Baracke im KZ Ravensbrück

2.12.2005 | Von:
Bernhard Strebel

Lagerkomplex des KZ Ravensbrück

Schwangerschaft und Geburt

Als sich mit den umfangreichen Deportationen im Sommer und Herbst 1944 auch die Zahl der schwangeren Frauen in Ravensbrück erhöhte, wurden zwar Möglichkeiten zur Entbindung geschaffen, doch die Schwangeren und ihre Neugeborenen mussten weitgehend unversorgt mit den katastrophalen Existenzbedingungen im Lager kämpfen. Neben den eindringlichen Berichten von Überlebenden liegt für die Rekonstruktion des Schicksals der Neugeborenen ein Geburtenbuch vor, in dem von Mitte September 1944 bis Ende April 1945 insgesamt 522 Geburten verzeichnet sind. Danach starb die Hälfte nur wenige Tage oder Wochen nach der Geburt. Weitere etwa 80 wurden im März 1945 zusammen mit ihren Müttern nach Bergen-Belsen transportiert, was für viele einem Todesurteil gleichkam.

Die Entwicklung des Frauenlagers von 1939 bis zur Befreiung 1945

Hinsichtlich der Existenzbedingungen lässt sich die Geschichte des Frauenlagers in vier Phasen unterteilen, in denen sich die Überlebenschancen sehr unterschieden. In der Zeit von 1939 bis Anfang 1942 war der "Lageralltag" geprägt durch eine bis zur Absurdität getriebene militärische Ordnung und Disziplin sowie willkürliche Schikanen seitens der SS-Aufseherinnen. Besonders zu leiden hatten die weiblichen Häftlinge in den ersten beiden Jahren unter den meist schweren körperlichen Arbeiten beim Ausbau des Lagers. Zu der Zwangsarbeit in den SS-eigenen Textilbetrieben kamen in den Jahren 1941/42 umfangreiche Einsätze in der umliegenden Landwirtschaft hinzu.

Die Mordaktion "14 f 13" – die Fortführung der "Euthanasie" in den Konzentrationslagern – im Frühjahr 1942 bedeutete einen ersten drastischen Einschnitt: 1.600 weibliche Häftlinge wurden getötet – das Zehnfache aller Todesfälle in den ersten drei Jahren.

Vertiefungen im schwarzen Kies erinnern heute an die Holzbaracken des KZ.Vertiefungen im schwarzen Kies erinnern heute an die Holzbaracken des KZ. (© bpb)

Mit Beginn des Einsatzes von KZ-Häftlingen in der Rüstungsindustrie änderte sich die Situation in Ravensbrück abermals. Das Stammlager wurde ab 1943 zunehmend zu einer Drehscheibe und Durchgangsstation für weibliche KZ-Häftlinge für die zahlreichen in der Nähe von Rüstungsbetrieben errichteten Außenlager. Trotz großer Fluktuation stieg die Zahl der Häftlinge im Stammlager ab 1943, ab Herbst 1944 sogar schlagartig an. Gleichzeitig verschlechterten sich die Existenzbedingungen – Verpflegung und Unterbringung – rapide. Die Bedeutung, welche die SS und die involvierten Betriebe und Institutionen den einzelnen Arbeitseinsätzen beimaß, wurde zunehmend zum entscheidenden Kriterium für die Überlebenschancen der weiblichen Häftlinge. Die Massendeportationen in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 schließlich überstiegen nicht nur die Aufnahmekapazitäten des Lagers, sondern auch den realistischen Bedarf an Arbeitskräften. Ein erheblicher Teil der zahlreichen Neuzugänge befand sich deshalb in der Gefahr, von vornherein "überflüssig" zu sein. Die Dramatik ihrer Situation fand ihren Ausdruck darin, dass sich mit einem im August 1944 aufgestellten Zelt, wo sie höchst provisorisch untergebracht wurden, ein Zugangsbereich zur "Sterbezone" entwickelte.

Ab Herbst 1944 war außerdem etwa ein Viertel der insgesamt 32 Unterkunftsbaracken zu Krankenblöcken deklariert worden, deren Hauptzweck nicht in der Pflege, sondern in der Isolierung der Kranken bestand. Katastrophale Unterversorgung und regelmäßige Selektionen zur Vernichtung forderten auch dort überdurchschnittlich viele Todesopfer.

Der dritte und gravierendste Einschnitt schließlich, der Ravensbrück den Charakter eines Vernichtungslagers verlieh, erfolgte Anfang 1945 mit der Umfunktionierung des "Jugendschutzlagers" Uckermark zu einem Sterbe- und Selektionslager und der Einrichtung einer provisorischen Gaskammer. Die Angaben zur Zahl der in der Gaskammer qualvoll ermordeten Frauen schwanken zwischen 1.500, nach Aussage des letzten Kommandanten Suhren, und 5.000 bis 6.000, nach Aussagen von Häftlingen, die in der Lagerverwaltung beschäftigt waren. In der Gesamtschau kam über die Hälfte der insgesamt etwa 25.000 bis 26.000 Todesopfer im Frauenlager Ravensbrück – die gezielten Massentötungen mitberücksichtigt – in diesen letzten vier Monaten ums Leben, kurz vor der Befreiung des Lagers durch Einheiten der Roten Armee Ende April 1945.


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