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"Bananen, gute Apfelsinen, Erdnüsse u.a. sind doch keine kapitalistischen Privilegien"*

Alltäglicher Mangel am Ende der 1980er Jahre in der DDR


12.7.2013
In den 1980er Jahren verschlechterte sich die Versorgung der DDR-Bevölkerung mit Gütern des alltäglichen Bedarfs deutlich. Der Unmut über die Versorgungsengpässe entlud sich immer offener und führte schließlich zu einer generellen Kritik am politischen System.

Eine Familie mir fünf Kindern steht zwischen den Regalen einer Kaufhalle.Familie beim Einkauf in einer "Selbstbedienungs-Kaufhalle" im Jahr 1976. In den 1970er Jahren verbesserte sich das Warenangebot in der DDR. Doch ab 1980 traten erneut Versorgungsengpässe auf. (© dpa)

Im Systemwettbewerb der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielte der Konsum eine zentrale Rolle. Für DDR-Bürger boten der in weiten Teilen des eigenen Landes mögliche Empfang westdeutscher Rundfunk- und Fernsehprogramme, persönliche Beziehungen oder Reisen in die Bundesrepublik vielfache Gelegenheit, die jeweiligen Konsumniveaus zu vergleichen. Zwar gab es seit den 1950er Jahren in der DDR keinen Hunger und bei der erwerbstätigen Bevölkerung keine Armut mehr.[1] In der Ära Honecker verbesserten sich die Einkommenssituation und die Haushaltsausstattung mit langlebigen Konsumgütern weiter. Allerdings konnten die Ostdeutschen sehen, dass sich ein erhöhter Lebensstandard bei den Bundesbürgern früher und umfassender einstellte als bei ihnen. Sahen sie die DDR zwar in Bezug auf soziale Leistungen und Arbeitsplatzsicherheit im Vorteil, so erkannten sie doch den wachsenden Rückstand im Hinblick auf das technologische Niveau vieler inländischer Erzeugnisse und die weiter vorhandenen und sich offensichtlich verstärkenden Versorgungsengpässe.

Es soll untersucht werden, ob die "Aufgabe" der DDR durch ihre Bürger am Ende der 1980er Jahre auch durch den immer mehr spürbaren Mangel an ganz alltäglichen Produkten motiviert war: War es am Ende die lückenhaft oder nur schwer erhältliche Kindergarderobe und die sprichwörtlich fehlende Banane, die bei den DDR-Bewohnern das Fass zum Überlaufen brachte?

Die Entwicklung der Versorgungslage bei Textilien und Bekleidung bzw. bei Obst und Gemüse in den 1970er und 1980er Jahren und die Reaktion der DDR-Bevölkerung lässt sich anhand unterschiedlicher Quellen beleuchten - veröffentliche und interne Statistiken, Stimmungsberichte des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), Einschätzungen im Auftrag des Ministeriums für Handel und Versorgung (MHV) sowie Eingaben aus der Bevölkerung. Die Statistischen Jahrbücher der DDR wiesen fortlaufend Daten aus zu den Nettogeldeinnahmen der Bevölkerung, ihren Sparguthaben und den Einzelhandelsumsätzen. Sie belegen einerseits, dass sich die Ostdeutschen im "Konsumsozialismus" der 1970er und 1980er Jahre, der ganz wesentlich mit dem Namen des SED-Generalsekretärs Erich Honecker verbunden war, mehr leisten konnten als zuvor.[2] Andererseits zeigen schon diese Angaben, dass es ihnen nicht möglich war, ihre wachsenden Einnahmen weitgehend in Warenkäufe umzusetzen.

Steigende Einkommen konnten nicht in Waren umgesetzt werden



Zwei Faktoren sind hierfür herauszustellen. Erstens stiegen die Sparguthaben in fast jedem Jahr stärker als die Einzelhandelsumsätze, ganz offensichtlich auch wegen nicht in Warenkäufe umsetzbarer Einkünfte.[3] Zweitens wuchsen die Pro-Kopf-Nettogeldeinnahmen in elf Jahren (1972/73, 1975, 1977/78, 1981 bis 1983, 1986/87, 1989) stärker als die Einzelhandelsumsätze. 1988 wiesen beide Pro-Kopf-Werte die gleiche Steigerungsrate auf.[4] Bis zum Beginn der 1980er Jahre konnten wachsende Teile der Einnahmen im Einzelhandel umgesetzt werden, während andere Verwendungen (Spenden, Versicherungen, Beiträge, kommunale Abgaben u.a.) relativ an Bedeutung verloren. In den 1970er Jahren entsprach der jährliche Einzelhandelsumsatz durchweg mindestens 80,5 Prozent der Nettogeldeinnahmen und erreichte 1980 mit 82,7 Prozent seinen historischen Höchststand. Seit 1981 nahm dieser Wert indes kontinuierlich bis 1987 auf 77,9 Prozent ab und stieg nur 1989 noch einmal leicht auf 78,2 Prozent an.[5] Das sich bei den DDR-Bürgern besonders in den 1980er Jahren verstärkende Gefühl, es gebe "nichts zu kaufen", findet hierin einen ersten Beleg.

Diese Angaben verschleiern allerdings das wahre Ausmaß der Verschlechterungen in der Versorgungslage. Zum einen verdecken die Daten zum gesamten Einzelhandelsumsatz ungünstige Entwicklungen in Teilbereichen in anderen Jahren. 1982 ging etwa der Umsatz im Bereich der Industriewaren gegenüber dem Vorjahr zurück, was noch durch das Wachstum der Umsätze für Nahrungs- und besonders für Genussmittel mehr als ausgeglichen wurde.[6] Zum anderen sagen die rein-monetären Angaben nichts darüber aus, in welcher Qualität und vor allem in welchen Mengen Güter erworben werden konnten. Bei wichtigen langlebigen Konsumgütern blieb die technologische Entwicklung spätestens seit Beginn der 1970er Jahre faktisch stehen: Die PKW-Typen der Marken Trabant und Wartburg wurden seit Einführung ihrer Serienproduktion in den frühen 1960er Jahren im Wesentlichen unverändert hergestellt. Bei Haushaltsgroßgeräten, Radios, Stereoanlagen oder Fernsehapparaten zeigte sich ein ähnliches Bild. Für Kühlschränke lautete etwa das Fazit einer Analyse vom März 1989: "85 % der Erzeugnisse der Inlandsproduktion entsprechen wissenschaftlich-technischem Niveau der [19]70-er Jahre."[7] Die DDR-Konsumenten hatten indes keine Alternative, als diese technologisch veralteten Konsumgüter zu kaufen, wenn sie nicht über Devisen verfügten, die den Erwerb westlicher Erzeugnisse in den "Intershops" oder über das Devisenversandhaus "Genex" ermöglichte.

