Beleuchteter Reichstag
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24.4.2012 | Von:
Felicitas Söhner

Vertreibungsdiskurs und Erinnerungskultur

Flucht und Vertreibung sowie die Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen stehen auch 67 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Fokus der Öffentlichkeit. Die Aufmerksamkeit für dieses Thema ist durch die ethnischen Konflikte und die mit ihnen zum Teil einhergehenden "ethnischen Säuberungen" insbesondere in Südosteuropa gesteigert worden.

Sammelrezension zu:

  • Eva Hahn, Hans Henning Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern. Legenden, Mythos, Geschichte, Paderborn: Schöningh 2010, 839 S., € 88,–, ISBN: 9783506770448.
  • Wolfgang Fischer: Heimat-Politiker? Selbstverständnis und politisches Handeln von Vertriebenen als Abgeordnete im Deutschen Bundestag 1949 bis 1974 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien; 157), Düsseldorf: Droste 2010, 479 S., € 58,80, ISBN: 9783770053001.
  • Henning Burk, Erika Fehse, Marita Krauss, Susanne Spröer, Gudrun Wolter: Fremde Heimat. Das Schicksal der Vertriebenen nach 1945, Berlin: Rowohlt 2011, 272 S., € 19,95, ISBN: 9783871347146.
  • Elena Agazzi, Erhard Schütz (Hg.): Heimkehr. Eine zentrale Kategorie der Nachkriegszeit. Geschichte, Literatur und Medien (Schriften des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient; 23), Berlin: Duncker & Humblot 2010, 273 S., € 78,–, ISBN: 9783428133796.
  • Karlheinz Lau: Deutschlands historischer Osten. 800 Jahre deutsche Geschichte, 70 Jahre polnische Gegenwart. Beiträge, Berichte, Dissens-Punkte aus fünf Jahrzehnten, Kleinmachnow: Curanus 2011, 128 S., € 12,–, ISBN: 9783000349621.
  • Philipp Ther: Die dunkle Seite der Nationalstaaten. "Ethnische Säuberungen" im modernen Europa, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011, 304 S., € 39,95, ISBN: 9783525368060.
  • Ray M. Douglas: "Ordnungsgemäße Überführung". Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, München: Beck 2012, 560 S., € 29,95, ISBN: 9783406622946.
Über 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist die Erinnerung an Flucht und Vertreibung äußerst lebendig. Die Öffnung der ostmitteleuropäischen Archive in den 1990er-Jahren hat die ereignisgeschichtliche Forschung zur Zwangsmigration um 1945 entscheidend vorangebracht. Obwohl die Sensibilität im Umgang mit der Ära des Nationalsozialismus nie so ausgeprägt war wie heute, erscheint es dennoch manchem, als ob im derzeitigen Wandel weg von der Erinnerung des kommunikativen Gedächtnisses der Erlebnisgeneration hin zum kulturellen Gedächtnis der Nachgeborenen erstmals bisher tabuisierte Themen angefasst werden. Eine wahre Flut von Publikationen zielt auf den Leserkreis nicht nur professioneller Wissenschaftler, sondern auch einer Vielzahl von historisch interessierten Bürgern.

Die hier vorzustellenden Neuerscheinungen konzentrieren sich auf eines der dunkelsten Kapitel des modernen Europa, auf die Geschichte von Vertreibung und Heimkehr während des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach. Sie widmen sich alle in unterschiedlichem Maße der Vorgeschichte, den Umständen und Folgen von Zwangsmigrationen im 20. Jahrhundert, insbesondere nach 1945, sowie den Phänomenen Heimat, Fremde und Heimatverlust. Die Bände betrachten die Themen aus unterschiedlichsten Blickwinkeln und sind von den Autoren für verschiedene Rezipientenkreise verfasst worden. Neben detaillierter Quellenarbeit stehen diskussionswürdige Interpretationen, neben einer Offenheit für andere Perspektiven stehen umfeldgeprägte Sichtweisen. Schon allein dadurch veranschaulichen diese Bücher exemplarisch, dass es kein einheitliches Geschichtsbild zu einer Thematik gibt, welche bis heute zu den umstrittensten der deutschen Zeitgeschichte zählt.

Die Vertreibung im deutschen Erinnern

Hahn/Hahn, Die Vertreibung im deutschen ErinnernEva Hahn/Hans Henning Hahn, Die Vertreibung im deutschen Erinnern (© Schöningh, Paderborn)
Über das Themenfeld "Flucht und Vertreibung" wurde in jüngster Zeit reichlich veröffentlicht wie auch kontrovers diskutiert. Trotz der Vielzahl an Publikationen ergründet sich der interessierten Leserschaft in nur wenigen Werken neben einer bloßen Ereignisgeschichte die damit verbundene Geschichtserinnerung. In dieser Hinsicht ist es anzuerkennen, dass die beiden Historiker Eva und Hans Henning Hahn Ende 2010 in einem deutlich erweiterten Ansatz auf diese Thematik eingehen und Fragen der Geschichte des öffentlichen deutschen Vertreibungsdiskurses erörtern.

Beide Autoren arbeiten seit Jahren in der Forschung über ostmitteleuropäisch-deutsche Beziehungen und Gedächtniskultur. Dies ist insofern interessant, da das hier besprochene Werk auf deren bisherigen Forschungen und Kontroversen gründet. Das Autorenpaar erkennt in seiner Analyse eines mehr als ein halbes Jahrhundert andauernden Narrativs, der weitgehend konstant geblieben sei (10), gleichzeitig empirischer Überprüfung bedürfe und "daher als ein 'Mythos Vertreibung' zu bezeichnen" (10) sei.

