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20.9.2012 | Von:
Ingrid Sonntag

Langsamer Abschied von der DDR

Kommentar zu einer Festrede von Hans Mayer auf Anna Seghers am 26. Januar 1962

IV. "Wann und wo treffen wir uns?"

Die Frage von Anna Seghers' Sekretärin Grete Raphael nach Ort und Zeitpunkt der Feier zum Erscheinen von Nummer 9.000 bzw. das späte Datum, zu dem die Frage überliefert ist,[40] lassen erkennen, unter welchem Druck der Verlag und seine Gäste standen. Anfang Dezember war immer noch nicht bekannt, wo man sich treffen würde.
Hans MarquardtHans Marquardt bei der Feierstunde im Gohliser Schlösschen, 26. Januar 1962 (© Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart)
Nachdem Marquardt am 2. Dezember an den Leipziger Oberbürgermeister geschrieben hatte, konnte er am 9. Dezember "[he]ute schon" Seghers und Mayer mitteilen, dass die Jubiläumsfeier im "Hauptsaal des Gohliser Schlößchens" stattfinden werde.[41]

Auch bei der Fertigstellung des Jubiläumsbandes geriet man unter Druck. Das Büchlein zählte aus produktionstechnischen Gründen zu den sogenannten "Überhangtiteln", konnte also im vorgesehenen Planjahr nicht ausgeliefert werden. Außerdem gelang es nicht, die "cellophanierte" und somit repräsentative Ausgabe pünktlich zur Festversammlung vorzuhalten. Nach Fertigstellung werde er aber "sofort" einige Exemplare überbringen, "dabei können wir ja noch einige Gedanken zum Ablauf der Feier austauschen",[42] schrieb Marquardt am 8. Januar 1962 an Mayer. Am selben Tag rapportierte er Seghers, dass am 26. Januar neben den "offiziellen Persönlichkeiten" die "Repräsentanten des Verlagswesens, des Buchhandels, der Künstlerverbände, der Universitäten und Hochschulen und Angehörige sozialistischer Brigaden" am Festakt teilnehmen würden.

Der Verlag hielt getrennte Pressekonferenzen in Leipzig und Berlin eine bzw. zwei Wochen vor der Feierstunde ab und lenkte die Berichterstattung auf die Rolle der Universal-Bibliothek bei der sozialistischen Bildungs- und Erziehungsarbeit.[43] Doch die Leipziger Germanistikstudenten würden nicht zu den Anwesenden der Abendveranstaltung zählen. Denn Seghers las am Vormittag des 26. Januar im Germanistischen Institut in einer gesonderten Veranstaltung: "Da die Hörerkreise der beiden Veranstaltungen sich grundsätzlich unterscheiden, kann man durchaus in jedem Fall den selben Text vortragen."[44] Damit war auch gegenüber der Präsidentin des Schriftstellerverbandes sichergestellt, die Festgesellschaft im Gohliser Schlößchen würde unter sich bleiben.

RUB 9.000: FeierstundePublikum der Feier zur RUB-Nr. 9.000 im Gohliser Schlösschen, 26. Januar 1962: die Schriftstellerin Lore Mallachow (r.) und der Schriftsteller und Übersetzer Hugo Huppert, rechts hinter ihm der frühere Verlagsleiter Gerhard Keil (© Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart)
Hier lässt sich ein Modell von inszenierten Publikumsveranstaltungen in Ostdeutschland erkennen, das unmittelbar nach dem Mauerbau und dem Inkrafttreten der neuen Doktrin erste Konturen erhielt und ausbaufähig war. Wenige Jahre später ließen sich inszenierte Proteste von FDJ-Gruppen und sozialistischen Brigaden implantieren, beispielsweise nach dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 bei den Filmvorführungen von "Die Spur der Steine" in Ost-Berlin, Rostock und Leipzig.

