Beleuchteter Reichstag

10.3.2012 | Von:
Ilko-Sascha Kowalczuk

Lehre und Forschung im SED-Staat

Universitäten und Hochschulen in der DDR

Zahlreiche neue Publikationen nähern sich der Geschichte von Universitäten, Wissenschaft und Wissenschaftlern, insbesondere auch in der DDR. Einige davon reflektieren diese Geschichte aus (auto-)biografischer Perspektive.

Sammelrezension zu:


Walter Rüegg (Hg.): Geschichte der Universität in Europa, Bd. 4: Vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, München: Beck 2010, 559 S., € 88,–, ISBN: 9783406369551.

Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009, Hg. Universität Leipzig, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2009–2011, € 199,–, ISBN: 9783865833105.
– Bd. 1: Spätes Mittelalter und Frühe Neuzeit, 1409–1830/31, 861 S.
– Bd. 2: Das neunzehnte Jahrhundert, 927 S.
– Bd. 3: Das zwanzigste Jahrhundert, 1909–2009, 969 S.
– Bd. 4: Fakultäten, Institut, Zentrale Einrichtungen, 1.641 S.
– Bd. 5: Geschichte der Leipziger Universitätsbauten im urbanen Kontext, 796 S.

Günter Heydemann, Francesca Weil (Hg.): "Zuerst wurde der Parteisekretär begrüßt, dann der Rektor ...". Zeitzeugenberichte von Angehörigen der Universität Leipzig (1945–1990) (Beiträge zur Leipziger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte; B/16), Leipzig: Ev. Verlagsanstalt 2009, 432 S., € 42,–, ISBN: 9783374027057.

Tobias Schulz: "Sozialistische Wissenschaft". Die Berliner Humboldt-Universität (1960–1975) (Zeithistorische Studien; 47), Köln u.a.: Böhlau 2010, 328 S., € 39,90, ISBN: 9783412206475.

Wolfgang Girnus, Klaus Meier (Hg.): Die Humboldt-Universität Unter den Linden 1945 bis 1990. Zeitzeugen – Einblicke – Analysen, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2010, 653 S., € 49,–, ISBN: 9783865834454.

Eckhard Müller-Mertens: Existenz zwischen den Fronten. Analytische Memoiren oder Report zur Weltanschauung und geistig-politischen Einstellung, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2011, 560 S., € 49,–, ISBN: 9783865835352.

Erhard Geißler: Drosophila oder die Versuchung. Ein Genetiker der DDR gegen Krebs und Biowaffen, Berlin: BWV 2010, 379 S., € 38,–, ISBN: 9783830518624.

Hartwig Bernitt, Horst Köpke, Friedrich-Franz Wiese: Arno Esch. Mein Vaterland ist die Freiheit, Dannenberg: VERS 2010, 333 S., € 7,– [ohne ISBN].

Matthias Lienert: Zwischen Widerstand und Repression. Studenten der TU Dresden 1946–1989, Köln u.a.: Böhlau 2011, 242 S., € 29,90, ISBN: 9783412205980.

Martin Morgner: In die Mühlen geraten. Porträts von politisch verfolgten Studenten der Friedrich-Schiller-Universität Jena zwischen 1967 und 1984, Weimar/Eisenach: Wartburg 2010, 397 S., € 16,–, ISBN: 9783861604082.





Die europäische Universität stellt ein Kind des Mittelalters dar. Wahrscheinlich ist sie die einzige Institution, die trotz tiefgreifender Veränderungen das Mittelalter und die Gegenwart am sichtbarsten und nachhaltigsten symbolisch verbindet.[1] Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die Universitäten, ihre Geschichte wissenschaftlich darzustellen. Anlässlich von Gründungsjubiläen erschienen Bücher, die von einem Autor oder wenigen Autoren verfasst wurden. Das blieb auch noch Anfang des 20. Jahrhunderts so, als mehrbändige Darstellungen erschienen. Im Zuge der disziplinären Spezialisierung und dem beträchtlichen Ausbau der Universitäten differenzierte sich zugleich die wissenschaftliche Hochschulgeschichte immer mehr. Auch wenn sie vorwiegend ein Feld geschichtswissenschaftlicher Arbeit war, so stellte Universitätsgeschichte immer auch ein multidisziplinäres Untersuchungsfeld dar. Zur Selbstvergewisserung und historischen Standortgebundenheit haben alle universitären Disziplinen und Einrichtungen stets selbst über ihre Vergangenheit geforscht und publiziert.

Universitätsgeschichte ist keine geschichtswissenschaftliche Teildisziplin wie Sozial-, Wirtschafts-, Technik- oder Wissenschaftsgeschichte. Es gibt in Deutschland keinen eigenen Lehrstuhl, aber immerhin seit 1998 ein eigenes Jahrbuch und einige Lehrstühle und Institute, die sich darauf spezialisiert haben. Generell unterscheidet sich die Situation in den meisten Ländern Europas davon nicht, obwohl mit der Entwicklung zur Masseneinrichtung und einer technisierten, hochgradig differenzierten Gesellschaft der Stellenwert der Universitäten in den vergangenen Jahrzehnten noch enorm an Bedeutung gewonnen hat.

In Deutschland kommt hinzu, dass nach den Systembrüchen von 1945 und 1989 auch die Universitäten jeweils in ihren Grundfesten erschüttert waren. Beide politischen Zäsuren wiesen diesbezüglich Ähnlichkeiten auf. Drei seien exemplarisch genannt: Die Legitimationskrise der Hochschulen ist nicht durch innere Kritik, sondern überwiegend durch außeruniversitärer Kräfte ausgelöst und befördert worden. Zweitens sind Erneuerungsprozesse und Umstrukturierungen von außeruniversitären Institutionen initiiert worden. Und schließlich existierten nicht nur Beharrungskräfte, sondern auch erfolgreiche Abwehrmechanismen, um Opfer des überwundenen Systems weiterhin aus dem Universitätsleben auszugrenzen. Das verlief im Einzelnen an den Universitäten sehr unterschiedlich, aber der generelle Befund lässt sich ungeachtet der ortsgebundenen und zeitabhängigen Unterschiede so feststellen.

Auch die Beschäftigung mit der Universitätsgeschichte blieb sowohl nach 1945 wie nach 1989 zunächst ein Feld, das vor allem außeruniversitäre Kritiker oder Opfer des alten Systems bestellten. Erst allmählich begannen die Einrichtungen selbst, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und diese wissenschaftlich zu analysieren. Jüngst ist zwar ein Forschungsbericht erschienen, der diese Beobachtung für die ostdeutschen Universitäten seit 1989/90 in Frage stellt, aber diese Analyse basiert auf rein quantitativen Erhebungen, ohne den Anspruch zu erheben, qualitative Aussagen treffen zu können.[2] Diese Studie reagierte auch auf eine Debatte im Jahre 2010, in der es unter anderem um die Frage ging, wie die ostdeutschen Hochschulen und Universitäten mit ihrer Vergangenheit in den letzten 20 Jahren umgegangen seien.[3]

Geschichte der Universität in Europa


© C.H. Beck, München. (© C. H. Beck )
Die von dem renommierten Berner Soziologieprofessor Walter Rüegg herausgegebene, vierbändige Reihe "Geschichte der Universität in Europa" liegt nun vollendet vor. Ein hochkarätiges Herausgeber- und Autorenteam vermochte es seit 1993 in einem für ein solches Unternehmen überschaubaren Zeitrahmen und auf etwa 2.200 Druckseiten einen profunden und sehr gut lesbaren Überblick über etwa 800 Jahre Universitätsgeschichte in Europa vorzulegen. Der vierte Band, gewidmet der Zeit seit 1945, ist allen dringend nahezulegen, die sich mit zeithistorischen oder aktuellen Fragen der Hochschulentwicklung beschäftigen. Denn hier wird sehr gut deutlich, dass viele Probleme, die sich in zeithistorischen Untersuchungen ergeben oder in aktuellen Debatten aufdrängen, europäische Dimensionen besitzen und eng mit dem Aufkommen der Massenuniversitäten, der hochgradigen Wissenschaftsspezialisierung und fiskalischen Gegenstrategien zu tun haben.

Diesen Band zeichnet aus, dass in ihm die verschiedenen Regionen Europas gleichrangig behandelt werden. Dabei werden nationale Sonderprobleme ebenso deutlich wie grenzüberschreitende und systemübergreifende Entwicklungshindernisse. Auch wenn die speziellen Probleme der Hochschul- und Wissenschaftsentwicklung in den Staaten Osteuropas zwischen 1945 und 1989 benannt und analysiert werden, so zeigen die Abhandlungen zugleich, dass es eine ganze Reihe von allgemeinen Trends gab, die es in der DDR und den anderen Staaten des Sowjetimperiums zu beachten und zu bewältigen gab, die weniger ideologisch begründet waren, sondern sich weitaus stärker aus einem allgemeinen europäischen Modernisierungsdruck ergaben. Dazu gehörte neben dem Ausbau der bestehenden Universitäten zum Beispiel die Etablierung gänzlich neuer Forschungs- und Ausbildungsrichtungen und damit verbundenen die Institutionalisierung neuer Hochschultypen. Insofern ist Walter Rüeggs europäische Hochschulgeschichte nicht nur schon jetzt das Standardwerk zum Thema, sondern zugleich das Referenzwerk für Forschungen zur Universitätsgeschichte überhaupt.

Geschichte der Universität Leipzig


© Leipziger Universitätsverlag, Leipzig. (© Universitätsverlag Leipzig )
Die ostdeutschen Universitäten und Hochschulen sind nach der Revolution von 1989 ganz unterschiedlich mit ihrer jüngsten Vergangenheit umgegangen.[4] Besonders hervorzuheben ist das Engagement der Universität Jena, weil hier seit nunmehr mehr als zwei Jahrzehnten die jeweiligen Universitätsleitungen die Aufarbeitung der jüngsten Geschichte nachhaltig und tatkräftig unterstützen.[5] Die beiden größten und bedeutendsten ostdeutschen Universitäten – Humboldt-Universität zu Berlin und Universität Leipzig – begingen beide jüngst ihre Gründungsjubiläen. Die Humboldt-Universität zu Berlin wurde 200 Jahre alt, die Leipziger Universität beging ihr 600-jähriges Bestehen. Von den angekündigten sechs voluminösen Bänden zur Berliner Universitätsgeschichte sind die drei Bände "Praxis ihrer Disziplinen" mit Studien zur Disziplinengeschichte fristgerecht erschienen.[6] Die drei monografisch angelegten Bände zur Entwicklungsgeschichte stehen derzeit noch aus.

Obwohl die Leipziger Universität eine drei Mal so lange Geschichte wie die Berliner "Linden-Universität" vorweisen kann und die vorgelegten Bände noch voluminöser ausfallen als ihre Berliner Pendants, lagen sie fast pünktlich zum Jubiläum vor.

Band 1 der Leipziger Universitätsgeschichte behandelt allein über 400 Jahre. Die Historiker Enno Bünz, Manfred Rudersdorf und Detlef Döring beschreiben und analysieren souverän in drei eigenen Kapiteln diese Entwicklung. Die sehr gut geschriebenen Darstellungen basieren auf einer breitest möglichen Auswertung der vielfältigen und umfangreichen Forschungsliteratur und auf der Hinzuziehung – was angesichts des guten Forschungsstandes nicht selbstverständlich ist – unveröffentlichter Quellen aus den wichtigsten sächsischen Archiven. Dieses Buch stellt über die eigentliche Leipziger Entwicklung hinaus einen wissenschaftlichen Markstein erzählender und erklärender Universitätsgeschichte dar. Die bei ihrer Gründung nördlichste Universität auf dem europäischen Festland beging übrigens schon ihr 200. Gründungsjubiläum mit einem großen Festakt (452) – solche Jubelfeierlichkeiten waren also nicht erst eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Und wer sich heute über studentische Disziplinlosigkeit oder gar den Niedergang von Moral beklagt, dem sei ein Blick in die Historie empfohlen (z.B. 479ff), denn verglichen mit Umgangsformen des 15., 16. oder 17. Jahrhunderts hat sich die Universität tatsächlich zu einem anderen sozialen Wesen entwickelt.