Bessere Versorgung in den 1970er Jahren



Die Analyse von Daten zu den Warenmengen bei Gütern des alltäglichen Bedarfs belegt für die 1970er Jahre Angebotsverbesserungen bei wichtigen Sortimenten an Textilien, Bekleidung und Schuhen (vgl. Tabelle 1). Die Pro-Kopf-Ausgaben in diesem Bereich stiegen langsamer als die Warenbereitstellung. Mithin standen also relativ mehr Waren zur Verfügung, selbst wenn es dabei auch zu verdeckten Preissteigerungen gekommen war. Bei Schuhen belegen die Angaben für die zweite Hälfte der 1970er Jahre ein relativ stabiles (bei Straßenschuhen für Erwachsene sogar verbessertes) Angebot (vgl. Tabelle 2), das sich allerdings bereits zum Ende des Jahrzehnts zu verschlechtern begann.

 
Tabelle 1: Warenbereitstellung aus eigner Produktion und aus Importen bei ausgewählten Sortimenten der Textilindustrie und Entwicklung der Pro-Kopf-Ausgaben für Textilien und Bekleidung 1970 und 1975 bis 1979
(in %, 1980=100)[8]
 
Jahr Untertrikotagen für Kinder Obertrikotagen für Erwachsene Obertrikotagen für Kinder Strumpfwaren für Erwachsene Strumpfwaren für Kinder Pro-Kopf-Ausgaben für Textilien und Bekleidung
1970 64,9 66,9 43,1 68,6 55,6 64,7
1975 74,4 117,5 75,7 89,9 82,4 85,1
1976 73,8 122,8 80,7 94,5 80,9 86,7
1977 79,2 105,1 87,9 90,6 80,4 88,8
1978 89,0 101,1 93,7 90,4 80,8 91,4
1979 99,8 102,0 99,9 98,8 91,2 95,6


 
Tabelle 2: Warenbereitstellung bei Schuhen aller Art und Entwicklung der Pro-Kopf-Ausgaben für Schuhe 1970 und 1975 bis 1979 (in %, 1980=100)[9]
 
Jahr Straßenschuhe für Erwachsene Straßenschuhe für Kinder Hausschuhe Pro-Kopf-Ausgaben für Schuhe
1970 - - 93,7 61,8
1975 112,1 92,6 101,3 79,0
1976 123,7 95,1 98,1 84,0
1977 121,8 92,3 99,9 87,7
1978 112,1 94,0 100,3 89,3
1979 99,4 98,9 98,9 97,7


Ähnlich verhielt es sich bei der Versorgung mit Obst und Gemüse. Bei Obst wurden insbesondere in der ersten Hälfte der 1970er Jahre stabile oder gar größere Mengen in einem vergleichsweise breiten Sortiment heimischer und nicht-heimischer Obstsorten und Südfrüchte bereitgestellt, ohne jedoch den tatsächlichen Bedarf zu decken. 1978 betrug der Verbrauch an Obst und Südfrüchten etwa 31 kg pro Kopf und Jahr (vgl. Tabelle 3).[10] Mehr als die Hälfte davon wurde durch Obstsorten gedeckt, die auch im Inland geerntet werden konnten (Äpfel, Kirschen, Erdbeeren, Pflaumen und Birnen). Bis 1978 wurde mehr als die Hälfte des gesamten Obstangebots durch Importe gedeckt. Das sicherte eine größere Breite des Sortiments, ohne indes zu garantieren, dass es jederzeit und überall in der DDR erhältlich war. 1978 machten Südfrüchte (Bananen, Orangen, Mandarinen und Grapefruits) immerhin gut 40 Prozent des Angebots aus.[11]

 
Tabelle 3: Pro-Kopf-Verbrauch an ausgewählten Obstsorten in der DDR 1974 bis 1980 (in kg)[12]
 
Sortiment 1974 1975 1976 1978 1980
Äpfel - 12,4 13,1 12,19 14,0
Süßkirschen - 0,58 1,2 - 0,36
Erdbeeren - 0,42 0,46 0,71 0,64
Pflaumen - 0,55 1,7 0,93 1,6
Birnen - 1,8 2,1 0,9 1,2
Weintrauben 1,85 1,2 1,3 1,53 0,9
Pfirsiche/Aprikosen 2,03 1,35 1,1 1,02 0,74
Übriges Obst - - - 0,60 -
Bananen - - - 6,31 -
Apfelsinen/Mandarinen - - - 6,36 -


Bei Gemüse kann für die 1970er Jahre von einem insgesamt jährlich steigenden Gesamtangebot gesprochen werden (vgl. Tabelle 4). Im Unterschied zur Obstversorgung spielte jedoch der Import von Gemüse bereits damals eine eher untergeordnete Rolle. Mit weniger als 22,5 Prozent erreichte importiertes Gemüse im Jahr 1976 seinen höchsten Anteil. Mehr noch: Früher als bei Obst begann der Importanteil schon im Folgejahr zu sinken. 1980 machten die Importe nur noch knapp 11,2 Prozent der dem Handel zur Verfügung gestellten Gemüsemengen aus.[13] Verkauft wurden vor allem damals gängige, auch im Inland zu erntende Sorten (Rot- und Weißkohl, Möhren, Porree und Gurken). Allerdings war bereits damals insgesamt ein regional und saisonal sehr schwankendes Angebot zu beobachten, insbesondere bei importierten Erzeugnissen. So wurden 1977 nur 130 Tonnen (t) Paprika in den Einzelhandel gebracht, zwei Jahre später 4,6 Kilotonnen (kt), 1981 nur noch knapp 1,75 kt. Bei Tomaten standen 1977 über 10 kt zur Verfügung, ein gutes Drittel mehr als 1975. 1980 waren es nur noch knapp 6,3 kt.[14]

 
Tabelle 4: Warenbereitstellung bei Gemüse 1970 und 1975 bis 1980 (in kt)[15]
 
  1970 1975 1976 1977 1978 1979 1980
Gesamt 643,4 726,4 731,2 797,0 776,0 791,0 744,5
Darunter aus Importen - 131,2 164,3 129,1 114,5 97,1 83,1

Versorgungsengpässe in den 1980er Jahren



Sowohl für die Versorgung mit Textilien und Bekleidung als auch für Obst und Gemüse markiert das Jahr 1980 einen Wendepunkt. Bei der ersten Produktgruppe sorgte der verstärkte Export für ein deutlich verschlechtertes Angebot im Inland (vgl. Tabellen 5 und 6), bei der zweiten die fast vollständige Ablösung von Importen (vgl. Tabellen 7 und 8).