Angesichts des Aufwands erscheint es paradox, dass die meisten "Persönlichkeiten" der zentralen Kulturelite aus den Ost-Berliner Ministerien und dem Parteiapparat am 26. Januar 1962 gar nicht nach Leipzig reisten, sondern einzig Hans Mayers Widersacher Alfred Kurella.[45] Die Wiederbegegnung der beiden Repräsentanten aus dem einstigen kommunistischen Führungszirkel – Kurella mit und Mayer ohne Parteibuch, Mayer auf Veranlassung der SED, die Kurella das höchste Amt für Kultur im Parteiapparat zugewiesen hatte, kulturpolitisch isoliert – stellte einen beklemmenden Höhepunkt in deren Beziehungen dar. Denn Kurella war nicht nur maßgeblich an der Durchsetzung der Doktrin des "sozialistischen Realismus" und vielen kulturpolitischen Interventionen beteiligt, gegen die Mayer seine Stimme erhoben hatte. Beide rivalisierten auch jahrelang um künstlerische Einflussnahme, und zwar mit ihren Übersetzungen des Prosawerks von Louis Aragon – einst Surrealist, aktives Mitglied der kommunistischen Partei in Frankreich und eine Integrationsfigur für die ostdeutschen bürgerlich geprägten linken Intellektuellen.

Während Mayers Übersetzung der "Karwoche" von Aragon in den renommierten Verlagen Biederstein in West- und Volk und Welt in Ostdeutschland im Herbst 1961 parallel erschien, könnte Kurella zeitgleich mit dem Europäischen Buchklub Zürich in Verbindung gestanden haben. Denn nicht in der DDR, sondern im Verlag des einstigen NS-Funktionärs und Lyrikers Gerhard Schumann[46] sollte Kurellas Version des Romans "Karwoche" herauskommen, ohne Angabe eines Erscheinungsjahres, aller Wahrscheinlichkeit nach vor dem Verkauf des Buchklubs an den Bertelsmann-Konzern 1962/63.

V. Showdown – "Kleine Festrede"

Hans MayerHans Mayer bei seiner "Kleinen Festrede" im Gohliser Schlösschen, 26. Januar 1962 (© Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart)
Hans Mayer stellte am Anfang seines Auftritts am 26. Januar 1962 klar, was von ihm "heute" nicht zu erwarten sei: "Festrede! Festansprache" stehe auf dem Programm und klinge "ziemlich bedrohlich".[47] Keinesfalls werde er "Ihnen oder gar Anna Seghers mit erhobenem Zeigefinger auseinandersetzen, wo sie fehlt und wo sie recht getan hat. Nichts dergleichen." Auch bei Erscheinen der Nummer 8.000 für Leonhard Frank – "es war wohl im Rathaus" – habe er die ehrenvolle Ausgabe gehabt, "eine kleine Laudatio" zu halten. "Kleine Festrede" sei eigentlich eine schöne Formulierung.

Der Festvortrag hätte unter dem Thema "Die 'zukünftige Vergangenheit', die hier auch 'vergangene Zukunft' ist",[48] stehen können. Seghers' autobiografische Erzählweise von "Der Ausflug der toten Mädchen" aufgreifend, begann Mayer mit persönlichen Erinnerungen und – einer Indiskretion. Während der gemeinsamen Rückreise von der Münchner PEN-Tagung im Jahr 1954 mit Johannes R. Becher, Erich Wendt, dem damaligen Leiter des Aufbau-Verlags und der Lenin-Abteilung im Partei-Institut für Marxismus und Leninismus, und Alexander Abusch – das müsse hier "nun leider gesagt werden" – habe Anna Seghers "ein Groschenheftchen" gelesen, "nicht von Bill Lane [ein Mickey Spillane; handschriftliche Korrektur von Hans Mayer] oder eine Kriminalgeschichte, sondern das, was man mit einem schönen unübersetzbaren Ausdruck eine 'Schnulze' nennt." Seghers habe dafürgehalten, es sei "eine faszinierende Geschichte." Denn aus der "unerträglichen Rührseligkeit" sei "eine echte Ergriffenheit", aus der "von einem beauftragten Scribenten hingeschriebenen Gelegenheitssache […] ein Menschenschicksal geworden."

