Fotoalbum vom jüdischen Kinderheim Beit Ahawah. Die Kinder feiern Seder. Sie lesen am ersten Abend von Pessach aus der Haggadah, einer Erzählung vom Auszug aus Ägypten. Auf dem Tisch steht der Sederteller.

24.4.2018

Ein Album für Heinrich Stahl - Der Diskriminierung und Entrechtung standhalten

"Hast im Glanz von siebzig Jahren/Liebe aller Welt erfahren –/Und in ihrem Danke einen sich die Grossen wie die Kleinen!/ Ost und westliches Gelände/Reichen segnend sich die Hände." Kinderheim Ahawah Berlin-Haifa, 13. April 1938. Widmung des Kinderheims an Heinrich Stahl anlässlich seines 70. Geburtstags am 13. April 1938."Hast im Glanz von siebzig Jahren/Liebe aller Welt erfahren –/Und in ihrem Danke einen sich die Grossen wie die Kleinen!/ Ost und westliches Gelände/Reichen segnend sich die Hände." Kinderheim Ahawah Berlin-Haifa, 13. April 1938. Widmung des Kinderheims an Heinrich Stahl anlässlich seines 70. Geburtstags am 13. April 1938. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (Leo Baeck Institute New York | Berlin - Heinrich Stahl Collection AR 7171 ALB 78)

Anlässlich seines 70. Geburtstages erhält Heinrich Stahl, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlins, zahlreiche Würdigungen. Diese Widmung steht auf der ersten Seite eines Fotoalbums. Dahinter erstrecken sich Aufnahmen aus dem Kinderheim Ahawah, die an jüdischen Feiertagen wie Purim, Pessach und Chanukka gemacht wurden, aber ebenso auch Schnappschüsse der Schützlinge während des Unterrichts oder beim ausgelassenen Spielen in den Ferien. Denn trotz der zunehmenden staatlichen Repressalien versuchen deutschsprachige Jüdinnen und Juden in ihrem Alltag eine gewisse „Normalität“ aufrechtzuerhalten. Innerhalb der Gemeinden werden weiterhin Veranstaltungen organisiert und die Mitglieder und deren Sorgen aufmerksam betreut. Auch im Privaten bemühen sich Familien, ihre Hoffnung und Würde zu bewahren, sei es bei den religiösen Feierlichkeiten, die zelebriert werden, oder bei einstmals alltäglichen Dingen wie den gemeinsamen Treffen zu Kaffee und Kuchen.

Auch der 1868 in Berlin geborene Heinrich Stahl gehört zu jenen, die so lange wie möglich der Diskriminierung und Entrechtung standhalten. Er ist langjähriger Direktor der Viktoria Versicherungsgesellschaft in Berlin und leitet in den 1930er Jahren das Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde. Seine Berufung zum Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Berlins erfolgt erst nach Machtantritt der Nationalsozialisten, was ihn dazu bewegt, die "Jüdische Winterhilfe" zu gründen. Diese karitative Einrichtung soll vor allem jene Gemeindemitglieder unterstützen, die in Folge der rassistischen Gesetzgebung benachteiligt werden und beispielsweise finanzielle Einbußen oder Gehaltsausfälle im Berufsleben zu ertragen haben. Die durch Spenden finanzierte Hilfe umfasst sowohl praktische Unterstützung in Form von Sachmitteln und Nahrung als auch ideelle Förderung durch Einbindung in kulturelle Aktivitäten und seelischen Beistand innerhalb der Gemeinden. Im Juni 1942 wird Heinrich Stahl zusammen mit seiner Frau Jenny nach Theresienstadt deportiert. Dort stirbt er im November 1942 mit 75 Jahren an einer Lungenentzündung.