Dossierkopf Geheimsache Ghettofilm

8.5.2013 | Von:
Rainer Rother

Nationalsozialistische Filmpropaganda – filmisch dekonstruiert

Untertitel: Ein Kommentar zu Yael Hersonskis Film „Geheimsache Ghettofilm“

Spurensuche zu einem unvollendeten Film

Hersonskis Film beginnt mit einer Fahrt in einem Kellergang, aufgenommen im Bundesarchiv. Darauf folgen ältere Aufnahmen eines Filmlagers mit vielen gestapelten Filmbüchsen, wobei die Kamera die Räume durchstreift und auf einer Rolle mit dem Stempel "Geheim" endet. Der Kommentar erzählt dazu nach den Anfangssätzen die Geschichte vom Fund des "Ghetto"-Films, der in den 1950er Jahren in der DDR zusammen mit anderen vor 1945 eingelagerten Filmen entdeckt wurde. Der "Ghetto"-Film war ohne Tonspur, Anfangstitel oder Abspann: ein Geheimnis.

"Geheimsache Ghettofilm" schafft in der Exposition zu Beginn eine bestimmte Spannung, eine Erwartung. Es wird von einem unvollendeten Film berichtet, bevor daraus erste Bilder zu sehen sind. Dann folgen Aufnahmen aus dem Rohschnitt von 1942, die Aufsicht auf eine belebte Straße, die, wie ein Schwenk zeigt, durch eine Mauer abgetrennt zu sein scheint. Zehn weitere Einstellungen aus dem "Ghetto"-Material schließen sich an – alle abgefilmt von einem Schneidetisch.

Diesen folgen Fahrten in einem modernen Filmlager, aufgenommen wiederum im Bundesarchiv – sie zeigen den Transport von Filmrollen mit einer Sackkarre. Schließlich beginnt der Vorspann mit den Credits und dem Filmtitel, dazwischengeschnitten sind Aufnahmen eines Projektors, der anläuft. Die Titel "Achtung" und "Geheime Kommandosache!" werden sichtbar. Erneut sieht man das Bild der Straße und der trennenden Mauer, diesmal nicht vom Schneidetisch abgefilmt, daher in veränderter Färbung und besserer Auflösung.

Damit verwenden Exposition und Beginn des ersten Teils Material unterschiedlicher Herkunft: Archiv-Aufnahmen, sowohl aus dem "Ghetto"-Film wie aus dem "Restmaterial" (aus letzterem stammen die beiden Titel "Achtung" und "Geheime Kommandosache!") und eigens im Bundesarchiv gedrehte Szenen. Man könnte sagen, der Anfang erscheint als solcher hervorgehoben. Der Kommentar thematisiert in diesen ersten Filmminuten den Status der Aufnahmen von 1942. In dem Moment, in dem die Zuschauer die damals gedrehten Einstellungen sehen, erfahren sie auch in Grundzügen deren Geschichte. "Es ist die Rohfassung des einzigen nationalsozialistischen Films aus dem größten von den Deutschen errichteten Ghetto: dem Ghetto von Warschau. […] Überliefert sind nur diese stummen, über 60 Minuten langen Sequenzen. Sie zeigen überraschend gut gekleidete, scheinbar wohlgenährte Juden kontrastiert mit nacktem Elend und Sterbenden auf den Straßen."

Bei den Dreharbeiten im Warschauer Ghetto im Jahr 1942 sowie bei einem ersten Rohschnitt des Filmmaterials wurden bewusst die Kontraste zwischen arm und reich herausgestellt und teils inszeniert. Yael Hersonski gelingt mit ihrem Film "Geheimsache Ghettofilm" eine wichtige Re-Lektüre jener Aufnahmen, so der Medienwissenschaftler Rainer Rother. (© Bundesarchiv-Filmarchiv und Transit Film)Bei den Dreharbeiten im Warschauer Ghetto im Jahr 1942 sowie bei einem ersten Rohschnitt des Filmmaterials wurden bewusst die Kontraste zwischen arm und reich herausgestellt und teils inszeniert. Yael Hersonski gelingt mit ihrem Film "Geheimsache Ghettofilm" eine wichtige Re-Lektüre jener Aufnahmen, so der Medienwissenschaftler Rainer Rother. (© Bundesarchiv-Filmarchiv und Transit Film)

