Zeitzeugen, Historiker und ihr Publikum
Oral History, mündlich überlieferte Geschichte, erlebt einen Boom. Mit der richtigen technischen Ausrüstung, kann heute jeder als Chronist auftreten. Doch die wissenschaftliche Einordnung und die Interpretation der erzählten Erinnerungen von Zeitzeugen sind und bleiben ein Muss. Zeitzeugen und Historiker müssen gleichermaßen an dem Projekt der Aufklärung einer schwierigen Vergangenheit teilhaben – in Ergänzung und ohne Konkurrenz.Einordnung und Interpretation bleiben ein Muss
Der technische Fortschritt bietet Historikern, Sozialwissenschaftlern und Pädagogen Möglichkeiten, von denen frühere Generationen kaum träumen konnten. Aber nicht nur Wissenschaftler, jedermann kann mit geringer Investition in elektronische Ausrüstung als Chronist oder doch wenigstens als Archivar dem Rad der Zeit in die Speichen greifen und die authentische Botschaft der historischen Person mit seiner Stimme, seinem Antlitz, seinen Gesten fixieren und beliebig transportieren.
Mikrofon und Videokamera sind zweifellos unschätzbare Hilfsmittel der Aufklärung und es wäre verwunderlich, wenn von den Möglichkeiten der Ton- und Bildaufzeichnung nicht Gebrauch gemacht würde. Freilich ist es ein Irrglaube, dass der Besitz des Geräts, das Hantieren mit Mikrofon und Kamera genügt, um "oral history" zu treiben, die Hintergründe und Zusammenhänge erhellt oder wichtige Erkenntnis aus der Erfahrung des Zeitzeugen destilliert und unmittelbar zur Verwendung offeriert.
Die peinlichen Bücher, die aus Abschriften von Interviews im Maßstab Eins zu Eins entstehen und in denen aus Ehrfurcht vor dem Gegenstand und der Weihe des Augenblicks alle trivialen Nebenbemerkungen, irrelevanten Meinungen, gängige Stereotypen und wohl auch Irrtümer und Fehler abgebildet werden, sind in der Regel der Aufklärung wenig förderlich und sie bieten viel weniger Information als sie versprechen.
Der Historiker ist immer wieder konfrontiert mit der Hilflosigkeit derer, die ohne methodisches Rüstzeug etwas mit oder über Zeitzeugen machen wollen. Tonband und Video erweisen sich als Falle: Die Aussage "ich habe 98 (oder 200 oder 17) Stunden Gespräch mit Überlebenden aus Konzentrationslagern auf Band, man muss es nur noch abschreiben und edieren" ist die Ankündigung des Scheiterns. Denn ebenso wie Dokumente nicht für sich sprechen, vielmehr des ordnenden und interpretierenden Historikers bedürfen, so ist die Fülle der Erinnerung für sich allein noch nicht aussagefähig. Erst durch Gestaltung gewinnt das Material Kontur, erst wenn das Wesentliche vom Unwesentlichen getrennt, wenn Zusammenhang hergestellt ist, entfaltet das authentische Dokument die Möglichkeiten der Aufklärung. Erst dann ist es einsatzfähig für Bildung und Pädagogik.
Mitschnitte aus Talk-Shows und ähnlichen Darbietungen erweisen sich im Unterricht in der Regel als unbrauchbar, weil nicht die Sache, sondern die Situation und meist auch die Eitelkeit des Interviewers oder Moderators den Zugang zum Wesentlichen versperren. Aber auch gestaltete Filme und Serien wie "Schindlers Liste" als positives Beispiel oder Claude Lanzmanns dokumentarisches Epos "Shoah" sind wegen ihrer Länge oder als Genre nicht ohne weiteres in eine Vorlesung oder Schulstunde zu integrieren. Entweder wird die Demonstration zur eigenen Veranstaltung, die meist nicht diskursiv behandelt werden kann, oder es bleibt beim illustrativen Ausschnitt aus größerem Zusammenhang, dem Zufälliges anhaftet.
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