Grenzstadt Görlitz
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Die Bedeutung der Kulturvermittlung und –Rezeption

bei der Annäherung zwischen Deutschland und Polen


10.2.2009
Welche Rolle spielt Kultur bei den deutsch-polnischen Beziehungen? Wie sieht die Zusammenarbeit aus und wie haben sich die Kulturbeziehungen entwickelt? Ist Annäherung möglich und welche Rolle spielt die Politik dabei? Antworten von Joachim Rogall.

Günter Grass mit dem Führer der verbotenen Gewerkschaft "Solidarität", Lech Walesa 1988. Foto: APGünter Grass mit dem Führer der verbotenen Gewerkschaft "Solidarität", Lech Walesa 1988. (© AP)

Die Kulturbeziehungen zwischen Deutschen und Polen, Nachbarn in der Mitte Europas, sind mehr als tausend Jahre alt. Kennzeichnend sind einerseits Vielzahl und große Bandbreite, andererseits starke Asymmetrie, da das Interesse an Deutschland in Polen stets größer war als umgekehrt. Für Polen war Deutschland immer, auch in Zeiten größter historischer Belastungen, eine große europäische Kulturnation, im Kulturbereich wichtigster Nachbar und oft Bezugspunkt und Vermittler (ähnlich wie Frankreich für Deutschland). In Polen konnte so zwischen beiden Weltkriegen ein jüdischer Junge namens Marceli Reich in einer Kleinstadt an der Weichsel in die deutsche Literatur als geistige Heimat hineinwachsen, als die reale Heimat ihm mehrfach von Polen und Deutschen unerträglich gemacht wurde. Deutsche lebten seit dem Mittelalter in größeren oder kleineren Gruppen in allen Teilen Polens und standen mit ihren Nachbarn in einem ständigen kulturellen Austausch auf zwischenmenschlicher, nachbarschaftlicher Ebene.

Im Gegensatz dazu ist Polen für Deutschland nur einer von mehreren kleineren Nachbarn im Osten, das Wissen über Polen gering, von Stereotypen bestimmt und überwiegend nicht mit Kultur verbunden. Unter deutschen Intellektuellen wäre disqualifiziert, wem etwa Shakespeare oder Camus kein Begriff sind, während niemandem verübelt wird, wenn er Adam Mickiewicz oder die Nobelpreisträger Czeslaw Milosz und Wieslawa Szymborska nicht kennt. Bestenfalls gilt Polen als Land mit schöner Natur und einigen bedeutenden Städten, wobei auch Masuren und Schlesien oder Danzig und Breslau für viele Deutsche noch stärker mit ihrer Geschichte und Kultur als mit Polen verbunden werden und z.B. städtebauliche Perlen wie Thorn oder Zamosc unbekannt sind.

Polen ist im deutschen Bewusstsein positiv vor allem im Zusammenhang mit politischen Ereignissen präsent, so im 19. Jahrhundert dem polnischen Aufstand gegen russische Unterdrückung, der 1830/31 große Sympathiebekundungen in Deutschland ("Polenlieder") hervorrief, ähnlich wie die Gewerkschaftsbewegung Solidarność (Solidarität) und ihr Kampf gegen das kommunistische System Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Trotz der mehrfachen großen polnischen Einwanderungswellen, als Arbeitsmigranten nach Berlin und in das Ruhrgebiet schon im 19. Jahrhundert, den polnischen politischen Flüchtlingen nach 1945 und besonders ab 1981, sind Polen für die meisten Deutschen nicht als normale Wohnnachbarn, sondern vor allem als Erntearbeiter, geschickte Helfer am Bau oder Krankenpfleger präsent.

Aber Polen ist bei deutschen Intellektuellen auch als von deutschen Staaten in der Geschichte mehrfach geteiltes Land präsent, als Hauptschauplatz des Holocaust im Zweiten Weltkrieg und, allerdings stärker erst in den letzten Jahren, auch mit der brutalen NS-Besatzungspolitik von 1939-1945. Das damit gegenüber Polen verbundene Schuldgefühl ließ seit den siebziger Jahren die Erinnerung an deutsche Gebietsverluste an Polen oft verdächtig erscheinen, wenn sie außerhalb der Gruppe der unmittelbar Betroffenen artikuliert wurde. Entsprechend wird die jüngste deutsche Beschäftigung auch mit deutschen Opfern des Zweiten Weltkrieges in Polen als Paradigmenwechsel verstanden und weckt Befürchtungen.

