Beleuchteter Reichstag
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Schlussstrich statt Sühne


25.7.2012
Eine eingehende, kritische Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit blieb in beiden deutschen Staaten lange Zeit aus. Neuere Bücher untersuchen die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in Deutschland allgemein wie auch in spezifischen Bereichen.

  • Jörg Osterloh, Clemens Vollnhals (Hg.): NS-Prozesse und deutsche Öffentlichkeit. Besatzungszeit, frühe Bundesrepublik und DDR (Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung; 45), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011, 456 S., € 62,95, ISBN: 9783525369210.
  • Joachim Perels, Wolfram Wette (Hg.): Mit reinem Gewissen. Wehrmachtrichter in der Bundesrepublik und ihre Opfer, Berlin: Aufbau 2011, 474 S., € 29,99, ISBN: 9783351027407.
  • Julia Volmer-Naumann: Bürokratische Bewältigung. Entschädigung für nationalsozialistisch Verfolgte im Regierungsbezirk Münster (Schriften Villa ten Hompel; 10), Essen: Klartext 2012, 512 S., € 42,–, ISBN: 9783837503951.


NS-Prozesse und deutsche Öffentlichkeit



Osterloh/Vollnhals, NS-Prozesse und deutsche ÖffentlichkeitJörg Osterloh/Clemens Vollnhals, NS-Prozesse und deutsche Öffentlichkeit (© Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen)
Seine zweite Auslandsreise als Bundespräsident führte Joachim Gauck vor wenigen Wochen nach Breda, in die Niederlande. Die Medien wurden nicht müde, auf die schwere deutsche Besatzungszeit der Stadt hin zu weisen. Was kaum jemand dabei erwähnte: Nirgendwo wird das deutsche Verhalten gegenüber Kriegsverbrechern so deutlich wie hier. Und kaum ein Vorfall hat das deutsche Bild in den Niederlanden lange so negativ geprägt wie die Flucht der Häftlinge von Breda. Die Flucht von sieben verurteilten NS-Verbrechern 1952 in die Bundesrepublik, wo sie nie wegen ihrer Taten büßen mussten. 2010 hat die niederländische Justiz letztmalig einen Auslieferungsantrag für einen der Verbrecher gestellt, vergeblich. Im Mai 2012 starb er.

Der Fall ist symptomatisch für die längste Phase der Nachkriegszeit und für einen erheblichen Teil der deutschen Bevölkerung. Dabei hatten sich die Alliierten, vor allem Briten und Amerikaner, anderes vorgenommen: Es sollte eine Aufarbeitung der schrecklichen Taten geben, eine Umerziehung der Deutschen. Zwar herrschte anfangs in der deutschen Bevölkerung eine "relativ breite Übereinstimmung, NS-Täter zur Verantwortung ziehen zu wollen." (22) Doch nach der Besatzungszeit lahmte der Verfolgungseifer beträchtlich. Und in den 1950er-Jahren jubelten Zuschauer in manchen Prozessen, etwa wenn Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes oder der Gestapochef von Nürnberg, Benno Martin (dem Judendeportationen zur Last gelegt wurden), freigesprochen wurden. Hatte es zunächst noch eine tiefe Kluft zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung gegeben (79), so spielte dies nach Gründung der Bundesrepublik kaum noch eine Rolle: Die Taten wurden nur selten thematisiert.

Die Besatzungsmächte hatten 1945 bestimmt, dass alle aktiven NSDAP-Mitglieder sowie diejenigen, die an der Strafjustiz des NS-Regimes direkten Anteil gehabt hatten, nicht mehr Richter und Staatsanwälte werden durften. Möglichkeiten, dies zu gewährleisten, gab es, den Alliierten standen die NSDAP-Mitgliederkartei und die Personalakten des Reichsjustizministeriums zur Verfügung. Doch das Verfahren, diesen Personenkreis zu ermitteln und auszuschließen, verlief in allen Besatzungszonen unterschiedlich stringent und wurde in der Bundesrepublik, aber auch in der DDR verwässert. Hinzu kam: Es wurde kaum nachermittelt. So konnte jener "schreckliche Jurist" (Rolf Hochhuth) Hans Filbinger durch die Maschen schlüpfen, weil er seine Tätigkeit bei Sonder-, Stand- und Kriegsgerichten verschwieg. (35f)

Nach dem ersten Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher stießen nur noch wenige Fälle überregional auf Interesse in der deutschen Öffentlichkeit, etwa jener gegen die Denunziantin Carl Goerdelers, Helene Schwärzel. Der Prozess gegen ihre Mittäter anderthalb Jahre später fand kaum noch öffentliche Resonanz. Selbst das erste Verfahren gegen einen KZ-Kommandanten in Deutschland, gegen Paul-Werner Hoppe (KZ Stutthoff) in Bochum 1955, fand nur ein begrenztes Echo; Hoppe kam mit läppischen fünf Jahren und drei Monaten Haft davon. Auch die Presse nahm kaum Notiz, obwohl in diesem Verfahren vor allem die Vergasung jüdischer Frauen im Mittelpunkt stand: Wenn in den Medien berichtet wurde, dann auf der Grundlage von Berichten der Nachrichtenagenturen und nicht eigener Korrespondenten. Es gab eine wichtige Ausnahme: Der Fall von Feldmarschall Ferdinand Schörner, dem zahlreiche Hinrichtungen deutscher Soldaten und Zivilisten gegen Kriegsende vorgeworfen wurden. Hier konnten Medien und Bevölkerung mitfühlen, jeder hätte Opfer sein können. Beim Mord an jüdischen Frauen fiel das offenbar erheblich schwerer. Hans Habe, damals US-Presseoffizier, sah die zentrale amerikanische Informationspolitik im Zuge der Umerziehung schon 1946 als gescheitert an. (97)