 
Tabelle 5: Warenbereitstellung aus eigner Produktion und aus Importen bei ausgewählten Sortimenten der Textilindustrie und Entwicklung der Pro-Kopf-Ausgaben für Textilien und Bekleidung 1981 bis 1988 (in %, 1980 = 100)[16]
 
Jahr Untertrikotagen für Kinder Obertrikotagen für Erwachsene Obertrikotagen für Kinder Strumpfwaren für Erwachsene Strumpfwaren für Kinder Pro-Kopf-Ausgaben für Textilien und Bekleidung
1981 103,5 99,3 97,8 102,2 99,4 99,6
1982 98,7 70,9 81,7 96,6 97,9 96,0
1983 92,3 73,8 78,5 101,2 95,8 95,9
1984 96,0 75,5 80,7 101,1 99,6 99,8
1985 98,6 79,3 77,9 102,3 112,2 104,2
1986 106,4 86,7 78,0 104,5 117,0 111,5
1987 109,5 86,8 82,5 109,2 121,9 116,4
1988 123,3 91,8 80,8 114,7 123,2 122,7


 
Tabelle 6: Warenbereitstellung bei Schuhen aller Art und Entwicklung der Pro-Kopf-Ausgaben für Schuhe 1981 bis 1988 (in %, 1980 = 100)[17]
 
Jahr Straßenschuhe für Erwachsene Straßenschuhe für Kinder Hausschuhe Pro-Kopf-Ausgaben für Schuhe
1981 101,5 100,5 98,8 102,6
1982 102,9 100,2 85,8 103,4
1983 106,0 98,7 85,0 105,6
1984 103,6 98,3 84,4 110,7
1985 100,5 108,7 86,5 117,6
1986 102,9 127,8 93,3 129,0
1987 100,8 142,2 96,3 136,7
1988 107,8 144,3 98,5 144,3


Der Blick auf die Entwicklung der Pro-Kopf-Ausgaben belegt für wichtige Sortimente, dass nunmehr für weniger Warenmenge von der Bevölkerung mehr Einkommen eingesetzt werden musste, das heißt die Preise stiegen. 1982/83 standen wegen verstärkter Exporte während der Kreditkrise für Erwachsene etwa 30 Prozent und für Kinder etwa 20 Prozent weniger Oberbekleidung zur Verfügung als 1980.[18] Bei einigen Sortimenten verbesserte sich zwar die Versorgung nach dem Ende der Kreditkrise schnell wieder. Bei anderen wurde jedoch das Versorgungsniveau von 1980 erst 1987 oder bis 1988 überhaupt nicht mehr erreicht. Die Warenbereitstellung bei Schuhen und Oberbekleidung für Erwachsene war in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre durchweg besser als in den 1980er Jahren.[19]

Die geringeren Warenmengen in diesem Bereich führten indes nicht zu Umsatzeinbußen, weil die Preise regelmäßig und verdeckt erheblich erhöht wurden. Zwischen 1980 und 1989 stiegen in der DDR die Lebenshaltungskosten für einen 4-Personenhaushalt mit mittlerem Einkommen insgesamt um 12,3 Prozent, bei Bekleidung und Schuhen aber um 32,1 Prozent. Die Umsatzwerte je Mengeneinheit stiegen beim gesamten Warenumsatz um 14,8 Prozent, bei Schuhen und Lederwaren jedoch um 47 Prozent, bei Konfektion und Stoffen um 29,6 Prozent sowie bei Wäsche und Trikotagen um 19,6 Prozent.[20] Diese Daten machen deutlich, dass das Abschöpfen von gewachsener Kaufkraft vor allem durch Preiserhöhungen und nicht durch vergrößerte Warenbereitstellung realisiert wurde.

Höhere Preise für neu eingeführte Produkte zu verlangen, ist zwar in jeder Wirtschaftsordnung ein übliches Verfahren und kann gerade im Bereich der modeabhängigen Textilien und Schuhe besonders leicht und entsprechend häufig angewendet werden. Im Falle der DDR wurde jedoch dabei zusätzlich kaschiert, dass sich das Warenangebot insgesamt verschlechterte. Dazu wurden regelmäßig Teile der inländischen, für den Binnenhandel vorgesehenen Produktion an Textilien und Bekleidung, exportiert, um westliche Produkte einführen und zu hohen Preisen im Inland absetzen zu können. Im Ergebnis wurden größere Mengen ausgeführt als aus dem Ausland eingeführt, ohne dass dieser Produktaustausch zu einem Umsatzrückgang führen musste. Jedes Mal hatte er den gleichen Effekt: Das Sortiment an angebotenen Waren wurde qualitativ verbreitert und quantitativ verringert.

Blick durch ein Schaufenster. im Vordergrund sind Konserven aufgestapelt, im Hintergrund ist eine wartende Menschenschlange zu erkennen.Blick in einen Exquisit-Laden in Ost-Berlin, 1978. In den Exquisit- und Delikat-Läden konnten DDR-Bürger zu hohen Preisen importierte Waren aus dem Westen erstehen. (© dpa)
Maßgeblich trugen zu dieser Entwicklung die Läden des Volkseigenen Handelsbetriebes (VHB) "Exquisit" bei. In den 1980er Jahren (außer 1983 und 1988) bestanden jeweils über 40 Prozent der dort angebotenen Waren aus Importen.[21] Zwischen 1978 und 1988 verkaufte das Unternehmen für 19,7 Mrd. Mark Textil- und Bekleidungserzeugnisse. 1988 hatte es einen Anteil von 14 Prozent am Gesamtumsatz im Bereich Textil/Bekleidung/Schuhe. Besonders hoch war dieser bei Oberbekleidung (47 Prozent), Badebekleidung (29,7 Prozent), Damenoberbekleidung (28,9 Prozent) und Straßenschuhen (23,8 Prozent). Hinsichtlich der Warenmengen lagen die Anteile jedoch unter diesen Werten. Bei Oberbekleidung betrug der Exquisit-Anteil nur 25,2 Prozent, bei Damenoberbekleidung 20,1 Prozent, bei Badebekleidung 12 Prozent und bei Straßenschuhen 10,4 Prozent.[22]

