstellung von Szenen, die das verschwenderische Leben einiger weniger Juden und das Elend der Mehrheitsgesellschaft im Ghetto herzustellen versucht. Diese Gegenüberstellung wird durch eine Vermischung von vorgefundenen und inszenierten Ereignissen im abgeriegelten Stadtteil erzeugt.

Zum Zeitpunkt der Filmaufnahmen verschlechterten sich die Lebensbedingungen für die Menschen im Warschauer Ghetto stetig (Weitere Informationen bietet der Hintergrundartikel "Das Warschauer Ghetto" von Andrea Löw). Das im November 1940 errichtete Ghetto erreichte im März 1941 mit knapp 460.000 Bewohnern die dichteste Belegung.[16] Ende 1941 verfügten etwa 40 Prozent der Ghettobewohner nicht mehr über genügend Mittel zum Lebensunterhalt. Die Sterblichkeit belief sich in dieser Zeit auf knapp 100.000 an Hunger und Erschöpfung gestorbene Menschen.[17] Durch die destruktiven Maßnahmen der deutschen Besatzungsmacht, wie Lebensmittelrationierung und Zwangsarbeit, kam es im Warschauer Ghetto zu einem beschleunigten sozialen Abstieg von praktisch allen Bewohnern. Die vorherrschenden Zustände wurden für die Filmaufnahmen insofern genutzt, indem sie die inhaltliche Grundlage für einen tendenziösen Bericht über die Lebensverhältnisse im Warschauer Ghetto bildeten.

Neben vorgefunden Bildern von den Elendsquartieren des Ghettos, des Straßenhandels und von kranken und bettelnden Personen, wurden inszenierte Szenen einer "Luxusgesellschaft des Ghettos" montiert. Diese zeigen gut gekleidete, tanzende Paare in einem Café, ebenso Aufnahmen von einem Restaurant mit überreichlich gedeckten Tischen und von komfortabel eingerichteten, geräumigen Wohnungen.

Die Filmarbeiten sollten Stereotypen zeigen und Vorurteile bestätigen

Jonas Turkow beschreibt die Vorgehensweise bei den Dreharbeiten solcher Szenen in seinem Erinnerungsbuch wie folgt: "Die Deutschen nutzten wohlgemerkt die unschönen Nebenplätze des Ghettos in ihrem Interesse. […] Sie filmten die Restaurants, die Cafes, die Theater und die Revuen, indem sie zu diesem Zweck die berühmtesten jüdischen Künstler und Musiker des Ghettos zusammenriefen. Man befahl den Künstlern, an allen Theatervorstellungen teilzunehmen, um sie zu filmen. Man versammelte die Menschen auf der Straße und führte sie unter strenger Bewachung an verschiedene Orte. Man setzte die Leute derart in den Saal, dass sich ein alter Chasside mit weißem Bart mit einer jungen schicken Frau im Arm hinsetzen sollte. Sie filmten die Straßenszenen in dem geraden Teil der Karmelitzkestraße, wo die Juden in dem Gewühl, das dort herrschte, sich gegenseitig umrannten. Sie lösten speziell an diesem Ort eine Panik aus und, als die Juden anfingen in der größten Verwirrung wegzulaufen, weil sie von den Deutschen getrieben wurden, wurden sie dabei von den Kameramännern gefilmt. Die Deutschen, die sie vor sich hertrieben, wurden natürlich nicht mitgefilmt."[18]

Tanzende Paare, volle Restaurants, schicke Wohnungen. Propagandaaufnahmen im Warschauer Ghetto, wie hier ein Ausschnitt zeigt, sollten mit der Kontrastierung von arm und reich den durch die jüdische Bevölkerung scheinbar selbst zu verantwortenden Zustand von Armut und Hunger in der Bevölkerung zeigen. Dabei wurden die Folgen der Besatzung und Ghettoisierung durch die Deutschen verschwiegen. (© Bundesarchiv-Filmarchiv und Transit Film)Tanzende Paare, volle Restaurants, schicke Wohnungen. Propagandaaufnahmen im Warschauer Ghetto, wie hier ein Ausschnitt zeigt, sollten mit der Kontrastierung von arm und reich den durch die jüdische Bevölkerung scheinbar selbst zu verantwortenden Zustand von Armut und Hunger in der Bevölkerung zeigen. Dabei wurden die Folgen der Besatzung und Ghettoisierung durch die Deutschen verschwiegen. (© Bundesarchiv-Filmarchiv und Transit Film)

