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Tagebuch Paul Steiner S. 23
...geschehen ist, kommt einem Tode gleich. Denn weiß Gott, ob ich ein neues Leben in fremden Landen mir werde aufbauen können! Wie und wo stehen aber die vielen hunderttausend Juden, die nun aus der Bahn geworfen werden und die ihr Leben und ihr Dasein vernichte sehen?! Wir sind ein geschlagenes Volk, wahrhaft? Wie wäre zu helfen, was wäre zu beginnen? Und dabei verliert sich doch – ich kann’s nicht leugnen – der sorgende und teilnehmende Gedanke für die Brüder, wenn das eigene Los vernichtet scheint und wenn unmittelbarste Sorgen an den Menschen herantreten. Diese Furcht vor dem Untergang, dieses Bangen vor dem Ungewissen, dem man machtlos gegenübersteht, das sind Gefühle, die auch am Lebensmut zehren und ihn mindern u. Gewiss habe ich meinen guten Glauben und sogar [m]eine gute Hoffnung noch nicht verloren, wie lange aber noch soll mir die Empfindung Halt und Stütze sein, da die Ereignisse stärker und stärker werden und man sich ihrer nicht mehr erwehren kann. Vom heutigen Tag wäre noch zu sagen: Es hat uns allemal ein solches Gefühl innerer Freude ergriffen, da wir mit solcher Gewissheit einen herrlichen Sieg Schuschniggs voraussahen; mit den Arbeitern war ein guter Frieden gefunden worden, man gab ihnen die Gelder zurück man gewährte ihnen wieder die alten Rechte: Es war dieses Volk tatsächlich eine Einheit, wobei nur die Nazis abseits standen, die gewiss ausschl[ießlich] ein Drittel des Volkes ausmachen, aber sie erheben Anspruch auf die Herrschaft, weil das deutsche Volk hinter ihnen steht. So musste Schuschnigg einzig der zehnfachen Übermacht weichen, gegen die er sich vier Jahre lang wirklich heroisch gewehrt hatte. Das macht ihm eines dauernden Andenken gewiss.
Die Verzweiflung unter den Juden ist gross. Friedl prophezeite einen Pogrom. Ich schaudere davor. Den Eindruck, den ich heute hatte hat sich mir allzu tief eingeprägt, da ich sehen musste, wie sie über einen Juden...

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