Eva und Hans Henning Hahn entwickeln auf über 800 Seiten ihre zentralen Fragestellungen in vier großen Teilen, welche sich nur teilweise an eine Chronologie halten. Der erste Buchabschnitt widmet sich den aktuellen öffentlichen Bildern von Flucht und Vertreibung sowie deren historische Einordnung. Dabei beschäftigen sich die Autoren kritisch mit der Vielfalt und Widersprüchlichkeit vorhandener Fakten und Kenntnisse. Hier stellen sie zum Teil die Persistenz eines nationalsozialistischen Sprachduktus "sowohl in den Zeitzeugenberichten (…) als auch in der Fachliteratur" (90) fest, was weder der Erforschung noch der Erklärung des Geschehenen dienen würde.

Im zweiten Buchkapitel widmen sich Hahn und Hahn dem komplexen Thema "verdrängte Erinnerungen". Hier zeigen die Verfasser, dass die Geschichte der Zwangsmigrationen keineswegs mit "Flucht und Vertreibung" begann, sondern deren Vorgeschichte in der nationalsozialistischen Volkstumspolitik liegt. Dies sei in der bundesrepublikanischen Erinnerungspolitik wenig berücksichtigt und werde in seiner Rolle als "das letzte Massenverbrechen des NS-Regimes" (296) verschwiegen. Daher sei schon allein aufgrund der erschütternden Folgen seiner Evakuierungspolitik die Politik des NS-Regimes als Massenverbrechen zu werten.

Das folgende Kapitel analysiert die erste Phase des Erinnerns in der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die beginnenden 1950er Jahre, der so genannten "Gründerzeit des Erinnerns" (349). In detailreicher Gründlichkeit geht das Historikerehepaar der Frage nach, welche Erinnerungsmuster in dieser Frühphase verdrängt wurden und welche Geschichtsbilder schon hier ihren Ursprung finden. Ein Vergleich mit weiteren erinnerungskulturellen Analysen wäre dabei einer anschaulichen Darlegung zuträglich gewesen.

Im vierten Teil des Buches richten Hahn und Hahn ihren Blick auf die Gegenwart und konstatieren eine Diskrepanz zwischen heutigem öffentlichen Erinnern und individuellen Erfahrungen sowie wissenschaftlicher Diskurse. In diesem Zusammenhang stellen die Autoren eine grundlegende Veränderung der deutschen Gesellschaft fest, während sich die Erinnerung an Flucht und Vertreibung kaum geändert habe. (587) Die beiden Historiker betrachten nicht nur richtungweisende Protagonisten der deutschen Erinnerungskultur, sondern gehen vielmehr kritisch auf deren mythologisierenden Impetus ein. Weiter befassen sie sich eingehend mit dem Einfluss der Vertriebenenorganisationen. Ergänzt wird das Buch durch einen Anhang, in welchem die Autoren auch den Begriff "Vertreibung" problematisieren, welcher suggeriere, dass die Vertriebenen eine einheitliche soziale Gruppe sei. Sie kritisieren, dass schon allein die Begrifflichkeiten auf eine "Sondergemeinschaft innerhalb der deutschen Nation" (660) schließen lassen. Abschließend liefern das Historikerpaar Einblicke in das "Zahlenlabyrinth" (661) Vertreibung.

Kritisch betrachtet lässt sich das Werk in seiner Eigenheit mehreren Gattungen zuschreiben: So ließe es sich einerseits als detailreiches Kompendium, andererseits als engagierte Streitschrift betrachten. Ein großer Verdienst von Eva und Hans Henning Hahn liegt, wie schon Maren Röger in ihrer Rezension für die ZfO argumentiert, in dem deutlichen Hinweis darauf, dass das Sprechen über die dazugehörige Ereignisgeschichte der Vertreibung kaum vom Sprechen über die Erinnerungsgeschichte getrennt werden kann.[1]

Das Autorenpaar geht in seinem Werk über die reine Darstellung von Ereignissen hinaus und bietet dem Leser einen kritischen Überblick zu bis heute brisanten Topoi, Mythen und Diskursen. Die Autoren stellen widersprüchliches, nicht selten instrumentalisiertes Zahlenmaterial und einen oft unhistorischen, emotionalen Umgang mit der Thematik in Frage. Zugleich fordern sie eine grundlegende und radikale Kurskorrektur des deutschen Erinnerns an die Vertreibung ein. Dabei bieten sie dem Leser zwar detailliertes und reichhaltiges Material, doch ist gerade diese Fülle der Kohärenz der Thematik nicht immer zuträglich.

Daher mag das umfangreiche Buch für den einen Leser erdrückend erscheinen, für den anderen erweist es sich als eine reichhaltige Fundgrube interessanter Fakten und Hintergründe. So erhält man im vorliegenden Buch interessante Einblicke in die Genese des historischen Bewusstseins der Deutschen und ist daher mit Gewinn zu lesen.

Heimat-Politiker?



Fischer, Heimat-Politiker?Wolfgang Fischer, Heimat-Politiker? (© Droste, Düsseldorf)
Wenn man den Hahnschen Band mit der Monografie von Wolfgang Fischer vergleicht, fallen zunächst die unterschiedlichen thematischen Schwerpunkte auf. Während bei Hahn und Hahn der Mythos Vertreibung und dessen Erinnerungskultur ins Blickfeld rückt, wird bei Fischer die Rolle vertriebener Abgeordneter in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit diskutiert. Letzterer untersucht in seiner wissenschaftlichen Studie, ob diese Bundestagsabgeordneten sich selbst als "Vertriebenen-Politiker" verstanden haben und ob ihr politisches Handeln von ihrem persönlichen Schicksal geprägt war.

