Beleuchteter Reichstag

30.5.2013 | Von:
Yannick Lowin

Die Wende im Zonenrandgebiet: Betrachtungen des Mauerfalls in der Stadt Osterode am Harz

Aus einem zeitlichen Abstand von über 20 Jahren beschreibt Yannick Lowin die Wahrnehmungen und Erinnerungen an die Grenzöffnung im November 1989 in einer Gemeinde am Harzrand. Beruhend auf zeitgenössischen Quellen werden die Begegnungen der Menschen in einer geteilten Region abseits der großen Scheinwerfer deutlich.

Hunderte Demonstranten stehen am 03. Dezember1989 an einem mit Stacheldraht bewehrten Tor auf dem Brocken.Hunderte Demonstranten stehen am 03. Dezember 1989 an einem mit Stacheldraht bewehrten Tor auf dem Brocken. Im Verlauf der Demonstration wurde das Tor geöffnet und der höchste Berg Mitteldeutschlands konnte erstmals nach 28 Jahren wieder frei betreten werden. In Zeiten des Kalten Krieges war der Brocken der westlichste Vorposten Moskaus. Auf dem Gipfel befanden sich zwei leistungsstarke Abhöranlagen. (© picture-alliance/dpa)

Im Schatten der Grenze

"Es war wirklich wie ein Wunder", war auf der Titelseite der Montagsausgabe des Harz Kuriers vom 13. November 1989 zu lesen.[1] Die Überschrift in der Osteroder Lokalzeitung deutet an, wie unerwartet und beinahe unfassbar die tatsächliche Öffnung der Grenze zur DDR für die Menschen in der Bundesrepublik war. Im Zonenrandgebiet nahm man die Nachricht besonders enthusiastisch auf: "Fremde Menschen lagen sich in den Armen und weinten, weinten Freudentränen, dass die Trennung nun endlich vorüber war".[2] Nicht weit weg vom Eichsfeld, im und am Harz, wurde die Botschaft begeistert aufgenommen, denn das Mittelgebirge litt ebenfalls vierzig Jahre lang unter der Trennung. Auch hier endeten Straßen im Nirgendwo oder an einem unwirklichen Zaun, bewacht von Grenzern, die mit Ferngläsern die Schritte und Tritte eines jeden, der sich den Grenzanlagen näherte, beobachteten.

Für die Menschen entlang der "grünen Grenze" war der Mauerbau in Berlin nur der Schlussakkord einer Entwicklung, die die beiden deutschen Staaten voneinander trennte. Ein größerer Einschnitt für ihr alltägliches Leben ging bereits vom 26. Mai 1952 aus. An diesem Tag erließ die DDR-Führung die "Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der DDR und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands."[3] Mit Umsetzung der Verfügungen wurde eine in drei Abschnitte gegliederte "Sicherheitszone" geschaffen, mit dem Ziel, die Grenze endgültig zu schließen, nachdem ab Anfang Juli 1945 die meisten Straßen zwischen den Orten der Besatzungsbiete zwar gesperrt waren, es aber noch eine beträchtliche Anzahl von Grenzgängern und Flüchtlingen gab.[4] Auch der Harz, das nördlichste Mittelgebirge Deutschlands und eine sehr beliebte Fremdenverkehrsregion, wurde dadurch "grausam durchschnitten."[5] Die strengeren Reglementierungen bedeuteten gleichzeitig das Ende für den "kleinen" Grenzverkehr", wie zum Beispiel am Grenzübergang zwischen Walkenried und Ellrich im Südharz.

Der Landkreis Osterode am Harz, und seine gleichnamige Kreisstadt, die etwa 30 Kilometer vom späteren "Todesstreifen" entfernt lag, wurden nun endgültig zum Zonenrandgebiet. Mit der Unterzeichnung des Grundlagenvertrags im Dezember 1972 durch die beiden deutschen Staaten wurde jedoch wieder ein neuer "kleiner Grenzverkehr" eingerichtet, der es den Bewohnern der grenznahen Städte und Landkreise im Bundesgebiet ermöglichte, Tagesaufenthalte in der DDR zu verbringen. Dazu wurden auch vier neue Grenzübergangsstellen (GÜST) eingerichtet, zu denen unter anderem der Übergang Duderstadt-Worbis, etwa 35 Kilometer von Osterode entfernt, zählte.[6]