Die hohen Preise in den von der Bevölkerung "Ex" genannten Läden dienten vornehmlich der Abschöpfung von Kaufkraft, die in Form der sogenannten produktgebundenen Abgaben an den Staatshaushalt abgeführt wurde (zwischen 1978 und 1988 insgesamt fast 5,9 Mrd. Mark oder knapp 30 Prozent des Umsatzes). Besonders hoch war der Anteil der Abgaben am Umsatz in den Jahren 1980 (37,2 Prozent), 1982 (35,6 Prozent) und 1983 (35,4 Prozent).[23] Das Abschöpfen von Kaufkraft im Bereich der Versorgung mit Obst und Gemüse durch überhöhte Preise beschränkte sich vor allem auf verarbeitete Produkte, die in den Läden des Zentralen Handelsunternehmens (ZHU) "delikat" – nicht von ungefähr in Bevölkerung auch als "Fress-Ex" tituliert – verkauft wurden. Bei nicht-verarbeiteter Ware konnten Preiserhöhungen wegen des in der DDR-Propaganda herausgestellten Dogmas der "stabilen Preise für Grundnahrungsmittel" nur schwer und sehr eingeschränkt durchgesetzt werden, etwa durch Einführung von neuen Größenklassen bei Obstsorten.

Überhaupt zeigt die Versorgung mit Obst und Gemüse in den 1980er Jahren auch hinsichtlich der Breite und der Menge des Sortiments einen anderen Trend als die Versorgung mit Textilien und Bekleidung. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Obst und Gemüse und die bereitgestellten Mengen wuchsen zwar, doch die Vielfalt an regelmäßig erhältlichen Sorten verringerte sich. Bis 1988 stieg der Verbrauch an Obst und Südfrüchten auf fast 34 kg pro Kopf und Jahr (vgl. Tabelle 7). Nunmehr machten jedoch die im Inland geernteten Obstsorten deutlich das Gros des Angebots aus, während importierte Sorten erheblich an Bedeutung verloren. Letztere machten 1988 nur noch knapp ein Drittel des Pro-Kopf-Verbrauchs aus, darunter die Südfrüchte weniger als ein Viertel.[24]

                                                   
 
Tabelle 7: Pro-Kopf-Verbrauch an ausgewählten Obstsorten in der DDR 1978 bis 1988 (in kg)[25]
 
Sortiment1978198019871988
Äpfel12,19 14,0 14,9 14,32
Süßkirschen- 0,36 0,9 -
Erdbeeren0,71 0,64 1,0 0,86
Pflaumen0,93 1,6 0,9 2,46
Birnen0,9 1,2 0,8 1,5
Weintrauben1,53 0,9 0,55 0,8
Pfirsiche/Aprikosen1,02 0,74 0,2 0,28
Übriges Obst0,60 - - 1,79
Bananen6,31 - - 2,82
Apfelsinen/Mandarinen6,36 - - 5,52


Besonders stark war der Rückgang bei Pfirsichen und Aprikosen, von denen 1988 nur noch weniger als 4,7 kt in den DDR-Handel kamen, mithin nur 16 Prozent der Menge von 1970. 1987 hatte diese Menge sogar noch um 1,1 kt niedriger gelegen. Konnten DDR-Bürger 1974 pro Kopf noch 2,03 kg Pfirsiche und Aprikosen konsumieren, waren es 1988 nur noch 280 g (1987: ca. 215 g).[26] Bei Weintrauben fiel der Rückgang 1988 gegenüber 1974 zwar weniger stark aus (von 1,85 kg auf 800 g), doch hatte er in den Jahren unmittelbar vor 1988 noch niedriger gelegen. Vergleicht man die bereitgestellten Warenmengen im schlechtesten Jahr mit dem besten, so standen 1985 nur etwas mehr als 21 Prozent der Menge von 1973 zur Verfügung. 1988 erreichte sie knapp 37,5 Prozent der Liefermenge von 1973.[27] Bei Bananen ging der Verbrauch zwischen 1978 und 1988 um mehr als 55 Prozent von gut 6,3 auf etwa 2,8 kg pro Kopf und Jahr zurück. Der Rückgang bei Mandarinen und Orangen fiel mit 13,3 Prozent zwar geringer aus, doch wurden in den 1980er Jahren vor allem Apfelsinen aus Kuba importiert, die wegen anderer klimatischer Bedingungen weniger geschmackvoll waren als Orangen aus dem Mittelmeerraum.[28] Kubanische Apfelsinen konnten ohne den Einsatz harter Devisen eingeführt werden, weil sie im Rahmen des Intra-RGW-Handels von der Karibikinsel bezogen wurden.

Das in den 1980er Jahren dennoch gestiegene Obstangebot basierte also zum großen Teil auf inländischer Ernte und daher auf einer Verengung auf hier leicht zu kultivierende Sorten, wobei vor allem Äpfel das Angebot prägten. Seit 1979 stammte das Obstangebot in der DDR weit überwiegend aus dem Inland. 1988 lieferten inländische Agrarbetriebe fast 89 Prozent der angebotenen Ware.[29] Bereits Mitte der 1970er Jahre hatten Äpfel einen Anteil von zwei Dritteln, ein Wert, der 1981 mit 77,3 Prozent sogar noch deutlich übertroffen wurde. Bis 1978 wurden noch mehr als die Hälfte der Äpfel importiert, in einzelnen Jahren sogar deutlich über 60 Prozent. Seit 1982 war der Importanteil indes sehr gering. 1985 und 1986 erfolgte sogar überhaupt keine Einfuhr, ohne dass das erhebliche Auswirkungen auf die insgesamt bereitgestellte Warenmenge an Äpfeln haben sollte.[30] Bei der Versorgung mit Gemüse wurden in den 1980er Jahren zwar wachsende Mengen bereitgestellt (vgl. Tabelle 8), doch die Sortimentsbreite verengte sich auch hier. Der weiter sinkende Importanteil wurde durch den Zuwachs der inländischen Produktion von Weißkohl, Rotkohl und Möhren ausgeglichen. Die noch verringerten Importe hatten nun zur Folge, dass "in bestimmten Zeiträumen des Jahres das Versorgungsniveau gegenüber früheren Jahren" zurückging, "da in der Republik für eine Eigenproduktion entweder die natürlichen oder [die] ökonomischen Voraussetzungen nicht gegeben" waren.[31]

 
Tabelle 8: Warenbereitstellung bei Gemüse 1981 bis 1987 und Plan 1988 (in kt)[32]
 
  1981 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988
Gesamt 776,5 788,6 761,5 784,3 842,7 809,4 858,8 835,5
Darunter aus Importen 92,0 71,6 52,3 75,9 82,8 80,6 84,0 84,8


Die Versorgung mit Obst und Gemüse in den 1980er Jahren belegt einen ausgeprägten Drang zur Autarkie. Importe wurden weitgehend vermieden und konzentrierten sich im Übrigen auf sehr kurze Fristen innerhalb des Jahres, etwa auf die sogenannte Festtagsversorgung zu Weihnachten, Ostern oder wichtigen Daten des sozialistischen Festtagskalenders (Gründungstag der DDR, 1. Mai).

