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Tagebuch Paul Steiner S. 23_01
...herfielen und ihn schlugen, eine Horde von Menschen schlug zu! Mob war es, der demonstrierte! Kaum dass man einen Bessergekleideten sah!

So vollzieht sich hörbar der Übergang zu einem deutschen Staat: Erst ernste Musik mit Unvollendeter, Nachtmusik und Dritter Bruckner; doch dann deutsche Militärmärsche und deutsche Volkslieder. Und wir sitzen hier stundenlang und können nicht weiter als versuchen, unsere Traurigkeit zu verbergen.

12. März 1938 Nachts
Was ich gestern noch für einen kaum fassbaren Gedanken hielt, ja ihn von mir stiess, damit er mir ja nicht zu Bewusstsein käme, ist mir heute keine Frage des Bangens und der Trauer mehr: die Auswanderung. Ich habe jede Verbindung mit diesen Österreichern verlassen und die Verbindung auch mit dem Land. Hörte ich noch gestern mit aller Gespanntheit auf die Berichte im Radio, so ist es mir heute sämtlich gleichgültig geworden, was hier noch vorgeht. Wenn es so weit gekommen sein wird, dass ich meine Stelle aufgeben muss, so werd ich, sofern es möglich ist, den Weg in irgendein anderes Land suchen; in ein Land, wo man ohne Furcht auf der Strasse gehen kann und wo man nicht bangen muss, niedergeschlagen zu werden, und wo einem nicht Menschen begegnen, die einem selbstverständlicherweise Feind sind. Gewiss wird es schwer werden, alles hier zu lösen; und gewiss wird es noch viele Schwierigkeiten zu überwinden geben: aber die innere Not wird bei all dem fehlen; und nur auf sich selbst gestellt, die Heimat im Herzen tragend, muss der Aufbruch unternommen werden. Ich bin also entschlossen, mein ferneres Leben an Dorrit zu binden, um sie als Kameradin an meiner Seite zu haben, da ich der Ansicht bin, dass [sie] voll Klugheit und voll Treue ist und mit mir wird den harten Weg, der nun beginnt, gehen wollen und können.
So muss ich auch meine Götter von mir stossen, die nicht mehr zu mir gehören und die ich nur solange als Götter dulden konnte, solange es lustige Theorie war: Könnte ich noch eine Zeile Nietzsche vertragen? Vermöchte ich heute einen Takt Wagner zu hören? Und wo ist Spengler hin? Ich finde langsam und verschämt heim zum einstigen und ersten Gott, dem Gott der Juden, der jetzt in wahrster bitterster Not seine Stärke leiht und...

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