Dies ist kein einfaches Unterfangen, da schon allein die Frage, welcher der Parlamentarier als Vertriebener gelten kann, schwer zu klären ist. Auch wenn das Vertriebenengesetz von 1953 dies eindeutig festlegte, gab es etliche Abgeordnete, die sich in ihrer Biografie anders einordneten. Nach diesen konnten etwa elf Prozent der Abgeordneten zwischen 1949 und 1974 als Vertriebene bezeichnet werden, diese waren also im Vergleich zur Gesellschaft unterrepräsentiert. Sie waren auf die Parteien im Bundestag relativ gleichmäßig verteilt.

Fischer fragt in seinem Buch, welches auf seiner Tübinger Dissertation von 2007 basiert, wie Vertriebene als Parlamentarier mit dem Wandel der Ostpolitik umgingen und welche Konsequenzen sie aus dem gewandelten Stellenwert von Vertreibungserfahrung für Politik und Zeitgeist zogen. Dabei geht der Autor von der Existenz eines sich von der Gesellschaft abgrenzenden Sonderbewusstseins aus, welches ihr politisches Agieren beeinflusste. Ziel der Untersuchung war es, "die Integration von Vertriebenen in politisches System und politische Kultur der Bundesrepublik systematisch zu untersuchen." (19) Hierzu setzt Fischer auf drei Ebenen an: politisches System, politische Kultur und politische Identität.

Zu Beginn widmet sich der Autor in einer biografisch-statistischen Annäherung der persönlichen und kollektiven Identität von vertriebenen Abgeordneten. Dabei stellt er fest, dass der Erfahrungshintergrund der Zwangsmigration zwar mit ein Element der politischen Identität war, jedoch nicht ihr politische Agieren dominierte. Weitere Einflussfaktoren seien neben den institutionellen Rahmenbedingungen des Bundestages auch in den thematischen Arbeitsschwerpunkten im Rahmen der fraktionellen Arbeitsteilung zu suchen.

Im zweiten Kapitel untersucht Fischer den parlamentarischen Diskurs um die Vertriebenenpolitik speziell im Hinblick auf das Umsiedlungsgesetz, das Feststellungsgesetz, das Lastenausgleichsgesetz sowie das Gesetz über die Angelegenheiten der Vertriebenen und Flüchtlinge. Hier beobachtet der Autor einen höheren Anteil vertriebener Abgeordneter als Akteure. Für das Gros seines Samples stellt er jedoch fest, dass vielmehr deren parteipolitische Bindung als deren Herkunft im Vordergrund stand und sie sich eher qua ihres biografischen Hintergrunds als Experten für Vertriebenenfragen verstanden. Auf diese Weise zeichnet der Autor eine wenn auch schwierige, letztlich doch gelungene Integration der Vertriebenen in die bundesdeutsche Gesellschaft auf parlamentarischer Ebene nach.

Im dritten Teil untersucht Fischer die Rolle vertriebener Abgeordneter als Akteure der Außen- und Deutschlandpolitik der Jahre 1949–1974 hinsichtlich deren Umgangs mit Fragen der Ostpolitik sowie der Westintegrationspolitik. In der Betrachtung der verschiedenen Phasen der politischen Entwicklung beschreibt der Verfasser einen deutlichen Entwicklungsprozess, welcher "von einem zunehmenden Infragestellen und Abrücken der jeweiligen Fraktionsmehrheiten von den ursprünglichen mit der Bundestagmehrheit voll konsensfähigen heimatpolitischen Grundpositionen" (390) gekennzeichnet gewesen sei. Fischer arbeitet heraus, dass die neue Entspannungs- und Friedenspolitik der sozial-liberalen Koalition in der untersuchten Gruppe am ehesten durch nicht verbandspolitisch engagierte vertriebene Abgeordnete jüngeren Alters unterstützt wurde.

Anhand der facettenreichen biografischen Details zeigt Fischers Studie, dass es unter den Bundestagsabgeordneten nicht die typischen Vertriebenen gab, sondern diese Gruppe sehr heterogen war und sich jeder schematischen Einordnung entzieht.

Zu bemängeln ist, dass Fischers Untersuchung beinahe kritiklos mit den Selbstauskünften der Befragten hinsichtlich ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP umgeht. Auch hätten neben der Quellengrundlage der offiziellen Protokolle und Dokumente des Bundestages insbesondere die umfangreichen Nachlässe genutzt werden können, um Querverbindungen und Austausch dieser Parlamentarier untereinander unabhängig der Parteizugehörigkeit zu untersuchen. Angesichts derzeitiger Debatten über die Erinnerungskultur der Vertreibung stößt Fischers kollektivbiografische Studie auf wissenschaftliches Interesse. Seine gut lesbare, wenn auch manchmal etwas langatmige Arbeit leistet einen informativen Beitrag zur Nachgeschichte von Flucht und Vertreibung in der Bonner Republik.

