Hans und Sophie Scholl mit Christoph Probst (v.l.n.r.). Abschied vor der Abfahrt zur Ostfront, München Juli 1942.

"Wir sind Euer böses Gewissen!"

Die Flugblätter der Weißen Rose


20.4.2005
Insgesamt sechs regimekritische Flugblätter verfasste und verbreitete die Münchner Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose". Hier finden Sie Informationen zur Entstehung, die Flugblätter in Originalansicht und deren Texte im Wortlaut.

Januar 1943: Meldung über Flugblätter einer Widerstandsbewegung im süddeutschen Raum der "Weißen Rose".Januar 1943: Meldung über Flugblätter einer Widerstandsbewegung im süddeutschen Raum der "Weißen Rose". (© Genehmigung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand)
Die ersten vier "Flugblätter der Weißen Rose" schrieben und verbreiteten Hans Scholl und Alexander Schmorell zwischen dem 27. Juni und dem 12. Juli 1942. Je 100 Stück schickten sie an Schriftsteller, Professoren, Buchhändler aus München und Umgebung, aber auch an Freunde und Studienkolleginnen und Studienkollegen. Die Zielgruppe war bewusst gewählt. In den Augen Hans Scholls hatte 1933 vor allem die Intelligenz politisch versagt, wie er 1943 nach seiner Festnahme der Gestapo erklärte: "Ich empfand, dass es höchste Zeit war, diesen Teil des Bürgertums auf seine staatspolitischen Pflichten aufs Ernste hinzuweisen."

Für ihn und Schmorell war es die Verpflichtung zur Tat: "Leistet passiven Widerstand, wo immer Ihr auch seid!", forderten sie in ihrem ersten Flugblatt. Es sei höchste Zeit, "diese braune Horde auszurotten", heißt es im zweiten. Diese Appelle steigerten sie im dritten Flugblatt in konkrete Handlungsanweisungen für einen Regierungssturz mittels Sabotage in allen Bereichen des öffentlichen und politischen Lebens. Angesichts der Massenmorde an Juden und Polen, die sie im zweiten Blatt anprangerten, verdeutlichten sie die Mitschuld aller Deutschen, die still Unrecht ertrugen, anstatt es zu bekämpfen. "Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen, die Weisse Rose lässt Euch keine Ruhe!", so der Schlusssatz ihres vierten Aufrufs.

"An alle Deutschen!"



Erst zwischen dem 27. und 29. Januar 1943 erschien das fünfte Flugblatt. Zur Kerngruppe der "Weißen Rose" gehörten jetzt auch Christoph Probst und Sophie Scholl, die wohl bereits im Sommer 1942 eingeweiht waren, außerdem Willi Graf und Kurt Huber. Nach der Rückkehr von der Ostfront im Herbst 1942 versuchten Scholl, Schmorell und Graf Kontakte zu anderen Oppositionellen aufzubauen. Mit ihrem fünften Flugblatt wollten sie die breite Masse zum Handeln bewegen: In ihren Augen war eine Invasion vom Westen aus nur noch eine Frage der Zeit. "Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern!" Man müsse sich jetzt vom Nationalsozialismus befreien, denn sonst würden die Deutschen "dasselbe Schicksal erleiden, das den Juden widerfahren ist." Als Zukunftsszenario entwarfen sie ein föderatives Deutschland in einem vereinten Europa. Während die Freunde tagsüber als unauffällige Studierende lebten, stellten sie nachts in mühsamer Arbeit insgesamt 6000 bis 9000 Abzüge her. Um den Eindruck einer großen Bewegung zu erwecken, verschickten sie das fünfte Flugblatt in sechs süddeutsche und österreichische Städte. Den großen Rest verteilte die Gruppe aber eines Nachts in einer riskanten Aktion in München. Die erhoffte Reaktion blieb jedoch aus.

"Kommilitoninnen! Kommilitonen!"



Dann schien sich ein Stimmungswechsel abzuzeichnen: Die offizielle Meldung von der deutschen Niederlage in Stalingrad erschütterte die Bevölkerung in ihrem Glauben an den Endsieg. An der Münchner Universität hatte es zudem erstmals öffentliche Proteste gegeben, als der Gauleiter am 13. Januar 1943 in einer Rede die anwesenden Studentinnen beleidigte. Beide Ereignisse veranlassten die Freunde zum sechsten Flugblatt, mit dem sie gezielt ihre Kommilitoninnen und Kommilitionen mobilisieren wollten. Kurt Huber verfasste den Text und rief darin die Jugend zum Aufstand gegen die Hitler-Diktatur auf.

Ein Teil der 800 bis 1200 Flugblätter wurde Mitte Februar per Post verschickt. Den Rest transportierten Sophie und Hans Scholl in einem Koffer und in einer Aktentasche am 18. Februar in die Universität, wo sie die Blätter vor den Hörsälen auslegten. Als Sophie Scholl einen Stapel Blätter vom zweiten Stock in den Lichthof hinabstieß, wurden sie entdeckt und verhaftet. Hans Scholl trug Christoph Probsts Entwurf für ein siebtes Flugblatt bei sich.



 

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