Ungeachtet des großen bürokratischen Aufwands, der im Vorfeld betrieben werden musste und der Unannehmlichkeiten, denen die Reisenden manchmal durch die DDR-Grenzpolizisten ausgesetzt waren, machten viele Westdeutsche Gebrauch vom "kleinen Grenzverkehr." So wurde die Grenzübergangsstelle Duderstadt-Worbis nach ihrer Eröffnung am 21. Juni 1973 mit fünf Millionen Grenzübertritten zu einem häufig genutzten Nadelöhr ins "andere Deutschland."[7] Auch zahlreiche Bürger der Stadt Osterode am Harz nahmen die Möglichkeit wahr, in die DDR zu reisen.[8]

Sehnsucht "nach drüben"

Da allerdings viele touristische Orte und Sehenswürdigkeiten, allen voran der Brocken als Wahrzeichen des Harzes, im Sperrgebiet lagen und damit trotz des etwas verbesserten Zugangs zum Ostteil der Region weiterhin unerreichbar waren, entwickelte sich bei vielen Bewohnern im Westen eine Sehnsucht "nach drüben": "Nur die Älteren und Alten können sich noch erinnern, den Brocken bestiegen zu haben und das Brockenhaus besucht zu haben", heißt es 1985 in dem Reiseführer "Wanderbuch Harz".[9] Und eine Autorin der Wochenzeitung Die Zeit stellte fest: "Heute […] ist der Brocken für uns unerreichbarer als China. Auf seinen 1.142 Metern Höhe haben die Russen ihre Lauscher nach Westen aufgestellt: militärisches Sperrgebiet".[10] Und so endete auch der nach Goethe benannte Stieg von Torfhaus hinauf auf den höchsten Berg des Harzes "[…] wie hier alle Wege nach Osten, abrupt an der Grenze".[11]

Auch andere Sehenswürdigkeiten im Ostharz wurden mit der Zeit schmerzlich vermisst: "Namen des jenseitigen Harzes wie Schierke, Wernigerode, Quedlinburg oder Blankenburg geraten bei uns langsam in Vergessenheit".[12] Dem Vergessen der Harzorte auf der Ostseite versuchten vor allem heimatverbundene Organisationen wie der Harzklub entgegenzuwirken, was sich unter anderem in ihren Publikationen niederschlug. So veröffentlichte der Heimatverein in seiner Zeitschrift "Unser Harz" zum Beispiel Nachrichten aus dem Ostharz.[13]

Die Maueröffnung und ihre Rezeption in der Stadt Osterode

Die im November 1989 plötzlich hergestellte Reisefreiheit führte auch im Harz zu einem Ansturm auf die Grenzübergangstellen. So warteten an der GÜST Worbis-Duderstadt Tausende, um sich ein Visum von den Grenzpolizisten ausstellen zu lassen.[14] Entlang der Bundesstraße 247 zwischen den beiden deutschen Staaten hatte sich eine Autoschlange von etwa 50 Kilometer Länge gebildet.[15] Es kam zu einem anhaltenden Strom von Trabis und Wartburgs über diesen und andere, schnell aus dem Boden gestampfte Grenzübergänge.

Ein ausgedienter Wachtum trägt die Aufschrift: "MÜPIK Grenz-Snak"Ein ausgedienter Wachturm am ehemaligen Grenzübergang Duderstedt wird im September 1990 für Werbezwecke genutzt. (© Bundesarchiv, Bild 183-1990-0919-307, Foto: Ralf Hirschberger)
Welche Auswirkungen die Grenzöffnung auf die Kleinstadt Osterode am Harz haben würde, war zunächst unklar. Würden nur die direkt an die DDR angrenzenden Gemeinden des Landkreises von der Flut der ausreisewilligen Bürger "betroffen" sein, oder hatte auch die Kreisstadt vorbereitende Maßnahmen zu treffen? Nach Einschätzungen des damaligen Leiters des Osteroder Sozialamtes, Klaus Schulze, war mit einem "Besuchersturm" zu rechnen.[16] Das bedeutete auch, dass die Menschen aus der DDR das ihnen zugebilligte Begrüßungsgeld in Anspruch nehmen würden. Das Geld sollte in Post- und Sozialämtern ausgezahlt werden, in denen am 10. November überall im Landkreis Zahlstellen eingerichtet wurden.[17]

