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Hans und Sophie Scholl mit Christoph Probst (v.l.n.r.). Abschied vor der Abfahrt zur Ostfront, München Juli 1942.

"Man darf nicht schweigen"

Ein Gespräch mit Hildegard Hamm-Brücher über die "Weiße Rose" und das Thema "Zivilcourage"

20.4.2005
Hildegard Hamm-BrücherHildegard Hamm-Brücher (© Theodor-Heuss-Stiftung)
Hildegard Hamm-Brücher studierte von 1940 bis 1945 an der Universität München Chemie und promovierte in diesem Fach. Während ihres Studiums lernte sie einzelne Mitglieder der "Weißen Rose" kennen. Nach Kriegsende arbeitete sie zunächst als Journalistin und ging dann 1948 in die Politik. Sie machte sich als liberale Bildungspolitikerin einen Namen und war unter anderem Staatsministerin im Auswärtigen Amt. 1994 kandidierte sie für das Amt der Bundespräsidentin. 2002 trat sie nach 54 Jahren Mitgliedschaft aus der FDP aus. Sie protestierte damit gegen eine "zur rechten Volkspartei à la Möllemann gestylten FDP", in der sie ihre persönlichen und politischen Grundwerte nicht mehr vertreten konnte. Hildegard Hamm-Brücher ist Gründerin und Vorsitzende der Theodor-Heuss-Stiftung, die sich der Förderung der politischen Bildung und Kultur verschrieben hat.

bpb: Frau Dr. Hamm-Brücher, Sie haben in München studiert, als dort die "Weiße Rose" ihre Flugblätter verbreitete ...

Man muss wissen, dass es den Namen "Die Weiße Rose" für diese Widerstandsgruppe damals noch nicht gab. Auch der engste Kreis hat so nicht von sich selbst gesprochen. Es waren einfach junge Menschen, die mit einem großen Anliegen zusammengekommen waren und ihre Flugblätter gegen Hitler mit der Überschrift "Flugblätter der Weißen Rose" versahen. Das ist der einzige Bezug. Der Name "Die Weiße Rose" für diese Gruppe wurde erst nach 1945 geprägt.

bpb: Haben Sie Mitglieder dieser Gruppe kennen gelernt?

Ich besuchte damals gelegentlich die kunstgeschichtlichen Vorträge von Professor Kurt Huber. Da trafen sich zufällig oder durch Mundpropaganda auch Studenten anderer Fächer, die wussten: Dieser Kurt Huber ist Regimekritiker und macht eine interessante Vorlesung. Da habe ich sie alle vom Sehen kennen gelernt, Sophie und Hans Scholl, Willi Graf, später durch Hubert Furtwängler auch Alexander Schmorell. Wir trafen uns damals manchmal beim Mittagessen in einer Art vegetarischem Restaurant und sehr häufig in Konzerten, die es damals in München trotz des Krieges gab. Und so lernten wir uns ab Ende 1941 nach und nach kennen. Man hat sich spontan getroffen, es wurde viel musiziert und über religiöse, philosophische und kulturgeschichtliche Fragen diskutiert. Es gab eben viele unterschiedliche Interessen. Wir alle kamen von unterschiedlichen Ausgangspunkten zu der Gewissensfrage: Wie stehen wir zum Nationalsozialismus? Dieses Thema wurde nicht konspirativ diskutiert, sondern argumentativ und existenziell.

bpb: Wussten Sie, dass Hans Scholl und die anderen Urheber der Flugblätter waren?

Nein, das wusste niemand außer den Beteiligten. Und selbst Sophie ist nicht von Anfang an eingeweiht gewesen.

bpb: Sie und ihre Freunde waren nicht linientreu. Haben Sie damals in einem ständigen Gefühl der Angst gelebt?

Ich kann mich heute über uns nur wundern. Wir hatten überhaupt keine Angst. Gut, wir haben nicht gerade in einem Lokal öffentlich auf Nazis geschimpft, höchstens unter uns. Aber dass wir in großer Angst gelebt hätten – überhaupt nicht. Anders kann man auch nicht verstehen, wie Hans und Sophie am 18. Februar 1943 die Flugblätter in der Universität verteilen konnten. Sie hatten möglicherweise auch nicht das Gefühl, es könne ihnen an den Kragen gehen. Es ist schon aufregend, wie idealistisch und naiv wir damals waren. Nachträglich gesehen, würde ich sagen: Wir waren leichtsinnig.

bpb: Nur eine Minderheit lehnte sich aktiv gegen Hitler und die Nazis auf?

Es war eine Mini-Mini-Minderheit. Von den etwa 8.000 Münchner Studenten waren es vielleicht 20 bis 50. Dann gab es natürlich einen größeren Kreis von Studenten, die keine Nazis waren, die sich aber nicht im Traum einer Gruppe angeschlossen hätten, in der politischer Widerstand diskutiert wurde. Das ist das Blamable, dass die klaren und mutigen Flugblätter so wenig Resonanz fanden. Die beschwören doch: "Entscheidet euch, ehe es zu spät ist!" Die Studenten waren damals eben größtenteils Nazis oder Wegseher.

bpb: Haben Sie selbst auch ein Flugblatt in den Händen gehabt?

Ja, und das ist meine Feigheit. Eines Tages fand ich im Labor, in meiner Schublade, ein Flugblatt. Und als ich es in der Hand hielt und gelesen hatte – da hatte ich keine Ahnung, woher es stammte. Ich bin aufs Örtchen gegangen, habe es in Schnipsel gerissen und weggespült. Ich wollte nicht, dass man es bei mir findet.

bpb: Wie erklären Sie sich den Mut ihrer Kommilitonen, unter Lebensgefahr gegen das Regime aktiv zu werden?

Es ist ganz bestimmt die tiefe innere Überzeugung gewesen, dass man nicht länger schweigen darf. Ich habe mit der Witwe und dem Bruder von Christoph Probst über diesen Punkt gesprochen und sie haben gesagt: "Ihnen war sicher bewusst, dass das gefährlich werden könnte. Aber dass sie damit ihr Leben aufs Spiel setzen würden, damit rechneten sie wohl nicht."

bpb: Was ist das Vermächtnis der "Weißen Rose"?

Dass es immer Menschen geben muss, die sich dafür mitverantwortlich fühlen, dass unsere Freiheit nie wieder gefährdet wird. Das ist die Botschaft, die diese jungen Menschen hinterlassen haben. Und sie sollen Vorbild sein, auch in alltäglichen Situationen: Seht nicht weg, wenn Ausländer angegriffen werden! Kämpft gegen Rechtsextremismus! Habt Zivilcourage!

bpb: Das hört sich einfacher an, als es vermutlich oft ist.

Ich glaube, dass man Zivilcourage einüben kann. Die Gespräche, die wir damals führten, haben mir bewusst gemacht, dass ich nicht alleine war. Andere können einem Mut machen. Das habe ich auch bei der Kirchentagsarbeit in der DDR erfahren. Da war die Solidarität unter- und miteinander ein Durchhaltemotiv. Es gibt ständig zwischenmenschliche und politische Probleme, da darf man nicht einfach schweigen und wegschauen!

Das Gespräch führte Kirsten Schulz.



 

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