Baracke im KZ Ravensbrück

15.4.2005

"Ich habe Angst vor dem Tod gehabt."

Genowefa wird 1923 in Posen geboren. Mit 12 Jahren schließt sie sich den Pfadfindern an: Sie versorgen Menschen, die bereits von den Faschisten verfolgt werden. Genowefa wird verraten. Es folgen Verhaftung, Verhöre und Dunkelhaft. Im Juli 1941 kommt sie in das Frauen-KZ Ravensbrück.

Genowefa OlejniczakGenowefa Olejniczak (© privat)

Genowefa Olejniczak

Geboren am 3. Dezember 1923, in Poznan/Posen (Polen)

Geboren bin ich am 3. Dezember 1923 in Poznan, Polen. Mein Vater war leitender Buchhalter in der Bahndirektion, er verstarb 1925. Ich hatte noch einen Bruder. Mit sieben Jahren kam ich in die Schule. Nach der Volksschule kam ich auf das Gymnasium, aber 1939 begann der Krieg, so dass ich nur eine Klasse beenden konnte. Mit zwölf Jahren schloss ich mich den Pfadfindern an und blieb in der Organisation bis zu Beginn des Krieges. Als dann der Krieg anfing, gingen die Pfadfinder in den Untergrund. Das war eine konspirative Tätigkeit, denn die Organisation war verboten worden. Wir besorgten Verbandszeug und Lebensmittel für Menschen, die aus ihren Wohnungen vertrieben und später deportiert wurden.

Später bekam ich eine Aufforderung vom Arbeitsamt, dass ich mich melden sollte. Für uns Pfadfinder galt die Anweisung, dass wir solchen Aufforderungen keine Folge leisten durften, denn es war bekannt, dass junge Menschen nach Deutschland deportiert wurden. So habe ich mich also nicht gestellt. In unserem Haus wohnten auch Deutsche, schon vor dem Krieg. Die Tochter aus einer der deutschen Familien heiratete einen Mann von der Gestapo. Dieser sah, dass ich nicht arbeitete, und es war bekannt, dass ich vor dem Krieg eine Pfadfinderuniform getragen hatte: Er hat mich angezeigt.

Die Gestapo holte mich nachts ab und brachte mich in das "Haus des Soldaten". Dort wurde ich verhört und bekam Schläge. Sie behielten mich zwei Wochen dort – genau weiß ich es nicht, denn ich saß in einem dunklen Keller und verlor die Orientierung. Dann wurde ich in das Straflager nach Schönholz gebracht. Dort musste ich in einer Munitionsfabrik in Borsigwalde arbeiten. Als ich in der Hülserei arbeitete, musste ich Patronen säubern. Das war eine unangenehme Arbeit. Eines Tages legte ich ungesäuberte Patronen zu den gesäuberten: Das galt als Sabotage. Der Meister meldete mich bei der Gestapo und wieder wurde ich abgeholt. Das war im Mai 1941. Ich saß sechs Wochen in Untersuchungshaft bei der Berliner Gestapo am Alexanderplatz. Danach bekam ich ein rosafarbenes Papier, aus dem hervorging, dass ich in das Lager Ravensbrück überführt werde: Ich stellte eine Gefahr für den deutschen Staat dar.

Tag und Nacht marschieren – ohne Essen, ohne Trinken, ohne Schlaf

In Ravensbrück kam ich am 27. Juli 1941 an und blieb bis Kriegsende inhaftiert. Ich musste dort schwer arbeiten. Zuerst wurde ich in ein Strafkommando eingewiesen, dann arbeitete ich in der Strohflechterei, später in der Kürschnerei und schließlich in der Näherei im Industriehof, wo wir Mützen für die SS nähten. Diese Arbeit war sehr ermüdend: zwölf Stunden Akkordarbeit.

In der Nacht vom 27. zum 28. April 1945, es begann schon zu dämmern, wurde das Lager evakuiert. Wir waren Tag und Nacht ohne Essen, ohne Trinken und ohne Schlaf unterwegs – die SS eskortierte uns mit Hunden. So wurden wir bis nach Neustrelitz getrieben. Dann ging es in Richtung Westen zu einem Sammelpunkt, weil wir auf ein Schiff nach Schweden kommen sollten. Aber das Ziel haben wir nicht mehr erreicht, inzwischen war alles bombardiert.

In der ersten Zeit wieder zu Hause konnte ich überhaupt nicht laufen. Ich musste meine Beine hochlegen und meine Mutter machte irgendwelche Umschläge. Nach einiger Zeit kam ich wieder zu Kräften und konnte das Haus verlassen. Ich lernte einen Mann kennen und heiratete ihn. Ich lebte aber nicht lange mit ihm zusammen, vielleicht anderthalb Jahre. Er war Bahnhofsvorsteher in Poznan-Garbary und wurde dort 1947 von einem russischen Soldaten erschossen. So wurde ich Witwe mit einem neun Monate alten Töchterchen. Nach drei Jahren heiratete ich zum zweiten Mal.

Ich frage mich selbst, wie ich das alles ausgehalten habe, dass ich noch lebe und normal bin. Wenn ich keinen Glauben hätte, hätte ich das alles nicht überstanden. Nur eine höhere Macht, nur Gott hat mir geholfen.

Aus einem Interview mit Loretta Walz


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