Fremde Heimat

Burk u.a., Fremde HeimatHenning Burk u.a., Fremde Heimat (© Rowolth, Berlin)
Das Buch zur zweiteiligen Dokumentation "Fremde Heimat", die im Jahr 2011 von der ARD ausgestrahlt wurde, zielt nicht auf das wissenschaftliche Fachpublikum, sondern in erster Linie auf einen breiten Leserkreis. Mit dieser Veröffentlichung werfen die Autoren erstmals einen kritischen Blick auf verschiedene Aspekte des Schicksals der Vertriebenen, nachdem diese ihre Heimat verlassen haben. Es wird danach gefragt, was die Ankommenden in der neuen Heimat erwartete. Die Herausgeber blicken dabei über die ersten Jahre hinaus und zeigen auf, wie der Neubeginn über die Nachkriegszeit hinaus verlief. Sie sprechen von vier Schritten der Integration: "zunächst die notdürftige Aufnahme, dann die vorläufige Unterbringung, gefolgt von der endgültigen Sesshaftmachung mit wirtschaftlicher Integration. Als vierter Schritt folgt nach der Gründung der Bundesrepublik die kulturelle Integration." (45) Diese beinhaltete sowohl die Erinnerung an die alte Heimat wie auch die Aneignung der neuen Heimat. Dabei seien für eine gelungene Integration drei Bereiche für die Betroffenen von existentieller Bedeutung: Die Wohnsituation, eine Arbeit sowie die kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe welche insbesondere durch Bildung und Vereinsaktivitäten gestärkt wurde. Ein wichtiger Indikator für eine gleichberechtigte Teilhabe stellt das Heiratsverhalten dar. Marita Krauss geht auch auf die Rolle der Vertriebenen in der Politik ein, wobei dies lediglich ein Aspekt von vielen ist.

Die Dokumentation zeigt anhand verschiedener exemplarischer Einzelfälle auf, dass die später als gelungen gefeierte Integration der Neubürger keineswegs eine große Erfolgsgeschichte ist, sondern vielmehr ein steiniger Weg voller Enttäuschungen und bitterer Erfahrungen. Weiter beschreibt das Buch, welche unterschiedlichen und gemeinsamen Verläufe in Ost- und Westdeutschland der Neubeginn dieser Personengruppe genommen hat. In der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR wurde den sogenannten Umsiedlern mit der Politik der Assimilation begegnet, welche nicht nur die Angleichung anordnete, sondern auch versuchte, die besondere Identität der Ankömmlinge zu unterdrücken.

Die knapp 20 Zeitzeugen waren seinerzeit im Kindes- oder Jugendalter und erzählen von ihren Erlebnissen im Deutschland der Nachkriegszeit. Sie stammen aus dem Memelland, aus Pommern und Ostpreußen, aus Böhmen und Mähren, aus Bessarabien und Schlesien, sind Donauschwaben aus Rumänien. Damit ist das Buch ein Mosaik verschiedener Einzelschicksale, das sich vor allem auf die Perspektive der Befragten einlässt. Neben den Zusammenfassungen der Zeitzeugengespräche findet der Leser erläuternde Kommentare von Gudrun Wolter und Marita Krauss zum gesellschaftlichen Hintergrund sowie Exkurse zu Begriffen wie "Grenzdurchgangslager Friedland", "Nissenhütte" oder " Operation Schwalbe".

Die Herausgeber zeigen den allmählichen materiellen und sozialen Aufstieg der Flüchtlinge und Vertriebenen. Obwohl ein Ziel der Dokumentation in der Widerlegung des Mythos einer erfolgreichen Integration liegt, werden auch Erfolgsgeschichten erzählt von Geigenbauern und Fabrikanten, die der neuen Heimat den Aufschwung brachten. Damit möchten die Herausgeber ein einseitiges, verklärendes Bild einer Erfolgsgeschichte korrigieren und Trugbilder als solche entlarven. Der Band schildert dem Leser auch, wie sich die jüngere Generation schneller zurechtfand und die Älteren ihre Heimat niemals loslassen konnte.

Das Buch ist zwar einseitig in seiner Darstellung, aber auch wenn persönliche Lebensgeschichten nie als allgemein typisch für die Situation einer ganzen Personengruppe gesehen werden können, gewähren diese doch exemplarisch aufschlussreiche Einblicke in die seelische Situation der Vertriebenen und in die geschichtlichen Zusammenhänge. Die präsentierten Geschichten können deutlich machen, "dass der Lebensweg dieser Menschen nach 1945 nur unzureichend beschrieben ist, wenn man pauschal von gelungener Integration spricht." (8)

Stattdessen sprechen die Herausgeber anhand bisher unveröffentlichter Quellen und zahlreicher Gespräche wunde Punkte an. Sie zeigen, dass trotz des inzwischen Jahrzehnte dauernden Lebens in der neuen Heimat sich die meisten der Interviewten immer noch stark mit der Suche nach ihren Wurzeln und nach Spuren der alten Heimat beschäftigen.

Heimkehr

Aggazi/Schütz (Hg.), HeimkehrElena Aggazi/Erhard Schütz (Hg.), Heimkehr (© Duncker & Humbolt, Berlin)
Auf völlig andere Art und Weise nähert sich der Sammelband von Elena Agazzi und Erhard Schütz dem Untersuchungsfeld. In diesem Buch finden sich 16 kulturhistorische Beiträge, die sich dem breiten Themenspektrum "Heimkehr" widmen und dieses Phänomen anhand von Massenmedien, autobiografischem Material sowie fiktionalen Texten untersuchen. Damit bietet die Druckfassung einer Tagung am Italienisch-Deutschen Historischen Institut in Trient (2008) dem Leser eine differenzierte Auswahl von Momenten der Heimkehr, die nicht nur die physische Rückkehr aus dem Krieg, sondern auch die Rückkehr in eine alte oder auch neue stabile Identität beschreibt.

