Beleuchteter Reichstag

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20.9.2012 | Von:
Jan König

Zwischen Ost und West

Die Publikationsgeschichte von Stefan Heyms "Erzählungen"

II

Heym weigerte sich, die Erzählungen zu ändern, und so fielen beide aus dem Band heraus. In anderen Geschichten mussten die Bezüge zu Sowjetchef Leonid Breschnew und anderen Politikern gestrichen werden. Trotzdem ließ eine Druckgenehmigung weiter auf sich warten, was die Verantwortlichen im Verlag beunruhigte. Henniger und Heym spekulierten darüber, ob die Entscheidung zur Druckgenehmigung nicht in der HV Verlage, sondern im Politbüro des SED-Zentralkomitees falle. Mit der Vermutung lagen beide durchaus richtig. Eine Druckgenehmigung für den Band, datiert auf den 31. März 1975, war schon erstellt, als Gerhard Dahne am selben Tag Klaus Höpcke über die Aussetzung der Genehmigung informierte. Nun zog sich das Zensurspiel noch zwei weitere Monate hin. Höpcke schrieb dem Minister für Kultur, Hans-Joachim Hoffmann, dieser wandte sich am 9. April in einem vierseitigen Brief an Kurt Hager, um ihn über das Druckvorhaben zu unterrichten. Es folgte die Absprache mit dem Politbüro. Am 30. Mai schließlich wurde mit zweimonatiger Verspätung die Druckgenehmigung ausgestellt.

Die "Erzählungen" wurden gedruckt, und der Vorgang ruhte bis Ende Oktober 1975. Dann entdeckte während der Frankfurter Buchmesse ein aufmerksamer Mitarbeiter der Hauptverwaltung die Kurzgeschichte "Das Wachsmuth-Syndrom" in einem Buch des Claasen-Verlags. Die Erzählung war zuvor im "Playboy" und in der "Berliner Handpresse" veröffentlicht worden und hatte für Heyms Prosaband die DDR-Zensur passiert. In der Erzählung wandeln sich männliche Hormone in weibliche, was zu Geschlechtsumwandlungen führt. Doch waren es weniger die sexuellen Schilderungen als die Anspielungen auf führende Politiker der KPdSU, die die HV Verlage und Buchhandel gestrichen haben wollte.

Nach Erscheinen des Textes in der Bundesrepublik war in der HV die Sorge groß, der Zensur überführt zu werden. Man wollte verhindern, "dem Klassengegner (…) Stoff für weitere Angriffe gegen unsere Kulturpolitik zu liefern"[10]. Zudem hatte auch der sowjetische Botschafter in Ost-Berlin Pjotr Abrassimow Wind von der Verunglimpfung des höchsten Parteigenossen gekriegt.[11] Jetzt wurde auch das SED-Zentralkomitee eingeschaltet. In einem Gespräch mit Dahne Ende November 1975 befürwortete die Funktionärin Lucie Pflug die Streichung der Geschichte, hatte aber noch andere Neuigkeiten, wie Dahne handschriftlich notierte: "Genossin Pflug machte weiterhin darauf aufmerksam, daß in dem Band 'Schatten und Licht' eine Erzählung enthalten gewesen wäre, die den energischen Protest des Physikers Pose hervorgerufen habe. Dieser hatte unter der Bedingung von einer Klage Abstand genommen, daß diese Geschichte nicht mehr nachgedruckt wird. Genossin Pflug fragte, ob 'Mein verrückter Bruder' mit dieser Erzählung identisch sei. Ich versprach, dies nachprüfen zu lassen."[12]

Der Band "Schatten und Licht" war 1960 im Leipziger List Verlag erschienen und trug den Untertitel "Geschichten aus einem geteilten Land". Die Erzählung "Mein verrückter Bruder" hatte heftigen Protest bei Heinz Pose ausgelöst, einem Professor an der Technischen Universität Dresden. Heyms Erzählung fiktionalisiert Poses Leben. Der Physiker hatte als NSDAP-Mitglied im "Dritten Reich" Karriere gemacht und nach Kriegsende die Leitung eines sowjetischen Atombombenprogramms übernommen. Zurück in der DDR versuchte der amerikanische Geheimdienst, Pose mit Hilfe seines Bruders zum Überlaufen zu bewegen, was aber scheiterte. Heym erzählt die Geschichte aus der Sicht des Bruders, der den Atomphysiker auf seinen Stationen begleitet. Während der Physiker in den beiden Diktaturen Karriere macht, muss der Bruder die niedrigsten Arbeiten verrichten. Schließlich wird er wegen des Abwerbeversuchs verhaftet.

