Dossierkopf Geheimsache Ghettofilm

8.5.2013 | Von:
Rainer Rother

Nationalsozialistische Filmpropaganda – filmisch dekonstruiert

Untertitel: Ein Kommentar zu Yael Hersonskis Film „Geheimsache Ghettofilm“

Befragung des Materials: Auflösung seiner Eindeutigkeit

In einer groben Unterscheidung können die vier von Hersonski im Film deutlich voneinander abgesetzten Teile so charakterisiert werden: Das erste Kapitel präsentiert zunächst sehr knapp Informationen zum Warschauer Ghetto und über das Filmprojekt von 1942. Mit Czerniakóws Tagebuch wird zum ersten Mal die Perspektive der Opfer auf die Dreharbeiten eingeführt. Erstes Beispiel für die Konfrontation von Filmbildern und Zeugnissen sind die mit Czerniaków inszenierten Aufnahmen in seinem Büro, wo er vermeintlich eine Gruppe von Rabbinern empfängt.

Weitere Einträge aus seinen Tagebüchern und korrespondierendes Filmmaterial folgen dem gleichen Prinzip, mit dem die scheinbare Evidenz der Filmbilder unterlaufen wird. Zu Czerniakóws Berichten treten schon hier die heutigen Erinnerungen der Überlebenden beim Betrachten der Ghetto-Filmaufnahmen. Zudem wird aus dem Wochenbericht vom Mai 1942 von Heinz Auerswald, Kommissar für den "Jüdischen Wohnbezirk" und zuständig für die Belange im Ghetto, eine Passage über den Beginn der Dreharbeiten aus dem Off zitiert.

Im zweiten Teil tritt der Akt der Filmproduktion mit den Aussagen Willy Wists, der in einer Nach-Inszenierung von Rüdiger Vogler gespielt wird, selbst in den Vordergrund. Seine Aussagen vor einem Untersuchungsbeamten sind sehr zurückhaltend inszeniert. Es bleibt jederzeit erkennbar, dass es sich um die Inszenierung mit einem bekannten Darsteller handelt. Solch ein Re-enactment in historischen Dokumentationen ist ein zweischneidiges Mittel und in der Regel Ersatz für fehlende Bilder und/oder schriftliche Dokumente.

Das Nachstellen von Situationen wird vor allem eingesetzt, wenn es gilt, "Atmosphäre" zu schaffen. Entsprechend hat Hersonskis Inszenierung Kritik auf sich gezogen. Alllerdings ist nicht zu übersehen, dass sich Wists Aussagen in zweierlei Hinsicht von anderen Quellen unterscheiden, die jeweils im Off zitiert werden. Letztere stammen aus der Zeit der Dreharbeiten – sowohl die Berichte und Tagebucheintragungen der Opfer sowie die Vermerke der deutschen Besatzer. Zudem sind Wists Aussagen spätere Rechtfertigungen. Die Regisseurin wählte die Form des Re-enactments, weil sie die Person Willy Wist ambivalent halten, nicht zum Abziehbild des Bösen machen wollte.[7]

Der dritte Teil des Films rückt historische Dokumente der Ghettobewohner in den Vordergrund. Die aus dem Ringelblum-Archiv ausgewählten Zeugnisse verweisen auf die Intentionen der Filmaufnahmen und sind erneut geeignet, das vermeintlich Dokumentarische der Einstellungen fraglich werden zu lassen. Zugleich werden Einstellungen aus dem Restmaterial zitiert, aus denen sich die mehrfachen "Takes", also die mehrfache Inszenierung von Situationen und damit die konsequente Inszenierung von "Alltäglichkeit" durch das Filmteam erweisen.

Der letzte Teil des Films zieht eine Art Resümee. Aus dem Amateurmaterial werden Szenen aus den Farbaufnahmen verwendet. Beginnend mit einer Begräbniszeremonie ist dieser Teil fast ganz dem Sterben im Ghetto gewidmet. Am Ende des Films (so auch im Rohschnitt) zeigt Hersonski abschließend Sequenzen von nebeneinander stehenden "reichen" und "zerlumpten" Juden. Mit dem Titel "Ende 4" folgt der Schluss – die letzten Bilder zeigen den Rücktransport der Filmrollen ins Archiv.[8] Auch dies ein sehr deutlich "erzählendes" Ende, formal als Geste wie das Schließen eines Kreises angelegt. Dem Anspruch der Regisseurin gemäß hat sich die Wahrnehmung der Filmrollen auf diesem inszenierten Weg aus dem Archivregal und zurück deutlich verändert. Aus einem geheimnisvollen Fund ist ein in vielen Beziehungen entschlüsselter Film geworden.