Zunächst blieb der befürchtete Ansturm auf die Auszahlstellen in der Kreisstadt jedoch aus. Am Freitag, dem 10. November, verirrten sich lediglich ein bis zwei DDR-Bürger nach Osterode. Das Gros derjenigen, die die neue Reisefreiheit ausnutzte, schien sich nicht sehr weit westlich über die Grenze hinaus bewegt zu haben. Vorerst tastete man sich in die grenznahen Ortschaften vor. Aber bereits am Samstag, dem 11. November, kam es auch in der Stadt Osterode zu dem erwarteten Ansturm. Sozialamtsleiter Schulze bekam, soweit seine Erinnerungen, gegen 5:30 Uhr den Anruf, dass der gesamte Parkplatz vor dem Rathaus voller Trabbis stünde. Ab 7:30 sei dann "von morgens bis abends" das Begrüßungsgeld ausgezahlt worden[18] - allein im Sozialamt seien es 20.000 Mark gewesen.[19] Der große Andrang habe dann etwa ein bis zwei Wochen angehalten. Um die wartenden Besucher nicht in der eisigen Novemberkälte ausharren zu lassen, wurde im Rathaus ein Aufenthaltsraum eingerichtet, in dem Obst, Kaffee und Schokolade kostenlos an die DDR-Bürger verteilt wurde.[20]

Bei den Mitarbeitern der Stadtverwaltung herrschte pure Euphorie angesichts der weltbewegenden Ereignisse. Daraus entwickelte sich, nicht nur bei ihnen, sondern bei der gesamten Osteroder Bürgerschaft eine große Hilfsbereitschaft und Solidarität gegenüber ihren "Brüdern und Schwestern" aus dem Osten.[21] So ging zum Beispiel ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung abends über den Großparkplatz "Bleichestelle", wo viele DDR-Bürger trotz Temperaturen unter dem Gefrierpunkt in ihren Autos übernachteten, weil sie sich keine Unterbringung im Westen leisten konnten, und schaute, wer Kinder bei sich hatte. Sie und ihre Eltern lud er ein, kostenlos in seiner nebenbei betriebenen Pension im Ortsteil Lerbach zu übernachten.[22]

Aktionen wie diese waren auch dringend nötig. Denn im Moment des ausnahmslosen Glücks bemerkten viele Menschen im Westen gar nicht, vor welchen gewaltigen praktischen Problemen die grenznahen Städte der Bundesrepublik angesichts der Grenzöffnung standen. An einigen Orten ging das Begrüßungsgeld aus, und überall mussten Auffanglager für den nicht enden wollenden Zustrom von DDR-Flüchtlingen geschaffen werden. Die Behörden unterschieden dabei zwischen denen, die legal ausgereist waren und anschließend eventuell ausgebürgert wurden und denen, die illegal das Land verließen (Flüchtlinge).[23] Vor allem letztere und diejenigen, die aus verschiedenen Gründen trotz legaler Ausreise nicht ausgebürgert worden waren, fürchteten Repressalien bei einer Rückkehr in die DDR. Sie wurden in der "Rommel-Kaserne" und der Jugendherberge untergebracht.[24] Auch in der Sporthalle des Osteroder Gymnasiums wurden Turnmatten ausgebreitet, um weitere Übernachtungs- und Aufenthaltsmöglichkeiten zu schaffen.

Beobachtungen und Wahrnehmungen

Ganz unterschiedlich waren oft die Reaktionen und Interpretationen der Beteiligten im Westen. Dem damaligen Rektor des Gymnasiums fiel auf, dass die Gäste sich misstrauisch betrachteten und kaum miteinander sprachen.[25] Er führte diesen Umstand auf die Erfahrungen der ständigen Überwachung durch die Staatssicherheit zurück.[26] Ganz andere Erfahrungen machte die ehemalige Leiterin der Stadtbibliothek Ingeborg Kehr bei ihren ersten Begegnungen mit den Besuchern aus der DDR. Sie engagierte sich ab Mitte November ehrenamtlich im "DDR-Bürgertreff", der am 10. November von der evangelischen St. Aegidien-Gemeinde eingerichteten worden war, und sprach darüber in einem Artikel der zweiten Osteroder Lokalzeitung, dem Osteroder Kreisanzeiger (OKA) am 18. Dezember.[27] Gleich am ersten Tag fanden sich hier 300 Gäste ein, die "[…] frei von Misstrauen miteinander und mit Leuten aus dem Westen in Kontakt kamen.[28] Sie machte aber die schützende und vertraute Umgebung der Kirche, die vor allem die Mitglieder aus den Reihen der DDR-Bürgerbewegung im eigenen Land schon seit vielen Jahren nutzten, dafür verantwortlich, dass sich die Menschen öffneten.[29]