Nach einer Goethe-Replik mit allerlei Wort-Pirouetten bescheinigt Mayer der Autorin "Genialität" und die "Einheit des Menschen und seines Werks". Daraufhin wendet er sich neuen Themen und Schlagworten der Zeit zu, beispielsweise dem Diskurs über den Unterschied in den Begriffen "Dichter" und "Schriftsteller", der damals in Westdeutschland geführt wurde, und über Ulbrichts "Unterscheidung von uneigentlicher und eigentlicher Kunst" – ohne eine eindeutige Haltung zu beziehen. Am Ende seiner Ausführungen kommt er auf eine Figur aus dem Seghers-Roman "Die Entscheidung" zu sprechen.[49]

Herbert Melzer sei kein Dichter, "aber ein Schriftsteller, ein Mann der geistigen Entscheidung, der Entscheidungsmöglichkeit." Melzer habe einst im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft, aber den Kontakt zu "den Freunden" verloren und sei ein Erfolgsschriftsteller in Amerika geworden. Im Unterschied zu dem Typus des Unterhaltungsschriftstellers stelle Anna Seghers den Typus einer Dichterin dar, die mit den Möglichkeiten des "Dichtertums" nicht "Missbrauch" getrieben habe wie ihre Figur.

Weil kein Ereignis im 20. Jahrhundert die traditionelle politische Rollenverteilung und die Hoffnungen der Linken derart in Frage gestellt hat wie der Spanische Bürgerkrieg, in dessen Folge es im gesamten sowjetischen Machtbereich zwischen 1948 und 1957 zu zahlreichen Parteisäuberungen gekommen ist, und weil – wie Mayer 1953 gesehen hatte – "wir" alles noch nicht "überwunden" haben und etwas "faul ist im Staate DDR",[50] sprach er indirekt von den Bedrohungen, die von den "Freunden" ausgehen. Die Teilnehmer am Spanienkrieg, die vornehmlich aus dem westlichen Exil zurückgekehrt waren, hatten sich von den sowjetischen "Freunden" und ihren Helfershelfern dem Vorwurf des "Trotzkismus", der Komplizenschaft mit dem Imperialismus und – sofern sie Juden waren – des Zionismus ausgesetzt gesehen und waren in den Fünfzigerjahren zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt worden.

In der Erwähnung des Spanischen Bürgerkriegs und in der aufgezeigten Perspektive vom "erfolgreiche[n] Schriftsteller in den USA" scheint in der emotionalen wie ambitionierten Rede ein Widerspruch auf, den Mayer nicht auflöst, sondern mit einer immer geschickteren Steigerung von Etabliertem in Bildlichkeit und rhetorischer Verfahrensweise zu bezwingen sucht.

Reaktionen auf die "Kleine Festrede" sind kaum bekannt geworden. Die Regionalpresse berichtete vorauseilend oder bezog sich nachträglich auf das Pressematerial des Verlages. Überregional hat Günter Caspar im "Sonntag" einige "braune Barden und Reichskulturkammer-Gefeierte" im Stuttgarter Reclam-Programm entdeckt, "die da alle, alle fröhliche Urständ" feierten. Aber: "Nicht im Fünf-Stock-Neubau der Stuttgarter Separatisten, sondern immer noch in Leipzig ist der Reclam-Verlag beheimatet."[51]

Der Dank des Verlages, von Hans Marquardt gleichlautend an Anna Seghers und an Hans Mayer gerichtet, klingt erleichtert und unterkühlt: "Schon heute glaube ich sagen zu können, daß die Begegnung im Gohliser Schlößchen in der langen Geschichte unseres Verlages ihren besonderen Platz" haben werde.[52]

Ob Mayer der Bitte des Lektorats nachgekommen ist, aus seiner "so erfrischend unmittelbaren Festansprache" etwas herauszulösen, was "auch außerhalb des Gesamtzusammenhangs sehr wirkungsvoll für sich stehen kann", lässt sich nicht nachweisen.[53] Jedenfalls erschien in den Verlags-Mitteilungen im März 1962 zur Buchmesse seine Rede ab Seite 4 vom Typoskript.