Bereits der Titel weist auf die zentrale Rolle eines die deutsche Nachkriegszeit bestimmenden Motivs hin. In "Heimkehr" untersuchen Agazzi und Schütz das in den Nachkriegsjahren überall auftauchende Ereignis als ästhetisches und historisches Phänomen vor allem im Blick auf die Deutschen der Nachkriegszeit. Im Fokus steht dabei insbesondere die Figur des Heimkehrers, der seit Kriegsende zu einem höchst emotionalen Topos und populären Schlagwort in Gesellschaft und Politik der 1950er-Jahre avancierte. Ebenfalls mit einbezogen werden die Schicksale von Vertriebenen und Flüchtlingen sowie Remigranten und jüdischen Überlebenden. Warum die Autoren das Motiv "Heimkehr" jedoch als geeignete Klammer für so höchst verschiedene Formen von Migration und Zwangsmigration gewählt haben, wird von den Herausgebern nicht ausreichend diskutiert und erläutert. Sie bewerten "Heimkehr" nicht nur als reale, sondern auch als "mentale Kategorie" (13), dabei ist es doch gerade für letztere bezeichnend, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg für Unzählige verloren oder zerstört ist.

Schon im Beitrag von Rainer Schulze wird deutlich, dass man eher von einer Ankunft in der Fremde sprechen sollte. Auch nach der Lektüre der vergleichenden Analyse von Alexandra Tacke und Geesa Tuch über die filmische Verarbeitung der Flucht von Frauen wird das Unpassende der Kategorie "Heimkehr" für den Leser deutlich. Der gewählte Rahmen des Bandes schmälert jedoch in keiner Weise den Erkenntniswert der einzelnen Beiträge.

In der Zusammenschau weisen die verschiedenen Aufsätze auch wesentliche einende Aspekte auf: Ob hier nun aus dem Exil zurückkehrende Intellektuelle, Soldaten aus der Gefangenschaft oder Zwangsumgesiedelte aus Osteuropa betrachtet werden, allen ist gemeinsam, dass für sie zwar die Phase von Krieg und Nationalsozialismus beendet ist, deren Folgen und Traumata aber weiterhin präsent bleiben.

Die Beiträge des Sammelbandes behandeln auf vielfältige Art die filmische, fotografische und literarische Thematisierung der gesellschaftlichen Umwälzungen der Nachkriegszeit sowie der Integrationsdebatte in den beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften. Auf einzelne Beispiele soll im Folgenden eingegangen werden:

Rainer Schulze widmet sich dem weniger als Heimkehr denn als Entwurzelung zu bezeichnenden Ankommen von Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Osten. Er konstatiert ein allen gemeinsames "Gefühl einer großen Heimatlosigkeit" (26), welches die meisten bedrückender empfanden als den Verlust ihres Besitzes. Dieses Fremdsein verstärkte sich zudem durch herablassendes Verhalten und Verständnislosigkeit der alteingesessenen Bevölkerung, was in den ländlichen Regionen deutlicher zu Tage trat als in großstädtischen, industriell geprägten Gebieten. Zwar habe diese Gruppe zunehmend am wachsenden Lebensstandard teilhaben können, doch sei der Heimatverlust für fast alle Neubürger prägend und fester Teil ihrer Identität geblieben. Die Herausgeber würdigen, dass Schulze "mit seinem Beitrag zur Analyse der Situation von Vertriebenen und Flüchtlingen (…) zugleich einen möglichen Weg der durch den Zweiten Weltkrieg in Mitleidenschaft gezogenen Kriegsheimkehrer im kollektiven Gedächtnis vorgezeichnet (hat)." (19)

Erhard Schütz untersucht die medialen Effekte von Konrad Adenauers Moskau-Reise 1955 und der Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus russischer Gefangenschaft. Damit widmet er sich einem Mythos, der das Nebeneinander von Trauma und Aufbau verdeutlicht, welches bis in die 1950er-Jahre andauerte – und darüber hinaus.

Andrea Rota setzt sich mit dem Dokumentarfilm "Söhne" des Regisseurs Volker Koepp (2007) auseinander. In diesem Film werden mittels einer komplexen und zugleich einzigartigen Familienbiografie Schicksale verwoben, welche als beispielhaft für eine ganze Generation gelten können. Im Fokus stehen dabei ständig die "Heimatsuche" und der "Heimatbesuch jenseits der Oder-Neiße-Linie" (257).

Zwar "leidet" der Band an den typischen Mängeln von Sammelbänden, welche den Leser eine scheinbar zufällige Auswahl der Einzelbeitragsthemen vermuten lassen. Auch vermag der begriffliche Rahmen, welcher von den Herausgebern gewählt wurde, kaum zu überzeugen. Ist doch das Gemeinsame weniger in einer "Heimkehr" zu finden, sondern vielmehr in einem Neubeginn unter verschiedenen geografischen, politischen oder sozialen Umständen. Dennoch kann der Band als gelungene Einführung in die deutsche Rezeptionskultur der Nachkriegszeit betrachtet werden und somit durchaus jedem empfohlen werden, der sich für die mediale Auseinandersetzung mit Zwangsmigration nach 1945 interessiert. Die Stärke des Sammelbandes liegt weniger in der thematischen Klammer als in seinen einzelnen Beiträgen. Hier findet der Leser interessante Studien, welche sich auch bisher weniger beachteten Ausschnitten dieses weiten Themenfeldes widmen. Somit bietet der Band eine hilfreiche kulturgeschichtliche Einführung in die beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften.