Reaktionen der Bevölkerung



Familien stehen vor dem Schaufenster eines Kaufhauses. Im Schaufenster ist Kinderspielzeug ausgestellt.Schaufenster des Berliner Centrum-Warenhauses am Alexanderplatz, 1973. (© Bundesarchiv, Bild 183-M1216-0014, Foto: Sigrid Kutscher)
Temporäre Versorgungsschwierigkeiten waren für DDR-Bürger nichts Ungewöhnliches. Vor dem Hintergrund der gestiegenen Einkommen rückten sie in den 1980er Jahren allerdings zunehmend in den Mittelpunkt der Bewertung der SED-Politik insgesamt. Die Bereitschaft, die dauernden Versorgungsengpässe stoisch hinzunehmen, nahm ab: "Bei uns geht die Entwicklung nicht vorwärts, sondern zurück", erklärte im Herbst 1987 ein Kunde im Dresdner "HO-Kinderkaufhaus", und im "Magnetkaufhaus Lübbenau" im Bezirk Cottbus war das Urteil kaum anders: "So ein katastrophales Angebot, das kann man doch nicht begreifen, daß man wegen so selbstverständlichen Dingen so viel Probleme hat."[33]

DDR-Bürger waren nach Einschätzungen des MfS zwar bereit, "wertintensive Importe" – also Waren mit zum Teil sehr hohen Preisen – "ohne Diskussion" sofort zu kaufen, doch die ausgeprägten Angebotslücken in Geschäften, die nicht zu "Exquisit" oder "delikat" gehörten, ließen ihnen auch kaum eine andere Wahl. Genau das verstärkte die Verärgerung.[34] Im Herbst 1987 übermittelte der Generaldirektor des "volkseigenen Einzelhandels (HO)", Zacher, an den für Handel und Versorgung zuständigen ZK-Sekretär Jarowinsky eine Information über Stimmungen und Meinungen von DDR-Konsumenten zur Versorgung mit Textilien und anderen Konsumgütern in den Bezirken Dresden und Cottbus. Die Befragung von Verkaufsstellenleitern und die Einsicht in Kundenbücher in 20 Verkaufseinrichtungen in Dresden, Cottbus und weiteren kleineren Orten ergab ein düsteres Bild: "Aufgrund der unbefriedigenden Angebotssituation in den o. g. Sortimenten, insbesondere bei Kinderbekleidung […] kommt es in allen befragten Verkaufseinrichtungen zu kritischen bis zu aggressiven Meinungsäußerungen der Kunden."[35] Eher selten würden diese auch schriftlich niedergelegt, doch die Eintragung einer Dresdner Bürgerin im Kundenbuch des dortigen HO-Kinderkaufhauses war es Zacher wert, sie in seinem Bericht für Jarowinsky zu zitieren: "Seit vielen Wochen komme ich fast täglich, um eine Hose in der Größe 98/110 für meinen Sohn zu bekommen. Für ein Kaufhaus ist es ein völlig untragbarer Zustand, daß nicht eine Hose in dieser Größe zu bekommen ist. […] Ich erwarte eine Stellungnahme zu diesen unmöglichen Zuständen, denn meine Zeit ist auch kostbar und der Winter steht vor der Tür."[36]

Die Verärgerung der Kundin war verständlich, auch wenn sie den Grund für die Misere in der Verkaufseinrichtung selbst suchte ("Der Verantwortliche für Warenbeschaffung in diesem Kaufhaus wird seinen Aufgaben nur teilweise gerecht."[37]). Tatsächlich litt nicht nur das HO-Kinderkaufhaus in Dresden darunter, dass die Textilproduzenten der DDR ihre Liefer- und Vertragsverpflichtungen gegenüber dem Handel zugunsten des Exports regelmäßig verletzten.

Kleidungsabteilung in einem Kaufhaus.Berliner Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz,1975. (© Bundesarchiv, Bild 183-P1124-016, Foto: Sigrid Kutscher)
Im Januar 1988 beschrieb Jarowinsky dem SED-Generalsekretär Honecker diese Situation exemplarisch für den Bereich der Lieferungen an Kinderhosen im Jahr davor.[38]In einigen Monaten seien jeweils über 1,1 Millionen Kinderhosen geliefert worden, in anderen hingegen nur etwa die Hälfte, just auch vor Beginn der kalten Jahreszeit.[39] Honeckers Kommentar dazu – nach einem negativen Erlebnis seines eigenen Enkels, für den zeitweilig keine passende Knabenhose erworben werden konnte – war drastisch: "Ich bin nicht dafür, daß unsere Leute nackt laufen und dafür exportiert wird."[40] Tabelle 5 belegt, dass sich das Versorgungsniveau bei Textilien 1988 gegenüber 1987 insgesamt zwar verbesserte, doch just bei Oberbekleidung für Kinder verschlechterte sich die Lage weiter. Das blieb nicht ohne Folgen.

Das MfS schätzte bereits im Januar 1988 ein, dass "in der Hauptstadt und allen Bezirken der DDR Meinungsäußerungen breitester Kreise der Bevölkerung zu Fragen des Handels und der Versorgung an Umfang und Intensität ständig" zunähmen. Sie seien "vorherrschendes Thema zahlreicher Diskussionen in Arbeitskollektiven," würden "aber auch zunehmend in Versammlungen gesellschaftlicher Organisationen in Betrieben und Wohngebieten angesprochen. Diesbezügliche Meinungsäußerungen" seien "schärfer und in der Aussage kritischer geworden." Sie widerspiegelten "in wachsendem Maße Unmut und Unverständnis, insbesondere unter Hinweis auf immer offener zutage tretende Angebots- und Sortimentslücken bei Waren unterschiedlichster Erzeugnisgruppen, Qualitätsmängel bei Industriewaren und hochwertigen Konsumgütern, diskontinuierliche Warenlieferungen, auch bei Grundnahrungsmitteln, fehlende Ersatzteile und unvertretbar lange Wartezeiten in den Dienstleistungs- und Serviceeinrichtungen, besonders im Kfz-Reparaturbereich," und "die als ungerechtfertigt bezeichneten Preisrelationen im Delikat- und Exquisithandel."[41]