Den mit Abstand umfassendsten Beitrag zur Leipziger Universitätsgeschichte hat der bekannte Leipziger Sozialhistoriker Hartmut Zwahr beigesteuert. Im Band 2 stellt er auf etwa 550 Seiten die Entwicklung von 1830 (Geburtsstunde der Ordinarienuniversität, eine staatlich geführte Landesuniversität) bis zur Reichsgründung 1871 dar. Was für Band 1 galt, ist auch hier und für den zweiten Aufsatz (1871–1909) von Jens Blecher festzuhalten: eine sehr anschauliche Darstellung, ein leichter und sehr gut verständlicher Stil, eine unglaublich breite Verarbeitung der vorhandenen Forschungs- und Erinnerungsliteratur sowie eine vorzügliche Quellenarbeit, wobei wiederum zahlreiche unveröffentlichte Dokumente herangezogen wurden. Vor allem Zwahrs "Monografie" geriet unter der Hand zu einer Gesellschaftsgeschichte. Denn wie schon die Autoren des ersten Bandes versteht auch er es in großartiger Weise, allgemeine und spezielle Probleme der deutschen und Landesgeschichte mit der Universitätsgeschichte zu verzahnen, deren allgemeine Entwicklung und die speziellen Disziplingeschichten darzustellen und jeweils politik-, gesellschafts- und wissenschaftsgeschichtlich einzuordnen.

Der dritte Band zeichnet in vier Beiträgen die Geschichte der Universität vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart nach. Ulrich von Hehl beleuchtet die Zeit bis 1945. Seine umfassende Studie basiert vor allem auf Forschungsarbeiten, die überwiegend im Umkreis seines eigenen Lehrstuhls erarbeitet worden sind. Auch er vermag es, die Universitätsgeschichte mit der Politik- und Gesellschaftsgeschichte zu verknüpfen. In seiner Darstellung wird allerdings schon deutlich, dass aufgrund des allgemeinen Wachstums der Universität, speziell der Leipziger, eine ähnlich komplexe Darstellung wie für die vorangegangene Jahrhunderte aus einer Hand kaum noch möglich ist. So gerät seine Studie zuweilen zu einer additiven Aneinanderreihung von Namen, Ereignissen und Zahlen. Dennoch schafft auch er es, die Brüche und Kontinuitäten der Universitätsentwicklung souverän und überwiegend anschaulich darzulegen. In der Analyse der NS-Zeit legt von Hehl sehr deutlich den Schwerpunkt auf die Vorkriegszeit – ein die NS-Diktatur insgesamt (bezogen auf die innere Verfasstheit des NS-Staates) beherrschender Fokus, wie jüngst Ian Kershaw feststellte.[7] Deutlich wird bei von Hehl, dass die Universität letztlich schnell und "reibungslos" dem nationalsozialistischen "Führeranspruch" und "Führerprinzip" unterlag. Die politisch motivierten Entlassungen lagen zwar leicht unter dem Reichsdurchschnitt (S. 185), bieten aber keine Indizien für einen größeren Selbstbehauptungswillen der Universität gegenüber den Nationalsozialisten. Die über 180 Verfahren, die hier zur Aberkennung von Doktortiteln führten (262), stellten im Reich einen überdurchschnittlichen Wert dar.[8]

Der Beitrag von Hehls unterscheidet sich von den vorherigen in einem Punkt: Er verfolgt nebenbei auch eine geschichtspolitische Absicht. Denn der Autor betont immer wieder explizit wie implizit, dass die Universität Leipzig insgesamt in ihrer Entwicklung und politischen Indienstnahme letztlich zwar einem allgemeinen Trend folgte, aber auch nicht durch überdurchschnittliche Anpassungsleistungen hervorstach. Dies mag so gewesen sein, legt aber die Aufgabe nahe, eine neue, komparative Gesamtschau der Universitäten unter dem Hakenkreuz zu initiieren.[9] Dann wird man besser konturieren können, inwiefern Ulrich von Hehls These tatsächlich zutrifft.

Dem generellen Strukturbruch trägt Günther Heydemann in seinem vorzüglichen Beitrag über die Leipziger Universität zwischen Kriegsende und Mauerbau schon am Anfang seines umfassenden Beitrages Rechnung. Er betont, dass der nach 1945 einsetzende "Transformationsprozess" in der 600-jährigen Universitätsgeschichte "ohne Frage" der "größte und tiefgreifendste" war (335). Heydemann berücksichtigt die gesamte vorliegende Forschungsliteratur und hat überdies eine Vielzahl neuer Quellen erschlossen. Er zeichnet die Nachkriegsentwicklung ebenso souverän nach, wie er die SED als eigentliches Macht- und Entscheidungszentrum in ihrer komplizierten Etablierungs- und Konsolidierungsphase an der Universität analysiert. Viel und gebührenden Platz räumt er den politisch Verfolgten und dem Widerstand ein.[10] Ebenso geht er ausführlich auf solche Schlüsselereignisse wie den 17. Juni 1953, das Jahr 1956 oder den Mauerbau ein. Dabei kommt weder die politikhistorische Verzahnung mit allgemeinen Entwicklungen zu kurz, noch bleiben gesellschafts- und alltagshistorische Aspekte unterbelichtet. Schließlich hat Heydemann auch das Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) an der Universität bis zum Mauerbau beleuchtet – ein besonders zu würdigendes Unterfangen, weil sich einerseits nicht nur die Quellenlage hierzu weitaus komplizierter darstellt als für spätere Dekaden, sondern weil andererseits das MfS in dieser Zeit selbst erst mit seinem Aufbau und seiner Konsolidierung beschäftigt war und gerade die Universitäten für das MfS nur schwer durchdringbare, kulturelle Fremdkörper darstellten. Insgesamt ist Heydemann eine vorbildhafte Darstellung der Jahre bis zum Mauerbau gelungen.

Der Leipziger Kirchenhistoriker Klaus Fitschen behandelt die Jahre 1961–1989. Am Anfang weist er – neben überflüssigen Plattitüden zur Quellenlage – daraufhin hin, dass er das Wirken des MfS in seiner Darstellung ausblende (573). Fitschens Studie fällt gegenüber allen bislang erwähnten deutlich ab: Den Forschungsstand streift er einige Male, bleibt aber meist konsequent darunter; seine Archivfundstücke zeugen nicht gerade von Strukturübersicht und erscheinen in ihrer Auswahl einigermaßen willkürlich. Zudem firmiert mehr und mehr im Laufe seiner Darstellung die SED-Universitätszeitung als die zentrale Quelle.[11] Ganz offenbar ist die Abhandlung von dem Bemühen geprägt, die "alten Leipziger" nicht zu sehr zu verärgern.

Den Band beschließt ein knapp 150-seitiger Bericht über die Entwicklung der Universität seit 1989 ab. Der Autor Fritz König, Mathematiker und seit 1990 Personaldezernent und seit 1991 stellvertretender Kanzler, zeichnet sehr engagiert die ereignisreichen Wochen und Monate von Oktober 1989 bis Anfang 1992 nach. Hervorzuheben ist das Bemühen der Universität, Opfer der SED-Politik zu rehabilitieren und öffentlich zu würdigen. Dies wiederfuhr in den ersten Jahren etwa Hans-Georg Gadamer, Hans Mayer, Jürgen Teller oder Wolfgang Natonek. Auch die widerspruchsreiche Überprüfungspraxis der Universitätsangehörigen stellt König breit dar. So zeigt sich nur an einem Beispiel, dass der politische Belastungsgrad der Universitäten eben nicht automatisch allein die offenkundig ideologischen Fächer betraf. Von den 19 Professoren der Veterinärmedizin mussten 13 die Universität verlassen (836). Im Kern allerdings war diese Transformationsphase schon zuvor sehr gut erforscht,[12] sodass man sich gewünscht hätte, dass der Personaldezernent Auskunft darüber gibt, wie viele Personen aus dem MfS, dem Ministerium des Innern (MdI), der SED und anderen Gliedern des Partei- und Staatsapparates 1989/90 an der Universität eingestellt worden sind (804). Der Umstand als solcher ist hinlänglich bekannt.

Stellt der erste Teil des Beitrages noch eine aufschlussreiche und unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu empfehlende Lektüre dar, so gleicht der zweite, der die Zeit seit 1992 behandelt, nur noch technokratisch verfassten Jahresgeschäftsberichten. Das ist möglicherweise der Preis, der zu bezahlen ist, wenn eine Jubiläumsschrift bis in die unmittelbare Gegenwart reichen soll.

Die Leipziger Universität kann nunmehr auf eine Darstellung ihrer Geschichte verweisen, die – bis auf die Zeit seit 1961 – höchsten Ansprüchen gerecht wird und daher selbst Maßstäbe für andere Universitätsgeschichten setzt. Das gilt eingeschränkt auch für den Doppelband "Fakultäten, Institut, Zentrale Einrichtungen" (Band 4). Hier lässt sich die historische Entwicklung der einzelnen Fachdisziplinen – zum Teil über Jahrhunderte hinweg – nachvollziehen. Da die Beiträge von Experten der jeweiligen Fächer stammen, dürften sie disziplingeschichtlich die wichtigsten Entwicklungsstränge nachgezeichnet haben. Allerdings drängt sich bei der Mehrheit der vielen Beiträge unweigerlich die Frage auf, warum die Universität eigentlich nach 1989 so umfassend und grundlegend reformiert und umstrukturiert werden musste. Zwar werden immer wieder übergeordnete politische Verhältnisse und ideologische Ansprüche angedeutet, aber nur selten werden die konkreten Umstände in den einzelnen Fächern benannt. Kaum findet sich eine so klare Äußerung wie in dem Beitrag von Bernd-Rüdiger Kern über die Rechtswissenschaft, dass es sich bei den in der DDR verfassten Facharbeiten selten um juristische, sondern fast durchgängig um "pseudowissenschaftliche" gehandelt habe (145).[13] Allerdings fehlt bei Kern der Hinweis darauf, dass man sich auf einen Jura-Studienplatz nicht bewerben konnte, sondern vom MfS, dem MdI, dem Justizministerium oder der SED delegiert werden musste – was die besondere Struktur und Bedeutung dieser Einrichtung erst deutlich werden lässt.