So ist in den 50er-Jahren von einer "weiten Schlussstrichmentalität auszugehen" (60), Robert Sigel macht sie schon kurz nach Kriegsende aus. (147) Und nicht nur das: Bundesweit hatten jetzt jene das Sagen, die auch längst verurteilte Massenmörder begnadigen wollten und zum Teil selbst NS-belastet waren. (141f) Immerhin, so war die vorherrschende Meinung, hätten auch die Alliierten Kriegsverbrechen begangen, KZ-, SS- und Gestapomörder säßen demnach nur im Gefängnis, weil das Deutsche Reich den Krieg verloren hatte. Und der Rückzug ins Private tat ein Übriges: Die Führungsspitze des NS-Staates war tot, dass Hunderttausende Mittäter gewesen waren, wurde weder in Ost- noch in Westdeutschland groß thematisiert. Und die Bevölkerung tat sich leid wegen der Dinge die sie selbst zu erleiden hatte: Wohnungsnot, Heimatverlust und Hunger vor allem.

Doch die Deutschen, die einen Schlussstrich wollten, wurden enttäuscht. Ab Ende der 1950er-Jahre rückten die Verbrechen wieder in den Mittelpunkt der Berichterstattung. Und die Öffentlichkeit nahm, zunächst im Verfahren wegen der Erschießung von Fremdarbeitern in Arnsberg und dann im Ulmer Einsatzgruppenprozess, erstaunt Kenntnis davon, dass es sich bei den Tätern nicht um Sadisten, Fanatiker oder Psychopathen handelte, sondern um normale "Familienväter, die nun wieder als angesehene Männer lebten." (70) Erst hier ging ein Ruck durch Deutschland, selbst konservative Journalisten forderten nun, die Gräueltaten endlich aufzuarbeiten: "Der Schlussstrich werde nur möglich sein, schrieb etwa der Trierische Volksfreund, wenn man mit einiger Sicherheit sagen könne, dass alle oder doch ein überwiegender Teil der KZ-Verbrechen gesühnt seien" (72). Doch dazu ist es in Deutschland nie gekommen, auch wenn schon wenig später die deutsche Öffentlichkeit erneut wachgerüttelt wurde: Durch die Entführung von Adolf Eichmann und die anschließende Verurteilung des Organisators des monströsesten Verbrechen des NS-Regimes: Der Endlösung der Judenfrage. Aber auch dieser Prozess führte in Deutschland oft zu Ratlosigkeit, ja Ablehnung. Er wurde als "Demütigung" Deutschlands gesehen (292), manch Kommentator forderte eine Auslieferung Eichmanns an die deutsche Justiz – ein angesichts der bisherigen Erfahrungen mit der hiesigen Justiz ein geradezu abenteuerliches Ansinnen. Erst in den 1960er-Jahren änderte sich die öffentliche Meinung zur NS-Vergangenheit. Doch da war es, sowohl aufgrund der "biologischen Komponente" als auch wegen zahlreicher Strafrechtsänderungen längst zu spät für eine Verfolgung der Täter.

In der SBZ und späteren DDR waren die NS-Prozesse vor allem eine Möglichkeit, den eigenen Anspruch als "antifaschistischer Staat" heraus zu stellen, aber auch mit dem Finger auf die Bundesrepublik zu zeigen, die Naziverbrecher laufen ließ. Massenkundgebungen wurden organisiert und "Braunbücher" produziert; diese mit erstaunlich wenigen Fehlinformationen. Vor allem Prozesse gegen Industrielle im Westen dienten in der SBZ zur Legitimation von Enteignungen. Die Ausschaltung der "Monopolkapitalisten" war für die SED "gleichbedeutend mit der Überwindung des Nationalsozialismus" (128). Dabei fungierten die Medien als Legitimitätsinstrument des Systems. Hierzu passen auch die ausführlich dargestellten Waldheim-Prozesse, in denen nicht einmal ansatzweise versucht wurde, den Angeklagten eine individuelle Schuld nachzuweisen. Dafür konnten andere NSDAP-Mitglieder, sogar "Blutrichter", in der DDR Karriere machen; Hauptsache das – neue – Parteibuch stimmte, (176) oder die NS-Täter verpflichteten sich zur Spitzeltätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit. (219f)

Das Buch von Jörg Osterloh, Clemens Vollnhals und ihren Mitarbeitern gibt die ganze Bandbreite der Diskussion um den öffentlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit wieder. Die Antwort auf die Frage, wie die Deutschen – aber auch die Österreicher, die an der Legende strickten, sie seien nicht Täter, sondern Opfer gewesen – mit den Verbrechen der Nazizeit umgingen, ist nach der Lektüre ernüchternd: Sie gingen weitgehend gar nicht damit um. Der größte Massenmord in der Weltgeschichte spielte in weiten Kreisen der Bevölkerung und in den Medien lange Zeit überhaupt keine Rolle. Dennoch kann man auf Millionen ungesühnten Morden eine funktionierende Demokratie aufbauen. Zumindest dies hat das Beispiel Bundesrepublik, aber auch das Österreichs gezeigt.




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