Die erste Begegnung mit einem Besucher "von drüben" hatte Kehr bereits am frühen morgen des 11. November. An diesem Tag erblickte sie einen jungen Mann auf einem Motorrad vor ihrem Haus. Als sie ihn ansprach, stellte sich heraus, dass er in der Nacht aus seinem Heimatort losgefahren war und nun ein Hotel suchte, um sich stadtfein machen zu können. Kurzerhand bot sie ihm an, ihr Bad zu benutzen, machte ihm und sich Frühstück und redete eine kurze Weile mit dem Mann. Während des Gesprächs erzählte ihr der damals 28-Jährige, dass er im Bergbau tätig sei, jetzt, dank der gewonnenen Freiheit, in den Westen wollte, und dass ihm vom SED-Staat seine Jugend gestohlen worden sei. Als er das sagte, sei er in Tränen ausgebrochen.[30]

Er war nicht der einzige DDR-Bürger, der in der Bundesrepublik feuchte Augen bekommen sollte. So berichtete ein Supermarkt-Azubi dem damaligen Direktor der Hauptschule in Osterode, Georg E. Jung, von fassungslosen Menschen, die das erste Mal das Pendant zur ostdeutschen "Kaufhalle" betraten, und angesichts des Überangebots an Waren nicht fähig waren, etwas von ihrem Begrüßungsgeld zu kaufen. Einige hätten ebenfalls angefangen zu weinen.[31] Umso wichtiger war die Aufgabe, die sich der von der Kirche initiierte "DDR-Bürgertreff" gegeben hatte: Den Menschen das Gefühl zu geben, sich selbst nicht als Bittsteller und Almosenempfänger anzusehen.[32] Genau als solche bzw. als zu bemitleidende Individuen wurden sie aber von einem Teil der Osteroder Bevölkerung wahrgenommen.

Brot für die "anderen" Deutschen

Verantwortlich für diese Wahrnehmung waren in erster Linie die zahlreichen Hilfs- und Unterstützungsaktionen für die DDR-Bürger. Diese hatten ein Ausmaß angenommen, das man sonst vielleicht noch von Projekten für die "Dritte Welt" kannte. Der Filialleiter eines örtlichen Supermarktes schrieb zum Beispiel in einem Brief an den Bürgermeister, in dem er sich für die Unterstützung bei einem Spendenaufruf bedankte: "Es ist richtig rührend anzusehen, mit wie viel Ideenreichtum und Engagement die Gemeinden, Vereine und Helfer sich um unsere Brüder und Schwestern aus der DDR gekümmert haben.[33]

Vor allem die Stadt Osterode unternahm große Anstrengungen, um die Menschen aus der DDR Willkommen zu heißen. So finden sich in den Akten des Osteroder Sozialamtes diverse Rechnungen von Bäckereien, Fleischern, Supermärkten, Lebensmittelhändlern und Busunternehmen über Leistungen, die den Besuchern aus dem Osten zu Gute gekommen waren und die die Kommune beglich. Insgesamt 19.153,60 DM hatte die Stadt Osterode bis zum 14. Dezember für Bus-, Betreuungs- und zusätzliche Personalkosten ausgegeben. Auf den gesamten Landkreis Osterode wiederum fielen allein bis zum 7. Dezember 1989 20.000 DM Buskosten, um DDR-Bürger von der Nachbarstadt Herzberg in die Kreisstadt und wieder zurück zu bringen.[34] Und bereits am 28. November 1989 hatte Stadtdirektor Mönnich in einer Sitzung des Verwaltungsausschusses auf die "zunehmende Vermittlerrolle der Stadt bei Übernachtungs-, Wohnungs- und Arbeitssuche von DDR-Besuchern und Übersiedlern" hingewiesen. Darüber hinaus stellten einige Familien kostenlose Übernachtungsangebote für DDR-Besucher zur Verfügung, die im Osteroder Rathaus ausgehängt wurden.[35]

Arme Ostdeutsche

Doch woher rührte dieses Mitleid gegenüber den Menschen aus dem Osten? Den Osterodern war bekannt, dass niemand in der DDR Hunger leiden musste. Sicher, das Angebot an Konsumgütern war deutlich beschränkter, aber reichte das schon aus, um die Besucher von "drüben" wie Menschen aus der "Dritten Welt" zu betrachten?