Wenn historisch Unbedarfte die Beiträge über die Geschichtswissenschaft oder über die Afrikanistik lesen, werden sie sich fragen müssen, warum diese Einrichtungen nach 1989 überhaupt neu aufgebaut werden mussten.[14] Nicht einmal aus dem Beitrag über die Tiermedizin ist zu erfahren, warum 13 der 19 Professoren nach 1989 die Universität verlassen mussten – ein negatives Fachvotum hatte niemand erhalten (1466). In keinem Beitrag wird konkret gezeigt, wie die SED ihre führende Rolle praktisch um- und durchsetzte. Die Folgen der Kaderpolitik werden nur angedeutet, die konkreten Lehrinhalte und die Lehrpraxis weitgehend ausgeblendet, das Wirken des MfS bleibt fast durchgängig unberücksichtigt. Auch von einem Physiker, Chemiker, Biologen, Mediziner oder Mathematiker darf man erwarten, dass dies zu den Mindestanforderungen zählt, will man die Entwicklung der eigenen Disziplin auch unter diktatorischen Verhältnissen nachzeichnen. Es geht dabei nicht darum, vordergründig herauszufinden, wer von den einstigen Fachkollegen inoffiziell für das MfS arbeitete, wer nur wegen seines SED-Engagements Karriere machte oder wer wie und zu welchem Preis im Netz von Partei, Staat und Universität seine Wissenschaftsinteressen durchzusetzen vermochte und wer nicht. Zwar gehört dies zu einer Universitäts- und Disziplingeschichte in der SED-Diktatur dazu, aber unbedingt zu erwarten ist Aufschluss darüber, in wessen Auftrag bestimmte Forschungen durchgeführt wurden. Und da fällt es doch sehr auf, dass an keiner Stelle die Verflechtung einzelner Forschungsrichtungen mit dem Macht-, Sicherheits- und Militärapparat erörtert, geschweige denn analysiert wird.[15] Wäre dies in den Beiträgen etwa über die Physik, Mathematik, Medizin, Biochemie, Geowissenschaften oder Chemie berücksichtigt worden, hätten sich unter Umständen viel stärker eine innerfachliche Differenzierung, schärfer konturierte Forschungspotentiale und deren Ursachen herausfiltern lassen. So indes entsteht das verzerrte Bild, dass die Fachwissenschaftler letztlich den politisch-ideologisch Ansprüchen, materiellen Mängeln und fehlenden internationalen Kontakten gleichermaßen ausgesetzt gewesen seien, ohne im Einzelnen ihre aktive Rolle für oder auch gegen das System würdigen zu können.[16]

Der abschließende fünfte Band widmet sich schließlich den Universitätsbauten in ihrer jahrhundertelangen Entwicklung. Das 20. Jahrhundert mit Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg und durch das Ulbricht-Regime nehmen dabei großen Raum ein. Letztlich zeigt sich, dass die Utopie der Kommunisten, obwohl noch heute im Stadtzentrum Leipzigs symbolisch sichtbar und immer wieder auch Anlass für regelrechte "Kulturkämpfe" seit 1989,[17] auch städtebaulich und universitätsarchitektonisch nicht nur scheiterte, sondern auf dem unbarmherzigen Schleifen jahrhundertealter Kulturgüter und Traditionen basierte.[18]

Dafür, dass – ungeachtet aller Kritik – die Universität Leipzig nun zu den am besten erforschten Hochschuleinrichtungen Deutschlands gehört, ist allen Beteiligten Respekt zu zollen. Ihre Arbeiten bieten nicht nur einen guten Einblick in die (Leipziger) Universitätsgeschichte, sondern zeigen auch offene Forschungsfragen auf.

"Zuerst wurde der Parteisekretär gegrüßt ..."


© Ev. Verlagsanstalt, Leipzig. (© Ev. Verlagsanstalt Leipzig )
Wie stark Jubiläen zur Forschung motivieren, zeigen etliche Detailstudien, die im Rahmen des Leipziger Universitätsjubiläums erarbeitet worden sind. Allein in den beiden Reihen der "Beiträge zur Leipziger Universitäts- und Wissenschafts-geschichte" sind seit 2002 mittlerweile rund 25 Bände erschienen, darunter der von Günther Heydemann und Francesca Weil herausgegebene Interviewband "Zuerst wurde der Parteisekretär begrüßt, dann der Rektor ...". Heydemann und Weil haben etwa 80 Universitäts-persönlichkeiten angeschrieben, etwa 40 interviewt und schließlich 28 Gespräche mit 30 Personen abgedruckt. Entstanden ist eine eindrucksvolle Quellensammlung, die reichlichen Aufschluss über persönliche Erfahrungen mit und an der Universität Leipzig seit 1945 vermittelt – und nebenbei den Beitrag von Klaus Fitschen kontrastiert. Vermittelt durch individuelle Erfahrungen, werden hier nicht nur die politisch-ideologischen Bedrängnisse deutlich, sondern auch viele alltägliche Universitätserfahrungen eindrücklich gespiegelt.

Unter den Interviewten befinden sich mit dem Historiker Karlheinz Blaschke, dem Pathologen Gottfried Geiler, dem Theologen Ulrich Kühn, dem Germanisten Manfred Bierwisch, dem Mediziner Uwe-Frithof Haustein oder dem Chemiker Cornelius Weiss markante Wissenschaftlerpersönlichkeiten der Universität. Vertreten sind sämtliche Universitätsgenerationen aus der Nachkriegszeit bis zum Ende der DDR. Einige verweisen auf Hafterfahrungen, die Mehrheit stand dem SED-System kritisch gegenüber. Eine Frau formuliert: "Alle haben unter der DDR-Zeit gelitten, aber viele haben auch versucht, die Traditionen und die Identität einer großartigen deutschen Universität zu bewahren. Das ist ihnen offensichtlich gelungen." (348) Tatsächlich sind von den Interviewten lediglich fünf Mitglieder der SED gewesen.[19] Das spiegelt die inneren Universitätsverhältnisse nicht einmal annähernd, sodass dieser sehr aufschlussreiche Band vor allem das Denken, die Erfahrungen und Erlebnisse kritisch eingestellter Personen vorwiegend aus naturwissenschaftlichen und medizinischen Bereichen verdeutlicht. Nur eine Interviewte gibt im Juli 2008 zu Protokoll: "Ich muss allerdings zugeben, dass ich schon Staatsbürger mit Leib und Seele gewesen bin, und ich gestehe freiwillig, eins meiner ständigen Worte jetzt hier in diesem Lande und heute ist, dass ich dieses Land BRD komplett ablehne, nicht in diesem Land ankomme, obwohl ich eine Arbeit habe, obwohl ich Geld verdiene, obwohl meine Kinder etwas geworden sind. Ich sage, all das, was ich jetzt habe und bin, verdanke ich der DDR. Ganz eindeutig." (361) Diese Haltung ist wahrlich keine Ausnahme – kommt hier aber nur einmal so deutlich zur Sprache.

Sehr aufschlussreich sind die Schilderungen über die gesellschaftswissenschaftlichen Lehrinhalte, die fast durchweg als eng, begrenzt, zum Teil absurd bezeichnet werden. Interessant ist zudem, dass für fast alle Beteiligten – mit einer Ausnahme – die Staatssicherheit im Alltag und in der Arbeit an der Universität eine Rolle spielte, weil sie stets und überall präsent gewähnt wurde und "man" sich überwiegend entsprechend verhielt. Eine Frau berichtet denn auch, wie sie im Herbst 1989 erstmals angstfrei in die Universität ging (268). Die Erinnerungen an die Revolutions- und Transformationszeit sind sehr unterschiedlich. Selbst gestandene und international erfolgreiche Professoren berichten, dass sie die Atmosphäre mit den ständigen Überprüfungen und Evaluierungen als sehr erniedrigend erlebt hätten (133), andere wiederum erzählen, dass ihnen der Umbruch von 1989/90 wie eine zweite Geburt vorkam. Zuweilen lässt sich auch schmunzeln. So erzählt ein Mann: "Wenn jemand, nachdem er [nach 1989] sein Parteibuch hingelegt hat, ins Telefon 'Grüß Gott' ruft, ist das schon etwas komisch." (261)

Vieles von dem, was hier zu erfahren ist, können nur Zeitzeugen vortragen, in der schriftlichen Überlieferung würde man so etwas kaum finden. So erzählt eine Literaturwissenschaftlerin, dass sie am Ende ihres Examens 1968 vom prüfenden Professor als Mitglied der SED geworben werden sollte. Sie lehnte ab und fand es fair, dass ihr die Frage erst am Schluss der Prüfung gestellt worden sei. Ihrem Mann erging es anders: Die ersten 15 Minuten der Abschlussprüfung wurden allein für das SED-Werbungsgespräch benutzt – allerdings ebenfalls vergeblich (271f). Interessant ist auch, dass Mediziner erzählen, dass im Vorfeld des 9. Oktober 1989 ihrer Erinnerung nach Blutkonserven, Krankenhausbetten und anderes mehr für den Ernstfall der Montagsdemonstrationen bereit gestellt werden mussten.

Als Quellen sind auch diese Interviews kritisch zu prüfen, wie ein weiteres Beispiel zeigt: Der jüngste der Interviewten wird wie alle anderen nach seiner Stasi-Akte gefragt. Obwohl er nachvollziehbar erklärt, weshalb er anfangs "Wissenschaftlichen Kommunismus" studiert habe, versucht er sich im Schatten der Opposition zu sonnen, weshalb er behauptet, er habe die "Umweltblätter" und den "Grenzfall" abonniert gehabt. Und weiter: "1987 war die Geschichte mit der Zionskirche in Berlin, bei der Bärbel Bohley und Vera Wollenberger u.a. verhaftet wurden. Da ist die Zeitschrift 'Der Grenzfall' einschließlich der Abonnentenkartei aufgeflogen. Spätestens da hätten die [das MfS] ja einen Vermerk in meiner Akte machen müssen ... sie sind offenkundig an ihrer eigenen Informationsfülle erstickt." (411) Nun ja: der "Grenzfall" flog eben gerade nicht auf, Bohley und Wollenberger wurden nicht im November 1987, sondern im Januar 1988 im Zuge der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration verhaftet, den "Grenzfall" konnte man nicht im Abo beziehen, die Abonnentenliste der "Umweltblätter" ist bei dem MfS-Überfall auf die Ost-Berliner Zionsgemeinde im November 1987 nicht beschlagnahmt worden, weil sie nicht dort lagerte, und der junge Mann findet sich als Bezieher der "Umweltblätter" in keiner überlieferten Liste (was indes nichts heißen mag) ...[20] – Hier stellt sich die methodische Frage, inwiefern diese Passage gemeinsam mit dem Interviewten hätte "bereinigt" werden sollen, dürfen oder müssen. Denn möglicherweise sitzt der Interviewte lediglich einer Erinnerung auf, die sich mit den historischen Realitäten nicht ganz in Einklang bringen lässt.

In jedem Fall aber liegt mit diesem Buch ein sehr anschaulicher, höchst informativer Quellenband vor, der die große Universitätsgeschichte in ihrem schwächsten Teil – der Behandlung der Jahre ab 1961 – sehr gut ergänzt.

