Hans und Sophie Scholl mit Christoph Probst (v.l.n.r.). Abschied vor der Abfahrt zur Ostfront, München Juli 1942.

20.4.2005

"Sophie war ein ganz normales Mädchen."

Ein Gespräch mit der Sophie-Scholl-Darstellerin Julia Jentsch

Was hat Sie an "Sophie Scholl – Die letzten Tage" am meisten gereizt?

Sophie SchollSophie Scholl (© X-Verleih)
Das Extreme und Außergewöhnliche an der Situation: Wir begleiten jemanden, der kurz vor dem Lebensende steht, durch die polizeilichen Verhöre und den Gerichtsprozess hindurch bis zur Hinrichtung. Einen Menschen, der diesen Weg in den Tod mit einer unglaublichen Stärke geht – und der bis zuletzt mutig für seine Ziele und Ideale kämpft. (...)

Wie sah Ihre Vorbereitung aus?

Ich habe viel gelesen, vor allem Sophie Scholls Briefe und ihre Tagebücher, aber auch die Verhörprotokolle. Mit Alexander Held, der den Vernehmungsbeamten spielt, habe ich mich vor Drehbeginn immer wieder getroffen, um die Texte zu lernen und die Verhör-Szenen zusammen zu erarbeiten (...). Und ich habe mir auf Video die Interviews angesehen, die Marc Rothemund mit Anneliese Graf und Elisabeth Hartnagel geführt hatte: sehr spannend! (...)

Finden Sie es prinzipiell schwieriger, historische Persönlichkeiten darzustellen?

Julia JentschJulia Jentsch (© Christine Fenzl)
Ich empfinde das durchaus als große Herausforderung. Als Schauspielerin will man jeder Figur gerecht werden, die man verkörpert. Aber bei Figuren, die tatsächlich gelebt haben, kommt noch etwas hinzu: Verantwortung gegenüber denen, die sie kannten (..). Marc hat sich bemüht, mir diese Bedenken zu nehmen, indem er mir klar machte: Natürlich versuchen wir, der Geschichte gerecht zu werden und so authentisch wie möglich zu sein – doch letztlich können wir nur unsere eigene Sicht auf die Geschichte erzählen, basierend auf dem, was wir recherchiert haben und was beim Drehen daraus entsteht. Die historischen Fakten sind die eine Seite – aber mindestens genauso wichtig ist es, dass die emotionale Reise der Figuren stimmig ist. (...)

In den Gestapo-Verhören hat Sophie Scholl Nerven wie Drahtseile bewiesen ...

Sie hat es tatsächlich geschafft, den Vernehmungsbeamten, der ein erfahrener Verhör-Profi war, stundenlang zu täuschen und von ihrer Unschuld zu überzeugen. Wenn man die Protokolle liest, kann einem Sophie fast ein wenig unheimlich werden. Sie muss in diesen Stunden eine enorme Ruhe und Selbstsicherheit gehabt haben. Als dann ihr Kommilitone Christoph Probst überführt wird, als ihr Bruder deswegen schon gestanden hat, als die Beweise gegen sie erdrückend werden und sie nicht mehr leugnen kann, nimmt sie alles auf sich, um ihre Freunde zu schützen (...). Und schließlich besitzt sie auch noch die Stärke, die "goldene Brücke" auszuschlagen, die der Vernehmungsbeamte ihr baut – sie unterschreibt quasi ihr eigenes Todesurteil, indem sie zu ihren Ideen steht und sagt: "Nicht ich, sondern Sie haben die falsche Weltanschauung!"

Haben Sie sich je gefragt, wie Sie selbst in dieser Situation gehandelt hätten?

Natürlich. Und ich kann nur sagen: Ich hoffe, dass ich mich auch so entschieden hätte. Aber ich weiß es wirklich nicht. (...)

Am Anfang des Films sieht man, wie Sophie zu einem Lied von Billie Holiday singt und tanzt ...

Ja, es war uns wichtig, auch zu zeigen, was für ein lebensfroher Mensch Sophie war. Auf Fotos sieht man, wie sie mit ihren Freunden zum Wandern und Schwimmen gegangen ist, wie sie Feste gefeiert und Wein getrunken hat. (...) Sie war alles andere als eine Todessehnsüchtige, sondern ein neugieriges, interessiertes, lebenslustiges Mädchen.

Kein ätherisches Wesen mit Heiligenschein.

Nein, ein Mensch. (...) Einerseits kennt man die Aussage ihres Henkers, dass er in seiner gesamten Laufbahn niemanden erlebt hätte, der so aufrecht zum Schafott geschritten wäre wie Sophie Scholl. Andererseits sind auch Momente überliefert, in denen sie geweint hat – zum Beispiel als sie hörte, dass Christoph Propst verhaftet worden war. In den Verhören wirkte sie meist sehr konzentriert und gefasst, in ihrer Zelle dagegen oft emotionaler und weicher. Das war für mich die größte Schwierigkeit bei der Darstellung: mich in jeder Szene fragen zu müssen, in welchem Zustand Sophie gerade ist. (...)

Ein permanenter Kampf zwischen Stärke und Todesfurcht?

(...) Die Zuschauer sollen sehen, dass Sophie ein ganz normales Mädchen mit Ängsten war – und dass dieses Mädchen Entscheidungen getroffen hat, die wir auch treffen können. Man kann sich nicht einfach herausreden, indem man sagt: "Ich bin halt nicht so stark wie Sophie Scholl." Blödsinn! Auch Sophie ist nicht als Heldin geboren worden, sondern dank ihres Sinns für Freiheit und Gerechtigkeit an ihrer Aufgabe gewachsen. Ihr Beispiel zeigt uns, dass man seine eigenen Ängste und Schwächen auch überwinden kann – und dass man für seine Stärke kämpfen muss.

Also kein Film, der bloß in die Vergangenheit schaut ...

Nein, überhaupt nicht. Das Problem der Zivilcourage stellt sich doch immer wieder – zum Beispiel, wenn in der U-Bahn jemand angepöbelt wird. Sophie zwingt uns dazu, uns zu fragen: Wie würdest du dich verhalten? Handelst du tatsächlich immer so, dass du es vor deinem Gewissen vertreten kannst? Und wie weit würdest du für deine Ideale gehen?

Quelle: X-Verleih


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