Baracke im KZ Ravensbrück

2.12.2005 | Von:
Bernhard Strebel

Lagerkomplex des KZ Ravensbrück

SS-Textilbetriebe

Fertigungshalle des IndustriehofsFertigungshalle des Industriehofs (© bpb)
Die schrittweise Entwicklung des KZ Ravensbrück von einem "reinen" Frauenlager zu einem Lagerkomplex war das Ergebnis unterschiedlicher und zumeist sehr kurzfristiger Entscheidungen. Eine erste Erweiterung ergab sich 1940 aus dem Kalkül, die Arbeitskraft der weiblichen Häftlinge in größerem Stil in SS-eigenen Textilbetrieben auszubeuten: Der sogenannte Industriehof mit Fertigungshallen der Texled entstand. Neben einer bis Ende 1943 bestehenden Strohschuhflechterei, einer Rohrmattenflechterei, einer Weberei und einer Kürschnerei machten mehrere Schneidereien den bedeutsamsten Teil der Texled aus.

Die Zahl der dort eingesetzten weiblichen Häftlinge erreichte im September 1942 mit über 5.000, rund 60 Prozent aller Häftlinge, ihren Höhepunkt. Danach sank sie schrittweise und pendelte sich ab Dezember 1943 bei etwa 3.000 Häftlingen ein. Die fachliche Kontrolle und die disziplinarische Aufsicht lag in den Händen der SS, was eine Atmosphäre des unmittelbaren Terrors erzeugte. Das Arbeitspensum wurde ständig erhöht und oft regelrecht aus den Frauen herausgeprügelt.

Männerlager

Im April 1941 kam es zur Einrichtung eines kleinen Männerlagers. Ravensbrück war damit das erste Lager innerhalb des KZ-Systems, in dem Häftlinge beider Geschlechter inhaftiert waren. Das Männerlager diente in erster Linie als Arbeitskräftereservoir für den ständigen Ausbau des Lagerkomplexes. Bis Ende 1942 kam die Funktion eines Straflagers hinzu, in dem ein mörderisches Arbeitstempo, Misshandlungen und Gewaltexzesse mit Todesfolge an der Tagesordnung waren. Letztlich ein Kapitel für sich stellen die Räumungstransporte aus Mittelbau-Dora und dem Neuengammer Außenlager Watenstedt mit insgesamt 6.000 männlichen Häftlingen dar, die Ravensbrück Mitte April 1945 nach mörderischen Strapazen erreichten. Die Gesamtzahl der männlichen Häftlinge im Lagerkomplex Ravensbrück betrug 20.000, von denen etwa 2.500 zu Tode kamen.
Die sogenannte Siemensstraße - sie führte vom Lager zu den Werkshallen von Siemens.Die sogenannte Siemensstraße - sie führte vom Lager zu den Werkshallen von Siemens. (© bpb)

Siemens & Halske

Der Berliner Elektrokonzern Siemens & Halske war mit deutlichem Abstand das erste Privatunternehmen, das auf weibliche KZ-Häftlinge zurückgriff und gleichzeitig eines der wenigen, das sich im Sommer 1942 mit einer neuen Fabrik in unmittelbarer Nähe eines Konzentrationslagers niederließ. Im Januar 1945 umfasste die Siemens-Fertigungsstätte 20 Werkshallen, in denen etwa 2.300 weibliche Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten. Die oft außerordentlich filigranen Tätigkeiten wurden angesichts von elf- bis zwölfstündigen Schichten (ab 1943) sehr bald zu einer unerträglichen Qual. Das Bewachungsmodell von Siemens in Ravensbrück, bei dem die disziplinarische Aufsicht bei der SS, die Arbeitskontrolle hingegen bei Zivilarbeitern lag, fand später auch in den Außenlagern Verwendung, in denen weibliche Häftlinge in der Produktion zum Einsatz kamen.

Außenlager

Ab Ende 1942/Anfang 1943 nahm die Zahl der insgesamt 42 Außenlager unterschiedlicher Größe für weibliche und männliche Häftlinge stetig zu. Bei mindestens einem Drittel der insgesamt 28 mittelgroßen und großen Außenlager, mit mehr als 250 bzw. 1.000 Häftlingen zum gleichen Zeitpunkt, lässt sich die Wehrmacht als Betreiber oder Mitbetreiber nachweisen. Als private Betreiberfirmen sind insbesondere die Luftfahrtgerätewerk Hakenfelde GmbH (Siemens-Tochter), die Ernst Heinkel AG und die Hugo Schneider AG zu nennen. Die Mehrzahl der mittelgroßen und großen Außenlager diente der Luftrüstung und der Herstellung von Munition jeglicher Art. Weibliche Häftlinge wurden vorwiegend in der Produktion eingesetzt, männliche Häftlinge hingegen bei Bauarbeiten. Einige der kleineren Außenlager waren SS-Institutionen und den privaten Belangen hoher SS-Führer zugeordnet. Anfang Januar 1945 befanden sich mindestens ein Drittel aller weiblichen und etwa zwei Drittel aller männlichen Häftlinge im Lagerkomplex Ravensbrück in einem der 13 größeren Außenlager.

Aus zeitgenössischen Unterlagen geht hervor, dass sich die Zwangsarbeit der in der Produktion eingesetzten weiblichen Häftlinge für die Betreiber als durchaus lukrativ erwies: Die Nebenkosten ließen sich auf das denkbar geringste Niveau reduzieren. Erschöpfte Häftlinge wurden einfach wieder in das Hauptlager zurückgeschickt und gegen "unverbrauchte" ausgetauscht.


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