Dabei nahmen die Politiker und Helfer im Westen sicher auch selektiv wahr und wirkten bestimmte Anekdoten verstärkend. So erinnert sich der damalige Leiter des Osteroder Sozialamtes, Klaus Schulze, daran, dass während des ersten großen Ansturms auf das Begrüßungsgeld am 11. November im Osteroder Rathaus ein Toilettendeckel aus der öffentlichen Toilette entfernt wurde, was Schulze auf die mangelhafte Versorgungslage in der DDR zurückführte.[36] Die Wahrnehmung der "anderen" Deutschen als bemitleidenswerte Angehörige eines Entwicklungslandes wurde zudem dadurch verstärkt, dass sie, aufgrund ihrer Kleidung und ihres Verhaltens, als Fremde identifiziert wurden: "Das Straßenbild in der Innenstadt hatte sich auch verändert. Überall traf man Menschen in nicht sehr modischer Kleidung", erinnert sich der Hauptschuldirektor Georg E. Jung.[37] Diese gingen von Geschäft zu Geschäft, um vom Begrüßungsgeld Waren zu kaufen; dabei seien Bananen begehrt gewesen.[38] In diesem Fall wurde ihnen aber ausnahmsweise mal kein Mitlied entgegengebracht. Stattdessen sahen sie sich mit zweifelhaften Geschäftemachern konfrontiert: Ein findiger Obst- und Gemüsehändler erhöhte schnell die Preise für die begehrten Südfrüchte.[39]

Weitere solcher Begebenheiten wurden aber nicht bekannt. Typischer war dagegen die Wahrnehmung einer Dankbarkeit der Ostdeutschen für die entgegenbrachte Hilfe: "Unsere Besucher waren erfreut, doch auch zum Teil fassungslos, denn diesen Empfang hatten sie nicht vermutet, nachdem ihnen jahrelang gepredigt worden war, wie elend wir lebten und wie verkommen unser Teil Deutschlands sei. Ganz im Gegensatz zu dem gelobten Arbeiter- und Bauernstaat DDR. Geweint haben einige Menschen ob des Betrugs, der ihnen vorgespielt wurde".[40] An diesem Zitat wird deutlich, dass viele Westdeutsche sich auch moralisch überlegen wähnten. Nicht nur, dass die Bundesrepublik Deutschland wirtschaftlich überlegen war - wie die Westdeutschen immer zu wissen glaubten - nun konnten sich die Gäste aus der DDR auch mit eigenen Augen davon überzeugen, dass sie jahrelang politischer Propaganda und Lügen ausgesetzt gewesen waren.

Das Ende der Solidarität

Vor allem in der unmittelbaren Zeit nach der Grenzöffnung suchten viele DDR-Bürger, die keine Familienangehörigen in der Bundesrepublik hatten, nach Kontakten. Im Fall von Osterode erhofften sich manche eine kostenlose Bleibe für den Harz-Urlaub und boten im Gegenzug, ihre eigene (Ferien-)Wohnung für einen Gegenbesuch in der DDR an. In einer Pressenotiz des Fremdenverkehrsamtes heißt es dazu: "Bei der Stadt Osterode am Harz gehen z.Z. vermehrt Anfragen von Bürgern aus der DDR ein, die einen Besuch in Osterode am Harz, eventuell auch mit Übernachtung, durchführen möchten, oder aber brieflichen Kontakt zu Bürgern in OHA suchen."[41] Dazu wurde ein Aufruf veröffentlicht, sich bei Interesse bei der Stadt zu melden. Die Gesuche stießen allerdings auf wenig Interesse bei den Osterodern und konnten deshalb in den meisten Fällen nicht erfüllt werden. Lediglich neun Familien reagierten auf den Aufruf des Fremdenverkehrsamtes.[42] Allerdings schrumpfte die Liste derer, die sich bereit erklärten, Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, im Laufe des Jahres 1990 von den genannten neun auf nur noch fünf.[43] Ob diejenigen, die das Angebot zurückzogen, schlechte Erfahrungen gemacht haben, ist nicht überliefert. Eine Erklärung liefert aber die folgende Erinnerung eines Osteroder Bürgers: "Ich selbst kam wiederholt mit Menschen aus Ostdeutschland ins Gespräch. Mehrmals tauschte man Adressen aus, um später in Kontakt zu treten. Dies blieb jedoch in den meisten Fällen eine Wunschvorstellung. Die Begeisterung ließ auf beiden Seiten schnell nach".[44]

