Dossierkopf Geheimsache Ghettofilm

8.5.2013 | Von:
Rainer Rother

Nationalsozialistische Filmpropaganda – filmisch dekonstruiert

Untertitel: Ein Kommentar zu Yael Hersonskis Film „Geheimsache Ghettofilm“

Die sozialen Gegensätze sollten im Fokus stehen – so der Auftrag

Derartige "Blicke in die Kamera" fehlen in jenen Szenen, in denen "Reichtum" ins Bild gesetzt wurde, und in denen teils Darsteller herangebracht und ausstaffiert wurden oder Situationen arrangiert wurden. Sie fehlen in Czerniakóws Büro, beim Empfang in der gutbürgerlichen Wohnung, im Restaurant oder im Theater. Aber sie sind präsent in den Straßenszenen, bei Passanten, auf dem Markt, selbst in der mit beträchtlichem Aufwand ins Bild gesetzten Szene vom Auseinandertreiben einer Menschenmenge durch jüdische Ordnungskräfte. Diese Blicke wiederum kündigen die Verfügbarkeit auf.

Indem Yael Hesonski die Zeitzeugen den Filmbildern aussetzt, lässt sie auch alle demonstrativ Wohlstand präsentierenden Szenen fraglich werden. Dass auch im Ghetto wenige Menschen die Muße hatten, ein Sonnenbad zu nehmen, dass es auch dort wenige Reiche gab, das räumen die Überlebenden ein. Aber sie bestätigen nicht die den Bildern von den Tätern gegebene Bedeutung. Ergänzend zu einer Szene mit einem Metzger, der an einem Straßenstand Fleisch anbietet, erinnert sich ein Überlebender: "Menschen, die noch Wertsachen hatten oder Essen, konnten sich auch Essen kaufen. Zu überhöhten Preisen zwar, aber sie konnten sich etwas kaufen. Bis zu ihrem letzten Tag. Davon gab es vielleicht 20 oder 50. Aber die meisten Menschen hatten nichts zu essen oder anzuziehen." Und angesichts der Sonnenbadenden resümiert eine andere Zeitzeugin: "Was wollten die damit zeigen? Unterschiede? Natürlich gab es Unterschiede im Ghetto." Bitter vermerkt sie: Es habe viele Kontraste im Ghetto gegeben, die Menschen hätten getan, was sie konnten, um ihre Würde zu bewahren. Das sei der schreckliche Kontrast und das Paradox gewesen, geschaffen von den Deutschen.

Einige Aussagen der Überlebenden wurden von Kritikern als problematisch bezeichnet. Die Erinnerungen an Schmutz, Elend, an Leichen auf den Straßen, auch an die eigene Abstumpfung den Toten gegenüber, erschien manchen Kritikern als vom Film nicht genügend kontextualisiert und möglicherweise Missdeutungen Vorschub leistend.[12] Es ist jedoch eine der großen Stärken von Hersonskis Film, die Reaktionen der Überlebenden auf die Bilder nicht zu kommentieren. Indifferenz gegenüber dem Übermaß des alltäglichen Leids wurde im Ghetto zu einer Überlebensnotwendigkeit und war ebenso ein Produkt der nationalsozialistischen Politik, wie das Morden selbst. Die Aufnahmen der Leichenberge und des Massengrabs können die Überlebenden heute kaum anschauen. So sagt eine Zeitzeugin: "Ich kann mir das nicht mehr ansehen. Ich bin dagegen nicht mehr immun. Heute kann ich weinen. Ich bin glücklich, dass ich heute weinen kann. Ich bin ein Mensch." Es ist die überwundene, im Ghetto aufgezwungene Indifferenz, die hier thematisiert wird – produziert im Angesicht eines Films, um die Opfer zu denunzieren.

Yael Hersonski erreicht mit diversen filmischen Verfahren eine definitive Veränderung der Haltung zu jenen Bildern aus dem Jahr 1942. Sie findet dafür ihren Halt in den Blicken der Passanten, ihre Perspektive in den Erinnerungen der Überlebenden. Sie rekonstruiert die Filmarbeiten und dekonstruiert deren Produkt, den unvollendeten nationalsozialistischen Propagandafilm.

Fußnoten

12.
"But the survivor testimony has become an unintentional flashpoint. While watching scenes in the ghetto film of garbage mounded outside an apartment building, one survivor explains that people had grown too weak to take the trash downstairs, so they dropped it out the windows. She adds, ‘Hungry people become apathetic’. Those words, and another survivor's recollection of having to look away as she stepped over corpses on the sidewalk, have concerned some historians.

They should have been framed more carefully, not ‚left open to misinterpretation’, says Raye Farr, director of the Steven Spielberg Film and Video Archive at the U.S. Holocaust Memorial Museum.

Portraying Jewish indifference ‚was part of the longstanding Nazi propaganda’, Farr says. ‚This is where it gets tricky, because you don't want to support the Nazi view. [...] I think the woman is speaking genuinely, but if you're putting this in a film where you're trying to debunk the propaganda, maybe you have to help that somewhere.’"

Sarah Kaufman, New Holocaust movie, 'A Film Unfinished', is a testament to different types of survival, in: Washington Post, 23. September 2010

Die deutsche Übersetzung lautet: "Die Aussagen der Überlebenden wurden jedoch unbeabsichtigt zu einem Spannungsfeld. Beim Anblick einer Szene des Ghettofilms, in der sich vor einem Wohnhaus ein Müllhaufen türmt, erklärt einer der Überlebenden, dass die Menschen irgendwann zu schwach gewesen seien, um den Müll nach unten zu bringen; sie hätten deshalb den Müll einfach aus dem Fenster geworfen. Er ergänzt: ‚Hungrige Menschen werden apathisch.’ Diese Worte und die Erinnerung einer weiteren Überlebenden daran, dass sie wegschauen musste als sie über Leichen auf dem Bürgersteig stieg, haben einige Historiker beunruhigt. ‚Sie [diese Worte] hätten sorgfältiger kontextualisiert werden müssen, um sie weniger stark ‚Misinterpretationen auszusetzen’", sagt Raye Farr, Direktorin des Steven Spielberg Film und Video Archivs des U.S. Holocaust Museums.

Die Darstellung jüdischer Gleichgültigkeit‚ war Teil der anhaltenden Nazi Propaganda’, so Farr weiter. An diesem Punkt wird es heikel, denn man will ja nicht die Ansichten der Nazis untermauern. [...] Ich glaube, die Frau erzählt ganz ehrlich. Aber wenn man das in einen Film hineinnimmt, in dem man die Propaganda entlarven will, sollte man an anderer Stelle diesen Punkt verdeutlichen.’“
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Autor: Rainer Rother für bpb.de
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