Zusätzlich wurden für die Kamera etliche Szenen inszeniert, in denen auf den überfüllten Straßen des Ghettos gut gekleidete Personen auf ärmlich gekleidete, bettelnde Menschen treffen. Diese direkte Gegenüberstellung sollte den ohnehin schon künstlich überhöhten Kontrast noch verstärken.

Auch dieses Vorgehen beschreibt Turkow: "Sie bereiteten große ‚Empfänge’ im Restaurant Shultz an der Kreuzung der Straßen Karmelitzke und Novolipki. Sie setzten gut gekleidete Juden an reich gedeckte Tische, die feierten und Gans, Hühnchen und Pute aßen und Wein, Alkohol und verschiedene Liköre tranken. Nach dem Essen befahl man den eleganten Juden (die man vorher auf der Straße zusammengesucht hatte), mit einer Zigarre im Mund hinauszugehen. Vor dem Eingang hatte man in Lumpen gekleidete Arme hingestellt, mit aufgedunsenen oder im Gegenteil abgemagerten Körpern, die die Hand aufhielten und um Almosen bettelten. Die Leute, die vollgegessen und zufrieden von dem guten Essen hinauskamen, mussten die Armen voller Abscheu zurückstoßen und sagen ‚Haut ab, Bettlerpack!’ und andere Sätze dieser Art.“[19]

Die Aufnahmen aus dem Ghetto sollten objektiv und authentisch wirken

Bei einer ersten oberflächlichen Betrachtung der Filmaufnahmen ist die Inszenierung der Motive nicht erkennbar. Der Betrachter wird vielmehr dazu eingeladen, sich einer vermeintlich objektiven Betrachtung alltäglichen jüdischen Lebens im Ghetto zu nähern. In den ersten Einstellungen des Filmfragments "Ghetto" schwenkt die Kamera aus der Vogelperspektive über einen Teil des Ghettos, über die Ghettobrücke, die Ghettomauer und das Ghettotor. Erst nach und nach nähert sich die Kameraperspektive der Ebene der Straße. Diese Art der Kameraeinstellungen, der sich erst langsam nähernde Blick, lassen die Aufnahmen der Bildsprache ethnographischer Dokumentarfilme der Weimarer Zeit und des "Dritten Reichs" ähneln.[20] Die Filmbilder werden durch diese Strategie in die Tradition des dokumentarischen Genres der Kulturfilme gestellt und sollen so einen objektiven und authentischen Eindruck vermitteln.

Durch diese Mechanismen wird versucht, den Aufnahmen den Charakter von Zeugnissen der "real existierenden", von jedweden Eingriffen deutscher Kameramänner unabhängiger Zustände zu geben. Das Ghetto wird damit kontinuierlich als abgeschlossener, nach außen hin abgeschotteter "Lebensraum des Juden" dargestellt. Dieser künstlich geschaffene "Lebensraum" wird als ein Gemeinwesen konstruiert, welcher "nicht durch Gewalt von außen, sondern durch eine innere Dynamik zugrunde gehen muss"[21]. Das in den Aufnahmen "dokumentierte" Elend wird als von den Juden selbst zu verantwortender Zustand inszeniert und nicht als von den Deutschen herbeigeführter Missstand sichtbar gemacht. Als "Beweisführung" dieses scheinbar selbst zu verantwortenden Zustandes dient die scharfe Kontrastierung der vermeintlich stark auftretenden Gegensätze zwischen Arm und Reich, die sich als Linie durch das komplette Filmfragment ziehen und noch einmal sehr deutlich in den Schlussszenen herausgestellt werden. Hier wird jeweils ein männlicher oder weiblicher Vertreter der "Luxusgesellschaft" neben einem Vertreter der "Elendsgesellschaft" positioniert und in Porträtaufnahmen gefilmt.

