Baracke im KZ Ravensbrück

2.12.2005 | Von:
Bernhard Strebel

Lagerkomplex des KZ Ravensbrück

Frauenlager

Das Frauenlager war mit insgesamt etwa 123.000 Häftlingen stets der größte und bedeutendste Bereich des Lagerkomplexes Ravensbrück. Die weiblichen Häftlinge stammten aus allen Teilen des deutsch-besetzten Europas: Die Polinnen waren mit etwa 40.000 die größte nationale Gruppe, gefolgt von den etwa 25.000 Frauen aus der Sowjetunion, den ca. 22.000 Deutschen und Österreicherinnen, den etwa 9.000 ungarischen Jüdinnen sowie den etwas über 8.000 Französinnen. Die Überlebenschancen in Ravensbrück hingen maßgeblich vom Zeitpunkt der Einlieferung ab und davon welcher Verfolgtengruppe die Frauen angehörten.

Mai 1939 bis Ende 1942

Bis Ende 1939 bildeten die Zeuginnen Jehovas die größte Häftlingsgruppe in Ravensbrück. Unter den Neueinlieferungen jedoch waren bis 1941 die als "Asoziale" und "Kriminelle" bezeichneten Vorbeugehäftlinge am stärksten vertreten. Einliefernde Behörde war in den meisten Fällen die Kriminalpolizei. Die "kriminelle Vorbeugehaft" wurde aufgrund von Vorstrafen und/oder nach Verbüßung einer Gefängnis- oder Zuchthausstrafe verhängt. Zu der alles andere als klar umrissenen Verfolgtengruppe der "Asozialen" gehörten vor allem Prostituierte und Frauen, bei denen ein – nicht selten reichlich vager – Verdacht auf "gewerbliche Unzucht" bestand. Vorstrafen wegen anderer Delikte konnten ebenfalls die Stigmatisierung als "Asoziale" zur Folge haben. Eher in der Minderzahl waren zumeist sehr junge Frauen, die nach Aufenthalten in einer Fürsorgeeinrichtung als "asozial" ins KZ eingewiesen wurden. In der Gesamtschau betrug die Zahl der "Asozialen" mindestens 5.000, die der "Kriminellen" mindestens 1.100.
Häftlingskleidung - KZ-Ravensbrück.Häftlingskleidung - KZ-Ravensbrück. (© bpb)

Die Verfolgung "reichsdeutscher" politischer und weltanschaulicher Gegnerinnen spielte bis Ende 1942 eine eher nachgeordnete Rolle. Gleiches gilt für die Verfolgung von Jüdinnen, für deren Einweisung tatsächliche und vermeintliche Verstöße gegen die Flut antijüdischer Gesetze den wesentlichen Hintergrund bildeten. Spätestens ab Anfang 1942 kamen tschechische, polnische und holländische Jüdinnen hinzu. Nur sehr wenige der etwa 1.400 bis 1.500 in dieser ersten Phase nach Ravensbrück verschleppten Jüdinnen überlebten das Jahr 1942, womit sich ihr Schicksal sehr deutlich von dem anderer Verfolgtengruppen unterscheidet.

Mit der Haftkategorie "Verkehr mit Fremdvölkischen" kam ab Herbst 1940 eine neue Verfolgtengruppe hinzu. Hierzu zählten insgesamt rund 3.500 Frauen, die insbesondere durch die Anordnung mehrmaliger Prügelstrafe unter verschärften Haftbedingungen litten.

Ab Ende 1940 wurden zunehmend ausländische Zwangsarbeiterinnen in Ravensbrück inhaftiert. Zunächst waren es vornehmlich polnische Zwangsarbeiterinnen, die aufgrund von tatsächlichen oder vermeintlichen "Verstößen" gegen eine der zahlreichen Verordnungen ins KZ eingewiesen wurden. Ab Mitte 1942 kamen "Ostarbeiterinnen", Russinnen und Ukrainerinnen, in sehr großen Zahlen hinzu.

Bis Ende 1942 betrafen die Deportationen aus deutsch-bestzten Ländern fast ausschließlich Polinnen, in deutlich geringerer Zahl Tschechinnen sowie 440 Sinti und Roma aus dem Burgenland Ende Juni 1939. Bereits Ende 1940 machten Polinnen ein Viertel aller weiblichen Häftlinge aus und dominierten unter den politischen Gefangenen mit einem Anteil von über drei Vierteln deutlich. Ravensbrück diente hier – ebenso wie bei den Deportationen aus anderen deutsch-besetzten Ländern Europas in den Folgejahren – als Terrorinstrument zur Durchsetzung der jeweiligen Besatzungspolitik und der Bekämpfung des sich dagegen formierenden Widerstandes.

1943

Auch in diesem Jahr bildete das komplexe Problemfeld Zwangsarbeit weiterhin den Hintergrund für knapp 60 Prozent der insgesamt etwa 10.000 Einlieferungen. Jeder zweite Neuzugang war eine Zwangsarbeiterin. In der Gesamtbilanz ist etwa jede fünfte Gefangene im Frauenlager dieser Verfolgtengruppe zuzurechnen.

Außerdem erreichten Ravensbrück in diesem Jahr erste Deportationen aus anderen Teilen des deutsch-besetzten Europas – im Februar mit weiblichen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion, ab April aus Frankreich, ab September aus der Ukraine und ab November aus dem Gebiet des zerschlagenen Jugoslawiens.

1944

Das Jahr 1944 war das Jahr der Massendeportationen mit insgesamt 70.000 Neuzugängen. Das bedeutet, dass in diesem Jahr 60 Prozent aller weiblichen Häftlinge nach Ravensbrück deportiert wurden. Als umfangreichste Deportationen sind für die ersten sechs Monate insbesondere die aus Frankreich und Polen zu nennen, und für die zweite Jahreshälfte die aus dem aufständischen Warschau, etwa 12.000 Frauen, sowie die Transporte mit Jüdinnen aus Ungarn und der Slowakei. Hinzu kamen in zunehmendem Maße Räumungstransporte aus anderen Konzentrationslagern, insbesondere ab Juli aus Auschwitz. Anfang Januar 1945 befanden sich etwa 46.000 weibliche Häftlinge in Ravensbrück und seinen Außenlagern.

1945

In den letzten Monaten vor der Befreiung überwogen schließlich die Räumungstransporte aus anderen Lagern. Am bedeutsamsten waren die letzten großen Transporte aus Auschwitz mit insgesamt etwa 7.000 weiblichen Häftlingen, die Ravensbrück Ende Januar/Anfang Februar 1945 nach mörderischen Strapazen erreichten. Im Frauenlager war damit insgesamt etwa jede sechste Gefangene zuvor in Auschwitz inhaftiert gewesen.


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