Sie scheuten sich nun nicht mehr, in Briefen an das MHV die schlechte Versorgungslage mit direkter Kritik an der SED-Politik zu verbinden. Eine Dresdnerin fragte 1989 in einer Eingabe: "kann das heutige Angebot [an Obst und Gemüse] im Sinne der Politik zum Wohle des Volkes sein?" Sie griff damit eine vielfach gebrauchte Propagandaformel der SED direkt auf und verband das mit der Klage, sie empfinde "es als äußerst unwürdig, wenn" sie ihren "Kindern chemische Präparate, wie Sumavit-forte oder Traverdin" (zwei Vitaminersatzmittel) verabreichen müsse, "um wenigstens etwas das Gefühl zu besitzen, daß meine Kinder auch Vitamine zu sich nehmen." Diese wüssten nicht mehr, "wie eine Aprikose aussieht". Noch Anfang der1970er Jahre sei es möglich gewesen, "Aprikosen und Pfirsiche stiegenweise zu kaufen." Es habe Ananasfrüchte, Mandarinen, Apfelsinen, Bananen, Feigen gegeben "und verschiedene Sorten Äpfel." Das Obstangebot 1989 beschränke sich indes im Wesentlichen auf den "Apfel ‚Gelber Köstlicher‘, der alles andere als köstlich ist und im Volksmund ‚Gelbes Elend‘" hieße.[42] Ein anderer Bürger fragte sich, "wofür ich gute Arbeit leiste, was ich als Soldat der NVA verteidige", weil er das Gefühl habe, "daß es Ihnen in Ihrem Ministerialsessel so gut geht, daß die Probleme der Bevölkerung ihnen ziemlich gleichgültig sind."[43]

Kritik an Versorgungsengpässen schlug in generelle Kritik am politischen System um



Die Versorgungsengpässe und die hohen Preise erreichten nun eine für das SED-Regime gefährliche politische Dimension. DDR-Bürger verwiesen in ihren Schreiben an das MHV auf die weitaus bessere Versorgungslage in der Bundesrepublik und zweifelten deshalb ganz generell die Attraktivität des Sozialismus an: "Bananen, gute Apfelsinen, Erdnüsse u. a. sind doch keine kapitalistischen Privilegien. Wenn so kleine Länder wie die Schweiz oder Österreich Südfrüchte in großer Auswahl anbieten können, müßte das doch in unserem Land, einem führenden Industrieland, möglich sein. Wir alten Menschen, wie unsere Kinder und Enkelkinder möchten Südfrüchte nicht nur als ‚milde Gaben‘ von Verwandten aus der BRD geschenkt bekommen, sondern in unseren Geschäften selbst kaufen können."[44]

Das MfS registrierte im August 1989 Ähnliches: Die Diskussionen in der Bevölkerung zu Versorgungsfragen würden "zunehmend von Personen beeinflusst, die nach erfolgten Reisen in die BRD/Westberlin in ihren Arbeitskollektiven ausführlich über das dort vorgefundene ‚überwältigende‘ Warenangebot, über die große Sauberkeit und Ordnung in den Geschäften und Orten, über pünktliches sowie bequemes Reisen mit der Bundesbahn berichten und dabei Vergleiche mit der Lage auf diesen Gebieten in der DDR anstellen." Die Berichterstatter vom MfS betonten, wenn "sich bei uns [in der DDR] nicht bald etwas [ändere]", seien "die Menschen nicht mehr für den Sozialismus [zu] begeistern." Da zudem die DDR-Medien "ständig ein rosa-rot gefärbtes Bild der Entwicklung der Volkswirtschaft" präsentierten, "das im krassen Widerspruch zum täglichen Erlebten stehe", bestehe "die Gefahr, dass bei Fortsetzung derartiger Veröffentlichungen die Partei, bezogen auf ihre Wirtschaftspolitik, erheblich an Vertrauen und Glaubwürdigkeit bei den Werktätigen einbüße." [45]

Das MfS berichtete zudem über eine abnehmende Bereitschaft in der Bevölkerung, durch zusätzliches Engagement (wie Sonderschichten in der Produktion) oder die Übernahme von Führungsaufgaben zur Behebung der Versorgungsschwierigkeiten beizutragen. "Anlassbezogen" käme "es in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zu spontanen Austrittserklärungen aus der SED und aus Massenorganisationen."[46] Unter den Gründen, die SED-Mitglieder für ihren Austritt angaben, rangierte der Vertrauensverlust gegenüber der Parteispitze – auch wegen der Versorgungslage – an vorderster Stelle.[47]

SED-Führung verkannte den Ernst der Lage



Man könnte meinen, die SED-Führung hätte aus der Dramatik solcher Berichte ihre Schlüsse ziehen und gegensteuern müssen. Indes waren nicht alle Mitglieder des Politbüros gleichmäßig über die reale Versorgungslage in der DDR und die Reaktionen der Bevölkerung darauf informiert. Sie wohnten in einer abgeschotteten Siedlung in Wandlitz nördlich von Berlin mit eigener Versorgung, erlebten den Alltag in den Betrieben der DDR nur bei sorgsam vorbereiteten Besuchen und erhielten zudem nicht unbedingt Kenntnis vom Inhalt der Berichte des MfS oder des MHV.[48] Von 1972 bis 1989 wurden Stimmungsberichte des MfS nicht an das gesamte Politbüro übermittelt.[49]

Selbst von dem seit Sommer 1989 anschwellenden Flüchtlingsstrom von DDR-Bürgern über diplomatische Vertretungen der Bundesrepublik in Warschau und Prag sowie Flüchtlingslager in Ungarn ließ sich die SED-Spitze nicht beirren. Am 29. August 1989 meinte Politbüromitglied Schabowski angesichts der drohenden Massenflucht über Ungarn, der "Gegner" (die Bundesrepublik) habe "doch ein großes Konzept, er" wolle "bei uns alles zerschlagen." Zwar solle die SED-Spitze "auch die Versorgungsfrage beachten", doch "den Verrat müssen wir auch als solchen brandmarken."[50]