Eine Abfolge von Realität und Propaganda

Mit diesen Einstellungen sollte der Eindruck vermittelt werden, die im Ghetto lebenden Juden wären nicht in der Lage, ein Sozialwesen aufzubauen. Durch dieses in den Filmaufnahmen konstruierte Bild wird das Zusammenspiel von Realität und Propaganda besonders deutlich: Wurden "die Juden" durch Konzentrierung, Hunger und Demütigung dem nationalsozialistischen Propagandabild "des Juden" angepasst, lieferte diese von den Tätern erzwungene Realität wiederum die Bilder, die zu ihrer Begründung dienen sollten.[22] Oder, wie Jonas Turkow eindrücklich in seinen Erinnerungen beschreibt: "Die deutsche Propaganda wollte die ganze Welt mit diesem Film davon überzeugen, dass es die Juden im Ghetto gut haben und zugleich zeigen, dass sie sich nicht zivilisiert benehmen, um die drastischen Maßnahmen zu rechtfertigen, die zu ihrem Wohle von den Deutschen ergriffen waren."[23]

Bis heute werden die Filmaufnahmen aus dem Warschauer Ghetto in Fernsehdokumentationen[24] und Ausstellungen von Gedenkstätten dazu verwendet, einen Eindruck vom Leiden des europäischen Judentums zur Zeit des Nationalsozialismus zu vermitteln.

Der Betrachter sucht in den Filmbildern ein Zeugnis über das Leben der Juden in den Ghettos, vergisst aber dabei, dass eben diese Bilder von den Nationalsozialisten vorgeformt worden sind. Denn die Auswahl der gefilmten Aspekte aus dem Warschauer Ghetto folgte den Kriterien der Nationalsozialisten, welche "Realitätswahrnehmung" über das europäische Judentum bewahrt und zukünftig erinnert werden sollte. Gerade vor diesem Hintergrund erscheint eine intensive Auseinandersetzung mit dem Filmmaterial umso notwendiger.

Fußnoten

16.
Dies entsprach etwa 150.000 Menschen auf einem Quadratkilometer des abgesperrten Wohnbezirks. Vgl. Ruta Sakowska: Die zweite Etappe ist der Tod. NS-Ausrottungspolitik gegen die polnischen Juden, gesehen mit den Augen der Opfer. Ein historischer Essay und ausgewählte Dokumente aus dem Ringelblum-Archiv 1941-1943, Berlin 1993, S. 13.
17.
Vgl. ebd.
18.
Turkow: Azoy iz es geven, S. 130 f.
19.
Turkow: Azoy iz es geven, S. 130 f.
20.
Vgl. Jeanpaul Goergen: Städtebilder zwischen Heimattümelei und Urbanität. In: Peter Zimmermann, Kay Hoffmann, (Hg.): Die Geschichte des Dokumentarischen Films in Deutschland, Bd. 3. "Drittes Reich" 1933-1945. Stuttgart 2005, S. 320-332.
21.
Loewy: Asien in Mitteleuropa.
22.
Vgl. dazu Gertrud Kochs Hinweis: "Die Nazis haben innerhalb kürzester Zeit Juden nach ihrem Bild geschaffen. Was sie selbst verursacht hatten, wurde nun propagandistisch als ontologischer Zustand ‚jüdischer Natur’ vorgeführt" in: Gertrud Koch: Die Einstellung ist die Einstellung. Zur visuellen Konstruktion des Judentums. Frankfurt am Main 1992, S. 124.
23.
Turkow: Azoy iz es geven, S. 132.
24.
Es handelt sich dabei um folgende Fernsehproduktionen: die SDR-Produktion aus der Reihe "Das Dritte Reich", Folge 8: "Der SS-Staat“ von Heinz Huber/Artur Müller (1961); aus der Reihe "Europa unter dem Hakenkreuz", Folge 11: "Auschwitz" von Roman Brodmann (1983) und aus der Serie "Holocaust" des ZDF, Folge 3: "Das Ghetto" (2000).

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