Entwicklung der Kulturbeziehungen



Erfreulicherweise hatten die politischen Spannungen in Vergangenheit und Gegenwart kaum Einfluss auf die Entwicklung der Kulturbeziehungen, trugen allerdings auch nicht zum Abbau der oben genannten Asymmetrie bei. Allerdings ist das Bemühen deutlich, hier eine positive Entwicklung anzustoßen. Staatlicherseits wurde dafür mit dem 1997 abgeschlossenen deutsch-polnischen Kulturabkommen eine Grundlage geschaffen. Das Auswärtige Amt, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, öffentliche Einrichtungen und Mittler der auswärtigen deutschen Kulturpolitik wie das Goethe-Institut oder der Deutsche Akademische Austauschdienst DAAD stellen jährlich erhebliche Summen für den deutsch-polnischen Kulturaustausch zur Verfügung, der heute jeden Bereich der weitgefassten Kultur, also neben Literatur, Musik, Theater, Bildender Kunst und Film auch Wissenschaft und Bildung, Sprachförderung, Jugendaustausch und Medien umfasst.

Polen unterhält in Deutschland drei Kulturinstitute, in Berlin, Düsseldorf und Leipzig, letzteres seit 2009 allerdings nur noch als Dependance von Berlin. Auch die Generalkonsulate in München und Hamburg organisieren kulturelle Veranstaltungen, und zusätzlich gibt es in Darmstadt noch das Deutsche Polen-Institut, dessen Bedeutung für die Kulturvermittlung nicht hoch genug geschätzt werden kann. Dem stehen zwei Goethe-Institute in Warschau und Krakau sowie Lesesäle in Breslau, Kattowitz, Posen und Stettin sowie ein Goethe-Zentrum in Lublin gegenüber. Botschafter im Kleinen sind aber auch die jährlich mehr als 40 deutschen Lehrer an polnischen Schulen und die Lektoren des DAAD sowie die Vertreter der politischen Stiftungen, die in Warschau, aber auch in anderen wichtigen Städten vertreten sind und eine bedeutende Mittlerarbeit betreiben. Der Aufbau eines Hauses der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Gleiwitz 1998, zu dem später ein weiteres Haus in Oppeln hinzukam, wurde beispielsweise von der Friedrich-Ebert- und der Konrad-Adenauer-Stiftung gemeinsam unterstützt.

Akademische Zusammenarbeit



Im akademischen Bereich sind ferner zahlreiche deutsch-polnische Hochschulpartnerschaften und Stipendienprogramme zu nennen, die zunehmend stärker auch deutsche Studenten nach Polen führen, während die Zahl der an deutsche Universitäten gehenden polnischen Studenten immer noch höher ist, aber zugunsten von Studienaufenthalten im angelsächsischen Raum deutlich zurückgeht. Ein Anfang 2009 vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt mit Unterstützung der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit veranstaltetes Symposium der deutschen Polen-Forschung zeigte zu allgemeiner Überraschung mit weit über 200 Projekten jüngerer Historiker, Politologen, Soziologen, Wirtschafts- und Musikwissenschaftler, wie stark der deutsche Nachwuchs in der Polenforschung inzwischen geworden ist. Die Europauniversität Viadrina in Frankfurt/Oder mit einem polnischen Collegium Polonicum auf der östlichen Oderseite ist sicherlich die wichtigste universitäre Institution in der akademischen Zusammenarbeit. Sie wird seit Herbst 2008 durch eine ebenfalls in Frankfurt/Oder gegründete deutsch-polnische Wissenschaftsstiftung flankiert. Auch die Neisse-Universität Görlitz-Zittau ist hier zu nennen, und, wenngleich weniger auf die deutsch-polnischen Beziehungen konzentriert sondern gesamteuropäisch ausgerichtet, das Europa-Kolleg in Natolin bei Warschau. Der Jugendaustausch hat mit dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk eine institutionelle Verankerung und wird mit jährlich mehr als vier Millionen Euro unterstützt.

