Beleuchteter Reichstag

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30.5.2012 | Von:
Henk Erik Meier
Marcel Reinold
Anica Rose

Dopingskandale in der alten Bundesrepublik

Öffentlicher Diskurs und sportpolitische Reaktionen

Moralische Ächtung und Symbolpolitik?

Im Mittelpunkt dieser Untersuchung standen zwei Aspekte: Die Frage der öffentlichen Thematisierung von Dopingskandalen im deutschen Sport und die darauf folgenden sportpolitischen Reaktionen. Damit erlaubt die hier präsentierte Untersuchung keine Rückschlüsse auf die Verbreitung von Dopingpraktiken im bundesdeutschen Sport oder darauf, wie ähnlich sich Dopingpraktiken in West- und Ostdeutschland wirklich gewesen sind. Wohl aber gestattet sie eine Einschätzung der öffentlichen Akzeptanz von Methoden der pharmazeutischen Leistungssteigerung im Sport sowie die implizite Akzeptanz fragwürdiger Praktiken durch die Sportfunktionäre.

In der veröffentlichten Meinung wird Doping offensichtlich einhellig abgelehnt, selbst wenn erhebliche Unsicherheit über die Definition und Abgrenzung von Doping herrscht. Die Rhetorik des Kalten Krieges, wonach im Sinne eines "Wettbewerbs der Systeme" Dopingpraktiken in Kauf zu nehmen seien, um mit dem Ostblock konkurrieren zu können, findet sich in der veröffentlichten Meinung nicht. Die Politisierung des Sports im Zuge der Blockkonfrontation hat also zu keiner "Dopingmentalität" in der öffentlichen Meinung geführt, die vermeintlichen Leistungserwartungen der Öffentlichkeit können daher auch nicht ex post als Rechtfertigung für Dopingpraktiken im Westen herangezogen werden.

Zunächst erweckt die öffentliche Thematisierung den Anschein, dass in den 1950er- und 60er-Jahren Doping nicht als allgemeines Problem des Sports wahrgenommen wird; die zum Teil resignative Reaktion auf die "Kolbe-Spritze" – auf dem Höhepunkt der anhaltenden Anabolikadebatte – hinterlässt den Eindruck, dass Doping in den 1970er-Jahren als inhärentes Phänomen des Leistungssports begriffen wurde. Die Bereitwilligkeit deutscher Journalisten, den anfänglichen Unschuldsbeteuerungen der Beteiligten im Fall Dressel Glauben zu schenken, scheint dagegen zu belegen, dass der bundesdeutsche Sport Ende der 1980er-Jahre nicht als stark dopingbelastet gilt.

Während Doping zu allen Untersuchungszeitpunkten normativ negativ besetzt war, belegt die Analyse der öffentlichen Auseinandersetzung, dass eine differenzierte Bewertung komplexer sportmedizinischer Praktiken im öffentlichen Diskurs kaum gelingt. Jedoch ist darauf hinzuweisen, dass im Fall Brustmann der Gebrauch von "Aufbaupräparaten" noch kritisch beäugt wurde, während im Fall Dressel der medizinisch intensiv betreute Athlet Ende der 1980er-Jahre fast als normal und gesellschaftlich akzeptiert galt. Erst als die enorme Menge an Medikamenten und Injektionen bekannt wurde, die Dressel konsumiert hatte, traf die Medikalisierung des modernen Hochleistungssports auf grundsätzliche Kritik.

Hinsichtlich der sportpolitischen Reaktionen ist festzuhalten, dass der Fall Brustmann die Öffentlichkeit nur in geringem Maße erregte und bald der Vergessenheit anheimfiel, jedoch ernsthafte Prozesse der ethischen Reflexion und Selbstvergewisserung auslöste. Angesichts der entfesselten Leistungsorientierung im Hochleistungssport muss der damals beschrittene Weg eines Appells zur ethischen Selbstreflexion als inadäquates Mittel der Dopingbekämpfung erscheinen. Allerdings zeigte sich im Fall Brustmann auch die Neigung der Sportverbände, "Nestbeschmutzer", die die Öffentlichkeit über Dopingpraktiken informieren, zu bestrafen.