"Sozialistische Wissenschaft"


© Böhlau, Köln u.a. (© Böhlau )
Die Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin dürfte demnächst ebenfalls als sehr gut erforscht gelten. Die Liste einschlägiger Publikationen ist jetzt schon kaum noch zu überschauen. Die bereits erwähnte Gesamtgeschichte könnte den bislang vernachlässigten Abschnitt zur DDR-Geschichte entscheidend aufhellen. Der Historiker Tobias Schulz hat mit seiner Dissertation "'Sozialistische Wissenschaft'. Die Berliner Humboldt-Universität (1960–1975)" versucht, diese Phase der Universitätsgeschichte stärker als bislang zu analysieren. Im Kern geht es ihm um die Vorbereitung, Durchführung und Folgen der sogenannten 3. Hochschulreform in der DDR am Beispiel der Ost-Berliner Universität. Fast alle Zeitzeugen – so auch in dem Band von Heydemann und Weil – bestätigen immer wieder, dass diese "Reform" als einschneidend und entscheidend für die endgültige ideologische Einengung und die enorme Verkleinerung von selbst zu bestimmenden Handlungs- und Spielräumen gelten muss. Daher verwundert es, dass die Forschung sich diesem Zeitabschnitt bislang nicht sonderlich intensiv gewidmet hat.[21]

Schulz lehnt seine Untersuchung eng an Martin Sabrows Verständnis von Wissenschaft in der DDR als einer "beherrschten Normalwissenschaft" an (11). Er geht von einem Nebeneinander von Ideologisierung und Modernisierung aus, Universität und SED hätten sich gegenseitig durchdrungen (13). Das Buch gliedert sich in vier Kapitel. Im ersten zeichnet Schulz die Entwicklung der Universitäten und die SED-Wissenschaftspolitik vom Kriegsende bis etwa zum Mauerbau nach. Warum der Autor für die Zusammenfassung des Forschungsstandes jedoch mehr als ein Viertel seines Buches benötigt, erschließt sich nicht. Im zweiten Kapitel ordnet er die Universitätsreform in die bekannten allgemeinen Reformbemühungen Anfang/Mitte der Sechzigerjahre ein. Außerdem bemüht er sich, die internen Debatten an der Humboldt-Universität – jedenfalls in den Führungsgremien – nachzuzeichnen. Im dritten Kapitel geht Schulz auf die infolge der Reform veränderten universitären Strukturen ein. Im abschließenden Kapitel will er zeigen, welche konkreten Auswirkungen die Umstrukturierung für die universitäre Lehre und Forschung hatte. Das alles bleibt merkwürdig konturarm und blass. Außer Rektoren und Minister scheint es keine handelnden Personen gegeben zu haben. Gesetzblätter, Verordnungen, Verfügungen, Anordnungen, Reden der Funktionäre werden ausgiebig zitiert – all das färbt den Stil der Darstellung und macht sie nicht gerade spannend.

Die Studie von Tobias Schulz bringt kaum einen Erkenntnisgewinn. Sie liest sich überwiegend wie eine technokratische Beschreibung abstrakter Handlungsabläufe, ohne dass eine analytische Dichte, geschweige denn Tiefe erreicht würde. Der Grund dafür liegt in der Quellenauswahl: Schulz arbeitete fast überwiegend mit Akten, die aus den Leitungsgremien der Universität – Rektorat, Senat etc. – und dem Führungszirkel des Hochschulministeriums stammen. Und so kann der Autor lediglich – wenngleich sehr genau – nachzeichnen, welche Diskussionsstränge zwischen Ministeriums- und Rektoratsebene verliefen. Gesellschaftlichen Konfliktlinien oder relevanten inneruniversitären Konflikten kommt er weder auf die Spur, noch versucht Schulz, seine blutarme Darstellung durch Fallbeispiele etwas aufzufrischen. Hingegen schafft er es tatsächlich, den gesamten "Reform"-Prozess, die gesamte innere Struktur der Universität darzustellen, ohne auch nur an einer Stelle einmal sachkundig, tiefer gehend die Rolle der SED-Führung, der zuständigen ZK-Abteilung, der SED-Bezirksleitung und schließlich der mächtigen SED-Kreisleitung der HU zu analysieren. Bis auf einzelne beiläufige Sätze kommt die SED in dieser Studie praktisch nicht vor. Das jedoch macht sie wissenschaftlich fragwürdig. Denn wenn – wie hier – so getan wird, als wäre das Hochschulministerium die einzige Steuerungs- und Entscheidungsinstanz gewesen, so ist das Thema verfehlt worden. Warum die Gutachter darauf nicht frühzeitig hingewiesen haben und warum die Arbeit auch noch in die renommierte Reihe des ZZF Potsdam aufgenommen wurde, wäre einer Nachfrage wert. Neben so manchem Detailfehler, etwa dem, dass die Gesellschaftswissenschaften erst im Zuge dieser Reform zentrale Forschungspläne und Themenvorgaben erhalten hätten (303), ist abschließend zu beklagen, dass auch das MfS in dieser Darstellung fehlt und dass es der Autor nicht für nötig befand, wenigstens auf die Akten des MfS zurückzugreifen. Aber warum sollte er, da er ja nicht einmal die Akten der SED ausgewertet hat? Leider gehört das Thema dieses Buches zu denjenigen, die weiterhin dringend erforscht werden müssen.

Die Humboldt-Universität Unter den Linden


© Leipziger Universitätsverlag, Leipzig. (© Leipziger Universitätsverlag )
Das von Wolfgang Girnus und Klaus Meier im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebene Buch "Die Humboldt-Universität Unter den Linden 1945 bis 1990" weist die üblichen Mängel und Vorzüge eines Tagungsbandes auf. Die meisten Referenten dieser Konferenz vom März 2009 – es gibt zwei Ausnahmen – waren der HU als Studierende, Promovenden, Dozenten, Professoren und nicht selten in leitenden staatlichen und Parteifunktionen viele Jahre eng verbunden, manche verdingten sich als fleißige MfS-Mitarbeiter (was unerwähnt bleibt). Mit Lothar Kolditz und Dieter Klein sind zwei Personen vertreten, die in staatlichen und Parteifunktionen weit über die Universität hinaus wirkten. Eine Reihe der Beiträger zählen zu anerkannten Kapazitäten ihres Faches, darunter etwa Ekkehard Höxtermann, Lothar Sprung, Frank Hörnigk, Karl-Friedrich Wessel oder Guntolf Herzberg, der einzige unter den Autoren, der nach Parteiausschluss, Berufs- und Publikationsverbot und zwölfjähriger Tätigkeit als Privatgelehrter schließlich 1985 nach West-Berlin ausreiste und als einziger der Autoren zur Opposition in der DDR zählte. Einige konnten auch nach den Reformen Anfang der 1990er-Jahre an der Universität weiter lehren und forschen.

Die Beiträge sind überwiegend davon geprägt, nüchtern aufzulisten, was in den jeweiligen Fachgebieten an wissenschaftlicher Arbeit geleistet worden sei. Nur ganz selten werden die Rolle der SED oder gar die des MfS berührt. Der politisch-ideologische Rahmen, in dem sich Lehre und Forschung vollzog, bleibt fast immer unberücksichtigt. Eine Ausnahme stellt Herzbergs Aufsatz über die Philosophie dar, das Glanzstück des Bandes. Aber auch die Beiträge über die Sektion Wissenschaftstheorie und -organisation (Klaus Fuchs-Kittowski u.a.), die Biologen (Ekkehard Höxtermann), über die Biologiehistorikerin Ilse Jahn (Jörg Schulz), den Verhaltensforscher Günter Tembrock (Andreas Wessel), die Psychologen (Lothar und Helga Sprung), die Literaturwissenschaft (Frank Hörnigk) oder zur Strukturalismusdebatte (Hans-Christoph Rauh) sind sehr zu empfehlen, weil sie überwiegend nüchtern, abwägend und zumeist mit Insiderkenntnissen ausgestattet Hintergrundinformationen bieten, Zusammenhänge erklären und/oder interessante Analysen unterbreiten. Einige Aufsätze sind sehr speziell gehalten und ohne eine Mindestmaß an fachwissenschaftlichen Vorkenntnissen nur schwer verständlich und einzuordnen.

Es wundert nicht, dass in vielen Beiträgen nicht nur die Ideologisierung und Militarisierung der Universität negiert wird, dass die Diktatur nicht als solche benannt wird, dass die wissenschaftlichen Leistungen kontextlos jeder Relativierung und zeithistorischen Einordnung entzogen werden und dass die Reform nach 1989 meist harsch gebrandmarkt wird – weil sich die meisten Autoren/innen als "Nur-Wissenschaftler/innen" präsentieren und offenbar jede politisch-ideologische Funktionalisierung der Universität und ihr eigener Anteil daran der Amnesie zum Opfer fielen. In einigen Beiträgen ist dies sehr offenkundig, etwa wenn der Physiker Werner Ebeling jede Zusammenarbeit seines Faches mit dem MfS und anderen Sicherheitsinstitutionen – ein Teil der Forschungen der Physik und Elektronik geschah im Auftrag des MfS und der Nationalen Volksarmee (NVA) – schlichtweg "vergisst".[22] In gleicher Weise fallen die Beiträge über die Universität in den Sechzigerjahren (Siegfried Prokop), die Rehabilitationspädagogik (Klaus-Peter Becker) oder die Osteuropäische Geschichte (Eckart Mehls u.a.) dadurch auf, was darin nicht genannt wird.

Besonders erwähnt seien noch drei Artikel. Karl Schwarz, von Juli 1990 bis Februar 1992 von der TU Berlin an die HU Berlin als rechte Hand des Rektors Heinrich Fink abgeordnet, schildert in einem wütenden Beitrag seine Erinnerungen, wie die Umgestaltung der HU zu jener Zeit ablief und was dabei schiefging. Letztlich erscheint ihm noch immer die Art und Weise der deutschen Wiedervereinigung als Form der Okkupation – sein Fallbeispiel Humboldt-Universität malt er entsprechend aus. Entgangen sind Schwarz dabei – wie der Rezensent als Zeitzeuge und Akteur seit Herbst 1990 an der HU anmerken muss – offenbar die Differenzen innerhalb der ostdeutschen Bürgergemeinschaft. Personen, die anders dachten und handelten, als von ihm gewünscht, bezeichnet er kurzerhand als Söhne von Brutus (633), während Schwarz übrigens als unbedingter "Finkianer" galt – egal, was über IM "Heiner" ans Tageslicht kam.

Erstaunlich ist auch der Beitrag von Dieter Klein, dessen Parteifunktionen aufzuzählen den Rahmen sprengen würden. Dessen ungeachtet galt und gilt er vielen als moderater Funktionär, der als SED-Gesellschaftswissenschaftler seine Hand über viele "Modernisierer" gehalten habe. Die Überschrift seines Beitrages verrät den Duktus seiner Ausführungen: "Die Humboldt-Universität 1989. Erneuerung vorbei an wirklich Neuem". Zunächst skizziert Klein ein Bild, das die HU als international anerkannte Forschungseinrichtung zeigt. Zwar ist nicht alles falsch, was er hier auflistet, aber fast nichts ist richtig. So schafft Klein es sogar, den bekannten und damals bewunderten Philosophen Lothar Kühne, der von der SED und der Universität gemaßregelt und letztlich 1985 in den Selbstmord getrieben worden war, zu vereinnahmen (604). Auch dass Klein ausgerechnet die Sektion Kriminalistik als "ein hochleistungsfähiges, in Europa einmaliges Ensemble von gesellschaftswissenschaftlichen, naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen" hinzustellen versucht, ist ziemlich absurd. Zudem schlägt er die Sektion dem MdI zu, doch war sie tatsächlich nach einer anfänglichen Zwitterstellung zwischen MdI und MfS eine eindeutige Einrichtung des letzteren. Der Sektionsdirektor – MfS-Offizier im besonderen Einsatz (OibE) – schrieb 1983, es könne "das Direktstudium Kriminalistik einer modifizierten Offiziersausbildung gleichgesetzt werden."[23] Die Sektion erhielt 1980 vom MfS den "Kampforden für Verdienste um Volk und Vaterland in Gold". Von den 81 Angestellten der Sektion waren am 1. Juni 1984 24 OibE des MfS, 16 wurden vom MdI bezahlt, vier von der Zollverwaltung und 37 von der Universität. Neben den 24 OibE hatten weitere 39 Angestellte inoffizielle Kontakte zum MfS, von 81 Angestellten standen also 63 in Diensten des MfS.[24] Unter den Professoren war mit dem in der Bundesrepublik verurteilten Heinz Felfe auch ein prominenter Agent.[25] Über die Hälfte der Studierenden stand in den Achtzigerjahren im Sold des MfS. Wenn die Sektion auch Kader für andere sicherheitsrelevante Bereiche ausbildete – ihre Gründung, ihre Entwicklung und ihr Zweck waren auf die Bedürfnisse des MfS ausgerichtet.