Privates Engagement, Initiativen und Stiftungen im Kulturaustausch



Neben den staatlichen Fördermaßnahmen lebt der deutsch-polnische Kulturaustausch aber vor allem auch vom privaten Engagement. Das Bedürfnis, nach allen Hypotheken der Vergangenheit zwischen Deutschen und Polen gute Beziehungen zu fördern, ist bei den deutschen Eliten seit den sechziger Jahren weit verbreitet und hat auch in entsprechenden Kreisen in Polen eine feste Verankerung. Die beiden großen Kirchen haben hier früh wichtige Akzente gesetzt, die katholischen Bischöfe Polens 1966 mit ihrer Botschaft "Wir vergeben und bitten um Vergebung" und entsprechender Reaktion ihrer deutschen Amtsbrüder, die Evangelische Kirche in Deutschland mit ihrer Ostdenkschrift von 1965. Aber auch viele private Initiativen, auch und gerade von vertriebenen Deutschen, haben Deutsche und Polen einander näher gebracht. Besondere Bedeutung haben private Stiftungen wie die Robert Bosch Stiftung oder die Stiftung Erinnerung, Vergangenheit und Zukunft in Deutschland und die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit in Warschau, die über Stipendienprogramme, Gesprächsforen oder Projektförderung einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Kulturbeziehungen leisten.

In Deutschland darf auch die Arbeit der rund 50 deutsch-polnischen Gesellschaften und die Bedeutung der mehr als 400 deutsch-polnischen Städtepartnerschaften nicht vergessen werden. Das von beiden Regierungen 2005/06 ausgerufene Deutsch-Polnische Jahr brachte zwar nur wenige speziell dafür initiierte Projekte, zeigte aber durch die auf einer eigenen, bis heute fortgeführten Internetseite (www.de-pl.info) dokumentierten mehr als 2.000 alleine von Mai 2005 bis Mai 2006 stattgefundenen und zum Teil längerfristigen deutsch-polnischen Initiativen die Breite und Intensität des beiderseitigen Kulturaustausches.

Es ist ein großes Verdienst dieser Internetseite, etwas Übersicht in diese Fülle von Veranstaltungen und Projekten zu bringen. Denn ein Kennzeichen des deutsch-polnischen Kulturaustausches ist seine Unübersichtlichkeit und mangelnde Koordination. Bis heute wissen die Verantwortlichen vieler ähnlicher deutsch-polnischer Projekte nichts voneinander und können dadurch auch nichts voneinander lernen und durch Zusammenarbeit Synergien erreichen. Sicherlich ist es grundsätzlich erfreulich, wenn Initiativen nicht nur von oben organisiert werden, sondern von unten wachsen. Allerdings könnten bei besserer Information manche unnötigen Fehler und Doppelarbeiten vermieden und die vorhandenen, begrenzten Mittel sinnvoller eingesetzt werden.

Bedenkt man bei den rund 2.000 Projekten des Deutsch-Polnischen Jahres, dass wir hier von den Kulturbeziehungen zwischen achtzig Millionen Deutschen und rund vierzig Millionen Polen sprechen, ist die Bilanz wieder etwas ernüchternder. Es sind auch leider immer wieder die üblichen Verdächtigen, unermüdliche Aktivisten und Urgesteine der deutsch-polnischen Verständigung, die sich hier Jahr für Jahr engagieren. Bei vielen Älteren spielte noch die eigene teilweise tragische Biographie durch Kriegserlebnisse die entscheidende Rolle, sich lebenslang für die Verbesserung der Beziehungen zwischen den einstigen Gegnern Deutschland und Polen einzusetzen. Bei den nachwachsenden Generationen ist eine solche emotionale Bindung an die Sache nicht mehr zu erwarten.


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