Beleuchteter Reichstag

Sammelrezension: Gefühlte Opfer und Opfernarrative


29.7.2013
Elke Kimmel rezensiert zwei Bände, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln dem Begriff "Opfer" nähern. Ulrike Jureit und Christian Schneider appellieren in einer eher theoretischen Abhandlung an die Nachkommen der Täter, "ihre" nationalsozialistische Vergangenheit anzunehmen und sich damit in die emotionale Lage zu versetzen, die Opfer zu betrauern. Der von K. Erik Franzen und Martin Schulze Wessel herausgegebene Band befasst sich mit "Opfernarrativen" und zeigt auf, dass "richtige" Opfer häufig der Vorstellung von absolut Unschuldigen entsprechen müssen.

Besprochene Werke

Ulrike Jureit und Christian Schneider, Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung, 2. Aufl.,Klett-Cotta, Stuttgart 2011, 253 S., 21,95 €, ISBN: 9783608946499.

K. Erik Franzen und Martin Schulze Wessel (Hg.), Opfernarrative. Konkurrenzen und Deutungskämpfe in Deutschland und im östlichen Europa nach dem Zweiten Weltkrieg (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum; 126), Oldenbourg, München 2012, 223 S., 39,90 €, ISBN: 9783486712438.

Zwei Bücher mit demselben Begriff im Titel und dennoch zwei Bände, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Denn während es Ulrike Jureit und Christian Schneider ausschließlich darum geht, wie die Deutschen mit ihrer Geschichte leben könnten und warum die bisherigen Formen der Vergangenheitsbewältigung anscheinend nicht fruchteten, befassen sich die Autoren des Bandes "Opfernarrative” damit, welche Opfer anerkannt werden – und welche nicht – und was mit dieser Anerkennung verbunden ist.

Gefühlte Opfer



Buchcover: Ulrike Jureit und Christian Schneider, Gefühlte Opfer.Ulrike Jureit und Christian Schneider, Gefühlte Opfer. (© bpb)
Zunächst zu dem Band von Ulrike Jureit und Christian Schneider, der bereits in zweiter Auflage vorliegt und auch bei der Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich ist. Im ersten Teil des Bandes setzt sich Ulrike Jureit unter der Überschrift "Opferidentifikation und Erlösungshoffnung” mit der Erinnerungspolitik auseinander. Eine der Hauptthesen des Autorenteams lautet, dass das deutsche Gedenken nach dem Zweiten Weltkrieg kaum zu Verständnis und Einsicht verholfen habe. Allzu ritualisiert sei dieses Gedenken und laufe deshalb an den meisten Deutschen einfach vorbei; da helfe es wenig, dass die Deutschen "erinnerungspolitische Maßstäbe"[1] gesetzt hätten. In den vergangenen Jahrzehnten hätten sie sich zudem zunehmend mit den Opfern identifiziert, was zu einer starken Normierung des Erinnerns geführt habe. Dies sei unter anderem durch die Annahme der "kulturellen Arterhaltung" von Jan Assmann geradezu erzwungen worden,[2] die zentral für dessen Gedächtnistheorie sei, kollektive Identität voraussetze und das Vergessen als existenzbedrohend ansehe.

Gerade unter dem Einfluss der Globalisierung formierten sich die "Koordinaten des Gedenkens" jedoch neu.[3] Einen tiefen Einschnitt stellten auch auf diesem Feld die Jahre 1989/90 dar. Jureit thematisiert den grundsätzlichen Widerspruch zwischen westlicher und ostdeutscher/osteuropäischer Erinnerungskultur, der sich vor allem in der Auseinandersetzung um die Bewertung nationalsozialistischer und kommunistischer Verbrechen äußere sowie in einer "Opferkonkurrenz”. Die Europäische Union habe auf diesen Konflikt reagiert, indem alle ihre diesbezüglichen Beschlüsse kaum von Tätern sprächen: Die Formel "Opfer totalitärer Systeme" habe sich durchgesetzt.[4] Gleichzeitig werde der "richtige" Umgang mit der eigenen Geschichte zur Bedingung für die Aufnahme in die Europäische Union erhoben. Erstmals kommen an dieser Stelle Osteuropa und die DDR zur Sprache – der zuvor skizzierte Erinnerungsdiskurs wird als rein westdeutsche Angelegenheit behandelt. Der ostdeutsche Weg, der letztlich darin bestand, sich der Verantwortung für den Nationalsozialismus zu verweigern, wird nicht einmal am Rande angesprochen.

