Hans und Sophie Scholl mit Christoph Probst (v.l.n.r.). Abschied vor der Abfahrt zur Ostfront, München Juli 1942.

Studentischer Widerstand: "Die Weiße Rose"


20.4.2005
Wolfgang Benz, Historiker und Leiter des Berliner Instituts für Antisemitismusforschung, hat die Geschichte der "Weißen Rose" zusammengefasst. Ein Auszug aus dem Artikel "Jugend und Studentenopposition" der Information zur politischen Bildung "Deutscher Widerstand 1933-1945.

Semestereröffnung 1938 im Hörsaal.Semestereröffnung 1938 im Hörsaal. (© Stiftung Weiße Rose e.V.)

"Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, seine Peiniger zerschmettert und ein neues geistiges Europa aufrichtet!", heißt es im sechsten Flugblatt der "Weißen Rose", das die Widerstandsgruppe im Februar 1943 verbreitete.

Dass von der Jugend die Zukunft des deutschen Volkes abhängt, davon waren auch die Nationalsozialisten überzeugt – jedoch in einem gänzlich anderen Sinne. Sie hatten seit der Machtergreifung im Jahre 1933 viel dafür getan, die Jugendlichen im Lande zu indoktrinieren. Bis Ende 1936 bauten sie die Hitlerjugend (HJ), zu der auch der Bund Deutscher Mädel (BDM) gehörte, zur Staatsjugendorganisation aus. Dazu wurden nach und nach alle politischen, konfessionellen, bündischen und sportlichen Jugendverbände verboten – von den Jungkommunisten bis zu den Pfadfindern.

Die Erziehung sollte so weit wie möglich in der Hand des Staates liegen. 1939 waren 90 Prozent der Jugendlichen in der HJ. Der Widerstand blieb indes nicht aus. Gruppen, die bereits vor 1933 existiert hatten, versuchten weiterhin für ihre Ideale einzutreten. Andere schlossen sich zusammen, vereint durch die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus oder aus Protest gegen die HJ. Die Formen des Widerstands und der Verweigerung waren keineswegs immer politisch motiviert. Die "Swing-Jugend" provozierte etwa durch lässiges Auftreten, hörte verpönte Musik und hatte eine Vorliebe für alles Angelsächsische. Selbst dieses Abweichen von der Parteilinie wurde vom NS-Staat mit Verfolgung, Inhaftierung und Einweisung in Konzentrationslager geahndet und bekämpft.

An den Hochschulen gab es nur wenige studentische Gegenkräfte, die sich dem nationalsozialistischen Totalitätsanspruch entgegenstemmten. Die Studentenschaft hatte die Hitler-Bewegung schon vor 1933 überwiegend positiv aufgenommen. Die Einschränkung der persönlichen Freiheit oder die weltanschauliche Schulung erzeugte zwar häufig Widerwillen, führte aber nicht automatisch auch zur Ablehnung des Regimes. Wenn es Proteste gab, kamen sie in den Jahren bis zum Kriegsbeginn von linken oder christlich engagierten Studierenden. Nur in wenigen Städten gab es Versuche, organisierten Widerstand zu leisten. Dieser erfolgte meist in Form von Flugblatt-Aktionen.

Als durchaus ernsthafte Bedrohung nahmen die NS-Behörden in den Kriegsjahren dagegen die Aktionen der studentischen Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose" wahr. Wolfgang Benz, Historiker und Leiter des Berliner Instituts für Antisemitismusforschung, hat die Geschichte der "Weißen Rose" für die Bundeszentrale für politische Bildung bereits kurz zusammengefasst:

Informationen zur politischen Bildung (Heft 243)

Die Weiße Rose

Im Zweiten Weltkrieg regte sich ebenfalls studentischer Protest. Es waren andere Motive als in den Jahren bis 1939 und auch eine andere Studentengeneration, die den Protest formulierte. Die wichtigste Widerstandsgruppe, die am meisten beachtet wurde, war die Weiße Rose in München. Den Kern dieser Gruppe bildeten fünf Studenten, zwischen 21 und 25 Jahren alt: Hans und Sophie Scholl, Willi Graf, Christoph Probst und Alexander Schmorell. Ihr Mentor war Professor Kurt Huber, der schon vorher mit den Nationalsozialisten in Konflikt geraten war. Zur Weißen Rose gehörten noch etwa ein Dutzend Studenten, Intellektuelle, Künstler, es war ein nicht organisierter Freundeskreis.