Nun mussten auch "Das Wachsmuth-Syndrom" und "Mein verrückter Bruder" aus dem Band der "Erzählungen" gestrichen werden. Doch für die Herausnahmen der beiden Geschichten war es eigentlich zu spät. Die Bücher waren gedruckt, gebunden und standen für Ende November 1975 zur Auslieferung bereit. Zudem war das Buch während eines Literaturgesprächs mit Heym angekündigt worden. Dennoch blieb der Protest des Verlages wirkungslos und die Bücher mussten makuliert werden. Der Buchverlag wollte "bei Anfragen [v]orerst erklären, daß sich das Erscheinen aus technischen Gründen verzögere."[13] Immerhin musste Der Morgen nicht gänzlich auf die Herausgabe des Bandes verzichten. Für 1976 wurden von der Hauptverwaltung zusätzlich 3,5 Tonnen Papier für einen Neudruck bereitgestellt. Am 11. Dezember 1975 beantragte der Buchverlag Der Morgen erneut den Druck des Buches in einer Auflage von 15.000 Exemplaren. Die Druckgenehmigung wurde noch am gleichen Tag erteilt.
Cover von Stefan Heyms "Erzählungen"Stefan Heyms "Erzählungen"; Einbandgestaltung: Lothar Reher (© Buchverlag Der Morgen)
Von den ursprünglich 13 Erzählungen verblieben nur noch neun in dem Band, fast ein Drittel wurde gestrichen.

III

Stefan Heym konfrontierte das DDR-Regime mit seinen kritischen Texten zur Zeitgeschichte, die künstlerisch verarbeitet konkrete Problematiken aufgriffen, wie am Beispiel der Erzählung "Mein Richard" gezeigt wurde. Das Genehmigungsverfahren des Bandes "Erzählungen" zeigt zwei Zensurschritte: Zunächst erfolgte mit der Streichung von "Die Gleichgültige" und "Mein Richard" sowie der Änderung weiterer Beiträge eine politisch-inhaltliche Zensur des Bandes. Im zweiten Schritt wurden die Geschichten "Das Wachsmuth-Syndrom" und "Mein verrückter Bruder" aus dem Band genommen. Die Gründe waren hierbei textexterner Art. Mit der Streichung der Pose-Erzählung wollte die Zensurbehörde eine Klage verhindern, während der Fall "Das Wachsmuth-Syndrom" die Besonderheit von Heyms Rolle zeigt. Mit der Streichung dieser Erzählung wollte sich die Zensurbehörde in der zwischenstaatlichen Kulturpolitik nicht öffentlich die Blöße geben, einen Autor wie Stefan Heym inhaltlich beschneiden zu müssen. Bei einer Veröffentlichung in dem Band hingegen wäre die Zensur offensichtlich geworden. Heyms Publikationen in der Bundesrepublik verlangten von den DDR-Verantwortlichen eine erhöhte Aufmerksamkeit im Genehmigungsprozess. Zumal die politische Führung forderte, über den Verlauf des Verfahrens informiert zu werden, und letztlich auch an der Entscheidung über den Druck beteiligt war. Dies führte dazu, dass sich das Druckgenehmigungsverfahren von Stefan Heyms "Erzählungen" über ein Jahr lang hinzog.

Fußnoten

10.
Ebd., Bl. 49.
11.
Vgl. Stefan Heym, Nachruf, München 1998, S. 884f.
12.
Gerhard Dahne, handschriftl. Notiz, Berlin 24.11.1975, BArch DR1/2320, Bl. 53.
13.
Karlheinz Zydoreck, Schreiben an Klaus Höpcke, Berlin 27.11.1975, BArch DR1/2320, Bl. 42.

Stefan Heym war der berühmteste Schriftsteller der DDR und einer ihrer lautesten Dissidenten. Ob im sozialistischen Alltag oder in seinen Werken – als Autor mit Weltruf besaß er eine Sonderstellung. Diese nutzte Heym konsequent, um zu kritisieren und anzuklagen. Eine Würdigung zum 10. Todestag des Literaten.

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