Hans und Sophie Scholl mit Christoph Probst (v.l.n.r.). Abschied vor der Abfahrt zur Ostfront, München Juli 1942.

20.4.2005

Warum erneut ein Film über Sophie Scholl?

Gespräch mit dem Regisseur Marc Rothemund

Der Regisseur Marc Rothemund spricht über seinen Film "Sophie Scholl – Die letzten Tage" und erklärt, warum die Geschichte der jungen Widerstandskämpferin immer noch aktuell ist. Das Interview führte die Filmjournalistin Margret Köhler für kinofenster.de, eine Film-Website der Bundeszentrale für politische Bildung.

Warum ist die Zeit "reif" für diesen Film?

Regisseur Marc Rothemund von "Sophie Scholl - die letzten Tage".Regisseur Marc Rothemund von "Sophie Scholl - die letzten Tage". (© Public Domain, siebbi)
Marc Rothemund: Ich habe so viel "Stauffenberg" und "Speer" im Fernsehen gesehen, meistens Eliten oder Soldaten. Mir kam die menschliche Seite des Widerstands als Haltung zu kurz. Es handelt sich da um Männer und erwähnenswerte Schicksale, aber irgendwann waren mir das zuviel Uniformen und militärische Entwicklungen. Mich interessiert mehr der individuelle Ansatz. Wir begegnen der Figur Sophie Scholl in einer Extremsituation, aber sie ist nicht nur die engagierte junge Frau, sondern auch die ganz normale Studentin. Sie ist mit mehreren Geschwistern aufgewachsen und stammte aus einer frommen, keiner frömmelnden Familie. Ich wollte, dass man sie in ihrer Freundschaft und Zärtlichkeit kennen lernt, in ihrer Lebenslust.

Warum haben Sie sich nicht auf Hans Scholl konzentriert?

Er ist der politische Kopf von Anfang an, ein Intellektueller, ein Kämpfer. Für mich war es spannend, herauszufinden, wie ein kleines Rädchen im Getriebe der Gestapo reagiert, wie die junge Frau damit umgeht, wie ihr Nervenkostüm beschaffen ist. Wir haben den Film Schülern des Münchner Sophie-Scholl-Gymnasiums vorgeführt, die das Thema eigentlich nicht mehr hören können. Und sie zeigten sich davon fasziniert, wie Sophie Scholl mit der Aufgabe wächst. Sie ist nicht als Heldin geboren, sondern entwickelt sich Schritt für Schritt unter dem Druck der Festnahme und schlägt auch die goldene Brücke aus, die der Vernehmungsbeamte Mohr ihr anbietet. Sie will in keiner Weise mit den Nazis zusammenarbeiten und ist konsequent, steht für ihre Ideen und Ideale bis zum Tod ein.

Was brachte Sie zu diesem Projekt?

Zum 60. Todestag 2003 habe ich einige Artikel über Sophie Scholls letzte Tage gelesen und gemerkt, dass es noch Unentdecktes gibt. Ihre Originalunterschrift auf den bisher unveröffentlichten Vernehmungsprotokollen hat mich in Bann gezogen. Es sollte eine ehrliche Geschichte werden, kein riesiges kommerzielles Ding. Ich konnte mir vorstellen, das Drama mit relativ geringem Aufwand zu erzählen. Und die großen Originalmotive wie Universität oder Justizpalast sind ja kaum verändert.

Woher kommt das Interesse deutscher Regisseure, sich zunehmend mit dem Dritten Reich zu beschäftigen: Der Untergang, Napola – Elite für den Führer, Sophie Scholl?

Vielleicht ist das eine Generationensache. Oliver Hirschbiegel ist über 40, Dennis Gansel und ich sind Anfang bis Mitte 30 und gehören zu einer Generation, die mit der Nachkriegszeit an sich nichts mehr zu tun hat. Wir sind auch nicht mehr so von der Familie oder der eigenen Historie geprägt. Wir machen keine "Aufarbeitungsfilme". Unsere Eltern wurden noch in der Kriegszeit geboren und haben sich damit auseinander gesetzt. Bei unserem Blick zurück ist die Perspektive wichtig.

Was motiviert Sie zur Betrachtung der Vergangenheit?

Sie ist in meinen Augen noch gar nicht so lange her: 50 Jahre. Es ist eine der grausamsten und psychologisch interessantesten Epochen in der deutschen Geschichte mit einem furchtbaren Ende. Damit müssen wir uns beschäftigen.

Wie unterscheidet sich Ihr Film von Michael Verhoevens Die weiße Rose und Percy Adlons Fünf letzte Tage?