Klein versucht nachfolgend zu zeigen, dass die Erneuerung der Universität letztlich keine war. Nun mag man darüber streiten, inwiefern in den Jahren 1991–1995 Reformpotentiale verschenkt wurden und inwiefern es innovativ war, das bundesdeutsche Hochschulsystem, das selbst reformbedürftig war, in den Osten zu übertragen. Und natürlich trifft es zu, dass im Osten – ganz selten jedoch an der hauptstädtischen Humboldt-Universität – auf Lehrstühle Wissenschaftler/innen berufen wurden, die im Westen bis dahin chancenlos geblieben waren. Zweifellos haben einige bundesdeutsche Planungsbeauftragte, Gründungsdekane, Kommissionsvorsitzende etc. den Neuaufbau im Osten auch dazu genutzt, um ihre Schüler/-innen zu platzieren, um ihre Hausmacht zu zementieren. Und natürlich stellte der Osten nach 1990 ein Schlachtfeld für altbundesrepublikanische Grabenkämpfe dar, in dem Terrain gewonnen werden konnte, während Innovationen auf der Strecke blieben. Das haben aber damals gerade viele Ostdeutsche nur selten so wahrgenommen – weil sie zunächst an der "nachholenden Modernisierung" und nicht schon wieder an der Zukunft interessiert waren. Von Zukunft hatten die meisten Menschen aus der DDR zunächst genug. Dass Klein nun ausgerechnet die Projektgruppe "Moderner Sozialismus" – deren wichtigste schützende Hand er selbst war – als die eigentlichen Visionäre darstellt, denen man nur hätten folgen müsste, ist einigermaßen grotesk – aber irgendwie auch konsequent: Denn Kommunisten haben nun einmal immer Recht – egal was der ungesetzmäßige Lauf der Geschichte gerade anrichtet.

Schließlich ist als dritter Beitrag noch der kürzeste in dem gesamten Band zu erwähnen. Nach dem Vortrag von Helga und Lothar Sprung über die Psychologie berichtete Guntolf Herzberg, wie Lothar Sprung als angeblicher IM des MfS von der HU-Präsidentin Marlis Dürkop entlassen wurde, ohne dass Sprung sich wehren konnte. Herzberg überprüfte den Entscheid anhand von MfS-Akten, intervenierte bei der Universitätsleitung, namentlich bei Dürkop, und wies darauf hin, dass im Fall von Lothar Sprung keine MfS-Tätigkeit vorläge. Sie entschuldigte sich bei Herzberg, "aber nicht bei Lothar Sprung". Die Kündigung wurde nicht zurückgenommen. Herzberg zutreffend: "Ich denke, das war ein Unrecht und das muss auch gesagt werden." (416)

Dieser Tagungsband weist viele Facetten auf und verdient es, von der Forschung wahrgenommen und rezipiert zu werden. Denn letztlich stellt er – neben den erwähnten wissenschaftlichen Beiträgen – ein Zeugnis dar, wie einstige DDR-Eliten 20 Jahre nach der Revolution ihre Vergangenheit und unsere Gegenwart spiegeln, wahrnehmen, analysieren.

Existenz zwischen den Fronten


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Lebenserinnerungen vermitteln nicht nur einen besonderen, individuellen Zugang zur Vergangenheit. Sie stellen zumeist auch Zusammenhänge, Verflechtungen, Prozesse dar, die sich aus Akten und Interviews nicht ohne weiteres rekonstruieren lassen. Die meisten Memoiren sind unergiebig, die wenigsten gehen in die Tiefe. Zu den Ausnahmen[26] zählt der beeindruckende, ganz und gar unkonventionelle Bericht von Eckhard Müller-Mertens "Existenz zwischen den Fronten. Analytische Memoiren oder Report zur Weltanschauung und geistig-politischen Einstellung". Schon der Untertitel deutet an, dass hier keine der üblichen Lebensbeschreibung vorliegt.

Müller-Mertens (geb. 1923) studierte nach Teilnahme am Zweiten Weltkrieg und kurzer Gefangenschaft von 1946 bis 1951 Geschichte an der Ost-Berliner Universität, der er institutionell als Assistent, Dozent und Professor (seit 1960) bis zu seiner Emeritierung 1988 verbunden blieb. Er war der erste Historiker in der DDR, der Mediävistik auf marxistischer Grundlage in Lehre und Forschung vertrat. Müller-Mertens engagierte sich in zahlreichen nationalen und internationalen Gremien. Seine wissenschaftlichen Hauptwerke setzten Standards. Spätestens ab den Siebzigerjahren erlangte er internationale Anerkennung und Reputation – die bis in die Gegenwart ungebrochen blieb. Allein dies ist schon erstaunlich. Denn nach 1989 blieb bekanntlich von der Historiographie, wie sie in der DDR betrieben worden ist, nicht viel übrig. Einer der wenigen "Überlebenden" ist Eckhard Müller-Mertens – und er wird es wissenschaftsgeschichtlich wohl bleiben.

Müller-Mertens hat nun nicht einfach eine Autobiographie, mit zum Teil sehr persönlichen und auch berührenden Eingeständnissen, Erlebnissen, Reflektionen, vorgelegt. Sein Buch ist weit mehr. Denn der ungewöhnliche Untertitel "Analytische Memoiren oder Report zur Weltanschauung und geistig-politischen Einstellung" trifft den Kern: Müller-Mertens lässt seine Leserschaft detailliert, präzise und ausführlich an seiner geistig-politischen Entwicklung teilnehmen. Auf der Grundlage von politischen Ausarbeitungen und zahlreichen anderen Ego-Zeugnissen, die er über Jahrzehnte hinweg niederschrieb, spürt er seiner eigenen intellektuellen und politischen Entwicklung nach. Das geschieht zuweilen am Rand der Selbstgeißelung. Nie kommen Zweifel auf, dass hier jemand seine eigene Biografie schönt.[27] Aus Krieg und Internierung zurückgekommen steht er den kommunistischen Ideen prinzipiell aufgeschlossen gegenüber – und sieht zugleich in der SED und ihrer Machtausübung mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede zur NS-Diktatur. Einige Jahre benötigt er, um schließlich 1949 in die SED einzutreten – 'die große Sache' ist ihm wichtiger als die eigenen Vorbehalte gegenüber "vorübergehenden" Diktaturerscheinungen. 1959/60 bricht er innerlich mit dem Regime – und macht nach außen dennoch fast alles mit: "Ich spaltete mich im oder seit dem Herbst 1959, sprach mit zwei Zungen, legte eine Maske im Umgang mit der Partei und an der Universität an." (182)

Diesen offenkundigen Widerspruch erklärt und analysiert Müller-Mertens nicht nur sehr genau, sondern auch nachvollziehbar. Er ist sich selbst gegenüber weder selbstgefällig noch kritiklos: ganz im Gegenteil. Den 17. Juni 1953 als zentrales Ereignis spricht er mehrfach an. Die Demonstrationen und Streiks beeindruckten ihn nachhaltig. Aber zugleich mied er in den Fünfzigerjahren größtenteils die Westsektoren: "Aus der bürgerlichen Welt hatte ich mich damals verabschiedet." (256) An die eigenen Reaktionen nach den Enthüllungen des XX. Parteitages der KPdSU "vermag ich mich nicht zu erinnern. Ich unterstelle eine Erschütterung und tiefgreifende Wirkung." (122) Wie schon nach 1956 gerät er auch nach dem gewaltsamen Ende des "Prager Frühlings" 1968 ins Visier innerparteilicher Hardliner (201). Was er zur 3. Hochschulreform knapp und aus der Sicht eines Akteurs berichtet, ist aufschlussreicher als das oben rezensierte Buch zum Thema. Immer wieder macht Müller-Mertens deutlich, wer das Sagen an der Universität hatte: die SED-Kreisleitung zuerst und zuletzt.

Mitte der Siebzigerjahre löste Müller-Mertens sich praktisch ein zweites Mal von der SED. Er war durch zahlreiche wissenschaftliche und ideologische Debatten ermüdet, war nicht mehr an den Machtspielen der SED interessiert. "Seit Mitte der Siebzigerjahre war ich frei." (331) Und seine "Existenz zwischen den Fronten konstituierte sich als Realität." (332) Dazu trug vor allem bei, dass er, der ohnehin viel ins westliche Ausland reisen konnte, seit 1974 rund 350 Tagesbesuche in West-Berlin absolvieren konnte. Die 'andere Hälfte' Berlins erlebte er als Oase der Freiheit. Wenn er in den Osten zurückkehrte, nahm er diesen als ein einziges Gefängnis wahr (331). Die naheliegende Frage, warum er nicht im Westen blieb, beantwortet er so: Seiner Familie war er ebenso verbunden wie seiner Lehr- und Forschungstätigkeit. Gleichwohl sah er in der Humboldt-Universität, was vielen, auch manchem heutigen Historiker der Institution, nicht gefallen wird, "als Mischung von Kadettenanstalt und Jesuitenkolleg". Sie war keine "Universitas litterarum" mehr (376). Außerdem sah er die deutsche Teilung nur als Provisorium an, das bald ein Ende haben müsste. Der Westen stellte sich ihm schließlich nicht als Systemalternative dar.

Breiten Raum nehmen seine wissenschaftlichen Arbeiten und entsprechende Fachdebatten in- und außerhalb der DDR ein. Diese Ausführungen – obwohl sie zuweilen etwas ausufern – sind nicht nur für Mediävisten interessant. Sie bieten zahlreiche Aufschlüsse und Insiderperspektiven, wie sich Wissenschaft und politisch-ideologische Debatte ganz allgemein in der DDR vollzogen. Von einer lediglich "beherrschten Normalwissenschaft" ist hier jedenfalls nicht die Rede – ein solcher Eindruck stellt sich bei diesem Insiderbericht an keiner Stelle ein.

Man muss nicht jede Einschätzung Müller-Mertens' teilen. Ob es tatsächlich gerechtfertigt ist, seine Haltung – wie er es tut – als Dissidenz und Opposition zu charakterisieren (318), dürfte umstritten sein. Sein nachvollziehbares Insistieren auf verschiedene Spielarten des Marxismus und seine deutliche Ablehnung marxistisch-leninistischer Ansätze bleibt trotz längerer Ausführungen etwas schattenhaft, nebulös, für Nichtmarxisten letztlich unverständlich. Dass er wiederum oft seine Angst vor dem Regime herausstellt und sich dabei häufig gerade nicht als mutig oder kämpferisch hinstellt, ist dagegen wohltuend und wiederläuft zugleich einer eventuell eigenen Überhöhung. Das eigentliche Problem, das Müller-Mertens freilich gar nicht selbst lösen kann, besteht darin, dass seine innere Haltung und seine äußere Erscheinung für Außenstehende kaum erkennbar gewesen sind.[28] Es war letztlich auch ein "Leben in der Lüge", um Václav Havels berühmtes Wort ins Gegenteil zu kehren. Sinnbildlich wird dies daran deutlich, dass Müller-Mertens nach einer Erkrankung der rechten Hand seit März 1973 bis zu seiner Emeritierung 1988 simulierte und in der Öffentlichkeit nur noch mit der linken Hand schrieb, auch um nicht mehr mit Protokollführung und Ähnlichem belästigt zu werden: "Es war eine Anstrengung, mit der linken Hand zu schreiben. Ich unternahm sie als tägliche eigene Vergewisserung und als eine Chiffre der Identität." (191) Es kommt einem vor, als bestrafte sich damit Müller-Mertens selbst für seine "Existenz zwischen den Fronten", für sein "Leben in/mit der Lüge". Er schreibt, damit habe er seinen Hass auf das System und auf Funktionäre wie Walter Ulbricht, Erich Honecker, Kurt Hager und andere ausgedrückt (318).