Die Auseinandersetzung der Überlebenden mit dem „Ghetto“-Film

Auch die Bilder vom Sterben sahen sich die Überlebenden an. Yael Hersonski sagt über ihre Arbeit mit den Zeitzeugen und deren Bereitschaft zu dieser Konfrontation mit der Vergangenheit: "Ich habe Überlebende gesucht, die sich an die Filmaufnahmen von 1942 erinnern konnten. Und wir haben einige Zeugen gefunden – mehr, als wir nun im Film haben. Ich habe mit allen von ihnen gesprochen. Ihnen beschrieben, was wir tun würden und sie gefragt, ob sie am Film teilhaben könnten und wollten." Einige der Überlebenden wollten sich, so Hersonski, den Bildern von 1942 stellen, andere waren unsicher. Die Filmemacherin bat schließlich nur wenige um ihre Mitarbeit; nur jene, die sagten, sie wollten es nicht für Hersonski, sondern für sich selbst tun.

"Wir führten ihnen den Film vor, teilweise in Jerusalem, teilweise in Tel Aviv, jeweils in der dortigen Kinemathek." Der Drehort richtete sich nach dem Wohnort. Die Filmsäle schufen eine für Zeitzeugeninterviews untypische Situation. "Wenn man für eine historische Dokumentation mit Augenzeugen oder Zeitzeugen zusammenarbeitet, dann führt man normalerweise die Interviews in ihrem Haus oder dergleichen. Ich wollte die Konzentration auf den Film von 1942 legen. Deshalb kamen sie ins Kino. Sie setzten sich diesen Bildern außerhalb ihrer gewohnten Räume aus, in einem dunklen Raum, allein auf die Bilder aus der Vergangenheit blickend. Wir führten immer eine Rolle vor, unterbrachen dann und ich fragte, ob sie oder er weitermachen wollte oder lieber abbrechen. Wir filmten sie während der Vorführung der Rollen, aber hörten in den Pausen dazwischen auf. Was man in meinem Film schließlich sieht, sind die Reaktionen der Überlebenden im Kino auf die Aufnahmen von 1942; und in jeder Sequenz mit den Überlebenden sind die Bilder, die die Zuschauer meines Films sehen, die gleichen, die die Zeitzeugen sahen."

Zur Zeit der Filmaufnahmen waren die Überlebenden, die den Ghettofilm betrachten, noch Kinder. Sie kamen herum im Ghetto, suchten in den Abfällen nach Essbarem, schmuggelten Nahrungsmittel. Sie sahen das Leid, den Hunger und das Sterben. Diese Erinnerungen geben den Aufnahmen einen Kontext, in dem sie nie zuvor standen. Von den Tätern als Denunziation konzipiert, in späteren Kompilationen als Beweis für die verbrecherischen Taten eingesetzt, werden die Bilder von den Überlebenden im Lichte ihrer Erfahrungen bewertet, werden neu lesbar.

Fußnoten

7.
Yael Hersonski, Interviews mit dem Verfasser vom 6.2.2010 und 24.4.2012.
8.
Der Kommentar schließt parallel zu diesen Aufnahmen mit den Worten: "Nach 30 Drehtagen packte das Team seine Kameras, Lampen und Tonausrüstung zusammen und verschwand. Weniger als zwei Monate später befahlen SS-Offiziere dem Vorsitzenden des Judenrats Listen zu schreiben mit tausenden von Namen zur unverzüglichen Deportation aus dem Ghetto. Vermutlich wusste Czerniaków, dass das Lager in Treblinka, wo seine Leute hingebracht wurden, ein Massengrab werden würde. Am nächsten Tag biss er auf die Zyanid-Kapsel, die er seit Kriegsbeginn bei sich trug. Als das Filmmaterial schließlich im Schneideraum seiner Auftraggeber landete, waren die meisten der Abgebildeten längst tot. Alles, was von ihnen blieb, sind ihre stummen Schatten auf einem Streifen Zelluloid."
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Autor: Rainer Rother für bpb.de
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