Deutschlands historischer Osten

Lau, Deutschlands historischer OstenKarlheinz Lau, Deutschlands historischer Osten (© Curanus, Kleinmachnow)
Der Sammelband von Karlheinz Lau setzt sich weniger mit der konkreten Situation Vertriebener in den Nachkriegsjahren auseinander, sondern widmet sich vielmehr deren Erinnerungskultur. Er enthält Beiträge aus fünf Jahrzehnten, welche verschiedene Aspekte und Etappen des nicht immer einfachen deutsch-polnischen Verhältnisses behandeln. Dabei handelt es sich weniger um geschichtliche Darstellungen, sondern vielmehr um gedankliche Streiflichter aus der Zeitgeschichte.

Im Vorwort erläutert die Journalistin Helga Hirsch die Absicht des Autors. Lau möchte dem Verlust des Wissens vom historischen deutschen Osten als kulturelles Erbe entgegenwirken. Einige der folgenden Artikel wurden im "Deutschland Archiv" sowie im "Ostpreußenblatt" publiziert. Auch finden sich Leserbriefe aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und dem "Tagesspiegel." Weitere Texte wurden unter anderem in den "Preußischen Nachrichten" oder dem "Deutschen Ostdienst" veröffentlicht. Der Leser findet aber auch gehaltene Vorträge und bisher unveröffentlichte Aufsätze. Die einzelnen Beiträge sind chronologisch angeordnet, was das Einordnen nach eine inhaltlichen sowie gesellschaftlichen Entwicklung ermöglicht. Bei deren Rezeption sollte auch immer die Zeitbezogenheit der einzelnen Beiträge berücksichtigt werden.

Positiv ist anzumerken, dass der Autor, ein langjähriges Mitglied der deutsch-polnischen Schulbuchkommission, persönliche Entwicklungen selbstkritisch beleuchtet. Lau betrachtet es als Aufgabe der sogenannten Erlebnisgeneration, dafür zu sorgen, dass das Erlebte nicht in Vergessenheit gerate. Ein Ziel solle sein, "das Thema Flucht und Vertreibung der Deutschen historisch einzubetten und es in seiner europäischen Dimension zu behandeln" (105)

Die dunkle Seite der Nationalstaaten

Ther, Die dunkle Seite der NationalstaatenPhilipp Ther, Die dunkle Seite der Nationalstaaten (© Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen)
Philipp Thers Untersuchung befasst sich mit den Voraussetzungen "ethnischer Säuberungen", mit deren Perioden und den maßgeblich Verantwortlichen der Zwangsmigrationen im 20. Jahrhundert. Der Zeithistoriker interpretiert "ethnische Säuberungen" als direkte Folge des Nationalismus und der damit verbundenen Bildung von Nationalstaaten in der Moderne. Er beschränkt sich hier nicht nur auf die Rolle und Situation Osteuropas, sondern geht auch auf westeuropäische und alliierte Mächte ein. Dabei werden im Band weniger die Rolle der Täter und deren Beweggründe, sondern vielmehr die Planung und Rationalität der Bevölkerungsverschiebungen als paradigmatisch für die europäische Moderne dargestellt.

In der Einleitung setzt Ther sich mit den Voraussetzungen "ethnischer Säuberungen" auseinander und erläutert detailliert, wie in den Bürokratien die Bevölkerung eingeordnet und anhand nationaler Kategorien segregiert wurde. Der Verfasser geht auf die ideologische Entwicklung des modernen Nationalismus ein und zeigt dessen Zusammenhang mit der Formierung nationaler Minderheiten auf. Nach seiner Ansicht beruhen "ethnische Säuberungen" auf dem Zusammenwirken eines radikalen Nationalismus mit den Mechanismen moderner Nationalstaatlichkeit. Dabei sei der Einfluss westeuropäischer Großmächte nicht zu unterschätzen. Das Ergebnis der nationalstaatlichen Utopie von Homogenität zeigte sich darin, dass "ein türkisch sprechender Christ in Kleinasien (…) ebenso wenig vorgesehen (war) wie ein Elsässer oder Oberschlesier, der sich primär mit seiner Region identifizierte." (66)

Der empirische Hauptteil widmet sich chronologisch den Perioden und Akteuren von Zwangsmigrationen. Ther kategorisiert die Geschichte "ethnischer Säuberungen" im 20. Jahrhundert nach vier Perioden und geografischen Schwerpunkten.

Im Kapitel über die Präzedenzfälle "ethnischer Säuberungen" beginnt Ther mit dem ersten Balkankrieg 1912 und schließt mit der Umsetzung der Abkommen von Neuilly und Lausanne in den 1920er-Jahren. Er beschreibt "ethnische Säuberungen" als international sanktioniertes und verrechtlichtes Mittel der Politik zur Lösung zwischenstaatlicher Konflikte und zur Stabilisierung der nationalstaatlichen Ordnung. Der geografische Schwerpunkt sei hier insbesondere in Südosteuropa zu finden, "aber im Gegensatz zur allgemeinen Forschungsmeinung waren auch andere Teile Europas betroffen." (69) Insgesamt sei in dieser Periode eine Ausweitung "ethnischer Säuberungen" zu beobachten, sowohl territorial als auch hinsichtlich der Intensität. Das eigentliche Verhängnis dieser Zeit liege jedoch in der Idee einer machbaren, rationalen und finalen Lösung.

Darauffolgend behandelt der Verfasser die Zeit vom Münchner Abkommen 1938 bis 1944. In diesem Kapitel werden "ethnische Säuberungen" unter deutscher Besatzung dahingehend untersucht, inwieweit es sich hier um ein Charakteristikum totalitärer Diktaturen handelt. Ther stellt in dieser Phase eine präzedenzlose Anzahl "ethnischer Säuberungen" in Europa fest.