Hersonskis Montage legt großen Wert darauf, einerseits eine bestimmte Spannung zu erzeugen – nicht zuletzt dazu dienen die Vorspann-Einzeichnungen "Achtung" und "Geheime Kommandosache!". Andererseits gewinnt die Inszenierung von Erwartung, wobei das Hinführen des Zuschauers zu den alten Filmbildern transparent gehalten wird, deutlich den Charakter einer Narration. Dieser Beginn stellt seine ästhetische Formung, seine Inszenierung aus. Die Befragung des Materials, die fortan das Thema sein wird, verträgt sich nicht mit einem scheinbar naiven Vorgehen. Dass hier zudem mit einer nicht auflösbaren Unsicherheit über die Intentionen der NS-Filmmacher zu rechnen ist, verzeichnet der Kommentar: Nämlich, dass nicht eindeutig zu belegen ist, wieso im Ghetto gedreht wurde und wieso der Film nie zu Ende produziert wurde.

Schließlich wird der entscheidende Unterschied zu anderen Filmen, die auf die berühmt-berüchtigten überlieferten Bilder zurückgriffen, im Filmkommentar benannt: "Nach ihrer Entdeckung wurden die Filmsequenzen [von 1942] als Abbild des wahren Lebens im Ghetto verstanden. Wurden so in Dokumentationen verwendet, in Museen archiviert. Aus dem Propagandamaterial wurde historische Wahrheit. Doch was zeigen diese Bilder wirklich? Und was zeigen sie nicht?”[6]

Hersonskis Film ist eine Re-Lektüre der Aufnahmen von 1942

Damit ist implizit das Ziel der Filmemacherin formuliert, denn in ihrem Film geht es nicht darum, die Geschichte des Warschauer Ghettos zu erzählen. Eher könnte man sagen, "Geheimsache Ghettofilm" versuche, in den im Mai 1942 mit eindeutiger Absicht aufgenommenen Filmbildern die Schichten der damaligen Realität wieder erkennbar zu machen.

Neben den überlieferten Aufnahmen – der Rohschnitt ebenso wie die "Outtakes-Rolle", also das Restmaterial, sowie die parallel entstandenen Amateuraufnahmen von Mitgliedern des Produktionsteams – sind es vor allem folgende Quellen, die Yael Hersonski in ihrer Re-Lektüre des "Ghetto"-Films einsetzt: Zunächst im Off von verschiedenen Sprechern zitierte Zeugnisse von Zeitzeugen, wie die Tagebücher Adam Czerniakóws, der zur Zeit der Dreharbeiten Vorsitzender des Judenrats im Warschauer Ghetto war, und Dokumente aus dem Ringelblum-Archiv (siehe hierzu das Interview mit Samuel Kassow zum Archiv: Die Wahrheit soll leben – das Untergrundarchiv im Warschauer Ghetto), in dem Ghettobewohner über die Aktivitäten des Filmteams berichten und sie kommentieren.

Hinzu kommen Aktenvermerke der NS-Behörden, zum Beispiel über die Versorgungslage im Ghetto oder das Eintreffen der Filmcrew. Außerdem werden die Aussagen des Kameramanns Willy Wist, des einzigen durch ein Dokument namentlich identifizierten Mitwirkenden an den Filmarbeiten 1942, als nachinszenierte Spielszenen eingefügt. Willy Wist wurde in den 1970er Jahren im Zusammenhang mit Untersuchungen gegen deutsche Amtsträger in Warschau befragt. Schließlich bat Yael Hersonski Überlebende des Ghettos, die sich an die damaligen Dreharbeiten erinnern konnten, sich der Vorführung des überlieferten Materials auszusetzen und filmte dabei ihre Reaktionen.

Hersonskis filmische Untersuchung des unvollendeten Films bezieht sich also ausschließlich auf das überlieferte Material oder darauf bezogene Quellen und Erinnerungen. Der damals gedrehte Film ist das Geschehen, das Yael Hersonski verstehen will.

Fußnoten

6.
Differenzierter ist hier der englische Filmkommentar: "Ironically after the war this film commissioned by the Nazis turned into a trustworthy document for any filmmaker or museum seeking to show what really happened, to tell the untellable. The cinematic deception was forgotten and the black and white images were engraved in memory as historical truth. From the frenzy of propaganda the images alone remain - concealing many layers of reality."
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Rainer Rother für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

Mehr lesen