Das Buch stellt weder eine einfache Lektüre dar, noch ist es frei von Widersprüchen, Wiederholungen und Redundanzen. Das hängt mit der Anlage des Bandes zusammen, die eigene geistige und politische Entwicklung zu analysieren. Das erfordert geradezu Widersprüche, um sich der Wahrheit zu nähern. Ärgerlich ist allerdings, dass viele Personen, die in Müller-Mertens' Darstellung mit Funktionen oder Tätigkeitsfeldern vorkommen, namentlich ungenannt bleiben. Unerklärlich ist zudem, warum einer seiner langjährigen Kollegen, der Neuzeithistoriker Percy Stulz, nicht ein einziges Mal vorkommt, auch dessen Schicksal nicht – Stulz' steile Karriere bis in ein hohes Amt bei der UNESCO, seine Verhaftung unter fadenscheinigen Gründen und Verurteilung zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe –, das wie in der Weltpresse auch an der Sektion Geschichte für erhebliches Aufsehen gesorgt hat. Ähnlich verwunderlich ist es, dass Müller-Mertens nicht darüber reflektiert, wie seine äußere Haltung auf Studierende, Mitarbeiter/innen und Kolleg/innen gewirkt haben könnte. Dem geht Müller-Mertens nicht nach – anders als zwei Personen, die ganz anders, gerade was ihre Schüler/innen, Kolleg/innen und Mitarbeiter/innen anbelangt, agierten und dennoch in ähnliche Konflikte verstrickt waren: die Althistorikerin Liselotte Welskopf-Henrich und der Neuzeithistoriker Fritz Klein[29].

Müller-Mertens' Buch stellt trotz dieser kritischen Bemerkungen eine Art Solitär dar. Es gehört zu den eindrücklichsten Selbstzeugnissen, die bislang ein sehr erfolgreicher Professor vorlegte, der in der DDR Karriere machte, viele Jahre lang SED-Funktionen ausfüllte und letztlich ohne ernsthafte Blessuren vier Jahrzehnte überstand. Dass er Postulaten wie "Objektivität", "Wahrheit" in der Historiografie oder historischer "Wirklichkeitserkenntnis" anhängt (518), hat wahrscheinlich mit seinen Wissenschaftserfahrungen in der Diktatur zu tun – denn die Neigung zum Positivismus im Sinne Leopold von Rankes stellte durchaus eine wirksame wissenschaftliche Gegenwehr zur offiziellen SED-Ideologie dar. Unumstritten hingegen ist der letzte Satz dieses bemerkenswerten Buches: "Infragestellen ist konstitutiv für die Geschichtswissenschaft." (554)[30]

Drosophila oder die Versuchung


© BWV, Berlin. (© BWV )
Alles in Frage zu stellen, ist nicht nur für die Geschichtswissenschaft, sondern für jede Wissenschaft grundlegend. Davon zeugt eine weitere Autobiografie. Auf eine außergewöhnliche, national wie international bis in die Gegenwart sehr erfolgreiche Karriere kann ebenfalls der 1930 geborene Molekularbiologe, Genetiker, Wissenschaftsethiker und Friedensforscher Erhard Geißler zurückblicken. Sein Buch trägt den Titel: "Drosophila oder die Versuchung. Ein Genetiker der DDR gegen Krebs und Biowaffen".

Geißler studierte 1950 bis 1955 in Leipzig Biologie und war zu dieser Zeit Anhänger der Irrlehren von Trofim D. Lyssenko. Im Jahr der Immatrikulation Mitglied der SED geworden, trat er nach der Niederschlagung der Ungarischen Revolution 1956 aus. Nach dem Studium arbeitete er am Krebsforschungsinstitut der Deutschen Akademie der Wissenschaften (DAW). 1959 wurde Geißler promoviert, als Zweitgutachter agierte Robert Havemann, was Geißler eher unangenehm war, da er Havemann als Parteimann und Stalinisten wahrnahm. An der HU Berlin habilitierte er sich 1964, 1965 er erhielt einen Ruf als Professor für Genetik an die Rostocker Universität. 1971 kehrte er nach Ost-Berlin zurück, wo er am Akademieinstitut für Molekularbiologie tätig war. Nach der Revolution von 1989 arbeitete er am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin und leitete eine Forschungsgruppe zur Bioethik.

Geißler war und ist in zahlreichen nationalen und internationalen Gremien aktiv. Sein Gesamtwerk verschlägt einem unweigerlich den Atem. Selbst wenn man seine interessanten und detaillierten Memoiren aufmerksam gelesen hat, wird einem irgendwann schwindelig angesichts seines Oeuvres. Geißlers Autobiografie bleibt ein Bericht über seine überaus beeindruckenden wissenschaftlichen und politischen Aktivitäten, der Mensch Erhard Geißler bleibt eher schattenhaft.

Geißler war in der DDR relativ bekannt – jedenfalls für Menschen, die sich für Genetik, Wissenschaftsethik und Friedensfragen interessierten. Das war auch deshalb erstaunlich, weil er gerade nicht mit den üblichen Propagandaformeln aufwartete. Er war im Fernsehen und Radio zu erleben, man konnte häufig in Tageszeitungen, Wochenjournalen und populärwissenschaftlichen Magazinen Texte von ihm lesen. Die von ihm initiierten "Kühlungsborner Kolloquien" waren legendär, weil sich hier Wissenschaftler und Künstler aus Ost und West trafen, um weithin unideologisch, aber sehr politisch und philosophisch über ethische Fragen zu debattieren. Zwar war Außenstehenden eine Teilnahme praktisch unmöglich, die Lektüre der begehrten Tagungsbände aber schon.

In den Achtzigerjahren initiierte er einen für DDR-Verhältnisse ganz und gar ungewöhnlichen offenen Meinungsstreit um wissenschaftsethische Fragen in der Zeitschrift "Sinn und Form" mit zahlreichen Stellungnahmen aus Ost und West. Diese Debatte stellte ein Ereignis dar – denn Geißlers Impulsaufsatz warf anhand eines speziellen Themas die Grundfrage auf, ob man eigentlich alles in Frage stellen könne. Geißler bejahte dies, was zwangsläufig zu harschen Gegenreaktionen führte. Diese "Sinn-und-Form-Debatte" hatte tatsächlich eine weitaus größere Wirkung als sie seinem Initiator – sonst nicht gerade uneitel – bewusst zu sein scheint.[31]

"Drosophila" enthält zahlreiche Begebenheiten, die für die Wirkungsweise von Wissenschaft in der DDR erhellend sind. So zum Beispiel Geißlers Schilderung, wie er und seine Kollegen durch einfältige sowjetische Zensurmaßnahmen überhaupt auf die Idee kamen, bestimmte Beiträge in westlichen Zeitschriften zu lesen (60). Auch wie es sich konkret vollzog, "Reisekader" zu werden, oder welche zum Teil erniedrigenden Erlebnisse er – wegen akuten "Devisenmangels" – als hochangesehener Wissenschaftler im westlichen Ausland erfuhr, sind für Forschungen zum Wissenschaftsalltag in der Diktatur erhellend. Das Buch changiert zwischen wissenschaftlich nüchternem Entwicklungsbericht und überaus reizvollen, in Teilen amüsanten Schilderungen forschungspraktischer Alltagserfahrungen. Hinzu kommen immer wieder Anekdoten, wirklich witzige Witze oder realsozialistische Satiren. So berichtet Geißler von einer Rede Hagers auf dem V. Philosophie-Kongress der DDR 1979, die bereits vorab veröffentlicht wurde. Darin hieß es: "Gesellschaftliche Garantien zum Missbrauch von Forschungsresultaten bietet aber allein der Sozialismus." (133) Vervollständigt wird diese Realsatire durch Geißlers Schilderung, wie er seine Vorgesetzten und schließlich das ZK über diesen Druckfehler aufzuklären suchte und wie die damit umgingen. Das ist wirklich köstlich.

Erhard Geißler verschweigt auch nicht, dass er trotz einiger "Dellen" zur Wissenschaftsnomenklatur gehörte, die gehätschelt und gepflegt wurde. Sehr ausführlich und informativ geht er auf die "AIDS-Debatte" in der DDR ein, die kurzeitig und immer wieder mal internationale Wellen schlug (243 ff). Denn die überaus parteiergebenen und einflussreichen Biologen Samuel Mitja Rapoport und vor allem Jakob Segal hatten ab 1985 wiederholt behauptet, der AIDS-Erreger sei eine US-amerikanische Erfindung, die dort aus den Labors "entwichen" sei. Geißler stellte sich dieser Propagandalüge innerhalb und außerhalb der DDR entgegen.[32]

Angemessen ist Geißlers Selbstbezeichnung als "halbwegs angepasst" (215). Die Darstellung "seiner" MfS-Akten wiederum entspricht weder seinem intellektuellen Niveau noch aktuellen Debatten. Da schlägt eher der Geist der frühen Neunzigerjahre durch, zumal Geißler von "Gauck-Akten" spricht (104), obwohl er MfS-Unterlagen meint. Das ist nicht nur peinlich, sondern verstörend.

Dennoch ist dieses Buch für künftige Forschungen zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte eine wahre Schatzgrube.[33] Auch weil Erhard Geißler sich – trotz seiner unzweifelhaften Verdienste – weder als Dissident (352) noch als heimlicher Systemkritiker stilisiert. Letzteres war er in seinem Rahmen wohl, aber eben weder grundsätzlich noch systematisch. Wohltuend auch, dass er betont, nicht das "Neue Forum" unterstützt zu haben – heute drängt sich oft der falsche Eindruck auf, dies hätten damals praktisch alle außer einigen wenigen Hardlinern getan. Und ebenso sympathisch ist Geißlers Einlassung, die Revolution, "an der ich keinerlei Anteil hatte, erwies sich für mich und letztlich für meine ganze Großfamilie als zweite Befreiung". (352f)

Geißlers DDR-Biografie ist nicht "DDR-typisch", aber sie zeigt sehr anschaulich, dass es Freiräume gab, die zwar nicht offensichtlich waren, die aber abgetrotzt und genutzt werden konnten. "Drosophila" zeugt von dem meist letztlich nicht zufriedenstellenden Spagat zwischen Mitmachen, Anpassung, Unterwürfigkeit einerseits und Selbstbehauptung, Widerstehen, Widerspruch andererseits und vermag die Diktaturwirklichkeit erheblich zu erhellen.

Allerdings ist kaum nachzuvollziehen, warum Geißler als Ethiker und Friedensforscher die unabhängigen Friedensbewegungen in Ost wie West keine Silbe Wert sind. Warum vermeidet er noch 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus die Reflektion darüber, weshalb ihn jene Personen und Gruppen, die in der DDR gegen die offizielle SED-Friedenspolitik agierten und dafür zum Teil hart belangt wurden, offenkundig weder damals noch heute interessieren? Das ist ein Schwachpunkt auch dieser Autobiografie: Es geht praktisch immer nur um die Mächtigen, Wichtigen dieser Welt, in deren Lichte man sich eben gern sonnt.