Im zweiten Teil widmet sich Christian Schneider der "Trauer als zentraler Metapher deutscher Erinnerungspolitik". Entlang der Theorien und Ausführungen von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Jürgen Habermas sowie Margarete und Alexander Mitscherlich entwickelt er seine Argumentation. Daran anschließend analysiert er den allen Ausführungen zugrunde liegenden Trauer-Begriff Sigmund Freuds. Hier macht Schneider einen Grundfehler der skizzierten Theorien aus: Sie alle forderten zum Erinnern auf – bei gleichzeitiger Trauer –, dabei verknüpfe Freud den Trauer-Begriff eng mit dem des Vergessens. "Trauerarbeit macht frei"[5] – das unausgesprochene Credo der vorgenannten Theorien beurteilt Schneider als höchst problematisch . Er empfiehlt, darin dem Psychoanalytiker Hermann Beland folgend, dass man zunächst den Tätern Raum geben müsse, über den Verlust des eigenen "Gutseins" zu trauern. Erst dann seien diese emotional fähig, die Opfer zu betrauern. Man müsse wagen, zu fragen, was denn möglicherweise das als "gut" Empfundene am Nationalsozialismus gewesen sei, ohne dabei den Nationalsozialismus zu banalisieren. Christian Schneider verweist hier auf Dan Diner, der die Bedeutung der Sicherheit im Nationalsozialismus (gerade auch im Gegensatz zum Stalinismus) hervorgehoben habe. Abschließend fordert der Autor: "Wir haben das, was im Nationalsozialismus geschah, samt der Versuche, ihn ‚aufzuarbeiten’, in ihrer ganzen Ambivalenz neu zu betrachten."[6] Dazu müssten sich die Deutschen als erstes von dem heimlichen Wunsch verabschieden, der Holocaust, ja der Nationalsozialismus als solcher, sei nie geschehen. Letztlich gehe es darum, zu akzeptieren, was geschehen sei, und mit diesem Wissen zu leben. Angesichts der massiven Kritik Schneiders an den Bemühungen, mit der NS-Geschichte zu leben, scheint dieses abschließende Fazit sehr lakonisch.

Opfernarrative



Buchcover: K. Erik Franzen und Martin Schulze Wessel (Hg.), Opfernarrative.K. Erik Franzen und Martin Schulze Wessel (Hg.), Opfernarrative. (© Oldenbourg Verlag)
Im Gegensatz zu Ulrike Jureits und Christian Schneiders Erörterungen beschäftigen sich die Beiträge in dem von K. Erik Franzen und Martin Schulze Wessel herausgegebenen Band mit überwiegend konkreten "Opfernarrativen”. Die zehn Autorinnen und Autoren untersuchen die öffentliche Wahrnehmung verschiedener Opfergruppen in Deutschland, Polen, Tschechien, der Ukraine und Russland. Gerade im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Nationalsozialismus und den kommunistischen Diktaturen in Europa geht es immer auch um Entschädigung für erlittenes Unrecht. Mit nur wenigen Ausnahmen sind die Beiträge dieses Sammelbandes, der auf einem Forschungsprojekt und einer Tagung beruht, inhaltlich und formal sehr gelungen.

Ein einleitender Beitrag von Peter Hallama erörtert die "Frage der Opferperspektive in der erinnerungskulturellen Forschung”, deren Integration der Autor nachdrücklich fordert.[7] Dem Aufsatz des Herausgebers Franzen über die "Komitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer” in der DDR schließt sich eine überaus interessante Analyse Bettina Greiners zum Opferstatus stalinistisch Verfolgter an. Deren Anerkennung stünde vielfach die Unfähigkeit der Mehrheitsgesellschaft entgegen, ambivalente Lebensgeschichten auszuhalten und anzuerkennen, dass jemand Opfer und Täter zugleich sein könne. Die Opfer der stalinistischen Verfolgung reagierten darauf, indem sie ihre Erzählungen denen von Auschwitz-Überlebenden anglichen. In ähnlicher Weise sähen sich die Vertriebenenverbände gezwungen, auf schlichte Schwarz-Weiß-Schemata zurückzugreifen, wie Stephan Scholz ebenfalls überzeugend belegt. Das führe dazu, dass heute weitgehend auf die Darstellung männlicher Flüchtlinge und Vertriebener verzichtet werde: Frauen und Kinder seien als unschuldige Opfer glaubwürdiger. Iris Nachum analysiert, wie Sudetendeutsche versuchen, – gleichsam in den Fußstapfen jüdischer Enteignungs- und Holocaust-Opfer – ihre Ansprüche gegenüber einer Versicherungsgesellschaft einzuklagen. Dieser Versuch scheitere daran, dass diese Gruppe ihren moralischen Anspruch nicht überzeugend nachweisen könne – im Unterschied zu den Juden. Doch auch deren "Erfolgsgeschichte" bei der Einforderung von Entschädigungen, so Nachum, sei keineswegs so ungebrochen, wie sie öffentlich dargestellt werde.