Im Fall Elze zwang das schlechte Image des Sports die Berufsboxer zu schnellen Reaktionen, um drastischere politische Sanktionen zu vermeiden. Der tragische Tod des Berufsboxers inspirierte aber auch den DSB zu neuen Initiativen in der Dopingbekämpfung, die insoweit bemerkenswert sind, als der Verband hier zum einzigen Mal Überlegungen zu einem staatlichen Dopinggesetz anstellte, was sich in erster Linie auf zeitgenössische Diskussionen innerhalb des Europarats zurückführen lässt. Letztlich entschied man sich in Übereinstimmung mit der Mehrheit der europäischen Staaten und in Anbetracht des zentralen Axioms der Autonomie des Sports nach 1945 für den Weg der sportinternen Regelung. Die sportinternen Initiativen des DSB zur Dopingbekämpfung beschränken sich nicht auf symbolische Politik, müssen aber aufgrund des geringen verpflichtenden Charakters ebenfalls als inadäquat qualifiziert werden.

Der Fall Kolbe steht im Zusammenhang mit einer Reihe von fragwürdigen Vorgängen im Kontext der Olympischen Spiele von Montreal im Jahr 1976. Der bundesdeutsche Sport beweist hier ein erhebliches Geschick, nicht nur einschneidende interne Sanktionen und strukturelle Veränderungen zu vermeiden, sondern den Skandal auch für Forderungen nach höheren finanziellen Zuwendungen zu instrumentalisieren, um die "Dopingneigung" der Athleten durch bessere soziale Absicherung zu reduzieren. Eine prinzipielle Distanzierung vom sportlichen Wettbewerb der Systeme fand ebenso wenig statt wie ein Abrücken von der leistungsorientierten Mittelvergabe innerhalb des bundesdeutschen Spitzensports. Zwar verstärkten organisierter Sport und Staat ihre Bemühungen zur Dopingbekämpfung. Die barocke Ankündigungsrhetorik der Sportfunktionäre konnte jedoch kaum darüber hinwegtäuschen, dass die sportpädagogischen Ansätze angesichts der Dopingmentalität prominenter Sportmediziner kaum ein probates Mittel waren und der Umfang der Dopingkontrollen für eine effektive Dopingbekämpfung zu gering ausfiel. Insoweit bietet der Fall Kolbe hervorragendes Anschauungsmaterial dafür, wie der bundesdeutsche Sport Reden und Handeln entkoppelte, um den widersprüchlichen Erwartungen eines erfolgreichen und gleichzeitig "sauberen Leistungssports" genügen zu können.

Der Tod Birgit Dressels stellt zweifelsfrei den traurigen Höhepunkt der bundesdeutschen Dopingskandale dar. Während der Tod Jupp Elzes sogleich als Beleg für grundlegende Missstände im kommerzialisierten Sport interpretiert wird, widmet sich die öffentliche Debatte im Fall Dressel zunächst der unzureichenden ärztlichen Betreuung des medikalisierten Spitzenathleten. Auch nachdem der Umfang der verabreichten Medikamente für ein öffentliches Entsetzen sorgte, wurde die öffentliche und sportpolitische Debatte stark personalisiert ausgetragen, da sie sich vor allem gegen den sportmedizinischen "Guru" Armin Klümper und nicht gegen allgemeine Missstände in der deutschen Sportmedizin richtete. Der organisierte Sport versuchte zudem, den Fall Dressel offensiv zu einer weiteren Verstärkung des Ausbaus der sportmedizinischen Betreuung zu instrumentalisieren, indem eine sportärztliche Verantwortung geleugnet wurde. Die Realisierung von Trainingskontrollen ab 1989 war daher nicht das Ergebnis sportinterner Aufklärungs- und Reformbemühungen, sondern internationalen Anpassungsdrucks, der das Bundesinnenministerium ab 1988 veranlasste, Umsetzungsprozesse innerhalb des Sports zu beschleunigen.