Fünf Wochen später veröffentlichte das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" einen Kommentar zur nunmehr laufenden Fluchtwelle. Unter der Überschrift "Sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt" wurde den Flüchtlingen vorgehalten, sie hätten "durch ihr Verhalten die moralischen Werte" des Sozialismus "mit Füßen getreten." Deshalb solle man "ihnen keine Träne nachweinen."[51] Einige Tage später nahm das Politbüro in einer Erklärung diese harsche Bewertung der Fluchtbewegung nach heftigen Protesten in der DDR zwar zurück. Es ließe die SED-Führung "nicht gleichgültig, wenn sich Menschen, die hier arbeiteten und lebten, von unserer Deutschen Demokratischen Republik losgesagt haben". Man werde die "Ursachen für ihren Schritt" auch bei sich selbst suchen.[52] Für die Bevölkerung kam diese Erklärung jedoch "zu spät". Sie sei "lediglich unter dem Druck der Ereignisse in der DDR abgegeben worden", zitierte das MfS am 16. Oktober 1989 Aussagen aus der Bevölkerung und verwies erneut "auf nachdrückliche Forderungen bezüglich der unverzüglichen Verbesserung des Warenangebots und des Dienstleistungsniveaus." Bereits seit dem VIII. Parteitag der SED im Jahre 1971 (bei dem Erich Honeckers kurz zuvor im SED-Zentralkomitee erfolgte Wahl zum Parteichef bestätigt worden war) sei "über grundlegende Veränderungen zu diesen Problemen […] gesprochen […] und Aufgabenstellungen abgeleitet" worden, "die nicht gelöst wurden."[53]

Honeckers Rücktritt am 18. Oktober 1989 beruhigte die Bevölkerung nicht mehr. Als in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 die innerdeutschen Grenzen geöffnet wurden, konnten sich nunmehr alle DDR-Bürger einen eigenen Eindruck vom Warenangebot im Westen machen. Innerhalb weniger Wochen reisten Millionen von ihnen nach Berlin-West bzw. in das grenznahe Bundesgebiet. Die politische und wirtschaftliche Systemauseinandersetzung hatte ihr Land zu diesem Zeitpunkt indes längst verloren – nicht zuletzt wegen seines Scheiterns beim Erfüllen der Konsumwünsche seiner Einwohner.

Zitierweise: Matthias Judt, "Bananen, gute Apfelsinen, Erdnüsse u.a. sind doch keine kapitalistischen Privilegien", Alltäglicher Mangel am Ende der 1980er Jahre in der DDR, in: Deutschland Archiv Online, 12.07.2013, http://www.bpb.de/163470


* Überschrift zitiert nach: Ministerium für Handel und Versorgung (MHV), Auskunftsbericht zur gegenwärtigen Lage und Vorausschau auf dem Gebiet der Bereitstellung von Obst, Gemüse und Speisekartoffeln mit Stand vom 20. August 1989, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BA), Bestand SED, Zentralkomitee (DY 30), hier Büro Jarowinsky, Nr. 9021, Bl. 338-370, hier Bl. 365.