Filmstill aus "Sophie Scholl - Die letzten Tage".Filmstill aus "Sophie Scholl - Die letzten Tage". (© X-Verleih)
Ich kenne die Filme und war sehr beeindruckt. Bei Michael Verhoeven wird Sophie Scholl erst gegen Ende des Films verhaftet, wir gehen zeitlich weiter. Percy Adlon beschränkt sich auf die Perspektive von Sophies Zellengenossin Else Gebel und endet, als Sophie in den Justizpalast gebracht wird. Wir haben die Gerichtsverhandlung rekonstruiert und begleiten sie bis zum Schafott, erzählen aus ihrer persönlichen Sicht. Die weiße Rose war ein sehr politischer Film, da durfte Sophie Scholl nicht weinen oder Schwäche zeigen. Wir versuchen ihre emotionale Reise von dem glücklichen Abend vor der Verhaftung bis zum Tod nachzuempfinden. Aber das wichtigste war unser Zugang zu den Protokollen der Gestapo, der in den 1980er-Jahren noch nicht möglich war.

Ohne diese Informationen hätte ich Sophie Scholl nicht gemacht. Ich habe mich drei Tage lang durch die 60 Seiten gearbeitet, da empfindet man ganz unmittelbar, wie sie lügt und kämpft, damit ihre Leute nicht mit hineingezogen werden, und den Eindruck erwecken will, als bestehe die "Weiße Rose" nur aus ihr und ihrem Bruder. Und dann sind da die handschriftlichen Urteilsnotizen vom Blutrichter Roland Freisler, die Hinrichtungsprotokolle. Da wurde alles akribisch vermerkt, ab dem Moment, in dem Sophie Scholl den Raum betritt bis zur Enthauptung waren es sechs Sekunden. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, es ist schrecklich, mit welcher Gründlichkeit die eigenen Leute fertiggemacht wurden.

Ist die Darstellung von Volksgerichtspräsident Roland Freisler realitätsgetreu oder überzogen?

Freisler hat die Justiz missbraucht und über 2000 Todesurteile gefällt. Ich bin überrascht, wie wenige Menschen ihn kennen – eine groteske und absurde Figur, wenn man die Originalaufnahmen sieht. In dem von Christoph Müller, Sven Burgemeister, Fred Breinersdorfer und mir produzierten Dokumentarfilm Sophie Scholl – Generation ohne Jugend unter der Regie von Marieke Schroeder wurden der echten Freisler und der Film-Freisler parallel geschnitten, da sieht man, wie deckungsgleich mit dem Original der Darsteller André Hennicke diesen Menschen spielt.

Was ist in Ihrem Film historisch authentisch, was Fiktion?

Das einzige, was ich mit Julia Jentsch neu geschaffen habe, ist unsere Vorstellung von dem Menschen und dem Charakter Sophie Scholl. Natürlich mussten wir eine Auswahl treffen, die dem Bogen der Gesamtdramaturgie untergeordnet war.

Immer wieder führt Sophie Scholls Blick hinaus aus dem Fenster in den Himmel.

Das ist ein Symbol der Freiheit. Sie war sehr naturverbunden. Zum Abschied sagt sie: "Jetzt sehe ich die Sonne zum letzten Mal."

Wie würden Sie das visuelle Konzept beschreiben?

Wir lernen Sophie Scholl in Freiheit kennen, wie sie mit einer Freundin Swingmusik aus dem Feindsender hört und das Leben genießt. Wir haben hell und in warmen Tönen angefangen, wurden dann in den Vernehmungen immer dunkler, in der Zelle farbloser und kälter und zum Ende hin immer weißer. Einer von Hans Scholls Lieblingssprüchen lautete, das Leben sei ein Abenteuer auf dem Wege zum Licht.

Welche Hoffnung verbinden Sie mit Sophie Scholl?

Dass sich die Zuschauenden mit Konflikten und Zivilcourage auseinandersetzen und überlegen, wie hätte ich gehandelt, wie viel setze ich für meine Überzeugung aufs Spiel. Position zu beziehen ist ein zeitloses Thema. Unterdrückung und Diktaturen gibt es genug. Es geht auch um den Komplex des Mitlaufens. Wie viele halten den Mund? Wie viele suchen ihren Vorteil? Gegen Ungerechtigkeit aufzustehen, den Schwächeren zu helfen, war von der Moral her für mich immer wichtig. Das geht doch bis in die heutige Zeit.

Das Interview führte Margret Köhler für kinofenster.de.


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