Daneben gab es systembedingte Probleme bei der Annäherung. So richtete der Betriebsdirektor des VEB Getriebewerks Gotha am 5. Februar 1990 ein Schreiben an den Bürgermeister der Stadt Osterode am Harz mit dem Wunsch, einen Austausch zu veranstalten und warb dabei mit dem "modernen Betriebsferienheim", über das das VEB Getriebewerk Gotha verfüge. Da man in den vergangenen Jahren schon etliche Austausche mit Ungarn, Tschechen und Polen veranstaltet habe, und sich nun die historische Chance zum Kontakt mit dem Westen biete, würde man sich darüber freuen, wenn ein solcher Austausch zu Stande käme.[45] In Osterode am Harz gab es aber keine vergleichbare Einrichtung, weshalb der Wunsch des Betriebsdirektors nicht erfüllt werden konnte.[46]

Fazit

Nachdem das "andere Deutschland" fast 40 Jahre teilweise komplett unzugänglich, teilweise nur mühsam und temporär zu erreichen war, konnte man nach der Grenzöffnung eine ausnahmslose Freudenstimmung bei den Menschen in der Stadt Osterode am Harz feststellen. Wörter wie "Freude", "Solidarität", "Hilfsbereitschaft", "Unterstützung", tauchen immer wieder in den Zeitzeugenberichten auf, um die Situation ab dem 9. November zu beschreiben. Diese Stimmung hielt auch lange bis ins Jahr 1990 an. Was nicht explizit als solches benannt wird, aber immer wieder in den unterschiedlichsten Variationen in den Erinnerungen von Zeitzeugen deutlich wird, ist ein Gefühl von Mitleid. Dieses Mitleid ließ bei vielen Osterodern unterschwellig das Gefühl entstehen, moralisch überlegen zu sein. Zudem bestätigte ihnen das Aussehen und Verhalten der DDR-Bürger die Überlegenheit des eigenen politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens.

Zitierweise: Yannick Lowin, Die Wende im Zonenrandgebiet: Betrachtungen des Mauerfalls in der Stadt Osterode am Harz. In: Deutschland Archiv Online, 17.05.2013, Permalink: http://www.bpb.de/159454