Fußnoten

40.
Grete Raphael an Hans Marquardt, 26.11.1961, RAL, Ordner 232 [25].
41.
Hans Marquardt an Oberbürgermeister Walter Kresse, 2.12.1961, u. ders. an Anna Seghers u. Hans Mayer, beide 9.12.1961, RAL, Ordner 232 [25].
42.
Hans Marquardt an Hans Mayer, 8.1.1962, RAL, Ordner 232 [25].
43.
Hans Marquardt an Neues Deutschland, Bezirksdirektion, Einladung zur Pressekonferenz, 5.1.1962, u. Elvira Padel/Lothar Kretschmar an die Kollegen v. Sektor Literurpropaganda im Ministerium f. Kultur, Abt. Literatur und Buchwesen, RAL, Ordner 232 [25].
44.
Hans Marquardt an Anna Seghers, 23.1.1962, RAL, Ordner 232 [25]. – Seghers las am Vormittag des 26.1.1961 an der Universität aus "Transit" und "Die Entscheidung", im Gohliser Schlösschen aus "Der Ausflug der toten Mädchen".
45.
[Marion] Fukas [Sekretariat Staatssekr. Wendt] an die Genossen des Reclam-Verlages, 10.1.1962, u. Liste der Gäste an der erweiterten Feier im Astoria, o. D., RAL, Ordner 232 [25].
46.
Zu Schumann, seit 1930 NSDAP- und SA-Mitglied, Mitglied des Reichskultursenats und der Reichsschrifttumskammer, als 1. Präsident der Hölderlin-Gesellschaft 1944 im Range eines SS-Obersturmführers, vgl. Der Spiegel, 37/1959, S. 72f, u. Simone Bautz, Gerhard Schumann – Biografie. Werk. Wirkung eines prominenten nationalsozialistischen Autors, Gießen 2008.
47.
Kleine Festrede, Abschrift m. handschr. Korrekturen, RAL, Ordner 232 [25], S. 1; vgl. auch die vorliegende Dokumentation, http://bpb.de/140039/. – Alle Zitate daraus ebd., S. 1ff.
48.
Vgl. Walter Grossmann, Die Zeit in Anna Seghers' "Ausflug der toten Mädchen", in: Sinn und Form 14 (1962) 1, S. 126–131, hier 131.
49.
Anna Seghers, Die Entscheidung, Berlin 1959.
50.
Hans Mayer an Johannes R. Becher, 30.3.1953, in: Lehmstedt, Mayer-Briefe (Anm. 1), S. 156.
51.
Günter Caspar, Die Nummer 9.000 in Reclams Universal-Bibliothek, in: Sonntag, 5/1962, S. 12f.
52.
Hans Marquardt an Anna Seghers, 5.2.1962, u. an Hans Mayer, 19.2.1962, RAL, Ordner 25.
53.
Elvira Pradel u. Hubert Witt an Hans Mayer, 21.1.1962, u. Hans Marquardt an dens., RAL, Akte 124. Vgl. auch: Anna Seghers – Einheit von Mensch und Werk. Aus der kleinen Festrede von Professor Dr. Hans Mayer, in: Das Reclam-Buch. Mitteilungen des Verlages Philipp Reclam, H. 18, März 1962, S. 2f.

Hans Mayer versuchte 1953 nachzuweisen, dass beim Aufstand des 17. Juni in der DDR wie bei der Exekution der Rosenbergs zwei Tage darauf in den USA faschistische Tendenzen wirksam waren. Dieser verschollene Text des von 1948–1963 in Leipzig lehrenden Germanisten tauchte vor einem Jahr wieder auf.

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Unmittelbar nach der Niederschlagung des Aufstandes vom 17. Juni 1953 verfasste Hans Mayer seine Gedanken dazu. Er erkannte darin einen "faschistischen Putschversuch". Diese frühen Äußerungen werden verglichen mit zwei späteren Interpretationen Mayers aus den Jahren 1984 und 1991.

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