Die dritte Phase der ethnischen Säuberungen im 20. Jahrhundert datiert Ther auf die Zeit von der Errichtung der europäischen Nachkriegsordnung (1944) bis zum Ausbruch des Kalten Krieges (1948). Die "ethnische Säuberungen" dieser Zeit umfassten ein weitreichendes Gebiet, das sich quer über ganz Europa erstreckte. Weiter widmet sich Ther in einer vergleichenden Fallstudie über Indien und Palästina mehreren außereuropäischen Regionen, auch wenn sich der Band im Ganzen auf Europa konzentriert. Ther konstatiert in der Nachkriegsordnung in etlichen Elementen eine Kontinuität der nationalsozialistischen Neuordnung Zentral- und Südosteuropas, deren erstrangiges Ziel die Homogenisierung von Nationalstaaten und die Angleichung staatlicher und ethnischer Grenzen gewesen sei. Daraus folgert er, "dass ethnische Säuberungen kein spezifisches Kennzeichen totalitärer Diktaturen waren", sondern ein Mittel von Nationalstaaten, "unterwünschte gesellschaftliche Pluralität zu reduzieren und ihre Macht zu stabilisieren." (237)

Die dazu entscheidenden Unterschiede der vierten Periode der 1990er-Jahre führt Ther auf die starke Veränderung des internationalen Kontextes zurück. In dieser Zeit fehlte vor allem der internationale Konsens zu ethnischen Säuberungen. Die internationale Staatengemeinschaft hätte diese nicht unterstützt, sondern versucht, sie einzuschränken.

In der Schlussbetrachtung resümiert der Verfasser, dass die Weichen für "ethnische Säuberungen" auf internationaler Ebene gestellt wurden, welche eine ethnische Homogenisierung durch gezielte demografische Transformationen anvisierten. Abschließend nimmt Ther angesichts des internationalen Konsenses ein Ende "ethnischer Säuberungen" in Europa an, befürchtet jedoch deren Verlagerung beispielsweise in afrikanische Konfliktgebiete, was in ein "Zeitalter der Genozide" (279) führen könnte. In einer abschließenden, umfangreichen kommentierten Bibliografie bietet der Autor seinem Leserkreis eine Einführung in die wichtigsten Publikationen und Quellen aus den jeweils betroffenen Ländern.

"Ordnungsgemäße Überführung"



Douglas, "Ordnungsgemäße Überführung"Ray M. Douglas, "Ordnungsgemäße Überführung" (© C.H. Beck, München)
"Ordnungsgemäße Überführung", ein Titel, wie man ihn auch in der deutschen Bürokratie finden könnte, nimmt Bezug auf den Beschluss der Siegermächte auf der Potsdamer Konferenz, die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa human und geordnet durchzuführen. Ray M. Douglas konstatiert in seiner Einleitung die bisherige Notwendigkeit einer "Studie der Vertreibungen, die sie von allen Seiten betrachtet" (16) Douglas ordnet die wichtigsten Hintergründe und Fragestellungen in eine übersichtliche Struktur, in welcher er Vorgeschichte, Verlauf und Folgen der Vertreibungen der Deutschen aus dem Osten Europas beleuchtet. Zeitlich spannt er den Bogen von den ersten Vertreibungsplänen während des Zweiten Weltkriegs bis ins Jahr 1949. Räumlich konzentriert sich Douglas auf die Gebiete des heutigen Polen und Tschechien. Dabei bedient er sich deutscher Quellen nur dann, wenn sie mit weiteren Zeugnissen übereinstimmen.

Zu Beginn macht Douglas deutlich, dass den Vertreibungen eine längere Vorgeschichte zu Grunde liegt, welche in die Zeit vor der NS-Diktatur zurückreicht, und betont, es sei "irreführend, von 'Nachkriegsvertreibungen' zu reden" (60). Der Autor zeigt auf, dass Mitte des 20. Jahrhunderts "ethnische Säuberungen" als Allheilmittel für Konflikte mit Minderheiten galten. Douglas thematisiert das moralische Versagen der Alliierten in ungewohnter Schärfe: "Sie hatten sich bewusst für einen Kurs entschieden, der mehr statt weniger Leid verursachen würde, um das hervorzubringen, was sie als 'erzieherische' Wirkung ansahen." (122)

Im Folgenden stellt er die Periode der "wilden Vertreibungen" als Phase blinder Rache und Wut dar, deren schlimmste Exzesse weniger als eine Folge spontaner Gewalt, sondern vielmehr als "gewaltige(r) Ausbruch staatlich geförderter Gewalt" (167) interpretiert werden könne. Das Ziel sei gewesen, "die verbliebene deutsche Bevölkerung durch die strategische Anwendung von Terror zur Flucht aus den Gebieten zu bewegen" (151), die die Regierungen räumen wollten.

Am Beispiel der Internierungslager und der betroffenen Kinder zeigt Douglas das Leid der Vertriebenen und die Gräueltaten an Deutschen. Zwar findet der Leser nur wenige konkrete Beschreibungen, das Leid der Opfer verliert der Autor jedoch nicht aus den Augen. Er beschreibt eine Kultur der straflosen Willkür, betont jedoch gleichzeitig, dass es "es keine stichhaltige Parallele selbst zwischen den schlimmsten Nachkriegslagern und den deutschen KZ der Kriegszeit" gibt. (199) Dennoch dürften die beispiellosen Gräueltaten der Nationalsozialisten nicht als Argument dagegen herhalten, massenhafte Menschenrechtsverletzungen als solche zu benennen.

Douglas schildert die logistischen Schwierigkeiten der "organisierten Vertreibungen", welche durch eine Atmosphäre allgemeiner Gesetzlosigkeit und das außergewöhnliche Maß bürokratischen Kompetenzgerangels zu einer "großen sozialen, wirtschaftlichen und humanitären Krise" (242) geführt hatten.

