Hans und Sophie Scholl mit Christoph Probst (v.l.n.r.). Abschied vor der Abfahrt zur Ostfront, München Juli 1942.

20.4.2005 | Von:

Glossar

Rote Kapelle

Der Name "Die Rote Kapelle" wurde von der deutschen militärischen Abwehr als Sammelbegriff für verschiedene Widerstandsgruppen geprägt, die zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Westeuropa für den sowjetischen Nachrichtendienst arbeiteten. Später ordneten die Nationalsozialisten diesem Netz auch die Berliner Widerstandskreise um den Nationalökonomen und Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium Arvid Harnack und den Oberleutnant der Luftwaffe Harro Schulze-Boysen zu. Diese beiden Gruppen waren unabhängig voneinander entstanden, hatten aber ab 1939 engen Kontakt zueinander und wurden 1942 aufgedeckt. Sie gelten heute als eine der bedeutendsten Zusammenschlüsse der deutschen Opposition gegen den Nationalsozialismus.

Die Kreise um Harnack und Schulze-Boysen entstanden bereits zu Beginn des "Dritten Reichs" als Diskussions- und Freundschaftszirkel, in denen wirtschaftliche, politische und kulturelle Fragen analysiert und debattiert wurden. Kennzeichnend ist, dass bei diesen informellen Treffen Frauen und Männer höchst unterschiedlicher sozialer, kultureller und weltanschaulicher Herkunft zusammenkamen, was eine eindeutige politische Zuordnung erschwert. Während sich bei Arvid Harnack und seiner Frau Mildred vorwiegend Intellektuelle, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sowie Schülerinnen und Schüler eines Berliner Abendgymnasiums trafen, versammelten sich bei Harro Schulze-Boysen neben Intellektuellen auch Künstlerinnen und Künstler verschiedener Disziplinen.

Ab 1939 begann der Meinungsaustausch zwischen Schulze-Boysen und Harnack sowie die Zusammenführung und Erweiterung der beiden Gruppen. Vor allem zwischen 1940 und 1942 unternahmen die Oppositionellen konkrete Aktionen, etwa in Form von regimekritischen Flugblättern, Klebezetteln oder Dokumentationen von Nazi-Verbrechen. Ab Herbst 1940 stand Harnack in Kontakt mit der sowjetischen Botschaft, ab 1941 war auch Schulze-Boysen dabei. Sie wollten eine vertrauensvolle Verhandlungsbasis mit der Sowjetunion erreichen, die ein Ende des Krieges und eine außenpolitische Verständigung ermöglichte. Für die Nachkriegszeit strebten Harnack und Schulze-Boysen die Sicherung der nationalstaatlichen Eigenständigkeit Deutschlands sowie eine deutsche Mittlerrolle zwischen Ost und West an.

Ein 1941 entschlüsselter Funkspruch aus Moskau brachte die Nationalsozialisten auf die Spur des Berliner Widerstandsnetzes. Zu ihm gehörten über 150 Frauen und Männer. Vom 31. August 1942 bis in den März 1943 hinein wurden 126 von ihnen verhaftet und wegen "Spionage", "Vorbereitung zum Hochverrat" oder "Feindbegünstigung" zu Todes- oder Zuchthausstrafen verurteilt. Einige wurden ohne Prozess ermordet. Am 22. Dezember 1942 wurden Harro Schulze-Boysen, seine Frau Libertas und Arvid Harnack erhängt, Mildred Harnack wurde am 16. Januar 1943 hingerichtet.


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