"Mein Vaterland ist die Freiheit"


© VERS, Dannenberg. (© VERS )
Das ist bei Büchern über Dissidenz und Widerstand in der Hochschullandschaft der Diktatur naturgemäß ganz anders. So etwa in "Arno Esch – Mein Vaterland ist die Freiheit", der dritten Publikation zu Leben und Wirken Eschs von Hartwig Bernitt, Horst Köpke und Friedrich-Franz Wiese.[34]

Esch (geb. 1928) nahm im März 1946 ein Studium der Rechts- und Wirtschafts-wissenschaften an der Universität Rostock auf. Wenige Woche später trat er der LDP bei. Zielstrebig verfolgte er sein Studium und war zugleich politisch außerordentlich engagiert. Er bekleidete alsbald zahlreiche Parteifunktionen. Daneben veröffentlichte er in Tageszeitungen Artikel (die zum Teil in dem Buch neuerlich abgedruckt sind). Sein Lebenscredo entlehnte er Alphonse de Lamartine: "Ich bin der Mitbürger eines jeden, der denkt – mein Vaterland ist die Freiheit!" Im Oktober 1949 wurden er und 13 Mitstreiter von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet. Esch und fünf weitere Männer sind 1951 in Moskau hingerichtet worden.

Der neue Band ist nicht einfach nur eine Kompilation der beiden ersten Bände, sondern enthält zudem auch eine Reihe ergänzender Beiträge, darunter Aufsätze, die der Mutter, Emma Esch, gewidmet sind. Auch wenn der Band sonst nichts Neues bieten kann, so untermauert er erneut die beeindruckende Persönlichkeit Arno Eschs, der mit nur 23 Jahren seine demokratischen Aktivitäten 1951 in Moskau mit dem Leben bezahlen musste. Das Buch macht neuerlich deutlich, mit welchen verbrecherischen Methoden die Kommunisten in der Nachkriegszeit ihre Diktatur in der SBZ/DDR aufbauten. So gerechtfertigt wie wichtig es ist, die Erinnerung an ihn und die vielen anderen Opfer, die für ihr aufrichtiges demokratisches Engagement verhaftet, verurteilt oder gar hingerichtet wurden, wachzuhalten, so angeraten wäre es gewesen, in dieser neuen Publikation stärker als bislang diejenigen zu würdigen, die mit Esch angeklagt und verurteilt worden sind. Immerhin handelte es sich um einen Kreis von insgesamt 14 Personen, und ein Blick in die entsprechende Fachliteratur hätte gezeigt, wann und wo Gerhard Blankenburg, Kurt Kieckbusch, Karl-Heinz Neujahr, Reinhold Posnanski und Heinrich Puchstein ermordet wurden.[35]

Zwischen Widerstand und Repression


© Böhlau, Köln u.a. (© Böhlau )
Zur Geschichte von Opposition und Widerstand an den Hochschulen sind in den letzten Jahren zahlreiche Studien erschienen, darunter eine überaus verdienstvolle Dokumentation zur Universität Halle.[36] Dass es auf diesem Feld noch viele offene Fragen gibt, zeigte nicht zuletzt eine Fachtagung an der Freien Universität Berlin im Jahre 2010.[37] Vor allem existiert noch immer ein Ungleichgewicht zwischen den gut erforschten Jahren bis zum Mauerbau und der von der Forschung bislang weitaus weniger beachteten Honecker-Ära. Auch die Studie von Matthias Lienert über "Studenten der TU Dresden 1946–1989" konzentriert sich vornehmlich auf die Jahre bis 1961.

Die Technische Hochschule, seit 1961 Technische Universität Dresden gehörte anders als die Universitäten in Berlin, Leipzig, Jena oder auch Rostock nicht zu jenen Einrichtungen, an denen von Kriegsende bis zum Mauerbau, zum Teil bis 1968 kontinuierlich studentische Opposition zu verzeichnen war. Auch Lienert betont, dass die TU hierbei keine überragende Rolle spielte. Gründe dafür sieht er in der rigiden Zulassungspraxis sowie in der starken technikwissenschaftlichen Ausrichtung der Hochschule. Gleichwohl dokumentiert er eine ganze Reihe von Widerstandsaktionen von 1946 bis 1968. Vor allem in den ersten Jahren sind dafür zum Teil drastische Zuchthausstrafen verhängt worden. Überregional wurden aus Dresden zunächst 1956 Studentenproteste gegen das vom Staatssekretariat für Hochschulwesen verhängte Verbot von Westreisen bekannt, die Lienert erstmals ausführlich und anschaulich schildert. Allerdings wäre der Autor hier wie in dem gesamten Buch gut beraten gewesen, die Forschungs- und Erinnerungsliteratur intensiver zu Rate zu ziehen. So wertet Lienert die Diskussionen von Karl Schirdewan und Fritz Selbmann mit Studierenden an der HU Berlin und an der TH Dresden im ausgehenden Krisenjahr 1956 als Beleg dafür, dass diese eine andere Hochschulpolitik vertraten als Ulbricht und Honecker (99). Tatsächlich aber waren die Besuche in der SED-Führung ebenso abgestimmt worden, wie die 1958 erfolgten parteiinternen Disziplinierungen und Degradierungen Ernst Wollweber, Selbmanns und Schirdewans nicht auf solche Differenzen zurückgingen – sie sind erst 1957/58 konstruiert worden.

Verdienstvoll an Lienerts Studie ist die Darstellung des "Nationalkommunistischen Studentenbundes", der von 1956 bis 1959 existierte, auf eine oppositionelle Schülergruppe von 1955 zurückging, eine DDR-weite Vernetzung versuchte und aus 14 Mitgliedern bestand. Die Ziele waren in einem 16-Punkte-Programm formuliert worden. Angestrebt wurde ein demokratisch-freiheitliches System. Die Gruppe agierte konspirativ, unternahm einige Symbolaktionen und diskutierte die "Gewaltfrage". Die Entwicklung der Gruppe, die Strafprozesse und deren Folgen hat Lienert auf der Grundlage vieler Quellen und einiger Interviews sehr genau nachgezeichnet. Aufgeflogen war die Gruppe durch Verrat. In zwei getrennten Verfahren sind insgesamt elf junge Männer zu Haftstrafen von bis zu zehn Jahren verurteilt und in einem dritten Verfahren – das bleibt unerwähnt – ein Mann zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er einem Gruppenmitglied eine Waffe verkauft hatte. Der erste Prozess wurde als Schauprozess öffentlich inszeniert – auch unter Teilnahme West-Berliner Beobachter –, die SED war sich ihrer Sache aufgrund der gefundenen Waffen sehr sicher. Die West-Berliner ließen jedoch nicht den geringsten Zweifel daran, dass es sich um reine Gesinnungsurteile handelte.[38]

Die Darstellung dieser Gruppe, ihrer Ziele, ihrer Entwicklung, die Verhaftungen, die Prozesse, die nationalen und internationalen Reaktionen sowie die Nachwirkungen stellen das Herzstück des Buches dar. Lienert hat verdienstvoll eine Lücke geschlossen, wenngleich sich ein knapper Vergleich mit dem "Eisenberger Kreis" (1953–1958) förmlich aufgedrängt hätte – immerhin ähnelte dieser von Größe, Zielrichtung und Organisationsform der Dresdner Gruppe, und auch die harschen Strafurteile glichen sich.[39] Der Autor lässt diesen Kreis aber unerwähnt.

Leider sind im Bildteil die Fotos der Verurteilten ohne die dazugehörigen Namen abgedruckt worden. Auch erwähnt der Autor nicht, dass nach der Haftentlassung mindestens ein verurteiltes Gruppenmitglied bis in die Achtzigerjahre als IM des MfS tätig war, was die Langzeitfolgen der drastischen Haftstrafen für die jungen Männer gezeigt hätte. Denn dass der Mann nun zum Verfechter des SED-Sozialismus geworden wäre, lässt sich ausschließen – auch auf der Grundlage seiner IM-Akte.

Lienerts knappe Ausführungen zu den Jahren 1961–1989 bringen allgemein nichts Neues, bieten aber eine Reihe konkreter Beispiele, wie sich studentische Opposition an der TU Dresden äußerte. Für 1989 konstatiert auch Lienert, dass die Studierenden bis auf einzelne Ausnahmen bis zum Mauerfall bei den Ereignissen weithin abseits standen.

Ein kurzes, aber wichtiges Kapitel widmete der Autor dem politisch motivierten Entzug von Doktorgraden und Professorentitel. Nach ersten Analysen, die vorwiegend die Jahre 1955–1959 betreffen, zeigt Lienert nun anhand einiger Beispiele, dass dieses Thema auch in den Siebziger- und Achtzigerjahre relevant blieb. Insofern bietet sein Buch über die empirische Arbeit hinaus Anregungen für künftige Forschungen.

In die Mühlen geraten


© Wartburg Verlag, Weimar. (© Wartburg Verlag )
Auch Martin Morgners "Porträts von politisch verfolgten Studenten der Friedrich-Schiller-Universität Jena zwischen 1967 und 1984" eignen sich dazu, weitere Forschungen anzuregen. Es handelt sich um acht Darstellungen zu Studenten, die an der Universität Jena aus ganz unterschiedlichen Gründen zwischen Ende der Sechziger- und Mitte der Achtzigerjahre ins Räderwerk universitärer Disziplinierungs-institutionen, SED- und FDJ-Gremien und des MfS-Apparates gerieten. Einige kamen in Haft, alle sind exmatrikuliert worden, manche konnten noch in der DDR ihr Studium beenden, andere sind in die Bundesrepublik ausgereist. Die Lebenswege sind sehr interessant, auf ihre Weise einzigartig und zugleich exemplarischer Ausdruck konkreter Diktaturwirklichkeit. Unter den Porträtierten finden sich ebenso überzeugte Kommunisten wie gläubige Christen.

Morgner begründet seine Zäsur von 1967 nachvollziehbar mit der Annahme, Mitte der Sechzigerjahre habe eine Entwicklung begonnen, die eine neue Opposition in der DDR hervorbrachte. Durch diese Porträts wird die ohnehin gut erforschte jüngste Geschichte der Universität Jena ergänzt – selbst wenn Morgner in seiner Galerie ausdrücklich auf bekanntere, aus politischen Gründen exmatrikulierte Studenten wie Lutz Rathenow, Siegfried Reiprich, Jürgen Fuchs oder Roland Jahn verzichtete.

Auf die Dissertation zum Thema, an der Morgner nach eigenem Bekunden arbeitet (386), darf man gespannt sein, zumal er dann auch Personen berücksichtigen will, die aus rechtsextremen, neofaschistischen oder nationalistischen Gründen der Universität verwiesen worden sind. Allerdings hätte er seine Porträtsammlung vielleicht erst nach Abschluss seines Promotionsvorhabens veröffentlichen sollen, da sie letztlich weder durchgängig lesbar noch von analytischen Ansätzen geprägt ist. Vielmehr gibt der Autor seine Beobachtungen und heutige Reflektionen der Porträtierten literarisch verpackt mit zahlreichen Dokumente wieder. In seiner Dissertation sollte Morgner diese methodischen und theoretischen Mängel, die er am Ende seines Buches positivistisch zu verteidigen sucht (389), in jedem Fall abstellen.