Der Verfasser beleuchtet die Folgen der Vertreibungen, deren Schatten bis in die Gegenwart reichen. Dazu zählten die Furcht der Neubürger vor Rückkehr und Rache wie auch der entstandene demografische und wirtschaftliche Schaden in den Vertreibungsländern. Douglas verweist dabei auf die umfassende soziale und wirtschaftliche Transformation der betroffenen Gebiete, welche bis heute erkennbar sind. Durch fehlende Vorausplanung seien erhebliche praktische Schwierigkeiten entstanden, welche, begünstigt durch das Vakuum staatlicher Autorität, zu sozialen Spannungen und "erbärmlichen Bedingungen" für die ankommenden Umsiedler führten (337ff). Diese sozialen Probleme blieben bis heute in den Grenzgebieten virulent.

Den Neubeginn der Vertriebenen stellt Douglas als "Realität der kalten Heimat" dar. Dennoch sei die Neuansiedlung als erfolgreich zu werten, was insbesondere integrativen Elementen wie der Entstehung einer gemäßigten Vertriebenenlobby als politische Kraft und dem Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft zu verdanken sei. Vergleichend greift der Verfasser den Gedanken von Marita Krauss auf, dass es sowohl im Osten als auch im Westen Deutschlands kein einheitliches Muster der Anpassung der Vertriebenen gegeben habe. Vielmehr sei von einer unterschiedlichen, stärkeren oder schwächeren Integration zu sprechen.

Abschließend wertet Douglas es als außergewöhnlich, dass die Vertreibungen immer noch von Wissenschaftlern mit dem Verweis auf deren Unvermeidlichkeit, der Verhinderung weiterer europäischer Konflikte oder als Strafe für die Gräueltaten seitens der Nationalsozialisten verteidigt würden. Der Historiker betont zwar, dass die "Verantwortung der Deutschen in der NS-Zeit für die Verbrechen ihrer Regierung (…) nicht ignoriert oder vergessen werden" (453) dürfe. Dennoch führt er grundsätzliche Einwände gegen Vertreibungen an, welche – so seine zentrale These – niemals "geordnet und human" ablaufen würden. Daher appelliert Douglas eingehend gegen Völkerverschiebungen als Mittel internationaler Politik.

Douglas liefert eine historische Gesamtdarstellung der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu Recht betont er zu Beginn, dass es sich hierbei keineswegs um eine enzyklopädische Darstellung des Themas handele; hierfür dürfte ein Band alleine kaum ausreichen. Die abschließende, umfangreiche und aktuelle Auswahl weiterführender Literaturhinweise eröffnet die Möglichkeit, sich weitergehend intensiv mit der Thematik zu auseinanderzusetzen.

Douglas' Darstellung ragt aus der Fülle der Publikationen zum Thema als fundierte und gut strukturierte Überblicksdarstellung heraus. Damit findet der Leser eine bemerkenswerte Studie über Hintergründe und Konsequenzen der Massenvertreibungen, deren Nachwirkungen bis heute erkennbar sind.


Der direkte Vergleich der besprochenen Bände untereinander scheint zunächst diffizil. Während Hahn und Hahn ein umfangreiches und detailreiches, beinahe als Lehrbuch für ein wissenschaftliches Publikum geltendes Werk und gleichzeitige Streitschrift konzipiert haben, findet man bei Fischer eine klar strukturierte Monografie auf Basis einer Dissertation vor, welche durch ihre klare Strukturiertheit besticht. Burk und Krausses "Buch zum Film" bietet eine Reihe von Zeitzeugengesprächen, ummantelt von zeitgeschichtlichen Erläuterungen und eingeschobenen Exkursen; diese eher populärwissenschaftliche Ausrichtung stellt die fachlichen Erträge Bandes jedoch keineswegs in Frage. Die Publikation von Agazzi und Schütz ist ein Tagungsband, der unter dem Dach des gemeinsamen Themas "Heimkehr" einzelne Fachbeiträge zusammenstellt. Bei Lau findet der Leser eine Zusammenschau verschiedenster Artikel, Kommentare, Erläuterungen und Leserbriefe aus regionalen und überregionalen Zeitungen sowie Organen verschiedenster Interessengruppen sowie Fachzeitungen. Ther zielt mit seinem Band, der hervorragend für die universitäre Lehre geeignet ist, neben dem Fachpublikum auch auf Verbände, Gedenkstätten wie auch die Betroffenen selbst. Douglas liefert mit seiner Studie eine kluge Analyse in einer ausgewogenen Gesamtdarstellung, welche sich an ein breites Publikum im internationalen Raum wendet.

Inhaltlich setzen sich die rezensierten Werke auf vielfältige und individuelle Art und Weise fruchtbar mit dem Feld "Vertreibungsdiskurs und Erinnerungskultur" auseinander. Immer noch ist die untersuchte Thematik in Deutschland und den östlichen Nachbarstaaten ein neuralgischer Punkt. Aufgrund der unterschiedlichen Annäherungen an die Thematik, bieten die vorgestellten Bände dem interessierten Leser verschiedene Perspektiven und ermöglichen so auch fachfremdem Publikum einen Blick über den Tellerrand.
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Fußnoten

1.
Maren Röger, Rezension über: Eva Hahn / Hans Henning Hahn, Die Vertreibung im deutschen Erinnern. Legenden, Mythos, Geschichte, Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung (ZfO) 60 (2011) 1, Link: http://recensio.net/r/7fe49acb48f2422016246846ad46aa8b

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