Fußnoten

1.
Jürgen Capitow, Es war wirklich wie ein Wunder, in: Harz Kurier, 13.11.1989, S. 1.
2.
Vgl. Hans-Gerd Adler, Das Verschwinden der innerdeutschen Grenze und die Überwindung der Teilung im Eichsfeld, in: Grenzlandmuseum Eichsfeld e.V. (Hg.), Grenze – mitten in Deutschland. Begleitband zur ständigen Ausstellung im Grenzlandmuseum Eichsfeld, Heiligenstadt 2002, S. 149–156, hier S. 153.
3.
Ulrich Mählert, Kleine Geschichte der DDR, München 2001, S. 60–61.
4.
Theodor Müller-Alfeld, Das deutsche Reisebuch. Reisen und Wanderungen durch Deutschlands schönste Landschaften, Berlin u.a. 1961, S. 9.
5.
Ebd.
6.
Rainer Rohrbach, Die Grenzübergangsstelle Duderstadt/ Worbis, in: Grenzlandmuseum Eichsfeld e.V. (Hrsg.), Grenze – mitten in Deutschland. Begleitband zur ständigen Ausstellung im Grenzlandmuseum Eichsfeld, Heiligenstadt 2002, S. 117–122, hier S. 118.
7.
Ebd., S. 119.
8.
Hans Mittmann, Einleitung, in: Heimat- und Geschichtsverein Osterode am Harz und Umgebung (Hg.), Grenzfälle. Zeitzeugenberichte aus Stadt und Kreis Osterode am Harz zur Grenzöffnung am 09.11.1989, Osterode am Harz 2009, S. 7–12, hier S. 10.
9.
Gerhard Eckert, Wanderbuch Harz. München 1985., S. 91.
10.
Renate Kaufeld, Stur in der Spur. in: Die Zeit, 11.3.1988.
11.
tefan Woltereck, Die Brockenhexe tanzt nicht mehr. Kreuz und quer durch den Harz, in: Die Zeit, 30.4.1976, S. 35.
12.
Ebd., S. 9.
13.
Unser Harz, Heimatzeitschrift für den gesamten Harz und seine Vorlande, u.a. Jg. 1971 H. 1 - H. 12.
14.
Hans-Gerd Adler, Das Verschwinden der innerdeutschen Grenze (Anm. 2), S. 150.
15.
Ebd.
16.
Klaus Schulze, Die Tätigkeiten der Osteroder Stadtverwaltung im November 1989, in: Heimat- und Geschichtsverein Osterode am Harz und Umgebung (Hg.), Grenzfälle. Zeitzeugenberichte aus Stadt und Kreis Osterode am Harz zur Grenzöffnung am 09.11.1989, Osterode am Harz 2009, S. 34–38, hier S. 34.
17.
Jürgen Capitow, Es war wirklich wie ein Wunder (Anm.1).
18.
Klaus Schulze, Die Tätigkeiten der Osteroder Stadtverwaltung im November 1989 (Anm. 16), S. 35.
19.
Jürgen Capitow, Es war wirklich wie ein Wunder (Anm.1).
20.
Klaus Schulze, Die Tätigkeiten der Osteroder Stadtverwaltung im November 1989 (Anm. 16), S. 35.
21.
Ebd., S. 36.
22.
Ebd.
23.
Stadtarchiv Osterode am Harz, Bestand 11, Nr. 159.
24.
Klaus Schulze, Die Tätigkeiten der Osteroder Stadtverwaltung im November 1989 (Anm. 16), S. 38.
25.
Reinhard Krömer, Der 9. November 1989. Erinnerungen, in: Heimat- und Geschichtsverein Osterode am Harz und Umgebung (Hg.), Grenzfälle. Zeitzeugenberichte aus Stadt und Kreis Osterode am Harz zur Grenzöffnung am 09.11.1989, Osterode am Harz 2009, S. 40–42, hier S. 41.
26.
Ebd.
27.
Stadtarchiv Osterode am Harz, Bestand 11, Nr. 159.
28.
Ebd.
29.
Ebd.
30.
Heimat- und Geschichtsverein Osterode am Harz und Umgebung (Hg.), Grenzfälle. Zeitzeugenberichte aus Stadt und Kreis Osterode am Harz zur Grenzöffnung am 09.11.1989, Osterode am Harz 2009, S. 64f.
31.
Georg E. Jung, Osterode – Trabbi-Town, in: Heimat- und Geschichtsverein Osterode am Harz und Umgebung (Hg.), Grenzfälle. Zeitzeugenberichte aus Stadt und Kreis Osterode am Harz zur Grenzöffnung am 09.11.1989, Osterode am Harz 2009, S. 45–46, hier S. 45.
32.
Stadtarchiv Osterode am Harz, Bestand 11, Nr. 159.
33.
Ebd.
34.
Ebd.
35.
Ebd.
36.
Klaus Schulze, Die Tätigkeiten der Osteroder Stadtverwaltung im November 1989 (Anm. 16), S. 36.
37.
Vgl. Georg E. Jung, Osterode – Trabbi-Town (Anm. 31). S. 45.
38.
Ebd.
39.
Ebd., S. 46.
40.
Vgl. Heimat- und Geschichtsverein Osterode am Harz und Umgebung (Hg.), Grenzfälle (Anm.30), S. 64.
41.
Vgl. Stadtarchiv Osterode am Harz, Bestand 9, Nr. 17.
42.
Ebd.
43.
Ebd.
44.
Vgl. Richard Herold, Erlebnisse und Beobachtungen nach der Grenzöffnung in Osterode am Harz, in: Heimat- und Geschichtsverein Osterode am Harz und Umgebung (Hg.), Grenzfälle. Zeitzeugenberichte aus Stadt und Kreis Osterode am Harz zur Grenzöffnung am 09.11.1989, Osterode am Harz 2009, S. 72–73, hier S. 72.
45.
Stadtarchiv Osterode am Harz, Bestand 9 Nr. 17.
46.
Ebd.
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