Es lässt sich festhalten, dass die Geschichte der Universitäten und Hochschulen in der DDR einen guten Forschungsstand erreicht hat. Von den wichtigsten Institutionen liegen neue Gesamtdarstellungen vor, zu jeder Universität und größeren Hochschulen gibt es überdies mindestens Studienbände. Gleichwohl bleibt noch vieles offen. Während die Phase bis zum Mauerbau als sehr gut erforscht angesehen werden kann, existieren insbesondere zur Honecker-Ära trotz neuerer Publikationen und der neuen Gesamtdarstellungen zu den Universitäten Leipzig und Berlin noch reichlich offene Forschungsfragen. Möglicherweise lassen diese sich in ihrer Komplexität erst rekonstruieren und analysieren, je weiter diese Phase zurückliegt, je weniger Betroffene welchen Lagers auch immer noch aktiv sind. Diese Vermutung legen zumindest die meisten der hier vorgestellten Publikationen nahe. Das Forschungsfeld bleibt jedenfalls spannend.


Fußnoten

1.
Vgl. die ausgezeichnete Darstellung von: Hartmut Boockmann, Wissen und Widerstand. Geschichte der deutschen Universität, Berlin 1999; siehe auch mit vielen Dokumenten: Thomas Ellwein, Die deutsche Universität. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Wiesbaden 1997.
2.
Vgl. Daniel Hechler/Peer Pasternack, Deutungskompetenz in der Selbstanwendung. Der Umgang der ostdeutschen Hochschulen mit ihrer Zeitgeschichte, Halle/Wittenberg 2011, http://www.hof.uni-halle.de/dateien/ab_1_2011.pdf [14.2.2012].
3.
Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk, Die Hochschulen und die Revolution 1989/90. Ein Tagungsbeitrag und seine Folgen, in: Benjamin Schröder/Jochen Staadt (Hg.), Unter Hammer und Zirkel. Repression, Opposition und Widerstand an den Hochschulen der SBZ/DDR, Frankfurt a. M. 2011, S. 365–408.
4.
Vgl. Schröder/Staadt (Anm. 3); darin auch: Pamela Böse, Auswertung der Befragung zu Repression, Opposition und Widerstand an den Hochschulen der SBZ/DDR, S. 409–430.
5.
Nachweise bei: Kowalczuk (Anm. 3), S. 375, Anm. 13. Vgl. auch Uwe Hoßfeld u.a. (Hg.), Hochschule im Sozialismus. Studien zur Geschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena (1945–1990), Köln u.a. 2007.
6.
Vgl. Heinz-Elmar Tenorth (Hg.), Geschichte der Universität Unter den Linden 1810–2010, Bd. 3–6, Berlin 2010 (die übrigen Bde. sind für 2012 angekündigt).
7.
Vgl. Ian Kershaw, Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45, München 2011, S. 12–16.
8.
Nach aktuellen, nicht gesicherten Erkenntnissen sind zwischen 1933 und 1945 mehr als 2.000 Doktortitel aus politischen Gründen aberkannt worden.
9.
Vgl. als Materialsammlung, wenngleich nicht unumstritten: Helmut Heiber, Universität unterm Hakenkreuz, München u.a. 1991–1993.
10.
Vgl. als bemerkenswertes Ego-Dokument eines bedeutsamen Historikers auch: Gerhard Schulz, Mitteldeutsches Tagebuch. Aufzeichnungen aus den Anfangsjahren der SED-Diktatur 1945–1950, München 2009.
11.
Die ist, wie vieles andere, über das Universitätsarchiv komplett digitalisiert einsehbar: http://www.archiv.uni-leipzig.de/digitale-archivalien/druckschriften/universitatszeitung-1957-1991/. Ohnehin ist das Onlineangebot des Leipziger Universitätsarchivs beispielgebend, das des HU-Archivs spiegelt dagegen den Stand Mitte der 1990er-Jahre.
12.
Vgl. exempl. die zahlreichen Untersuchungen von Peer Pasternack, u.a.: Hochschule in der Demokratie. Fallstudie (Karl-Marx-)Universität Leipzig, 1989–1993, Berlin 1995; "Demokratische Erneuerung". Eine universitätsgeschichtliche Untersuchung des ostdeutschen Hochschulumbaus 1989–1995, Weinheim 1999. Zur HU vgl. Sven Vollrath, Zwischen Selbstbestimmung und Intervention. Der Umbau der Humboldt-Universität 1989–1996, Berlin 2008.
13.
Anders hingegen für die HU Berlin: Inga Markovits, Die Juristische Fakultät im Sozialismus, in: Tenorth (Anm. 6), Bd. 6, S. 91–135. – Die Sektion Kriminalistik, praktisch eine MfS-Einrichtung, bleibt in diesem Bd. gänzlich unbehandelt.
14.
Das alles gilt auch für die entsprechenden Fachbeiträge zur HU, vgl. Tenorth (Anm. 6), Bd. 6. So klammern Wolfgang Hardtwig/Alexander Thomas (S. 333–359) über die Neuzeithistorie die Zeitgeschichte vollkommen aus und behandeln von den Osteuropahistorikern der 1970er-/80er-Jahre lediglich Günter Rosenfeld, der als Einziger dort überhaupt ernsthafte wissenschaftliche Arbeiten vorlegte. Auch andere Beiträge, z.B. über die Soziologie (Hellmut Wollmann, S. 233–254), Jura (Inga Markovits, 91–135), die Wirtschaftswissenschaft (Jan-Otmar Hesse/Laura Julia Rischtbieter, 255–275) und die Germanistik (Holger Dainat, 441–459) wie auch die meisten Beiträge über naturwissenschaftliche Disziplinen (551ff), sind darauf hin zu lesen, was aus ausgeblendet bleibt usw. Andere Beiträge (z.B. Gabriele Jähnert über Geschlechterforschung/Gender Studies, 313–329) entwerfen einen Forschungskontext, den es so gar nicht gab, und unterschlagen damit die Gegentendenzen. Komplexer sind einige andere Artikel, insb. der über die Theologie (Wolf Krötke, 47–87).
15.
Dies unterblieb für die HU Berlin ebenso konsequent: vgl. Tenorth (Anm. 6), Bd. 6, mit Ausnahme des Beitrags von Krötke (Anm. 15), selbst 1958/59 politischer Häftling in der DDR und erst 1991 Professor an der HUB.
16.
Vgl. dazu als Forschungsaufriss: Ilko-Sascha Kowalczuk, Die Humboldt-Universität zu Berlin und das Ministerium für Staatssicherheit, in: Tenorth (Anm. 6), Bd. 3, Berlin 2012 (i. Ersch.).
17.
Vgl. Erich Loest, Man ist ja keine Achtzig mehr. Tagebuch, Göttingen 2011.
18.
Zur Sprengung der Leipziger Universitätskirche u.a.: Matthias Middell u.a. (Hg.), Erinnerungsort Leipziger Universitätskirche. Eine Debatte, Leipzig 2003; Dietrich Koch, Das Verhör, Dresden 2000; vs. Koch: Stefan Welzk, Leipzig 1968. Unser Protest gegen die Kirchensprengung und seine Folgen, Leipzig 2011.
19.
Vgl. als Ergänzung: Dietmar Keller, In den Mühlen der Ebene. Unzeitgemäße Erinnerungen, Berlin 2012.
20.
Für die Informationen über die im Detail komplizierte Verteilung der "Umweltblätter" dankt d. Vf. den ehem. "UB"-Mitarbeitern Tom Sello, Martin Schramm, Kerstin Gierke, Christian Halbrock und Frank Ebert, Tina Krone von der Robert-Havemann-Gesellschaft sowie Peter Grimm, damals "Grenzfall"-Redakteur.
21.
Hinzuweisen ist jedoch auf das Standardwerk: Ralph Jessen, Akademische Elite und kommunistische Diktatur. Die ostdeutsche Hochschullehrerschaft in der Ulbricht-Ära, Göttingen 1999; anders akzentuiert: Ilko-Sascha Kowalczuk, Geist im Dienste der Macht. Hochschulpolitik in der SBZ/DDR 1945 bis 1961, Berlin 2003; außerdem aufschlussreich: Hoßfeld u.a. (Anm. 5).
22.
Vgl. zu Ebeling und dessen Geheimdienstaktivitäten u.a.: Stefan Wolle, "Sicherheitspolitische Bedenken". Das MfS und die Personalpolitik an der Humboldt-Universität, in: Schröder/Staadt (Anm. 3), S. 319–326; sowie allgemein: Kowalczuk, Humboldt-Universität (Anm. 16).
23.
HUB, Sektion Kriminalistik, Sektionsdirektor, Kaderentwicklungsprogramm der Sektion Kriminalistik 1983–1990, 1.10.1983, BStU, MfS, HA II 34258. Bl. 188.
24.
BStU, MfS, HA II 34258. Bl. 342–345.
25.
Vgl. Heinz Felfe, Im Dienst des Gegners, Berlin (O.) 1988. Der Überläufer Hansjoachim Tiedge wurde im Mai 1988 an der Sektion Kriminalistik promoviert: vgl. Hansjoachim Tiedge, Der Überläufer. Eine Lebensbeichte, Berlin 1998, S. 450f.
26.
Unter jüngst erschienenen Erinnerungen von Systemträgern in der DDR ragen heraus: Keller (Anm. 19), u. Hans-Dieter Schütt, Glücklich beschädigt. Republikflucht nach dem Ende der DDR, Berlin 2009.
27.
Müller-Mertens wird seinen gesamten Nachlass dem Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überlassen, sodass seine Ausführungen empirisch überprüft werden können.
28.
Vgl. dieses Problem auch bei: Hartmut Zwahr, Die erfrorenen Flügel der Schwalbe. DDR und "Prager Frühling". Tagebuch einer Krise, 1968–1970, Bonn 2007.
29.
Vgl. u.a.: Isolde Stark (Hg.), Elisabeth Charlotte Welskopf und die Alte Geschichte in der DDR. Beiträge der Konferenz vom 21. bis 23. November 2002 in Halle/Saale, Stuttgart 2005; Fritz Klein, Drinnen und Draußen. Ein Historiker in der DDR, Frankfurt a. M. 2000.
30.
Als eindrückliches Beispiel vgl. die selbstkritischen Einlassungen von: Jörg Baberowski, Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München 2012, S. 9f.
31.
Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. 2. Aufl., München 2009, S. 144f.
32.
Vgl. dagegen – völlig unverdächtig irgendeiner SED-Affinität –: Ehrhart Neubert, Zwischen Angst und Zuwendung. Sozialethische und theologische Aspekte von AIDS, Berlin (O.) 1988 u. 1989, passim.
33.
Als apologetisches Beispiel vgl.: Kurt Pätzold, Die Geschichte kennt kein Pardon. Erinnerungen eines deutschen Historikers, Berlin 2008; ders., Streitfall Geschichte, Berlin 2011.
34.
Vgl. Horst Köpke/Friedrich-Franz Wiese, Mein Vaterland ist die Freiheit. Das Schicksal des Studenten Arno Esch, Rostock 1990; dies., Arno Esch – Eine Dokumentation, Dannenberg 1994.
35.
Vgl. Arsenij Roginskij u.a. (Hg.), "Erschossen in Moskau ...". Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950–1953, Berlin 2005, S. 121f, 222, 281, 298, 300f.
36.
Vgl. Sybille Gerstengarbe,/Horst Hennig, Opposition, Widerstand und Verfolgung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1945–1961. Eine Dokumentation, Leipzig 2009.
37.
Vgl. Schröder/Staadt (Anm. 3).
38.
Colloquium 13 (1959) 4–5, S. 2 u. 9.
39.
Vgl. Patrik von zur Mühlen, Der "Eisenberger Kreis". Jugendwiderstand und Verfolgung in der DDR 1953–1958, Bonn 1995.

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