Das Festhalten Willi Daumes an dem kompromittierten "Wunderdoktor" Klümper und die Isolierung des DLV-Präsidenten und Klümper-Kritikers Eberhard Munzerts müssen als stillschweigendes Einverständnis mit fragwürdigen medizinischen Praktiken im bundesdeutschen Sport interpretiert werden. Der Verzicht auf konsequentere institutionelle Eingriffe nährt wiederum den Vorwurf der Scheinheiligkeit an die Sportverbände. Dabei vollbringen die verantwortlichen Funktionäre abermals das sportpolitische Kunststück, politische Interventionen nicht nur durch Symbolhandlungen zu vermeiden, sondern fragwürdige Praktiken im bundesdeutschen Sport zum Anlass für weitere Subventionsforderungen zu nehmen.

Die sportinternen Reaktionen auf den Fall Dressel, genauer: ihr Ausbleiben, scheinen die Einschätzungen von Treutlein und Singler zur fehlenden Ernsthaftigkeit der Antidopingbemühungen innerhalb des bundesdeutschen Sports zu bestätigen und haben daher den Vorwurf genährt, dass bei der Bewertung der Dopingvergangenheit beider deutscher Staaten doppelte Maßstäbe angewandt würden. So stellte der Chefideologe des DDR-Sports, Klaus Huhn, fest, dass die Ermittlungen im Fall Dressel "der Suche nach einem Karnickeldieb"[253] geglichen hätten.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der bundesdeutsche Sport kaum adäquat auf die hier untersuchten Dopingskandale reagiert hat. In den 1950er- und 60er-Jahren geht diese unzureichende Bearbeitung des Dopingproblems auf Fehleinschätzungen über die Eignung moralischer Appelle und Empfehlungen zurück. Mit dem Ausbau des Spitzensports in der Bundesrepublik, der nur dank eines erheblichen staatlichen Engagements möglich war, nimmt die Auseinandersetzung mit dem Dopingproblem zunehmend scheinheilige Züge an. Einer sportpädagogisch und philosophisch überhöhten Gesinnungsrhetorik steht die Nicht-Sanktionierung von Fehlverhalten und die Duldung belasteter Akteure gegenüber. Offenbar hat der Ausbau des leistungssportlichen Systems in der Bundesrepublik eine Entfesselung von Leistungs- und Siegesorientierungen zur Folge, um die politischen Erwartungen an den Hochleistungssport befriedigen zu können. Dabei soll hier nicht suggeriert werden, dass es im Westen Deutschlands ein "Staatsdoping" ähnlich dem der DDR gegeben habe. Vielmehr haben sich die Sportfunktionäre bemüht, den teilautonomen leistungssportlichen Sektor vor politischen Eingriffen in der Folge von Dopingskandalen abzuschirmen. Inwieweit diese Funktionäre Kenntnis von Dopingpraktiken hatten, diese bewusst geduldet oder gar eingefordert haben oder es nur nicht genau wissen wollten, entzieht sich der Bewertung dieser Untersuchung.

Anhang

Deutsche Tageszeitungen nach verkaufter Auflage (1970–1989)
RangZeitungdurchschnittliche Auflage in Tsd.
1Bild4.534
2Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ)607
3B.Z.502
4Rheinische Post361
5Nürnberger/Nordbayrische Zeitung344
6Kölner Express339
7Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)328
8Südwestpresse325
9Süddeutsche Zeitung (SZ)324
10Nürnberger Nachrichten321

Fußnoten

253.
Die Zeit, 19.3.1998.

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