Einer Gruppe, die erst seit relativ kurzer Zeit als solche akzeptiert und als Opfer gewürdigt wird, widmet sich der Beitrag von Svea Luise Herrmann und Kathrin Braun: den Zwangssterilisierten in Deutschland und in der Tschechoslowakei. Erst in den 1980er-Jahren habe man in der Bundesrepublik – der Umgang mit dieser Opfergruppe in der DDR bleibt außen vor – begonnen, Urteile des sogenannten "Erbgesundheitsgerichts” aufzuheben. Den grundsätzlichen Unrechtscharakter des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses” habe der Bundestag indes sogar erst 2007 festgestellt. Deshalb hätten Betroffene argumentieren müssen, dass sie (als Nicht-"Erbkranke”) zu Unrecht sterilisiert worden seien, hätten also nur individuell, nicht kollektiv als Opfer anerkannt werden können. In Tschechien, einem der Nachfolgestaaten der Tschechoslowakei, wo vor allem Roma-Frauen von unfreiwilligen Sterilisierungen betroffen waren und sind, habe sich an dieser juristischen Praxis bis heute nichts geändert.

Mit unterschiedlichen Strategien bei der Entschädigung von NS-Opfern der Zwangsarbeit in Polen und Tschechien nach 1990 befasst sich der Aufsatz von Katrin Schröder. Letztlich würden die Leiden dieser Menschen in der Tschechischen Republik bis heute gering geschätzt. Da Wiedergutmachung in den Augen des tschechischen Parlaments nicht möglich sei, beschränke man sich hier darauf, jene Opfer zu entschädigen, die am schlimmsten gelitten hätten, während in Polen alle Polen als nationale Opfer anerkannt seien – unabhängig davon, ob sie im Widerstand waren oder nicht. Václava Kutter Bubnóva erörtert, auf welche Weise die Roma- und Sinti-Opfer des Nationalsozialismus in Tschechien wahrgenommen werden. Ihre Analyse fällt leider eher schematisch aus, die Ergebnisse vermögen – gerade angesichts der aktuellen Diskriminierung von Roma in diesem Land – kaum zu überzeugen.

Die beiden letzten Aufsätze des Bandes befassen sich mit der Ehrung von NS-Opfern in der ehemaligen UdSSR. Julia Landau untersucht anhand von Denkmälern in Babi Jar, wie sich die Erinnerung an die über 200.000 Ermordeten von 1960 bis heute verändert hat. Bis zum Ende der Sowjetunion habe man vor allem der "Kämpfer” gedacht – erst nach 1990 änderte sich dies und der Begriff "Opfer” etablierte sich. Demgegenüber macht Tat’jana Voronina eine nahezu ungebrochene Traditionslinie in der Erzählung der Opfer der Blockade von Leningrad aus: Bis heute sei es nicht möglich, ambivalente Opfergeschichten zu schreiben – stets habe das Heldische ungebrochen zu sein. Selbst diejenigen, die 1941/42 noch Kinder gewesen seien, machten da keine Ausnahme: Auch sie berichten von heroischem Handeln, wo – wie die Autorin einleuchtend anmerkt – angesichts des Hungers und der Entkräftung doch Nichthandeln viel wahrscheinlicher gewesen sei. Bis heute habe sich eine Berichterstattung über die Ereignisse, die der offiziellen sowjetischen Erzählung widerspreche, kaum bemerkbar machen, geschweige denn behaupten können.

Die beiden Bände ergänzen sich hervorragend: In dem Maße, wie die Nachkommen der Täter lernten, "ihre” nationalsozialistischen Vergangenheit anzunehmen, würden sie bereit sein, auch ambivalente Opfer-Biografien zu akzeptieren. Noch müssen "richtige” Opfer – das zeigen die Autoren des Tagungsbandes von Franzen und Schulze Wessel einleuchtend – vor allem den Vorstellungen der europäischen Gesellschaften von unschuldigen Opfern entsprechen. Gelingt ihnen dies nicht, bleiben sie – bis heute – unbeachtet.

Zitierweise: Elke Kimmel, Sammelrezension: Gefühlte Opfer und Opfernarrative, in: Deutschland Archiv Online, 29.07.2013, Link: http://www.bpb.de/165241/


Fußnoten

1.
Ulrike Jureit und Christian Schneider, Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung, 2. Aufl., Stuttgart 2011, S. 20.
2.
Ebd., S. 67.
3.
Ebd., S. 88.
4.
Ebd., S. 99.
5.
Ebd., S. 137.
6.
Ebd., S. 206.
7.
K. Erik Franzen und Martin Schulze Wessel (Hg.), Opfernarrative. Konkurrenzen und Deutungskämpfe in Deutschland und im östlichen Europa nach dem Zweiten Weltkrieg (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum; 126), München 2012, S. 26.
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Autor: Elke Kimmel für bpb.de
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