Im Juni und Juli 1942 tauchten in München insgesamt vier Flugblätter auf, verfaßt im wesentlichen von den beiden Medizinstudenten Hans Scholl und Alexander Schmorell. Diese Flugblätter richteten sich an das gebildete Bürgertum, aus dem die Verfasser stammten. In pathetischer Sprache, mit vielen Zitaten aus der klassischen Literatur und christlich-moralischen Appellen wurde zum passiven Widerstand gegen den verbrecherischen Krieg des Hitler-Regimes aufgerufen. Die christlich-humane Prägung der Studenten aus konservativem Elternhaus war unverkennbar. Ebenso der aus der bündischen Jugendbewegung stammende moralische Rigorismus. Ihr Idealismus und ihr unbedingtes Bekenntnis zur Humanität machten den Widerstand der Münchner Studenten überzeugend. Gespräche mit den katholischen Publizisten Carl Muth und Theodor Haecker und vor allem der Einfluß ihres akademischen Lehrers, Professor Kurt Huber, legten den Grund für die oppositionelle Haltung der Studenten. Kriegsdienst in einer Studentenkompanie an der Ostfront führten Willi Graf, Alexander Schmorell und Hans Scholl im Sommer 1942 die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges vor Augen und bestärkten sie in der Absicht, nach ihrer Rückkehr im November 1942 Widerstand durch politische Aufklärung der Öffentlichkeit zu leisten.

Die beiden letzten Flugblätter der Weißen Rose unterschieden sich stilistisch und im Inhalt deutlich von den schöngeistigen und literarischen ersten vier Botschaften. Präzise und politisch unmißverständlich verwiesen die Verfasser im Januar und im Februar 1943 auf die aussichtlose Kriegslage nach der Katastrophe von Stalingrad und riefen zum aktiven Kampf gegen den NS-Staat auf, dessen Verbrechen sie beim Namen nannten.

Beim Verteilen von Flugblättern im Lichthof der Münchener Universität wurden die Geschwister Scholl von einem Hausmeister festgehalten und einer Gestapo-Sonderkommission übergeben. Vier Tage später standen sie zusammen mit Christoph Probst vor dem Volksgerichtshof. Die Todesurteile wurden noch am gleichen Tag vollstreckt. Im April 1943 gab es einen zweiten Prozeß gegen vierzehn weitere Mitglieder der Weißen Rose. Willi Graf, Kurt Huber und Alexander Schmorell wurden zum Tode verurteilt, die anderen zu Haftstrafen.

In etwas anderer Form lebte die Weiße Rose an der Hamburger Universität weiter. Die Medizinstudentin Traute Lafrenz hatte Ende 1942 Flugblätter aus München nach Hamburg mitgebracht. Ihr Schulfreund Heinz Kucharski, Student der Philosophie und Orientalistik, verteilte sie mit Hilfe einer Gruppe oppositioneller Studenten. Die Gestapo kam ihnen Ende 1944 auf die Spur. Am 17. April 1945 standen Mitglieder der Hamburger Weißen Rose vor dem Volksgerichtshof. Heinz Kucharski wurde zum Tode verurteilt, konnte aber auf dem Weg zur Hinrichtung fliehen. Die anderen Mitglieder starben während der Haft entweder im Gefängnis oder im KZ.

Wolfgang Benz





 

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