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Fußnoten

1.
Ina Merkel, Utopie und Bedürfnis. Die Geschichte der Konsumkultur in der DDR, Köln u.a. 1999, S. 415; Christina Schröder, Sozialismus und Versorgungsprobleme: Die Zunahme materieller Unzufriedenheit und das Ende der DDR, in: Hermann-Josef Rupieper, Hallische Beiträge zur Zeitgeschichte, Heft 10, Halle (Saale) 2001, S. 43-90, hier S. 68.
2.
Dietrich Staritz, Geschichte der DDR 1949-1990, Frankfurt/Main 1996, S. 281.
3.
Berechnet nach: Statistisches Jahrbuch der DDR (StJb DDR) 1975, Berlin (Ost) 1975, S. 1; StJb DDR 1990, Berlin 1990, S. 1 und 52.
4.
Siehe auch: Andre Steiner, Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, aktualisierte und neubearbeitete Ausgabe, Berlin 2007, S. 246.
5.
Berechnet unter Gegenüberstellung der Pro-Kopf-Werte nach: StJb DDR 1990, Berlin 1990, S. 1, 52 und 55.
6.
Ebd.
7.
Information der Abteilung Handel, Versorgung und Außenhandel des ZK an Jarowinsky vom 10. März 1989, in: SAPMO-BA, DY 30, hier Büro Jarowinsky, Nr. 9027, Bl. 20-23, hier Bl. 23.
8.
Berechnet nach den Angaben in 1.000 Paar, in: StJb DDR 1981, Berlin (Ost) 1981, S. 222.
9.
Ebd.
10.
Geschätzt nach: Ministerium für Handel und Versorgung (MHV), Auskunftsbericht zur gegenwärtigen Lage und Vorausschau auf dem Gebiet der Bereitstellung von Obst, Gemüse und Speisekartoffeln mit Stand vom 20. August 1989, in: SAPMO-BA, DY 30, hier Büro Jarowinsky, Nr. 9021, Bl. 370. In der Quelle werden 30,3 kg angegeben. Die Summierung der dort einzeln aufgeführten Werte ergibt jedoch 30,55 kg, wobei keine Angabe für Süßkirschen enthalten ist.
11.
Berechnet nach ebd.
12.
Zusammengestellt nach: Ebd., Bl. 344 und 370; MHV, Information und Maßnahmen zur Versorgung mit Frischobst, ohne Datum, ca. 1988, in: SAPMO-BA, DY 30, hier Büro Jarowinsky, Nr. 9021, Bl. 85-96, hier Bl. 85.
13.
Berechnet nach: MHV, Stand und Maßnahmen zur weiteren Verbesserung der Versorgung mit Frischgemüse, ohne Datum, 1. Halbjahr 1989, in: SAPMO-BA, DY 30, hier Büro Jarowinsky, Nr. 9021, Bl. 64-84, hier Bl. 79.
14.
Ebd., Bl. 70; MHV, Auskunftsbericht vom 20. August 1989 (Anm.10), Bl. 356-358.
15.
Zusammengestellt nach: MHV, Warenbereitstellung bei ausgewählten Erzeugnissen, ohne Datum, nach 1985, in: SAPMO-BA, DY 30, hier Büro Jarowinsky, Nr. 8996, Bl. 317 (für 1970); MHV, Stand und Maßnahmen (Anm. 13), Bl. 70 und 79 (für alle anderen Jahre).
16.
Berechnet nach den Angaben in 1.000 Stück, in: StJb DDR 1984, Berlin (Ost) 1984, S. 231; StJb DDR 1985, Berlin (Ost) 1985, S. 233; StJb DDR 1988, Berlin (Ost) 1988, S. 233 und StJb DDR 1989, Berlin (Ost) 1989, S. 233.
17.
Berechnet nach ebd.
18.
Zur Kreditkrise, ihrer Bewältigung und den Beitrag der DDR-Bevölkerung dazu siehe u.a.: Matthias Judt, Der Bereich Kommerzielle Koordinierung. Das DDR-Wirtschaftsimperium des Alexander Schalck-Golodkowski – Mythos und Realität, Berlin 2013, S. 131-174, besonders S. 166-171.
19.
StJb DDR 1984, Berlin (Ost) 1984, S. 231; StJb DDR 1985, Berlin (Ost) 1985, S. 233; StJb DDR 1988, Berlin (Ost) 1988, S. 233 und StJb DDR 1989, Berlin (Ost) 1989, S. 233.
20.
StJb DDR 1990, Berlin 1990, S. 308.
21.
Analyse zur Entwicklung des EVP-Preisniveaus, der produktgebundenen Abgabe und der wirkenden Faktoren im Exquisithandel vom 18. November 1987, versandt vom Stellvertreter des Ministers für Handel und Versorgung, Merkle, an Jarowinsky, in: SAPMO-BA, DY 30, hier Büro Jarowinsky, Nr. 9026, Bl. 173-177, hier Bl. 173.
22.
Alle Angaben nach: Rodowitsch (Generaldirektor des VHB Exquisit) an Jarowinsky vom 1. August 1989, Analyse der Entwicklung des Exquisithandels für den Zeitraum 1977-1988, in: SAPMO-BA, DY 30, hier Büro Jarowinsky, Nr. 8998, Bl. 187-191, hier Bl. 187.
23.
Zusammengestellt und berechnet nach ebd.
24.
MHV, Auskunftsbericht vom 20. August 1989 (Anm. 10), Bl. 370; MHV, Information und Maßnahmen, (Anm. 12), Bl. 85.
25.
Zusammengestellt nach ebd.
26.
Zusammengestellt und berechnet nach: MHV, Auskunftsbericht vom 20. August 1989 (Anm.10), Bl. 344 und 362.
27.
Ebd., Bl. 370; MHV, Information und Maßnahmen, (Anm. 12), Bl. 85.
28.
Berechnet nach ebd.
29.
MHV, Auskunftsbericht vom 20. August 1989 (Anm. 10), Bl. 359.
30.
Ebd., Bl. 359.
31.
Ebd., Bl. 343.
32.
Zusammengestellt nach: MHV, Stand und Maßnahmen (Anm. 13), Bl. 70 und 79.
33.
Generaldirektion des volkseigenen Einzelhandels (HO), Information über Stimmungen und Meinungen der Bevölkerung zur Angebotssituation bei Kinderbekleidung, Jugendmode, Haushaltswaren sowie Ersatzteile und Zubehör in den Sortimenten Elektroakustik einschließlich Elektromaterial vom 3. November 1987, übermittelt von Generaldirektor Zacher an ZK-Sekretär Werner Jarowinsky, in: SAPMO-BA, DY 30, hier Büro Jarowinsky, Nr. 9028, Bl. 316-327, hier Bl. 318 und 321.
34.
Ebd., Bl. 319.
35.
Ebd., Bl. 317; Vgl. auch Rebecca Menzel, Jeans in der DDR. Vom tieferen Sinn einer Freizeithose, Berlin 2004, S. 174.
36.
HO, Information über Stimmungen und Meinungen (Anm. 33), Bl. 318. Hervorhebung im Original.
37.
Ebd.
38.
Information von Jarowinsky an Honecker vom 19. Januar 1988, Zur Versorgung mit Kinderhosen, in: SAPMO-BA, DY 30, hier Büro Jarowinsky, Nr. 9028, Bl. 341.
39.
Ebd.
40.
Heinz Klopfer, Persönliche Niederschrift über die Beratung im Politbüro, 19. Januar 1988, in: SAPMO-BA, DY 30/3755. Quellenangabe und Zitat nach: Steiner, Von Plan zu Plan (Anm. 4), S. 247.
41.
Hinweise über einige beachtenswerte Aspekte der Reaktion der Bevölkerung zu Problemen des Handels und der Versorgung, Bericht O/1996a – Langfassung vom 12. Januar 1988, in: Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU, MfS), Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe ( ZAIG), Nr. 4165, Bl. 74-79, zitiert nach:www.ddr-im-blick.de, aufgerufen am 14. Februar 2013.
42.
MHV, Auskunftsbericht vom 20. August 1989 (Anm. 10), Bl. 365.
43.
Ebd., Bl. 366f.
44.
Ebd., Bl. 365.
45.
Zitiert nach: ZAIG, Hinweise über einige beachtenswerte Aspekte (Anm. 41).
46.
Ebd.
47.
Hinweise auf beachtenswerte Reaktionen von Mitgliedern und Funktionären der SED zu einigen aktuellen Aspekten der Lage in der DDR und zum innerparteilichen Leben vom 11. September 1989, in: BStU, MfS, ZAIG, 0/223, abgedruckt in: Armin Mitter und Stefan Wolle, Ich liebe euch doch alle! Befehle und Lageberichte des MfS Januar - November 1989, Berlin 1990, S. 148-150, hier S. 149.
48.
Matthias Judt, Der Bereich Kommerzielle Koordinierung (Anm. 18), S. 11 und 255.
49.
Der letzte, 1972 versandte Stimmungsbericht befasste sich mit Reaktionen der DDR-Bürger auf das Ergebnis der Bundestagswahl vom 19. November 1972, die von großer Sympathie für den damals im Amt bestätigten Bundeskanzler Willy Brandt geprägt war. Erst im September 1989 nutzten die anderen Politbüromitglieder die krankheitsbedingte Abwesenheit von Erich Honecker dafür, vom MfS Berichte zur Stimmungslage in der Bevölkerung einzuholen. Der Verfasser dankt Jens Gieseke (Potsdam) für diese Information.
50.
Protokoll der Sitzung des Politbüros vom 29. August 1989, in: SAPMO-BA, Bestand Büro Krenz (DY 30/IV 2/2029), Nr. 76, o. Bl., zitiert nach: Matthias Judt, Deutschland- und Außenpolitik, in: Ders. 1997, S. 493-558, hier S. 529.
51.
Neues Deutschland, 2. Oktober 1989.
52.
Erklärung des Politbüros des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Neues Deutschland, 12. Oktober 1989.
53.
Weitere Hinweise auf Reaktionen der Bevölkerung zur Erklärung des Politbüros des ZK der SED (Ergänzung der Information vom 13 Oktober 1989) vom 16. Oktober 1989, in BStU, MfS, ZAIG, 0/228, abgedruckt in: Mitter und Wolle, Ich liebe euch doch alle! (Anm. 47), S. 225f.
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Autor: Matthias Judt für bpb.de
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